Ausgabe 
7.8.1939
 
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Herausstellen, um zu zeigen, daß man den Briten nicht die ganze Last des Kampfes überlassen will. .

In Frankreich aber hört man andere Meinungen über diesen Presse- »eldzua und seine gedruckten Siegesfeiern um den Namen Craonne:

.Seht, es mußte etwas geschehen, um Nivelle zullten Mit uner­hörten Verlusten und dem Einsatz eines gewaltigen Materials hat man endlich das Trümmerdorf Eraonne nehmen können Und nun wird diese Einnahme groß herausgestellt, damit Nivelle, der sich seit dem 16. April Taa um Tag den Kopf an der deutschen Verteidigungsstellung einrennt, etwas zu melden hat. Der Poilu mußte bluten, damit der OberbesehiS- haber sein Gesicht wahrt---" ,

Solche und ähnliche Behauptungen flattern wie schwarze Totenvogel von Haus zu Haus, werden genährt und weitergegeben. Bald empfindet auch der französische Bürger, der sich über den Sieg von Craonne gefreut hat, die Einnahme dieses Dorfes als neue Niederlage

Noch zögert Painleve, noch will er den Gegnern Nivelles kem Recht einräumen, noch hält er die schützende Hand über denGeneral Durch­bruch" weil er einen so raschen Wechsel im Oberbefehl für äußerst ver­hängnisvoll hält, aber die Ereignisse überstürzen sich jetzt. Am 7. und 10. Mai tritt ein Ministerrat zusammen und verlangt einen sofortigen Wechsel im Oberbefehl. Nivelle wird geladen. Er erscheint selbstbewußt und nicht mehr niedergeschlagen wie am 25. April. Painleve legt ihm nahe aus Gesundheitsrücksichten oder in einer anderen Form, die^lhm vielleicht besser gefällt, den Oberbefehl abzugeben und wieder zu seiner Berdun-Armee zurückzukehren, natürlich nach einem entsprechenden Ur­laub. Aber siehe, Nivelle ist anderer Meinung geworden. Frei heraus erklärt er dem Kriegsminister:

,Ich werde mir den Fall überlegen, Herr Minister, denn erstens bin ich nicht krank, und zweitens herrscht jetzt die von Ihnen und den andern Parlamentariern verlangte frische Luft im Hauptguartier, und drittens sehe ich nichl ein, daß ich jetzt der Armee, die gute Fortschritte macht, durch meinen Abgang in die Arme fallen soll. Wie gesagt, ich werde mir den Fall überlegen."

Mit kurzem Gruß entfernt sich der General, begebt sich zu seinen Freunden, zu einflußreichen Parlamentariern und Journalisten, erklärt ihnen feine Meinung. Es gelingt ihm auch, die Presse für sich zu gewin­nen, denn der kleinste Erfolg ist ja blutnotwendig für die öffentliche Meinung. Und Nivelle hat auch feit der Einnahme von Craonne unbe­strittene, wenn auch winzige Erfolge aufzuweifen. Sie stehen in keinem Verhältnis zu den aufgewendeten Mitteln, aber es find immerhin Erfolge. Ein bekannter Journalist wendet sich sogar an den Präsidenten Po-incare mit der Meinung: , . _ .

Die Demission des Kriegsministers Painlevö wäre das Ende einer politischen Partei; die Demission Nivelles aber wäre das Ende Frank­reichs."

Andere Zeitungen wenden sich gegen die beabsichtigte Einspannung des Generals Foch, den sie alsPfaffengeneral" bezeichnen, weil in sei­nem Quartier hohe und höchste Geistliche täglich ein- und ausgehen. Ganz offen stellt man sich mit diesen von ihm selbst hervorgerufenen Veröffent­lichungen in Gegensatz zu dem Kriegsminister. Ein unhaltbarer Zustand. Mangin wird in die Wüste geschickt. Vorläufig nur Mangin. Bald wird Nivelle folgen. ,

Es kommen schwüle Tage für Frankreich. Endlich am 15. Mai faßt der Ministerrat zwei Personalbeschlüsse, die am 16. Mai im Journal Officiel zu lesen sind:

General Petain ist mit dem heutigen Tage zum Oberbefehlshaber der französischen Armee im Norden und Nordosten ernannt. General Foch wird Stabschef der französischen Arme«."

Und General Nivelle? General Nivelle geht ab und bleibt Führer einer Armeegruppe, aber ohne das Kommando aktiv auszuüben. Man schiebt ihn ab, in unbeschränkten Erholungsurlaub. Es geht ihm genau so, wie es vor einem halben Jahr mit General Foch geschah.

General Nivelle tritt ab und verschwindet. Wird er wieder auftauchen? Ist seine Rolle ausgespielt? Ja, auf dem französischen Kriegsschauplatz ist der Name Nivelle erledigt. Man wird ihn aber bald wieder nennen. Noch wochenlang wird der Poilu bei der Nennung dieses Namens wütend mit den Zähnen knirschen, noch wochenlang wird eine Welle des Hasses über diesen Mann hinwegbranden, über den gefallenen Oberbefehlshaber, der nur das Beste für Frankreich wollte, der stark genug war, fein schweres Schicksal auf sich zu nehmen, aber doch nicht stark genug, seinem Gegner, dem deutschen Soldaten, erfolgreich die Stirn zu bieten.

General Nivelle ist abgetreten, aber fein Name lebt weiter in der Meuterei der französischen Armee, in der Unzufriedenheit und in der Enttäuschung, die Hunderttausende von Männern in Waffen ergriffen hat.

General Nivelle lebt weiter in der Schlacht, die nicht mehr aufzu­halten ist. Nein, die Schlacht ist ihren Vätern und Führern entglitten, genau wie damals der Kamps um Verdun. Nichts, aber auch nichts kann die rollende Feuerwalze aufhalten. Die Schlacht am Damenweg tobt und muß sich austoben und wird erst ersticken in dem Augenblick, da der Poilu sich wendet und gegen Paris marschiert, um dort eine starr­köpfige Regierung mit Waffengewalt $u zwingen, den aussichtslosen Krieg gegen Deutschland zu beenden.

In dieser ersten Maihälste melden di« deutschen Heeresberichte:

In der Champagne steigerte sich am Vormittag das Feuer zu stundenlager stärkster Wirkung

Frische Divisionen waren herangeführt, um uns die Höhenstellungen bei Moronvilliers zu entreißen.

Der Ansturm ist am zähen Widerstand unserer Truppe gescheitert

Badische, sächsische und brandenburgische Regimenter im vollen Be­sitz ihrer Stellungen

Der Feind hat schwere Verluste erlitten---

Die Angriffe am 4. Mai nördlich von Reims und in der Champagne waren nur Vorläufer des neuen Durchbruchsversuches, der gestern zwischen der Ailett« und Craonne auf einer Front von 35 Kilometern insetzte---

---ist er vereitelt, der Riesenstoß abgeschlagen---"

D er Poilu marschiert nicht mehr.

Am 26. April halle General Franchet d'Lsperey seinem Oberbefehls- Haber General Nivelle ein« Meldung über wachsende Unruhe und Disziplinlosigkeit im Armeegebiet erstattet. Nivelle aber hatte geant­wortet:Einerlei, lassen Sie den Poilu in Ruhe, der muh sich mal au* toben. Die Hauptsache ist, er marschiert."

Am 3. Mai war die zweit« Kolonial-Infanteriedioision von der Welle der Insubordination ergriffen. Die Soldaten weigerten sich, m Stellung zu gehen. Man redete ihnen zu, man drohte, man zog einige Schreier aus den Reihen und führte sie ab zur kriegsgerichtlichen Bestrafung Die Divisionen überlegten sich den Fall und marfchierten wieder. Bald war auch dieser Fall vergessen. Aber es kam ein nächster, und noch einer und noch einer. .

Nun aber rollt die Schlacht und nimmt noch weiter zu, an Zähigkeit und Heftigkeit. Immer neue Regimenter werden in den Schmelzt,eg?i geworfen und kehren nach drei oder vier Tagen zurück, in der deutschen Abwehr zur Schlacke gebrannt. Irgendwo auf den Anmarschwegen, im Hinterland, oder auch vorne in den Trichterstellungen treffen sich ad- gelöfte oder ablösende Formationen, und es entjpinnt sich ein lebhaftes Frage- und Antwortspiel.

Wie siehfs da vorne aus?" fragen di« Ablösenden.

Und die Abgelösten:Mies, alles faul, keine Möglichkeit, durchzu- tommen. Die Deutschen halten wie Pech und Schwefel, da kannst! macken was du willst. Es können noch zehn, noch hundert Divisionen kommen, unsere Artillerie kann noch ein ganzes Jahr trommeln, es werden immer noch Deutsche da sein, die halten, und roenns nur einer ist, der das Maschinengewehr abdrückt, bei unseren Angriffen--"

Soll denn das so weitergehen?"

Ja, das mutet man uns zu, wir find ja nur Kanonenfutter. W waren Kanonenfutter für Nivelle, jetzt sind wir Kanonenfutter für di« andern. Den Deutschen ist nicht beizukommen. Vorgestern haben wi-r angegriffen, zwei Bataillone stark, und wollten ein kleines Wäldchen nehmen, 300 Meter vor uns. Wir kamen auch gut ins Wäldchen hinein, machten ungefähr 200 Gefangene, obgleich zwanzig unserer Ossiziere ins Gras gebissen hatten. Aber da tarnen die Deutschen zum Gegenstoß. Er war furchtbar, diese Kerle anzusehen. Sie kamen ohne Rock, mit aufge* krempelten Hemdsärmeln, den Dolch in der Hand oder den Spaten ge­schwungen, Handgranaten am Hosenbund. Und wir mußten zurück, nach kurzem heftigen Kamps. Eine Panik entstand bei uns. Wir liefen, was wir konnten. Wir kamen wieder in unsere Ausgangsstellungen. Dori warfen wir uns auf den Boden und meinten vor Wut, weil alles ver­gebens gewesen war. Da seht ihr, was los ist. Es hat gar keinen Zweck mehr, zu kämpfen. Man hat uns verraten, mir sind vertäust und ver> ioren--"* ...

So schreiben die Offiziere in ihre Tagebücher, fo berichten sie noch heute, so sprechen auch die Soldaten. Von Tag zu Tag mehren sich die Fälle offener Gehorsamsverweigerung vor dem Feind. Die Gerichts- Offiziere haben mehr zu tun, als sie bewältigen können.

Und da geistert plötzlich wie ein Lauffeuer von Mann zu Mann, ihm Kompanie zu Kompanie, von Bataillon zu Bataillon, von Truppentei zu Truppenteil die Parole:Wir werden im Graben weiterhin unsere Pflicht tun, aber wir verweigern von heute ab jeden Angriff. Alle! macht mit!"

So geschehen um die Maimitte, just in den Tagen, da man Genera Nivelle in die Verbannung schickt und damit den unruhigen Elemente » neuen Gesprächsstoff gibt und die Vorwürfe gegen den scheidenden Ober­befehlshaber sozusagen beftätigt.

In diesen Tagen findet beim Stab der Heeresgruppe Deutscher Kron­prinz eine wichtige Unterredung statt. Die französischen Kräfte sind noih und nach an diesem Pfeiler der deutschen Westfront zerschellt, i» blutigen, zähen und heldenhaften Sturmangriffen. Auf deutscher Seilt hat man sich (eit dem 16. April ein deutliches Bild von der Größe wib Bedeutung der Feindverluste machen können. Don der dumpf empor; brodelnden Unzufriedenheit im müde gekämpften französischen Heer twil man aber noch nichts. Und dennoch hält man den Segner für fo statt erschüttert, so geschwächt in feiner Widerstandskraft und in seinen Kampfeswillen, daß ein deutscher Gegenstoß aussichtsreich erscheint.

Der Kronprinz und der Chef des Stabes, General Gras von der Schulenburg, unterbreiten ihre Ansicht der Obersten Heeresleitung. Weltt eine moralische Wirkung aus das französische Heer und das französisch' Volk, würde es den deutschen Divisionen gelingen, im Gegenstoß eine» Durchbruch zu erzwingen und seindliches Hinterland zu betreten. hält die Front Mischen Brimont und dem Winterberg für durchbrmhr- reif. Und sie ist es, sie ist es wirklich, und vorstoßende deutsche Divisionen könnten jetzt leicht die Marne erreichen, den Fluß überschreiten und di! ganze ftanzösische Front bis zur Somme hin über den Haufen werser

Aber die Oberste Heeresleitung hat keine Truppen zur VerfügE Die Engländer leiten neue Angriffe ein. Im Osten ist die Lage wieder kritischer geworden, überall gärt und kocht es. Nein, frische Division«» zum Durchbruchsversuch Mischen dem Winterberg und Brimont hat l'! Oberste Deutsche Heeresleitung nicht. Hätte sie in diesem Au-genbb» Kenntnis vom moralischen Zustand des französischen Heeres betommeN sie hätte dann wohl den letzten Mann, das letzte Geschütz und das leM» Maschinengewehr in den Durchbruch geworfen, in einen sicheren S»<* Keinen Borwurf unserer Obersten Heeresleitung, denn sie weiß «w nicht, was drüben in diesem Augenblick geschieht. Sie will sich nW ausgeben. Sie handelt weis«, die Oberste Heeresleitung, denn von alle» Seiten pochen die Feinde an unser« Fronten, und jede Division ®|C) kostbar.

(Fortsetzung folgt.)

* Dieser Bericht stammt fast wortgetreu aus dem Tagebuch eine- französischen Offiziers, der die schweren Kämpfe am Damenweg ®1'* machte. Die Deutschen, die in Hemdsärmeln mit Dolch und Spaten ju*» Gegenangriff vorgingen, waren Soldaten bayerischer Regimenter.