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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1959 Zreitag, den 7. Juli Nummer 5(

Eine Armee meutert

SCHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917

Ein Vericht von p.S.Ettighoffec

topyrfgfot b y Bertelsmann Güt » r » l » h

6. Fortsetzung.

Di« Nivellesch « Schlacht.

Zwischen La Fere und Brimont steht die deutsche Verteidigung in diesen ersten Apriltagen bereit. Es ist aber kein starrer Gürtel aus Menschenleibern, Stahl und Beton, sondern ein bewegliches und elastisches Band, das sich, je nach Lage und Feindestaktik, ausdehnen kann, das sich zurückdrängen läßt, *im gleich daraus wieder mit Wucht vorzuschnellen, das Ergebnis einer neuen Taktik, die nun ihre Feuertaufe erhalten soll. Locker soll die Verteidigung sein und dennoch im Ganzen gesehen un­nachgiebig fest und hart.

Äm linken Flügel liegen zwei Infanterie-Divisionen des 13. Reserve- Korps in vorderster Linie. Im Rahmen des XI. Armeekorps hat die Gruppe Vailly vier Stellungs-Divisionen eingesetzt. Daran anschließend, von Eerny bis Craonne, liegen drei Front-Divisionen vorne, und bei Berry-au-Bac bis zum Knie der Aisne sind's wiederum drei Front-Divi­sionen des 15. Bayrischen Armeekorps. Am linken Armeeflügel bis nörd­lich Reims soll die Gruppe Brimont, das heißt das 10. Reseroekorps mit drei Divisionen, die Stellung halten.

Das sind 15 deutsche Divisionen in vorderster Linie, keine völlig un­versehrten Truppenteile mehr, sondern Formationen, die schon in den vorbereitenden Stellungs- und Patrouillenkümpfen herb« Verluste erlitten haben. Die Mannschaften sind schwer mitgenommen durch das stete Schanzen und Arbeiten und Herrichten von Stellungen in Kälte, Rässe und Schneegestöber. Roch in den ersten Apriltagen, als man den los­brechenden Angriff für die nächsten Tage erwartet, werden sieben deutsche Eingreifdivisionen herangezogen und hinter der ganzen Frontlinie an den besonders gefährdeten Stellungen verteilt. Zweiundzwanzig deutsche Divisionen werden nun die gewaltige Schlacht über sich ergehen lassen müssen. Und von ihrer Tapferkeit wird es abhängen, ob die Verfolguirgs- ormee des General Duchesne, die Kavallerie, den Säbel in der Faust, die deutschen Bagagen weit über Sissonne hinweg bis an die Maas verfolgen kann. In die schwieligen Hände der braven, namenlosen Musketiere, Kanoniere und Grenadiere dieser 22 Divisionen hat das Vaterland sein Schicksal gelegt.

Am 13. April, während das Trommelfeuer sich zur höchsten Wucht steigern wird, soll noch das Generalkommando des Gardekorps unter General der Infanterie von Quast zwischen die Armeegruppen Sissonne und Brimont eingeschoben werden. Die links anschließende III. Armee hat auf ihrem rechten Flügel das 7. Reserve-Korps mit drei Stellungs-Divi­sionen, anschließend das 14. Korps mit ebenfalls drei Divisionen. Je eine Eingreif-Division steht unter jedem Korps bereit. Weiterhin links an­schließend folgt das 12. Korps mit vier Front-Divisionen.

Die ganze Wucht des entscheidenden großen Durchbruchsangriffs soll nach dem Plan Nivelles in erster Linie der VII. deutschen Armee gelten, also den oben aufgeführten 22 Divisionen. Die III. Armee wird erst später, beim Aufrollen der Flügel, in den Großkampf verwickelt sein. Diese Armee wird sich in der Hauptsache Petain vornehmen müssen.

In dieser Aufstellung wird die deutsche Front an der Einbruchsstelle aon der Gewalt des Trommelfeuers erfaßt.

Am 6. April läßt das Schneegestöber mit trübem, undurchsichtigem Wetter nach. Starker Wind erhebt sich und treibt die Wolken fort. Beste Fernsicht für Flieger und Artilleriebeobachtung herrscht, ein großer Tag such für die Männer in den Fesselballonen. Der deutsche Frontsoldat sieht alötzlich eine überraschend große Zahl dieser Fesselballone drüben beim Gegner aussteigen. Für die Bewohner der alten Stadt Laon ist es ein Trlebnis, diese zahlreichen gelben Riesenwürste fern am Horizont über »en Höhen schaukeln zu sehen. Dicht nebeneinander stehen die Ballone in »er klargefegten Aprilluft und blicken weithin über den Damenweg. hin­weg ins deutsch-besetzte Hinterland. Für den Einwohner der Stadt Laon iend sie wie ein ferner Gruß aus Frankreich. Und für den Landmann, "er seinen Acker pflügt, mit geliehenen deutschen Truppenpferden, weitab »om verderbenbringenden Bereich des Krieges, sind diese schaukelnden Fesselballone da drüben wie ein Wink zum Ausharren und zum Hoffen. 2enn auch die Zivilbevölkerung im abgetrennten Frankreich weiß schon, " sich etwas Großes vorbereitet und daß die Befreier bald nahen Verden.

Cs kommen aber inzwischen anders Grüße aus dem fernen Vater- wb. Es find Grüße aus Stahl. Sie bringen den Tod. Sie heulen

heran, sie zerbersten an den Bahnlinien, sie platzen und stammen dort, wo deutsche Truppentransporte verladen werden. Sie heulen hin­über auf den Hügel der Zitadelle von Laon.

Am Karfreitag dieses Jahres 1917 wuchtet ein schweres Geschoß durch die gotischen Mauern des herrlichen Domes und reißt eine tiefe Bresche in das kunstvoll verschlungene Steinsiligran, zertrümmert Schei­ben, Säulen und Decken, sät Tod, Verderben und Entsetzen. Di« Zivi­listen, die sich am Fuß der Kathedrale eingefunden hatten, um aus der Ferne diese beginnende Riesenschlacht am südlichen Horizont zu sehen und vielleicht die Ankunft der Befreier zu erspähen, weichen jäh und laufen hinunter in die Stadt. Sie haben wieder einmal die harte Faust des Krieges gespürt, jene Faust, die rücksichtslos zuschlägt und alles zer­malmt, ob Freund oder Feind, weil es im Kriege nicht um den ein­zelnen Menschen gehen kann und darf, sondern um ein ganz großes und ganz umfassendes Ziel.

Aber was sind dies« Schrecken, von französischen Langrohrgeschützen Dutzende von Kilometer,, weit in die deutsche Etappe getragen, was sind sie schon gegen die Schrecken ohne Ende, die nun für alle deutschen Stellungsdivisionen angebrochen sind und zehn Tage lang dauern wer­den! Zwischen Bauxaillon und Moronvilliers liegt die Landschaft unter Qualm und Flammen. Die französische Artillerie muß doch schießen, um das ihr aufgegebene Pensum zu erledigen. Jede Batterie hat in der Stunde ihre bestimmte Zahl Granaten abzuseuern. Das weiß sie. Und der Tag hat 24 Stunden, und man wird noch fünf oder sechs oder sieben oder vielleicht noch mehr Tage feuern, immerzu. Sollte ein Geschütz dabei zerspringen, sollten die Rohre bersten vor Hitze und Ueberbean- spruchung einerlei! Man wird neue Geschütze in die Batteriestel- lungen fahren. Es braucht nicht gespart zu werden. Munition ist da, soviel eine Schlacht je gesehen hat, soviel ein Menschenhirn überhaupt zusammenrechnen kann.

Die deutschen Batterien wehren sich Schuß um Schuß. Wollen kein« Antwort schuldig bleiben. Am hellen Tage, im neugierigen Glotzen der hundert und mehr Fesselballone, umschwärmt und argwöhnisch beob­achtet von französischen Fliegern, braust ein deutsches Eisenbahngeschütz auf glatter Schienend ahn im Höllentempo nach vorne, gezogen und ge­drückt von zwei starken O-Zug-Lokomotioen, gelangt trotz schwerster Be­schießung ungehemmt bis in den Feuerbereich der französischen Feld­batterien! Mag es fahren, das Geschütz! Es wird da vorne seinem Schicksal nicht entgehen. Es fährt den französischen Batterien sozusagen in den Schlund, denn sein Ziel ist weit.

Irgendwo im großen Wald von Pinon, wo es sich jetzt in einem Dickicht verborgen hält auf einer Gleisabzweigung bei Anizy, will der Feind es aufstöbern und zusammenschießen. Das Geschütz aber steht nicht untätig, nein, sein langes Rohr richtet sich drohend empor. Zahlen schwirren, werden wiederholt, weitergegeben. Kommandos hallen durch den Wald, Befehle hin und her. Rur wenige Tausend Meter hinter dem vordersten Graben steht das Geschütz.

Aus der sicheren deutschen Hinterfront würde seine Reichweite nicht genügen, denn die Granate soll eine gewaltige Strecke bezwingen. Ein großes Ziel lockt, das Ziel aller Ziele. Genau haben di« Offiziere am Geschütz die Entfernung ausgemessen, haben Wind, Wetter und alle anderen Lustoerhältnisse berücksichtigt. Nur ein Schuß darf es sein, ein einziger Schuß, denn nicht länger als fünf Minuten darf das kostbare Eisenbahngeschütz vorne im gefährdeten Feuerbereich der Frontbatterien bleiben. Und genau am vorberechneten Bahnkilometer stehl das Riesen- rohr drohend gereckt. Jetzt heißt es:Feuer!"

Sekundenlang überdröhnt ein gemeiner, niederträchtiger, urgewal­tiger Ton das Brüllen der nahen Schlacht, und eine Stichflamme leckt haushoch über die höchsten Bäume hinweg. Der Gluthauch dieser Riesen­stamme läßt die Baumkronen auftniftern. Prasselnd schlägt der Brand hoch Doch, das Werk ist vollbracht, denn ein Geschoß, ein Riesengeschoß aus diesem noch lebenden, zitternden und wie eine Glocke singenden Geschützrohr heult und johlt mit einer Geschwindigkeit von tausend Metern in der Sekunde in flachem Bogen einem gut errechneten Ziel entgegen---

Währenddessen stehen in der Nähe von Bendresse, weitab im Süden, hinter der französischen Angriffsfront, mehrere Munitionszüge, die man gerade entlädt. In Erdlöchern, auf Stapeln, zusammengebracht auf einem verhältnismäßig kleinen Raum, liegen schon 45 000 schwer« und schwerste Brisanzgranaten beisammen. Hier in Vendresse, in einem riesigen Munitionsdepot, wartet das Futter für die schwersten franzö­sischen Batterien. Hier liegt der unerbittliche Tod, der schon in den nächsten Tagen aus den Rohren weittragender Eisenbahngeschütze tief in die deutsche Etappe heulen und dort Verwirrung und Schrecken säen soll. Hier liegen die schweren und schwersten Granaten der letzten Trommel- feuerftunben. Sie sollen, kurz vor dem Losbrechen der Infanterie, am denkwürdigenTag I" die erkannten Eingänge der Naturhöhlen und Stollen drüben bei den Deutschen einwuchten unb die feldgrauen Re-