Ausgabe 
8.9.1939
 
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Also ein Monn dos Volkes ttnti. wie ich ann.hme, von schlichtem unverbildeten Verstand?"

9(lington schmieg. Es war ihm nicht klar, was Vivian wollte. Sie sagtenBitten Sie diesen Blancbois, ins Haus zu kommenl"

Da Vivian von jeher verrückte Wünsche hatte, gehorchte Gilbert. Blancbois wurde eingeladen, an einer Sitzung teilzunehmen, bei der Vivian den Vorsitz führte.

Gilbert sand die Zusammenkunft lächerlich, aber er begriff, daß sich Vivian an der strategischen Atmosphäre ihres Landkartenzimmers be­rauschte. Denn in ihrem Steckenpserdestall sand der Rat der vier: Vivian, Gilbert, Craputleaux, Blancbois statt.

Sie wiederholte, was alle über Ann wußten und ließ dann ab­stimmen.

Blancbois neigte zwar von Natur zum Widerspruch, und ost war ihm der Widerspruch lieber als die bessere Einsicht, aber hier war er besangen und überdies der gleichen Meinung.

Es ergab sich, daß Crapullcaux, Blancbois und Vivian der Ansicht waren, Ann sei nicht mehr in Paris.

Vivian meinte, daß Gilbert Paris verlassen müsse, um Arm außer­halb Paris zu suchen. Es war eine Ausgabe, gewaltsam wie Vivians Phantasie.

Gilbert liebte die Bequemlichkeit und haßte das Außergewöhnliche. Er gab ohne Frage einen idealen Gatten ab, freilich nur für eine Frau, welche die Vorzüge eines überrafchungslofen Charakters zu schätzen oder auszunutzen wußte. Beides traf für Ann nicht zu.

Sowohl Blancbois wie Crapulleaux beteuerten, daß man zwar jüngst noch nach Rouen gefahren fei und sogar gestern noch nach Calais, daß es aber nun keinen Eisenbahnverkehr mehr gebe..

Der Hausmeister meinte, man könne mit Schleichwegen rechnen, denn so dicht seien die Linien der Deutschen noch nicht.

Und wenn wir aus die deutschen Posten träfen?" fragte Gilbert.

Wer wir?" erwiderte der Huster verwundert.

Vivian bemerkte anzüglich, daß Lord Jllington offenbar damit rechne, von Crapelleaux einen der ihm bekannten heimlichen Wege geführt zu werden.

Der Hausmeister grinste:Von mir? Gewiß nicht!"

Und warum nicht?" fragte Vivian.

Weil ich das Leben liebe, Madame", sagte der Huster einfach.

.Herr Crapulleaux meint", versetzte Blancbois, um auch etwas zu sagen,daß man auj so heimlichen Wegen leicht von den Deutschen für Spione gehalten und erschossen werden kann!"

So ungefähr", sagte der Concierge und hustete.

Meine Herren, ich danke Ihnen!" erhob sich Bivian plötzlich und ließ durchblicken, daß sie mit Lord Jllington allein sein möchte.

Gilbert wechselte das Zimmer, der Landkartenraum bedrückte ihn: er sand Vivians Leidenschaft unpassend. Nun sah er wieder auf dem Polsterstuhl, aus dem er Die Nacht verbracht hatte, aber seine Seele war freier.

Vivian fragte ihn:Wollen Sie Ann suchen oder nicht?"

Und wenn ich wollte, wie käme ich heraus?"

Vivians Gedanken Machten einen Sprung:Sie lieben Ann nicht mehr!"

Ja, wenn ich das wüßte! Können Sie es nii-r aufrichtig sagen, Miß Moreland?"

Natürlich lieben Sie Ann noch!" sagte Vivian.

Er lachte:Das sagen Sie, weil Sie es für zweckmäßig halten! Nein, Sie sind nicht aufrichtig!"

Sie müssen Ann suchen!" beharrte Vivian.

In England und in Frankreich, eine Stecknadel in einem Sand­berg! Wie Sie sich das vorstellen!" spottete er.

Sie müssen schleunigst weg aus Paris! Bedenken Sie, ein junges Mädchen steht vielleicht der ganzen deutschen Armee gegenüber.

Er lachte.

Lachen Sie nicht! Verlassen Sie Paris! Suchen Sie Ann!"

Ihr bockiger Ton verletzte ihn. Er wurde grob und verlor die Ge­duld:Wie Denn? Sie hören doch, es ist nicht möglich! Ich bin kein Vogel und kann nicht fliegen!" Dann ging er, die Tür knallte wie ein Flintenschuß.

Es gibt Leute, die sich eher einen Diebstahl als schlechte Manieren verzeihen. Schon als Gilbert nach seinem Hotel unterwegs war, schämte er sich.

Er wollte sich am nächsten Tage entschuldigen. Aber der Wunsch, Vivian zu schneiden, war stärker. Wie gern hatte er Paris verlassen, aber auf ordentlichem Wege und nicht als Opferlamm weiblicher Launen.

Lieb ich Ann noch? dachte er. So weit feine nicht allzu phantasievolle Natur träumen konnte, war Ann sein Traum gewesen. Das heißt: Er hatte sie in Gedanken mit den Eigenschaften ausgestattet, die er gern gesehen hätte. Es waren all die Charakterzüge, die zu den seinen paßten. Aber die Wirklichkeit war ein hinkender Krüppel gegen eine Halbgöttin.

Träume halten mit der Wirklichkeit nicht Schritt. Sie lausen zu schnell, denn sie wollen das Paradies stürmen. Ann spottete, ohne es zu wissen, des Wunschbildes, das sich Gilbert von ihr gemacht hatte.

Er hatte Angst um Ann. Ja, aber es war wohl keine Liebe mehr, sondern vielleicht nur noch eine fast brüderliche Sorge.

Ann! Wo ist Ann?

Wo sind Sie, Ann?" sagte er laut gegen die Wände seines Hotel­zimmers. Wände sind sprichwörtlich bekannt dafür, daß sie schweigen. Man kann höchstens an ihnen horchen. Aber geantwortet auf eine ver­zweifelte Frage hat noch keine richtige Wand.

Es ist ganz cinfad): als Gilbert von der Menge weitergefchoben wird, widersteht Ann dem Druck der Massen, stemmt sich ein, spürt Lücken und drängt zum Ausgang. Galante Männer machen ihr Platz, und nach und nach gewinnt sie Raum. Bald ist sie dem Auge Jllingtons entrückt.

Ihr Gepäck ist bei Gilbert, sie hat nur eine kleine Reisetasche in der Hand.

Ein paar hundert Schritte hinter dem Bahnhof lockert sich das Ge- dränge. Ann geht die Rue St. Lazare entlang, aber sie hat kein Ziel. Ihre Schritte sind rasch, sie fürchtet, daß Gilbert ihr Verschwinden ent deckt hat und ihr auf den Fersen folgt.

Gilbert wird nicht reifen, überlegt Ann, er wird zu Tante Vivian zurückkehren. Darum will aber auch Ann nicht zu Vivian.

Sie hat auf einmal den alten Kinderwunfch im Herzen: lieber Golt, gib mir nur ein Zeichen, sag mir auf irgendeine Art, was ich jetzt tun soll, Ein Zeichen, lieber Gott, es ist gleich, was für eins, ich zähle bis hundert!

Erst zählt sie sehr schnell. Dann aber, da das (Eingreifen des lieben Gottes sich verzögert, zählt sie immer langsamer, bei jedem zehnten Schrit! eine Zahl.

Ann beschließt eine neue Herausforderung des Himmels. Sie wird bis dreihundert zählen.

Es scheint aber, daß der liebe Gott aus die törichten Bitten einer jungen Dame, die sich ohnedies nur gelegentlich (einer erinnert, nidjt antworten will.

Aber bei zweihunderteinundachtzig steht Ann auf dem Platz LafayelU vor einer vielhundertköpfigen Hammelherde. Ein Wunder und ein Zei- djen! Der Platz Safarjette ist noch nie eine Viehweide gewesen.

Die Schafe hat der liebe Gott geschickt, um Ann Moreland ein Zeichen zu geben. Der Hammel ist ja auch ein altes Orakeltier.

Wenn die Schafe links an mir Vorbeigehen, denkt Ann, ist es ein Zeichen, daß ich zu Vivian zurück muh, gehen sie rechts vorbei, bann muß dorthin, wo die Schafe Herkommen.

Die Tiere kommen natürlich nur mittelbar vom Himmel, eigentlich aber vom Gare du Nord aus einem Güterzuge.

Ueberall auf den Weiden rund um Paris werden die Tiere lammengetrieben und nach Paris gebracht. Im Bois d« Boulognc flanieren jetzt feine Dandys und keine schönen Frauen, das Wäldchen von Boulogne ist eine Weide geworden, ein riesiger Viehhof des be- lagerten Paris.

Die himmlischen Schafe blöken langsam des Weges. Sie gehen weder links nach rechts an Ann vorbei, sondern links und rechts.

Ann ist enttäuscht. Dann schlendert sie, auf das Orakel pfeifend, hin­über nach dem Nordbahnhof.

Sie sieht auf einem Gleise Wagen mit leichten Kanonen, di« Kanonen haben die Rohre gehoben, sie stehen wie in die Ferne ge­richtet, verträumt und unkriegerisch.

Die Waggons mit den Kanonen sind an eine Reihe Personenwagen gekettet.

Die Personenwagen gähnen, so leer sind sie. Ann zählt wiederum aber diesmal die Fahrgäste. Sie zählt zwanzig, aber sie irrt sich um einen Passagier, es sind nur neunzehn.

Sie schiebt sich verspielt den leeren Bahnsteig entlang. Dann stehl sie in der Nähe der Lokomotive. Sie heißtPersöverance". Die Buch­staben lachen in blanken Messingbuchstaben auf dem runden Leibe der Maschine. Fürwahr ein absonderlicher Name für eine Lokomotive. Wahr­scheinlich krönt sie, einmal in Gang gesetzt, ihren Weg mitPcrfe Derance", das ist mit Ausdauer und Beharrlichkeit.

Der Lokomotivführer beugt sich aus seinem Stand. Die Mütze sitz' keck auf dem linken Ohr, die Zigarette hängt schief im Mundwinkel Eisenbahner plaudern zu ihm hinaus. Wahrscheinlich geben sie ihm Rat­schläge.

Sie drehen Ann den Rücken, aber Ann ist scheu und will niemanden fragen, wohin die Lokomotive ihre Nafe trägt, obwohl sie es brennend gern gewußt hätte.

Da steht nun der Zug wie ein asthmatischer Spaziergänger, der sich verschnauft, bevor er weitergeht. Es ist ein vertrauenerweckender Z»x

Der Lokomotivführer ruft zu seinen Kameraden, die ihm lauter Neuig­keiten vorsetzen, zu:Glaubt ihr, ich habe Angst? Wenn ich die Pren- hen sehe, überfahre ick) sie einsach!"

Die andern lachen im Chor, der Lokomotiosührer läßt aus laufet Vergnügen die Dampfpfeife ertönen.

Änn erschrickt, sie glaubt, der schrille Pstss ist das Zeichen zur Ab- sahrt.

Sie steht einen Augenblick still, bann reiht sie die Tür eines Wag­gons auf und stolpert in das Abteil.

Es ist einer jener blitzartigen Entschlüsse, die weder den Verstand zum Vater noch die Voraussicht zur Mutter haben, und von denen man später behauptet, sie seien eine höhere Eingebung oder ein Streich des Tcusels gewesen, je nachdem sich die Dinge zum Nutzen oder Schaden des Wagemutigen entwickelt haben.

Anns kleine Reisetasche fällt auf den Boden. Eine Hand hebt sie au und legt sie wieder auf die Bank. Da sieht Ann, daß sie nicht allein im Danke!" sagt sie.

ßabatut! Maurice ßabatut!" stellt sich der Herr vor.

Zunächst fallen zwei Augen auf, die klein in Lidwülsten liegen: es sind eigentlich Aeuglein.

Die Wangen sind von gesunder Farbe, hier und da von blauen Acderchen bedeckt, ein Zeichen, daß Herr ßabatut leiblichen Genüssen nicht abhold ist und die Spuren der Seilerei verachtet.

Der Bart ist ein Knebelbart in der Mode der Zeit, leuchtend, schwarz und ohne graue Cinlchüsse, die man, da Herr ßabatut auf die Fünfzig marfchiert, vermuten könnte.

Ein mäßiges Bäuchlein stört den Eindruck einer durchaus Hanne, nischen Persönlichkeit nidjt, im Gegenteil, es rundet das Bild tatsächl'H und symbolisch ab.

Herr ßabatut kleidet sich eigenwillig. Man vermag jedoch nicht ZU er­kennen, ob es an ihm ober an seinem Schneider liegt

Er trägt einen Rock von ausgewähltem aber aus der Mode ge­kommenem Tuche.. Auf der buntgestickten Weste, die dem Geschmack dcr Zeit zweifellos absichtlich widerspricht, legt eine schwere Uhrkette Zeug'»? für die Wohlhabenheit ihres Besitzers ab.

(Fortsetzung folgt.)