Das Schloß am Meer.
Bon Ludwig Uhland.
Hast du das Schloß gesehen, Das hohe Schloß am Meer?
Golden und rosig wehen Die Wolken drüber her.
Es möchte sich niederneigen
In die spiegelklare Flut Es möchte streben und steigen In der Abendwolken Glut.
„Wohl hab' ich es gesehen, Das hohe Schloß am Meer Und den Mond darüber stehen Und Nebel weit umher."
Der Wind und des Meeres Wallen, Gaben sie frischen Klang, Vernahmst du aus hohen Hallen Saiten und Festgesang?
„Die Winde, die Wogen alle
Lagen in tiefer Ruh';
Einem Klagelied aus der Halle Hört' ich mit Tränen zu."
Sähest du oben gehen Den König und sein Gemahl, Der roten Mäntel Wehen, Der goldnen Kronen Strahl?
Führten sie nicht mit Wonne Ein« schöne Jungfrau dar, Herrlich wie eine Sonne, Strahlend im goldnen Haar?
„Wohl fah ich die Eltern beide, Ohne der Kronen Licht, Im schwarzen Trauerkleide; Die Jungfrau fah ich nicht."
Friedrich List, ein Vorkämpfer deutscher Nationalwirtschaft. Zu seinem 150. Geburtslage.
Von Dr. Ottokar Lorenz.
„Ich muß Ihnen noch einiges von mir jagen. Mein Inneres treibt t), für Wahrheit und Recht zu kämpfen. Ich liebe mein Vaterland — leicht mehr als mein eigenes Glück. Die Dummheit, die Bosheit, der jlendrian haben mir kleine Absichten da angedichtet, wo ich mich im Nichtsein guter Handlung glücklich fühlte. Ich sehne mich hinaus aus : AUtagsmenfchen, ich sehne mich, einem Wesen anzugehoren, das nmel und Erde mit mir teilt." ... . . . _
Mit dielen Worten warb der achtundzwanzigiahrlge Friedrich List i feine Frau. Ein ganzes Leben und ein bitterer Tod bezeugen die chrheit dieses Selbstbekenntnisses. Kämpferischer Mut und Liebe zum »sichen Vaterland — im Jahre 1813 hatte man diese Eigenschaften i, geschätzt. Aber jetzt, als Napoleon gestürzt war, als die Throne der igen und kleinen deutschen Potentaten wieder gesichert waren, da wurden irischen dieses Schlages verdächtig, da galten sie als Träumer und unreife )intaften oder — als staatsgefährliche Demagogen. Es mar üas^eit- ir Metternichs. So ging Friedrich Lift einem schweren Schicksal ent- gen, das noch verdüstert wurde durch jene dauernde Verkennung seiner richten, die ihn ersichtlich schon in jungen Jahren schwer gekrankt har « hätte ihm aber auch seine Zeit gerecht werden können, ihm, der t eine große deutsche Nationalwirtschaft kämpfte, als dl« Deutschen *6 nicht einmal einen nationalen Staat besaßen! ,,
Es ist billig zu sagen, daß List an dieser Aufgabe scheitern muhte !ist dennoch kein Träumer und Phantast gewefen, solchem am Beginn «es leidenschaftlichen Kampfes steht ein großer politischer Gedanke: d e nals schier unmögliche Vereinigung aller Deutschen zu- itjft wenigstens auf dem Gebiet zu verwirklichen, wo ^r genngs liierftanb zu erwarten war. Und in der Tat ist aus der Vorgeschichte r deutschen Reichsgründung der deutsche Zollverein von 183. ti wegzudenken, dessen stärkster geistiger Vorkämpfer eben Friedrich Drei^Generationen deutscher Menschen haben im vorigen Jahrhundert r die Freiheit und Einheit ihres Volkes gekämpft, die Manner der ereiungstriege, die Männer der Revolution von 1848 und die Manner r Vismarckschen Reichsgründung. Jede dieser Generationen durch! n! durchlitt lange, schwere Jahre der Bitterkeit, der Demütigung und ■s Abwartens. Jede erlebte aber auch einmal die Zeit des rauschenden Mes und den Schwung der Begeisterung. Es war die Tragik Friedrich 'fs, daß er zwischen den Generationen lebte. Seme Wirksamkeit^beginnt “1 den Befreiungskriegen und sie endet vor der Revolutionvon • »» Leben war nur Qual und verzehrendes Ringen. Er ist fürwahr m „Deutscher ohne Deutschland" gewesen, wie Walter °n Molo in seinem Buche ihn nannte. Sein Leben war ohne sieg ilf es endete im Selbstmord. (
Zunächst gelang es der Kraft und der unerhörten Befahigung Fr ed- !?, ßifts ’rafd), aus bescheidenen Anfängen sich $u emer bedeutenden ■tWung emporzuarbeiten. Er war als Sohn eines ®ei6gcrb I 'Reutlingen geboren, der achte unter zehn Geschwistern. M
er im Geschäft seines Vaters begonnen, dort hielt es ihn abernur e Jahre, dann wandte er sich der Beamtenlaufbahn zu. ,®r »den verschiedensten kommunalen und staatlichen Behörden in Württem
berg und bildete sich selbst dauernd weiter. Bald machte er sich auch durch publizistische Tätigkeit einen Namen. Die Regierung, um eine bessere Ausbildung ihrer Beamten und um die Bekämpfung des Schreiber- unwefens bemüht, zog ihn mehrfach zu Sonderaufträgen heran. Bereits 1817 wurde List an die neubegründete staatswirtschaftliche Fakultät der Universität Tübingen als Professor für Staatsverwaltungpraxis berufen, da er besonders geeignet schien, bei den zukünftigen ©taatsirienem „die Vorurteile und den Schlendrian in den Geschäften auszuscheuchen". Die Begründung der Fakultät selbst ging auf eine Anregung Lists zurück, der freilich anstelle dieser fünften Fakultät unter Eingliederung der Rechts» Wissenschaft eine umfassende „politische Fakultät" hatte ins Leben rufen wollen.
Die große und gesicherte Stellung, die sich L i st schon in jungen Jahren in seiner Heimat errungen hatte, gab er bald wieder auf, um sich für die Verwirklichung größerer nationaler Ziele einfetzen zu können. Es war im Frühjahr 1819, sechs Jahre nach dem großen Ausbrnch der Nation, wenige Monate vor den reaktionären „Karlsbader Beschlüssen". List war nach Frankfurt am Main gefahren, hatte sich mit vielen deutschen Kaufleuten, die dort zur Messe waren, besprochen und den „Allgemeinen deutschen Handels- und Gewerbeverein" begründet. Er selbst wurde Konsulent des Vereins, der für die Herstellung der deutschen Wirtschaftseinheit wirken sollte, und mußte auf feine Professur verzichten, um diese für einen würitembergischen Staatsbeamten verbotene „öfsenlliche Tätigkeit im Ausland" (Frankfurt!) ausüben zu können. Er wandte sich sofort mit einer Bittschrift um Aufhebung der Binnenzölle an die im Frankfurter Bundestag versammelten deutschen Regierungen. Der Gedanke des deutschen Zollvereins war durch diese Bittschrift bei den Regierungen und in der Oeffentlichkeit zur Diskussion gestellt. Eine große nationale Forderung drängte sich seitdem zu ihrer Verwirklichung. List wußte die öffentliche Meinung zu mobilisieren. Es ist bekannt, welchen Einfluß der Druck der öfentlichen Meinung auf die Regierungen der mittleren und kleinen deutschen Staaten gehabt hat. Ebenso klar ist es freilich, daß der Mann, der die Regierungen unter Druck zu setzen gewagt hatte, von den Verhandlungen völlig ausgeschlossen wurde, damit die Verwirklichung feiner Gedanken nicht etwa zu seinem Ruhme ausschlagen konnte.
Durch feine Abgeordnetentätigkeit im Würitembergischen Landtag wurde List in einen politischen Prozeß verwickelt. Er wurde verurteilt und war von nun an für immer als Demagoge verfehmt. Die Auswanderung nach Amerika blieb schließlich der einzige Ausweg für ihn. Nur zwei Jahre lang hatte er sich dem deutschen Handelsverein widmen
In der Fremde beginnt eine neue Zeit des Aufstiegs für Friedrich Lift. Wieder setzt er sich rasch gegen alle Schwierigkeiten durch. Sein volkswirtschaftliches Urteil findet Beachtung. Seine Argumente für den Schutzzoll haben eine nachhaltige Wirkung auf die Handelspolitik der Vereinigten Staaten. Er begründet ein großes Bergwerksunternehmen und eine der ersten amerikanischen Eisenbahnen. Aus seinen Unternehmungen zieht er zeitweise sehr bedeutende Gewinne. Aber kaum hat er sich im Existenzkampf durchgesetzt, da gibt er wiederum alles preis, um seinem deutschen Vaterland zu dienen. m ,
Als amerikanischer Staatsbürger und als Konsul der Bereinigten Staaten kehrte List nach Deutschland zurück, nachdem die Revolution von 1830 günstigere politische Bedingungen geschafsen zu haben schien. In Amerika hatte er gesehen, wie stark die volkswirtschaftliche Entwicklung durch den Ausbau des Verkehrswesens, namentlich durch den Bau von Eisenbahnen, gefördert wird. So entfaltete er nunmehr in Deutschland eine unermüdlich« Tätigkeit, um der deutschen Wirtschaft durch den Bau von Eisenbahnen einen Austrieb zu geben und um dieses neue Verkehrsmittel populär zu machen. Durch die Presse appelliert er an die Oeftent- lichkeit, durch Denkschriften an die Regierungen, er entwirft selbst zahlreiche Projekte, bemüht sich um ihre Finanzierung und regt die Gründung von Eisenbahngesellschaften an. Aber wenn er in Amerika sich selbst erfolgreich als Unternehmer betätigt hatte, so geht es ihm hier nicht um den materiellen Gewinn, sondern um den wirtschaftlichen Ausstieg seines Vaterlandes. Sein Idealismus wird schlecht gelohnt Seine liberalen Freunde wetteifern mit den reaktionären Regie- rungen darin, Friedrich List aus den von ihm ins Leben gerufenen Unternehmungen zu guter Letzt hinauszudrängen und feine materiellen und ideellen Verdiensten sich selbst zuzuschieben.
Wir können nicht den ganzen Leidensweg dieses großen deutschen Mannes erzählen. In seinem letzten Lebensjahre schrieb er, die Mittelmäßigen seien wohl dazu auf der Welt, um die Leute, die etwas leisten können, „zu treten, zu schlagen, zu betrügen, zu berauben, zu verleumden, zu entehren, um ihre schlafende Energie zu wecken und sie anzutreiben, außerordentliche Dinge zustande zu bringen". Wenn man fein Geben überschaut, so ist in diesem Satz kein Wort zu viel gesagt. Er wußte es nur noch nicht, daß die Mittelmäßigen es fertig bringen wurden, ihn m den Tod zu jagen Am 30. November 1846 hat er sich in Kufstein erschossen. Die Aerzte erklärten ihn bei der Totenschau für verrückt, damit der einsame fremde Mann ein ehrliches Begräbnis finden konnte.
Eine vom Ausland unabhängige, vollentwickelte in sich harmonische deutsche Nationalwirtschaft war das Ziel, das Friedrich List dem deutschen Volke vor Augen stellte. Dabei muhte er naturgemäß der Entwicklung der deutschen Industrie sein Hauptaugenmerk zuwenden. Denn zu seiner Zeil beherrschte die britisch« Industrie fast völlig oen deutschen Markt. Oberflächliche Betrachter haben deshalb in List den Vorkämpfer des Industriekapitals sehen wollen Aber noch kurz vor seinem Tode beschäftigte ihn z. B. ein Projekt, das Elend der schlesischen Weber zu beseitigen. Um sie konkurrenzfähig zu machen und vor kapita- liitifcker Ausbeutung zu schützen, schlug er der preußischen Regierung vor der Staat möge das Patent eines mechanischen Webstuhls antaufen unb den schlesischen Webern die technischen Verbesserungen Zugänglich machen Bur im Kampf für deutsche Einheit, deutsche Freiheit und deutsche Groye sindet Lists gesamtes Wirken die einheitliche Ausrichtung. Eine deutsche


