Ausgabe 
7.7.1939
 
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Oer Schäfer.

Ein« Legend« von Hermann Hesse. A

; h einem kleinen Städtchen lebte ein wohlhabender Handwerker, der iw zweitenmal verheiratet war. Aus seiner ersten Ehe hatte er einen »L der stark und gewalttätig war; sein zweiter Sohn aber war ein * Knabe und galt von klein auf für etwas einfältig.

Zach dem Tode seiner Mutter kamen schlimm« Zeiten für Hannes; !»kruder verachtete und mißhandelte ihn, und fein Vater gab immer mBruder recht. Es war ihm beschämend, einen so dummen Sohn zu p. Hannes kam nämlich mehr und mehr in den Ruf eines befchränk- P tnb wunderlichen Kindes, da er die Freuden und Liebhabereien Iker Knaben nicht teilte, ihre Spiele anscheinend nicht lernen konnte, hvenig sprach und sich alles gefallen ließ. Seit er die Zuflucht zur ter entbehren muhte, hatte er die Gewohnheit angenommen, vor hlor in den Fluren und Gärten umherzugehen, so oft er ohne Auf- Slws väterliche Haus verlassen konnte.

brt draußen blieb er zuweilen halbe Tage und vergnügte sich damit, IIGewächse und Blumen betrachtete, die Unterschiede und Gattungen i rteine, der Vögel, Käfer, Ameisen und andrer Tiere kennenzulernen ch und mit all diesen Dingen und Geschöpfen einen vertraulichen Mg hatte. Dabei war er häufig ganz allein, jedoch nicht immer. $ leiten schlossen kleine Kinder sich ihm an, un& es zeigte sich, daß Ms, der mit den Knaben seines Alters gar nichts gemein haben W, sich sehr wohl auf die Freundschaft mit vielen kleinern Kindern IM>- Ihnen zeigte er die Standorte der Blumen, spielte mit ihnen te, d« er selbst erfand, erzählte ihnen Geschichten; er trug sie, wenn rüde waren, und stiftete Frieden, wenn sie Streit untereinander mi.

Mangs sah man es ungern, wenn die Kleinen mit ihm gingen. Dann »inte man sich daran, und manche Mütter waren froh, dem Knaben ihre Kleinsten zum Hüten g«ben zu können.

»ich einigen Jahren mußte Hannes freilich auch von diesen seinen P-ingen oft Unfreundlich«- erleben. Sobald sie seiner Obhut ent- M und von jedermann hörten, wie einfältig Hannes sei, mieden die feinem und verhöhnten ihn die groben.

«nn dies ihn zu sehr verdroß und schmerzte, entrann er allein in Wirten oder in den Wald, lockte die Ziegen mit Kräutern und die M mit Brosamen zu sich und freute sich an der Gesellschaft der Wr und Tiere, von denen er nicht Untreue und Feindschaft zu fürchten M e. Er sah auf hohen Gewitterwolken Gott über die Erde hinfohren W ch auf stillen Feldwegen den Heiland wandern, und wenn er ihn W verbarg er sich im Gesträuch und wartete mit Herzklopfen sein M-rgehen ab.

die Zeit kam, daß er einen Stand und Beruf ergreifen sollte, Wmcht, tDie sein Bruder getan hatte, in die väterlich« Werkstätte Mechern ging vor die Stadt hinaus auf die Höfe und tat Hirten-

Er trieb Schafe und Ziegen, Schweine und Rindvieh, und sogar, Mkemf die Weide. Nichts war ihm zu gering. Seinen Tieren geschah Tb, und in Bälde kannten sie ihn und liebten ihn, verstanden seine M iliid folgten ihm lieber als andern Hütern. Das bemerkten die Tf6" und Bauern bald, denn es war ihr Vorteil, und nach einigen Wr wurden die größten und schönsten Herden ihm anvertraut. Wenn I.T..in die Stadt zu Markt gehen mußte, war sein Gang demütig Leichtern. Die Lehrlinge hänselten ihn, die Schulkinder riefen ihm T^tornen nach, und fein Bruder wandte ihm verächtlich den Rücken Mluselbe betrog ihn auch, als ihr Vater plötzlich vom Tod dahin- wurde, um mehr als die Hälfte feiner Erbschaft, ohne daß Hannes . L")tet oder Widerspruch erhoben hätte. Was er vom Hüterlohn er gelegentlich an Kinder und an arme Leute hin, öfter , auch einer Kuh oder einer Ziege, die er besonders liebte, ein 0,b mit einer Glocke daran.

ffHgen manch« Jabre hin, und Hannes war nicht mehr jung. \Menschen- und Stadtleben wußte er nicht viel, aber mit Wind und Iit:'ng, Graswuchs und Ernte, Weh und Hunden wußte er Bescheid, hro alle seine vielen Tiere einzeln nach ihrer Schönheit und Stärke, T «mutsart und Alter, und außer dem Vieh kannte er Vögel aller jjL;XC Gewohnheiten, ihre Stimmen, ihre Eier und Nester, dazu Tb?1*1 Käfer, Schlangen, Bienen, Marder und Eichhorn. Auch kannte ME.unter Pflanzen und Kräutern aus, verstand sich auf Boden und K' Jahreszeiten und Mondwechsel. Er schlichtete Streit und Eifer- K, r. leinen Tieren, pflegte und heilt« sie, wenn sie krank waren, T teatfte Junge sorgsam auf und dachte nicht, daß er jemals in

Die Fischer.

Bon Hedwig F o r ft r e u t e r.

Ich trat aus einer dunklen Schlucht hervor,.. Di« ans dem Walde sich $um Wasser senkt, Da lag der See mit silberweißem Spiegel Tiefruhig in des Abends mildem Licht, Die waldgen Ufer standen ernst und schweigend Und an der Bucht, wo sich das Schilf zerteilt Hantierten Fischer, markige Gestalten, Die ans den Booten ihr« Netz« zogen Mit starken Armen, breiteten und spannten. Schwarz hoben die Figuren sich vom Wasser, Das (Uberfluffig hinter ihnen lag.

So schafften sie in murmelnden Gesprächen, Die leise durch den stillen Wend klangen. Die Kiefern hoben scharf sich, Ast um Ast, Und tiefgrün in den klaren hohen Himmel Und auf dem See sah ich ein fernes Licht, Als käme wieder Einer, schlicht und groß, Den armen Fischern Gottes Wort zu bringen.

feinem Leben andres verrichten würde als die Arbeit eines Schäfer» und Kuhhirten.

Eines Tages lag er am Waldrand im Schatten und hatte fein Vieh im Auge, da kam von der Stadt her ein Weib gelaufen und drang in feiner Nähe, ohne ihn zu sehen, in den Wald. Da sie arg erregt und bekümmert aussah, blickte er ihr nach, und bald sah er, daß sie gesonnen war, sich ein Leid anzntun, denn sie band ein Seil an einen Bucheimst und schickte sich an, die Schlinge um ihren Hals zu legen.

Hannes eilte behutsam hinzu, legte ihr die Hand auf die Schulter und hielt sie von ihrem Vorhaben ab. Das Weib hielt erschrocken inne und blickte ihn feindselig an. Da nötigte er sie, daß sie sich niedersetzte, und indem er mit ihr wie mit einem trostlosen Kind redete, brachte er sie dazu, daß sie ihren Kummer und ihre ganze Geschichte ihm erzählte. Sie sagte, sie könne nicht mehr mit ihrem Mann leben, und doch hörte und spurte er wohl, daß sie ihren Mann lieb hätte. Er ließ sie reden und klagen, bis sie ein wenig beruhigt war. Dann erst versuchte er fie zu Küsten, sprach von andern Dingen, erzählte ihr von feiner Arbeit, vom Wald und den Herden, und zuletzt bat er sie, heimzukehren und noch einmal mit ihrem Mann zu reden. Sie ging leise weinend davon, und eine längere Zeit sah und hörte er nichts mehr von ihr.

Aber gegen den Herbst hin kam diese Frau wieder zu Hannes, bei gleitet von ihrem Schwager. Ueberströmend von Dankbarkeit erzählte sie die Geschichte der Versöhnung mit ihrem Mann, und wie viel besser und sinnvoller seitdem ihr Leben geworden sei. Sie lud den Schäfer in die Stadt zu Besuch ein und bat ihn, indem fie auf ihren Schwager wies, Hannes möge nun auch diesem seinen Rat und Trost nicht versagen. Der Schwager klagte sein Leid; ihm war eine Mühle abgebrannt und ein Sohn dabei umgekommen; und in der Weise, wie der Schäfer ihm zu­hörte und ihn anschaute, lag allein schon eine merkwürdig beruhigende Kraft. Er tröstete den Mann, und ohne sich dessen bewußt zu sein, tat er dem Unglücklichen wohl und spendete ihm neuen Lebensmut. Mit Dank verliehen die Städter ihren Tröster.

Es dauerte nicht lange, da kam jener Schwager wieder und brachte einen ratbedürftigen Freund mit, der Freund kehrt« mit einem andern wieder, und nach einer gewissen Zeit sprach die ganze Sadt davon, der Schäfer Hannes vermöge Gemütskranke zu heilen. Streitfälle zu schlich­ten, Ratlosen mit Rat und Verzweifelten mit Zuspruch zu helfen.

Noch immer wurde feiner von vielen gespottet, aber fast jeden Tag suchte irgendein Bittsteller ihn auf. Einen jungen Verschwender und Tunichtgut führt« , er zur Tugend zurück, schwer Leidenden spendete er Geduld und Hoffnung, und großes Aufsehen entstand, als durch seine Vermittlung zwei verfeindete reiche Familien sich versöhnten.

Manche redeten von Aberglauben und von Schwindel; da jedoch Han­nes von niemand irgendeine Belohnung annahm, schwiegen die Vor­würfe bald, und man begann zu dem bescheidenen Mann zu wallfahrten wie zu einem Heiligen. Geschichten und Sagen über seine Person und fein Leben waren sehr beliebt; man Jagte, die Tiere des Waldes folgten ihm, und er verstehe die Sprache der Vogel.

Unter denen, die noch immer mit Verachtung und Mißgunst von Hannes redeten, war vor allem fein älterer Bruder. Er nannte ihn einen Narren und Narrenfänger, und einst bei einer Zecherei vermaß er sich, feinen Bruder zur Red« zu stellen und feinem Treiben eine Ende zu bereiten. Beim Wort genommen, machte er sich andern Tags mit zwei Begleitern auf den Weg, sucht« den Hirten auf und fand ihn aus einer Heide. Jener bot ihm freundlich Brot und Milch, fragte nach seinem Ergehen, und ehe der Bruder dazugekommen war, böse Worte zu sagen, rührte und besänftigte ihn das ganze Wesen des Hirten so sehr, daß er ihn um Verzeihung bat und reumütig heimkehrte.

Als Hannes 55 Jahre alt geworden war, brach eine schwere Zeit für die Stadt an. Es begann mit einem Büpgerzwist, wobei Blut floß und grimmige Feindschaften entstanden. Einige überraschende Todesfälle wur­den vom Gerücht als Giftmorde bezeichnet, und während das Gemeinde- wefen noch voll Leidenschaft und Parteihader war, kam eine Seuche über den Ort, die mit einem erschreckenden Kindersterben an fing, dann die Erwachsenen anfiel und in wenigen Wochen den vierten Teil der Einwohner dahinraffte.

Gerade in dieser bösen Zeit starb der alte Bürgermeister der Stadt, und in der schwer heimgesuchten Gemeinde nahm Mutlosigkeit und Ver­zweiflung überhand. Diebesbanden machten alles unsicher, Drohbriefe erschreckten die Reichen, und die Armen hatten nichts zu essen.

Da kam eines Tages Hannes in die Stadt, um einige feiner Schütz­linge aufzufuchen. Er fand den einen tot. den andern krank, den dritten verwaist und verarmt, Häuser standen teer, und in den Gassen herrschte Angst und Mißtrauen. Indem er über den Marktplatz ging und ihm über dem großen Elend die Seele schmerzte, wurde er von vielen aus der Menge erkannt. Ein Schwarm von Hilfesuchenden heftete sich an seine Fersen und ließ ihn nicht entkommen. Bor dem Rathaus wurde er, ohne zu wissen wie es zuging, auf die Höhe der Freitreppe gedrängt, und sah sich plötzlich einer Volksmenge gegenüber, die nach Worten des Trostes und der Hoffnung dürstete.

Da übernahm ihn der Drang, zu lindern und wohlzutun, er streckte die Arme aus und begann zu dem verstummenden Volk zu reden. Er sprach von Krankheit und Tod, von Sünde und Erlösung und endete mit einer trostvollen Erzählung: Gestern habe er Jesus am Hügel über der Stadt stehen sehen, den Heiland. Und manchem Zuhörer mochte es scheinen, als sei er selber, Hannes, der Erlöser und ihnen von Gott als Retter gesandt.

Führe ihn her!" rief die Menge,bringe uns den Heiland her, daß er uns helfe""

Erst jetzt begann Hannes mit Schrecken zu fühlen, welche Gewalt un­geduldiger Hoffnungen er beschworen habe. Sein Geist verdunkelte sich und wurde mühe, zum erstenmal fühlte er den Jammer der Welt großer als feine eigne Zuversicht.

Ich will für euch zum Heiland beten", sagte er mit angestrengter Stimme,ich will drei Tage und Nächte lang beten, daß er komme und euch helfe."