Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Zahrgang (939 Freitag, den 8. September Nummer 69

Herz, wo liegst du im Quartier?

Ein heiterer Roman von Kurt Heynicke

Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart

der Pförtner, höhnische Be-

ch Fortsetzung.

Vioian glaubte, er sei nur Concierge, um wer weiß welches un­gewöhnliche Gewerbe mit dem harmlosen eines Pförtners zu decken, sie wollte gern wissen, was er in den Stunden trieb, in denen er m Hause niemals aufzufinden war. Aber sie jagte vergeblich dem Geheimnis nach. Er behauptete stets, er sei im Keller gewesen und »abe nichts gehört. . ,, .

Aber er wußte viel und beschaffte alles. Für eine Ausländerin eie Pivian blieb er ein Juwel. Sie faßte es nie in Gold, oft aber

zrundung.

,Lch bleibe", sagte Bivian bescheiden.

Madame sind Pariserin!" Er verneigte sich.

Die Antwort tat Bivian wohl, obgleich sie sich nicht als Pariserin, vndern alsEngländerin in Paris" fühlte. Und das war etwas ganz inberes.

Es ist nicht wahrscheinlich, daß ein lebender Mensch auf dein Bahn- >os unter so viel anderen Menschen gegen seinen Willen verschwmoet. legte Tropulleaux nach einer Weil«. .

Vielleicht ist sie wirklich allein gefahren! Em dicker Kops wie Ann «tzt alles durch! Crapulleaux, können Sie machen, daß ein Telegramm England erreicht?" fragte Vioian.

,Zch versuche mein Bestes", erwiderte der Huster.

Sie sollen es nicht umsonst getan haben , sagte sie und schrieb i

Moreland auf Morebond Castle, Essex, England. Ann verschwunden. Dffenbar Gilbert ausgerissen. Wahrscheinlich Richtung Le Havre oder llalais. Wenn nicht dort bald eintreffend, dann vielleicht Preußen in vir Öände gefallen. Was tun? Vioian.' ' . ,

«je gab Crapulleaux das Blatt.Es ist für alle Falle Nicht zuviel lefagt, nicht wahr?" ,

Es ist fo klar wie immer die Entschlüsse von Madame.

Dann legte Crapulleaux ein Frankstück auf den Tisch.Madame hatten nn Geldstück verloren, hier ist es." . .. ,

Er schob es mit dem Nagel des kleinen Fingers weit m d,e Mitte >es Tisches. Vioian sah auf die Münze wie auf den Gegenstand einer 2unde, an die man nicht gern erinnert werden will.

Ich möchte Madame vor Schaden bewahren. Das Geldstück ist falsch. Oie Menschen sind böse, Madame." . T ,

Dann schritt der Huster davon, das Blatt mit dem Text des e - rrainms in den spitzen Fingern. Um den Mund zitterte ein üches Grinsen. Es ließ sich nicht einmal weghusten, so wohl fühlte es tc*) auf seinen Lippen. #

. Gilbert war auf der englischen Botschaft gewesen und erschien mit m-er Empfehlung des in Parts verbliebenen Botschaftssekretärs auf der ^JllingMn'glaubte daher, daß ihm nicht nur die P°liZei s°ndern auch ">e himmlifchen Heerscharen zur Verfügung stehen mußten Er wurde »der nur zu Herrn Delubac geschickt, weil dieser die AbteilungAus­länder" bearbeitete .. o ,

... Delubac hatte, um Platz auf seinem Sessel zu findendie Lehn« weg- «gen lasfen, fo dick war er. Während Gilberts Vortrag fchnaufte er ohne bewegen, wie ein Walroß. Dann bedauerte Delubac: Ick bin mcht uftandig! Ich werde Sie zu Herrn Rameau, .vermißte Personen, fch'ckem

Herr Rameau versuchte den Eindruck eines Beichtvaters zu machen.

'n Silber.

Crapulleaux, kann man noch telegraphieren?

Telegramme werden von den Zensurbehörden gelesen! erwiderte Crapulleaux und hustet«.

' Jeannette hat Ihnen alles über meine Nichte erzählt?

Ich würde mir keine Sorgen machen, Madame", sagte der Huster.

.Miß Moreland hat Paris bestimmt verlassen!"

Woraus schließen Sie das?"

Wer bleibt in Paris und hat es nicht nötig? sagte

Das war, fand Vioian, eine verdammt billige, fast

der doppelt soviel Trostworte hat, wie der Beichtende Sorgen oder Sünden.

Erzählen Sie", ries ererzählen erleichtert." Nachdem Gilbert zum zweiten Male beschrieben hatte, wie Ann Moreland hinter seinem Rücken verschwunden war, bat Rameau um die Wiederholung der Erzählung: Für das Protoköllchen!"

Erzählen erleichterte wahrhaftig, indem es ermüdet«. Gilberts Liebe zu Ann wurde durch die Mühle der Mühsal gezogen. Oh, Ann, oh, Sir Anthony! Und Gilbert erzählte zum dritten Male.

Kommissar Rameau war eitel auf feine Hände. Lange Finger wider­sprachen aber feinem Amt, denn mit Langfinger bezeichnet man gemein­hin das Gegenteil eines Polizeikommiffars der Pariser Präfektur. Er nannte feine Finger gotisch und schmückte sie mit Ringen. Als Gilbert erzählte, spielte er mit seiner Uhrkette.

Wie sah dieser Rameau au§, fragte später Bivian. Und Gilbert mußte antworten: Weiß Gott, mir sind nur seine Hände ausgefallen.

Nachdem Gilbert das Protokoll unterschrieben hatte, erhob sich Ra­meau und sagte:Mylord, bedenken Sie aber, es ist Krieg! Wer weiß, wie viele Fremde Paris verlaßen hoben! Wer weiß wann, wie und wohin? Aufgescheuchte Vögel, Mylord, die die Flinte des Jägers fürchten, eh« sie geknallt hat! Haha! Die deutsche Flinte wird überhaupt nicht knallen!"

Durch die Fenster zitterte ein fernes Donnern.

Ein Gewitter!" scheuchte Herr Rameau Jllingtons spötttschen Blick zurück. Es war aber zu kühl für ein richtiges Gewitter. Es waren deutsch« Kanonen. Sie schossen bei jedem Wetter.

Gilbert fragte, erhitzt von Ungeduld, was der Herr Kommissar in der Sache zu tun gedenke?

Rameau haßte Fragen, die in den Fluß seiner Gedanken wie Geröll polterten. Dann verlor er, wie in diesem Augenblick, den Faden. Er hatte noch viel mehr sogen wollen. Aber die kohlen Wände, die fliegenoer- harschte Decke und der hochnäsige Engländer blickten ihn an und ver­wirrten ihn.

Doch wie ein Mann, der auf einer Leiter ausgerulischt ist und die rechte Sprosse von neuem erwischt hat, fing er sich wieder.

Er sagte:Ein Bahnhof ist keine Bühne, auf der Feen ober Böse­wichter wie im Zaubermärchen in einer Berfenkung verschwinden. My­lord, die Dame ist nicht mehr in Paris! Wahrscheinlich ift sie vor Ihren Augen in den Zug nach Rouen gestiegen! Vor Ihren Augen sage ich doch behaupte ich nicht, daß Sie Miß Moreland einsteigen sahen! So war es!"

Rameau richtete seinen langen Zeigefinger auf Gilberts Herz und schloß:Gestehen Sie, gestehen Sie!"

Geständnisse zu erzwingen, war die Leidenschaft des Herrn Rameau. Bei den harmlosesten Vernehmungen geriet er in solchen Taumel. Jlling- ton zog sich einige Schritte zurück. Der Zeigefinger des Herrn Rameau sank, seines Zieles beraubt, herab.

Was soll ich denn gestehen?" ärgerte sich Gilbert.Wenn ich genau wüßte, was Sie zu wissen glauben, wäre ich ja nicht hier und ließe mich durch Sie enttäuschen!"

Ach gehen Sie", sagte Rameau,so spurlos verschwindet kein Mensch!" Dann grollte er:Hatte Miß Moreland Selbmordgedanken?"

Die Frage war berechtigt: auf den Charakter der Verschollenen paßte sie wie ein Schneefall in den Iulimond.

Nein", lächelte Gilbert verzweifelt,das ist ganz unmöglich!" Weshalb?" fragte Rameau bockig.

Es paßt nicht zu ihr, wissen Sie", erwiderte Gilbert,und ich glaube Miß Moreland sehr genau zu kennen!"

Ach, welcher Mensch kennt den andern", sagte Rameau mit der Geste eines Philosophen.

Gilbert verließ die Präfektur erschöpft, ohne Hoffnung und zum Umfallen müde. Er sah, daß sich seinen Nachforschungen zwar überall Wege öffneten, daß aber jeder tückisch zu eben dem Punkt zurückführte, auf dem er stand

Wenige Minuten nachdem er fein Hotelzimmer betreten hatte, sank er in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Aber beim Erwachen überfiel ihn die fönst feinem Wesen fremde Unruhe von neuem. Er bestellte Blanc- bois und ließ sich ziellos durch Paris fahren. Obwohl er Scheu vor Bivians spitzen Worten hatte, trieb es ihn doch am späten Nachmittag ?U Sie ging im Park spazieren und dachte nach. Crapulleaux hatte ihr gesagt, daß die Depesche an Sir Moreland England bestimmt erreicht ^^aben Sie etwas von Ann gehört?" fragte Gilbert.

Wer ist der Mann?" sagte Bivian und deutete mit den Augen auf Gilberts Kutscher.

Der Fuhrwerksbesitzer Blancbois, Kapitän der Nationalgarde!