sietzenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1939 Montag, den z. August Nummer 60
Line Armee meutert
SCHICKS ALSTA GB FRANKREICHS 1SL7 Ein Vericht von p. L. Sttighoffer
r o p r, r l g h t b y Berteksmann Gütersloh
15. Fortsetzung.
Di« Poilus hören sich da« Vivatgeschrei schweigend an. Sie blinzeln aus dreckverkrusteten, übermüdeten Augen, in denen noch die Schlaflosigkeit vieler Nächte sitzt. Hinter ihren hohlen Wangen mahlen Zahnreihen. Nur einige murren: „Ja, ja, hat sich was mit dem Sieg am Damenweg, haha, in die Maschinengewehre hat man uns gejagt, blindlings in di« deutschen Maschinengewehr« hinein. Es war eine Schweinerei, es war 'Senat!" Und jetzt plötzlich ein Schrei, ausgenommen von hundert, von tausend Poilus, ein Schrei, der alle Menschen aufhorchen läßt und auch die Tapfersten mit Entsetzen erfüllt, ein Ruf, der Grauenvolles ahnen läßt. Irgendwo, aus der Mitte dieser lehmgrauen, duldenden Elendsmasse, aus den Reihen der aus dem Kampf heimkehrenden Poilus ist er hochgestiegen, dieser Schrei:
„Vive la paix! Es lebe der Frieden!"
Das ist Blasphemie, das ist unerhört, das ist Disziplinlosigkeit. Aber nun ist der Schrei da. Nun ist das gesprochen, was seit Tagen in den Herzen dieser Soldaten schlummert und grollt, was keiner auszudrücken mußte. Es lebe der Frieden! Das Heer ist müde! Das müde Heer will ton Frieden!
Die Etappe vernimmt es, die Etappe pflanzt den Ruf fort. Immer 1t di« Etappe hellhörig. Und wie ein Lauffeuer geht's von Mund zu Mund:
„Oie Soldaten wollen nicht mehr. Die Front ist müde. Es lebe der Frieden!"
Still und machtlos schreiten di« Offiziere zwischen ihren Soldaten. Sie können es nicht verhindern, daß di« Poilus den hinzudrängenden Zivilisten Einzelheiten erzählen. Vielleicht wollen die Offiziere auch nicht Einschreiten, denn auch sie sind müde, auch sie haben eingesehen, daß illes sinnlos war, daß dieser ganze Vernichtungskrieg gegen Deutschland wertlos ist, weil dem feldgrauen Heer durch Waffengewalt einfach nicht [ ieizukommen ist. Und die Soldaten erzählen von ihrem furchtbaren Angriff s iuf Craonne.
- Das I. Korps hat dort angegriffen und ist in ein Höllenfeuer der ikbwehr geraten. Nicht einen Schritt ist das I. Korps vorangekommen und i!at trotzdem ungeheure Verluste gehabt, ohne dem Feind solche zufügen jn können. Allein die 2. Division dieses I. Korps hat beim ersten Ansturm ?uf der Hochfläche von Craonne nicht weniger als 100 Offiziere und 200 Mann innerhalb weniger Minuten verloren. Nein, lieber einen i ionzen Monat Sommeschlacht als noch drei oder vier Tage in dieser halle am Damenweg! Ein ungeheurer Aufwand an Menschen und Material ist nutzlos vertan.
Und jetzt ist das Heer müde---
Diese Schreie des Mißmutes und der Disziplinlosigkeit sind aber noch 1‘ine Meuterei. Der Poilu fühlt in sich irgendwelche Berechtigung, mit ! Men Ereignissen nicht zufrieden zu fein, und er gibt diesem Gefühl buten Ausdruck. Er schimpft, der Poilu, aber er tut dennoch seine Pflicht ‘•ib er wird auch weiterhin seine Pflicht tun. Noch iffs keine offene Meuterei, noch ist's nur der allgemeine Ausdruck einer großen Ermüdung.
Auch der Feldgraue drüben schimpft und tut seine Pflicht. Jeder echte *nb richtige Soldat schimpft einmal. Schimpfen entlädt die Seele. $3et= per deutsche Soldat hat nicht auf alle und alles geschimpft, auf den -Fraß", auf die „Brocken", auf den Dienst, auf die Vorgesetzten, auf «rn Krieg, auf die Schmalzportionen, auf den „Blauen Heinrich", kurzum I M alles und jedes Ding. Und dennoch, der Schimpfende hat eine Minute hater feine harte Pflicht getan und ist, wenn es fein mußte, in den Tod Spangen. Nicht tragisch zu nehmen, dieses Schimpfen übermüdeter Feld- 11 Ibaten. Das schafft wieder reine Luft. Nivelle selbst nimmt’s äugen- löeinlich diesen Männern nicht übel, dies Schimpfen, das ihm keineswegs r-rheimlicht, sondern sogar ausgebauscht und mit überspannten Kom- r entaren gemeldet wird. Nein, Nivelle nimmf’s nicht übe!, denn er ist baidat genug, um die Seele des Soldaten zu kennen. Er fährt weiter JJ’n einem Truppenteil zum andern und denkt nicht daran, seine Jnspek- | ronsreise zu unterbrechen.
Am 28. April ist die Inspektionsfahrt beendet. Und der 29. April ist c” J£°0 ganz besonders wichtiger Ereignisse. . ,
I y,?Aivelle ist in Paris beim Kriegsminister Painlevä. Auch General tetain ist zu einer Besprechung geladen. Es wird hin und her überlegt
und beraten über die Gründe der gewaltigen Niederlage am Damenweg und den Zusammenbruch der Offensive. Aber keiner der Beratenden erkennt den richtigen Grund, keinem fällt es ein, auf den Tisch zu schlagen und das nachzusagen, was man jetzt schon seit zwei Tagen in allen Straßen und Gassen als geflügeltes Wort durchsagt und weitererzählt, was die Spatzen von den Dächern pfeifen:
„On ne les aura pas militairement.“ (Militärisch werden wir sie nicht kriegen.)
Seit 1914 geistert durch das ganze französische Volk immer wieder der trostreiche Ausspruch: „on les aura!“ (man wird sie kriegen). Damals, an der Marne, als das „große Wunder" geschah und die Kavallerie des Generals von Kluck den schon freien Weg nach Paris nicht mehr beschritt und angesichts des Eiffelturmes die Zügel wendete, damals schrie ganz Frankreich in hoffnungsvollem Aufjauchzen: „on les aura!“
Seither, wenn’s mal böse war, wenn's hart wurde, durchzuhalten, hat man sich mit diesem „on les aura!“ wieder Mut eingeflößt. Und jetzt hat das jedem Franzosen eingetrichterte und geläufige tägliche Sprichwort, dieses inbrünstige Stoßgebet fürs Vaterland, plötzlich einen anderen Klang bekommen. Selbst dieses „on les aura“ hat sich in blassen Defaitismus gewandelt.
»On ne les aura pas“, das ist die offene Anerkennung der militärischen Niederlage. Die Deutschen sind unbesiegbar durch Waffengewalt, aber die Herren in Paris wollen noch nicht daran glauben und suchen einen Schuldigen. Und dieser Schuldige soll General Mangin sein. Jawohl, er soll geopfert werden. Man wird ihn wegschicken, in die Wüste.
Was hat General Mangin verbrochen? Eigentlich nichts.. Eigentlich haben seine Divisionen die größten Erfolge dieser Schlacht zu verzeichnen. Auf seiner Ängriffsfront sind die Poilus am tiefsten in die deutsche Verteidigung eingedrungen. Und dennoch, General Mangin soll gehen. Er ist unbeliebt bei der Truppe, weil er zu hart gegen sich selbst und demnach auch zu hart gegen seine Untergebenen ist. Er verlangt zuviel von seinen Soldaten.
Mit der Demission von Mangin hofft man die herrschenden Meinungsverschiedenheiten auswischen zu können.
Nivelle sträubt sich gegen diese Maßnahmen, die außer ihm alle anderen Herren gutheißen. Er möchte selbst gehen, er fühlt sich mübe und gehetzt. „Ich hab« das Vertrauen meiner Untergebenen nicht mehr. Ich spreche jetzt nicht vom Poilu, den ich verstehe, wie ihn keiner versteht, aber von meinen Armeeführern spreche ich Sie wollten meinen Abgang längst vor der Offensive. Ich bin manchem im Wege." Si« aber umringen Nivelle und bitten ihn, zu bleiben. Und bei dieser Gelegenheit beschließt der Oberbefehlshaber die Weiterführung der Offensive mit weiterem Trommelfeuer, mit erneutem rücksichtslosem Einsatz von Menschen und Material.
Wie alle Besprechungen, geht auch diese ohne greifbaren Erfolg zu Ende.. Man hat die Absetzung des Generals Mangin noch nicht ausgesprochen, weil gerade die VI. Armee in den nächsten Tagen angreifen soll. Und wie in der Konferenz vom 30. April vorgesehen, stürmt am 4. Mai die Masse der französischen Angreifer zwischen Craonne und Moronvilliers gegen die deutschen Linien vor. Am 5. Mai schreitet die Armee Mangin zum Kampf gegen die Höhen südlich der Aillelte. Aber siehe, am Angelpunkt der Offensive bei Moronvilliers gewinnen die Franzosen nur 200 Meter Gelände, und die V. französische Angriffsarmee gerät am Brimonk in das deutsche Minenfeuer, wird aufgehalten, zusammengetrommelt, vernichtet. Weiter links, auf der Hochfläche bei Craonne gelingt es der X. und VI. Armee endlich, das Trümmerdorf zu nehmen. Ein Steinhaufen, einige geringe Häusertrümmer, ein unbrauchbares, unübersichtliches Trichterfeld, das ist alles, was der abziehende deutsche Verteidiger dem vorstürmenden Poilu überlassen muß. Aber Craonne ist ein geschichtlicher Ort. Schon Napoleon I. hat bei Craonne gekämpft. Der Name Craonne hat guten Klang. In den Heeresberichten singt und jauchzt es — „Craonne genommen" —.
Der Kriegsminister Painleve befiehlt der französischen Presse, die Einnahme von Craonne mehrere Tage lang groß herauszustellen und als Sieg zu feiern. Aber gerade diese überschwengliche Freude über die Einnahme eines Trümmerdorfes fällt auf. Schon am zweiten Tag werden die Leser mißtrauisch und fragen, ob denn sonst nichts zu melden sei, ob man mit sonst nichts prunken könne, als mit dem alten, bereits vorgekauten Bissen Craonne. Nein, der Herr Kriegsminister hat vorläufig keinen anderen schmackhaften Bissen.
Der Herr Kriegsminister muß seinem großen Verbündeten, der britischen Armee, seinen guten Willen zeigen. Da oben bei Arras entflammt Schlacht um Schlacht. Ohne Müdigkeit, ohne Pause werfen sich die britischen Divisionen in den Kampf. Und sie gewinnen nicht schlecht an Gelände, die Briten. Marschall Haig kann in seinen Tagesberichten mit manchem Dorf prunken, das er den deutschen Verteidigern abgerungen hat, Trümmerdörfer zwar auch hier, elende Steinhaufen nur noch, aber immerhin — Dörfer! Deshalb muß der französische Heeresbericht Craonne


