Ausgabe 
7.7.1939
 
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serven gefangensetzen, ersticken, erledigen. Eine gefährliche Macht liegt hier zuzammengeürängt im Munitwnsdepot von ißenärejfe. Morgen schon soll der Abtransport der Granaten zur Front und in die einzelnen Stellungen der schwersten Mörserbatterien beginnen.

Nur mit halbem Ohr vernehmen die hier arbeitenden Poilus di« vorne brandend« und brodelnd« Schlacht. Was geht sie die Schlacht da vorne an. Sie haben hier ihr« Arbeit und ihr« Front. Nein, es ist keine Kleinigkeit, täglich mit den schweren Granaten umzugehen. Es ist ferner­hin nicht ungefährlich, hier leben und Hausen zu müssen. Aber von den Deutschen werden sie nie etwas zu sehen und zu hören bekommen. Kein deutsches Geschütz wird je seine Geschosse bis hierher senden

In diesem Augenblick rauscht cs in der Lust. Es ist wie das Nieder­gehen eines Kampfflugzeuges, halt es ist mehr, es ist schon wie das rücksichtslos«, energische Bremsen eines ganzen Munitionszuges, der plötzlich stehen soll, der auf glatten Schienen gleitet, der mit geblockten Rädern holpert, stockt und donnert. Es ist der Ton, der etwas Urhaftes, etwas nie Gehörtes in sich birgt.

Rur sekundenlang dieser Ton, dieser Schrei aus der Luft. Und dann hat die deutsche Granate aus dem Wald von Pinon, der Sendbote aus dem am Hellen Tag in genauer, verwegener Fahrt herangebrachten Eisenbahngeschütz, sein Ziel erreicht.

Luft und Erde beben aus mehr als 40 Kilometer im Umkreis. Eine hohe dunkle Wand strebt empor, eine Mauer aus Stein, Erde, Gra­naten, Fahrzeugen, Eisenbahnschwellen und zerrissenen Menfchen- leibern ...

Das riesige Munitionsdepot von Dendrefse, ist in di«, Lust ge­flogen --1

Deutsche Beobachtemgsfl leger, die den Austrag haben, aus der Höhe di« Wirkung ü«s deutschen Eisenbahngeschützes zu beobachten, kehren um und bringen di« Meldung vom unerhörten und raschen Erfolg. Und währenddessen durchsuchen di« Batterien den Wald von Pinon und wollen das deutsche Geschütz vernichten. Schwer« Granaten tasten wütend di« Eisenbahnlinie ab. In der Ferne aber, unsichtbar in der in- Säschen angebrochenen Dämmerung, fahren zwei Lokomotiven. Zwi­rn sich, gezogen und geschoben, das siegreiche, unversehrte deutsch« Eisenbahngeschütz.

Bis zum folgenden Morgen noch brüllen die Explosionen im Muni­tionslager bei Bendresse. Di« bereitgestellten Munitionszüge brennen, die Baracken brennen, der Wald ringsum brennt, und jedesmal, wenn das Feuer einen neuen Munitionsstapel erreicht, geht alles mit gewal­tigem Toben und Krachen in die Lust. Man muß das Riesenüepot aus­brennen lassen bis aus di« letzte Granate, bis aus die letzte Kartusche. Ausbrennen, nur ausbrennen. Nichts ist zu retten, kein Gejchoßkorb, kein Fahrzeug, nichts.

Fünfzig Pollus, di« ihre Abkommandierung zum Mumtionsdepot als Lebensversicherung in diesem männersressenüen Krieg angesehen hatten, sind spurlos' verschwunden, von der Explosion zu Asche und Staub zermalmt, zerrieben, vernichtet. Nicht einmal ein Unisormsetzen, nicht einmal eine Stiefelsohle, nicht einmal eine Gamaschen schnalle findet man von chnen. Weitere hundert Poilus Hegten sterbend in der Kirche von Benüresse, wo man in Eile ein Feldlazarett errichtet hat.

Meldung geht an General Nivelle. Man verheimlicht dem Ober­befehlshaber keineswegs den schweren Schlag. Man berichtet ihm über die Vernichtung der schweren Munition.

Uird Nivelle:

Wieviel Granaten waren es?"

F ün fundv i erzi gta useud schwere und schwerste Geschosse, Herr General!"

Was sind schon 45 000 Geschosse, meine Herren, das ist der Bedarf eines Tages für die fchwere Artillerie der Armee Mazel. Spielt kein« Rolle, meine Herren, spielt absolut kein« Rolle. Wenn uns die Boches 45 000 Granaten sprengen, dann werden wir ihnen 450 000 schwere Granaten auf den Pelz brennen. Eine Bagatelle, meine Herren, ein kleiner Zwischenfall. Es rollt ja doch alles ab, wie es abrollen muß. An 45 000 Granaten mehr oder weniger wird Frankreich nicht zugrunde gehen, aber Deutschland wird seine Niederlage nicht aufhalten können. Der Durchbruch, meine Herren, wird stattfinden!"

«en Reims und Soissons brüllt das Trommelfeuer. Am Öfter­em 8. April, ift's so stark, daß eine Erhöhung der Wucht und der Geschohdicht« anscheinend nie mehr erreicht werden kann. Aber nein, ab Osternwntag haben weitere Batterien eingegrifsen. Denn nun stellt es sich heraus, daß die deutsche Artillerie noch nicht ohnmächtig nieder­gekämpft ist, wie es Nivelle zuerst angenommen hat. Im Gegenteil, die deutsche Artillerie wehrt sich verzweifelt.

Kaum ist eine Batterie durch schwere und schwerste französische Ge­schosse ausgeräuchert, kaum haben die gelichteten Bespannungen in heroischem Draufgängertum und Wagemut die von Splittern ver­schrammten Rohre mit den vielfach durchlöcherten und verbeulten Schutz­schilden aus den Bettungen gezogen, da machen di« Geschütze an anderer Stelle wieder Front und eröffnen das Feuer, bis man sie auch dort er­mittelt, erspäht und nieüerkämpst. Manchmal müssen die deutschen Kanoniere die Geschützstellungen verlassen, weil schwer« Munitionsent- zundungen getroffener Geschoßstapel ihre gefährlichen Splitter umher- fctzen. Bald aber sind die Männer wieder am Geschütz und schießen, schießen!

ist s vorne in den deutschen JnfäNteriestellungen? Schon am Tage nach Ostern gibt es keine deutschen Jnfanteriestellungen mehr. Alles ist zermalmt, überpflügt, vernichtet. Unter einer undurchdringlichen Wolke von Gas und Geschoßqualm, unter der Wand der roten Explo- fionen, unter dem tödlichen Regen der surrenden und peitschenden Ge- fchoßsplitter liegt eine öde, fast menschenleere Trichterlandschaft.

Verschwunden die letzten Grasnarben, verschwunden das junge Grün, das schon im ersten Frühlingsahnen gleich nach der Schneeschmelze zu sprießen und keimen begonnen hatte. Nur die Helle zähe Kalkerde jener Gegend verbirgt sich unter dem Rauchschleier der 'Materialschlacht

Große uni) fMne Kalk- und Kreidebrocken sind es, von der Wucht der Entzündungen aus den Eingeweiden der Erde an di« Oberfläche ge­schleudert. Frierend, hungrig, den Tod erwartend, kauern in der liefe dieser Kreideiöcher die letzten Ueberlebenden der deutschen Grabenb«- fatzung. Ihre Maschinengewehr«, ihre Munition, ihre Handgranaten haben sie in rasch geschaufelten Erdnischen untergebracht, zum Schutz gegen Splitter. Es regnet. Der Wind pfeift eisig daher, bringt Feuch­tigkeit und tauenden Schneematsch.

Eine Wohltat wäre es, sich unter die Zeltbahn zu legen, sich unter dem wasserdichten Stoff gegen die Unbilden der Witterung zu schützen, älber nein, die Feldgrauen frieren lieber. Zu kostbar sind Zeltbahnen. Die Zeltbahnen müssen Gewehr« und Maschinengewehre, Munition und Handgranaten vor Nässe schützen. Mit zärtlicher Gebärde haben die Schützen ihre Waffen und die Munitionskasten in die herrlichen Zelt­bahnen gewickelt und vorsorglich verstaut. Lieber jetzt Unbill leiden, als nachher, im entscheidenden Augenblick, wehrlos dastehen.

Nachts liegt das Trommelfeuer wie ein Lavastreifen aus den Höhen des Damenweges. Wie feurig« Lohe, wie .eine glühende Masse lastet di« Wucht unzähliger Explosionen aus den deutschen Stellungen. Gleich rie­sigen Irrlichtern tanzen di« Einschläge französischer Granaten weit drunten in der Ebene im deutschen Hinterland. An den Brennpunkten des Etappeuverkeljrs, an den Anmarschwegen, an den Kanalübergängen, an den Brücken und an den Ausgängen der Ortschaften, in denen man Truppenunterkünfte vermutet, ist der Feuertang besonders stark und rücksichtslos .

Di« Nächt« find gespenstig klar und mondhell. Meist verziehen sich die Wolken nach Sonnenuntergang, und dann leuchtet ein sternenvoller, samtschwarzer Himmel über der gemarterten Erde. Die Sternbilder scheinen herabzutropfen. Diese Stunden der Sickstlosigkeit benutzt der deutsche Infanterist zum Atemholen. Verwundet« werden weggeschafft, Tot« geborgen oder mit einigen Schaufeln voll mitleidiger Erde bedeckt. Man weiß es, morgen wird das Trommelfeuer sie ja doch wieder aus der Allmutter Erd« reihen, aber der Kanieradfchastspflicht ist Genüge getan. Keine Munition bricht das Feuer auf die deutschen Stellungen ab, während dieser Nächte um Ostern. Aber die Granaten jaulen jetzt meist weiter rückwärts auf Laufgräben und Anmarschwege. Der Mann des vorderen Trichterfeldes kann aufatmen bis zum Morgengrauen. Man zählt die Verluste und stellt neue Posten auf zu neuem Wachtdienft.

Opferbereite Trägerzüge unterlaufen ohne Rücksicht auf eigene Ver­luste das mahlende Störungsseuer, bringen kilometerweit bis in die Etappendörfer durch, holen dort heißen Tee, Brot, Büchf en fleisch, Ver- bandspäckchen und Munition. Und dann beginnt wieder der Tag mit neuem Grauen und neuen blutigen Verlusten. Vorerst kein« Möglichkeit für die deutsche Infanterie, sich zu wehren. Ihr Tag ist noch nicht gekommen Das Nivellesch« Trommelfeuer rollt und rollt ungebrochen und bügelt den gewaltigen Frontabschnitt aus, zer­stört die deutschen Verteidigungsmöglichkeiten. Bald wird sich dieses Trommelfeuer als unwiderstehliche Walze in Bewegung setzen, so wie es der Nivelle sch« Plan vorsieht, 70 Meter Geschwindigkeit in der Minute, 200 Meter etwa in drei Minuten, zwei Kilometer in 30 Mi­nuten genau, wie es seit Wochen bestimmt und sestgelegt ist. Und dieses Trommelfeuer wird auch über die zahlreichen natürlichen Grotten dieser Gegend Hinwegwalzen. Es roinb die Eingänge zusammenschlagen, die Stollen zertrümmern und den deutschen Reservetruppen in ihren bombensicheren Unterkünften keine Möglichkeit zum Eingreifen geben.

Die Häuser dieser Landschaft sind aus großen viereckigen Quadern gebaut, aus jenem weichen Kreidestein, der in den Flanken dieser Hügel am Damenweg ruht. Seit Jahrhunderten haben die Menschen den Stein abgebaut, haben sie die Hügel unterhöhlt. Es mögen sich auch durch Einwirkung von Regen, Wasserführung und Erderschütterungen im Larife der Jahrtausend« natürlich« Grotten gebildet haben, di« bann als Steinbrüche benutzt und somit bedeutend erweitert worden sind. Der französischen Heeresleitung sind diese Grotten wohlbekannt. Ohne Unter­brechung beschießen Spezialbatterien all« Eingänge und Zugänge. Aber amTage I" zurStunde H" werden Hunderte von Feuerschlünden auf dies« Eingänge gerichtet sein. Taufende von schweren Granaten werden stundenlang vor bem Angriff und erst recht auch während des Vorgehens der französischen Infanterie die Grotten und ihr« Verteidiger niederraffen und zur Ohnmacht verdammen. Mit den paar verängstigten, vom Feuer irrsinnig gewordenen Überlebenden Infanteristen im Trich­terfeld dürfte man tu säumt spielend fertig werden. Und dann wird sich di« Kavallerie des Generals Duchesne in Bewegung fetzen.

Doch jetzt meldet sich ein neuer Gegner. Die Deutschen schicken ihre Flieger ins Feld. Nach dem Heldentod des deutschen Hauptmanns Boelcke schien die Ueberlegenheit in der Luft für immer dem Gegner zuzufallen. Mit Mühe hatten 'sich die zahlenmäßig weit unterlegenen Flieger mit ihren Mpferdigen Fokkermaschinen an der Sommefront behaupten können. Nur ein Opfermut sondergleichen hatte sie ver­anlassen können, trotz aller technischen Unterlegenheit dem Feind gegenüber, bas Feld nicht zu räumen, lieber den Linien, in der Lust- fpcrre, die st« todesmutig, aber aussichtslos gegen einen vielfach über­legenen Gegner verteidigten, fielen kämpfend und todesmutig, in ihr Schicksal ergeben, beste deutsche Kampfflieger. Ihre 80pfertigen Fvkker- maschinen waren den 140pferöigen Nieuport- und Spadma sch inen in Geschwindigkeit und Wendigkeit weit unterlegen. Nein, mit der deut­schen Luftwaffe hat Nivelle nicht mehr gerechnet. Nun aber ist st« wieder da.

Im Geiste Boelckes kämpfen unsere jungen Menschen um den Sieg. Ganz überraschend sind neue Maschinen aufgetaucht. Es sind Fokker mit Motoren von 200 und 240 PS. Das schlechte Wetter kann st« nicht mehr verjagen: sie sind da und behaupten sich. Stafselweis« und kettenweise durchbrechen sie die französische Luftsperre, hoch über die Rauchwand am Damenweg hinweg, werfen Bomben an lebenswichtigen Stellen und Verkehrsknotenpunkten, die selbst unsere Eisenbahngeschütze nicht mehr erreichen können, weil sie zu weit in der französischen Etappe lica«"1

(Fortsetzung folgt.)