auf dem Felde. Und der kleine Mensch mit seinem Mordwerkzeug Fm Versteck wird gebannt, sobald ihn der Finger der Schönheit anrührt!
Noch einmal klingt der Schrei auf, unbekümmert und ahnungslos mitten im Bannkreis der Todesgefahr, und schwingt wie eine tiefe Cello- Seite als zitternde Resonanz in unseren Kehlen. Dann trollt der Starke zu Holze, wo das andere Rudel bescheiden auf ihn wartet.
Wir klappen behutsam unsere Jagdstühle zusammen und sehen uns nicht in die Augen. Wir gehen wortlos bis zu dem Kreuzweg wo wir die drei anderen Jäger treffen. m , ...L
„Nun, kein Schuh? Stand denn nicht das ganze Rudel dicht vor dem Generalsstand?" _, .. .
Der Gast nickt bestätigend: „Jawohl, aber meine Büchse hatte einen Versager."
Er hält die Stirn gesenkt und nun überläuft sie langsam und knabenhaft eine Röte. Zwei Augenpaare treffen sich flüchtig in verschwiegener Gemeinsamkeit Was ist es — sind es noch zwei Fremde, zwei Jäger, zwei Pirschgängsr — oder zwei Freunde.
Oer apokalyptische Retter.
Von Hans Benzmann.
Am roten Abendhimmel wiegen drei Falken sich, ein Reiter auf mag'rem Schimmel reitet am Erlenstrich.
Ist es ein Jäger, ein Ritter, ein Ritter mit Spieß und Schwert? Es ist zu Roß ein Schnitter — Wie kommt ein Schnitter zum Pferd? Nun seh ich nur noch seinen Schatten, lang fällt er über das Moor, ein Schauer fährt über die Matten, Nebel und Nacht steigt empor ...
deutsche Landschaft in der Dichtung.
Von Walter Schwerdtfeger.
Wie im Menschen der Geist der Landschaft sich verkörpert, so hat der Mensch in der Kunst immer wieder das Bild der vielgestaltigen deutschen Landschaft zu formen gesucht, der er sich verbunden fühlt. Die klassische Dichtung hat wenig Lokalfarbe: für den Park in Goethes „W ahl- verwandtschaften" werden mehrere Urbilder genannt, und von Hanau bis Koburg streiten sich alle kleinen Städte um die Ehre, Schauplatz von „Hermann und Dorothea" zu sein. Aber schon bei den Romantikern findet man neben den Zauberlandschaften von Novalis und Jean Paul wirklichkeitsnahe Landschastsbilder: bei E.T.A. Hoffmann das alte Berlin, bei Achim von Arnim und Wilhelm Hauff. Eichendorffs Erzählungen find im Schatten der Buchenwälder von Oliva entstanden, aber in der Erinnerung an die schlesische Jugendland- schaft. Es ist das stille Bergland, in dem Paul Kellers Romane spielen. Das Land, in dem die armen Weber des Eulengebirges zuhause sind, und das alte Handelshaus Molinari, das Frey tag in „Soll und Haben" schildert, hat dem Strom, der es durchzieht, fein Gepräge gegeben.
„Die Oder ist ein Bauernweib. Breit und behäbig schreitet sie durch den mühereichen Tag; manchmal zur Abendzeit, summt sie zwischen Eichen- und Crlenbüschen ein einförmiges Lied. In der Nacht steckt sie einsame Lichter an, Laternen auf langsam dahinschleichenden Flößen. Einmal, wie wohl jedes Bauernweib, kommt die Oder auch nach der Hauptstadt, nach Breslau. Die Hügel von Grünberg tauchen auf. Sie läßt sich mächtige Fässer Weines auflaben. — Dann kommt das lange Dahinwandern durch den märkischen Sand."
(Paul Keller, „Marie Heinrich".)
Sand und Föhren... Die Mai'k ist durch sie zu Unrecht in Verruf. „Sieh, wie die alten Kiefern ruhig stehn, und ruhig ihre grünen Kronen breiten, und Flüsse glänzen auf und klare Seen, in deren Spiegel Weiden sich besehn und Helle Wolken im Darübergleiten."
(Heinrich A n a ck e r, „An der Havel".)
Theodor Fontane hat auf seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg die stille Schönheit dieser Landschaft gesehen: das Luch mit feinen alten Bauerngehöften, die Sumpfwildnis des Spreewaldes mit den verschilften Wasserarmen zwischen Rüstern und Linden, tiefe Laubwälder und zauberhafte Seen: „Der kleine Tornow ist einer jener .Teusels- feen‘, denen man an den Anhängen der Hügel so oft begegnet. Das Wasser ist schwarz, dunkle Baumgruppen schließen es ein, breite Teichrosenblätter bilden einen Uferkranz, und die Oberfläche bleibt spiegelglatt, auch wenn der Wind durch den Wald zieht. Es ist, als hätten diese dunklen Wasser einen besondere Zug in die Tiefe."
Innerlich und still ist auch die Schönheit Pommerns, des Landes „längs des Meeres". Weideflächen und lehmige Aecker, zwischen Dünen- rand und dem Brackwasser des Boddens alte Rotwildreviere. Landstädte mit gotischen Backsteinbauten. Romantisch verklärt und schwermutvoll verschleiert hat es Caspar David Friedrich in seinen Bildern festgehalten. Schwer und verschlossen wie Barlachs Holzplastiken ist auch die Erde Mecklenburgs, aus der sie geboren sind. Hier hat Vo ß die Idylle seiner .Luise" geschrieben:
„... Da hinab langstreifige, dunkel und hellgrün Wallende Korngefilde, mit farbigen Blumen gesprenkelt! O des Gewühls, wie der Rocken mit grünlichem Dampfe daherwogt! Dort in fruchtbaren Bäumen bas Dorf, so freundlich gelagert
Um den geschlängelten Bach, und der Turm mit bcm blintenöen Seiger! Dort die schimmernde Bläue des Sees um den waldigen Hügel!"
B e r a n t w 0 r t l i ch : vr. Fr. W. Lange.—
Im Ring der Deiche liegt Schleswig-Holstein. Die Ostsee schlägt gegen I die buchenwaldumstandene Steilküste. Lang rollen die Wogen der Stört. I fee zu den Dünenketten. Hier verbrachte Hebbel seine Sugenb, I Frenssen predigte hier, Klaus Groth schrieb seinen „Quickborn'.
Aber an den Herbsttagen, wenn es gegen die Deiche tobt, über die der „Schimmelreiter" gespenstert, zeigt das Meer ein anderes Gesicht: ; „Wie eine wilde Jagd trieben die Wolken am Himmel; unten lag die weite Marsch wie eine unerkennbare, von unruhigen Schatten erfüll!« . Wüste; von dem Wasser hinter dem Deiche, immer ungeheurer, kam ein dumpfes Tosen. Dicht über dem Boden, halb fliegend, halb vom Sturn geschleudert, zog eine Schar von weißen Möwen. Eine furchtbare Bö« kam brüllend vom Meer herüber. Aber wo war bas Meer? Wo blieb bas Ufer drüben? — Nur Berge von Wasser, die dräuend gegen den Himmel steigen, die in der furchtbaren Dämmerung sich übereinander zu türmen suchten und gegen das Land schlugen. Mik weißen Kronen kamen sie daher, heulend, als sei ihnen der Schrei alles Raubgetieiz der Wildnis."
Stillere Bilder: Weihe Sandwege ziehen sich durch die Heide, die in violettrosa schimmernder Blüte steht. Ginster und Heidekraut, lichi« Birkenstämme. Alte Städte mit krummen Gassen und Fachwerkhäusern. Corvey, Höxter. Torfwagen knarren über die von Krüppelweiden eingefaßten Moorwege. Hier ist Raabe zuhause; Hermann Löns he! hier seine Wahlheimat gefunden. Nun formt der Mensch das Bild der Landschaft. Halden, Hochöfen und langgestreckte Montagehallen sind die Merkzeichen des Industriegebiets an der Ruhr. Unter Wolken von Rauch, bränaen Schienenwege und bizarre Krangerüste zu dem Dorübergleitenbt.1 i Strom: Der Rhein. „Ewige Unruhe bringt er in die Landschaft wie in die Seele des Menschen. Gefangener ist jeder in unerklärlicher Regung in feinem Anblick. Mag er von steinerner Brücke in Basel in das enteilende Grün seiner Kreise schauen, mag er herangesogen gegen die Enge bet Schieferfelsen im Loch von Bingen mit ihm dahingleiten, mag über gewaltiger Breite stehend durch das leichte Eisengehänge der Brücke von Köln er den Strom in die Weite verfolgen, immer ist er verfallen, denn das Geheimnis ewigen Strömens ist in ihm."
(Rudolf G. B i n d i n g, „Rdeinraufch .)
In einer Schlinge der Mosel liegt der Mont RoyalFvon dem aus Ludwig XIV. das linksrheinische Gebiet beherrschen wollte. Düstere Erinnerungen im gedämpften Zauber der Landschaft: „Von dem verlassenen Kloster überblickt man die steilen Schieferdächer der Stadt in allen ihren regellosen Lagen und Höhen zueinander. Das mildmatte Blau, bcs (onnenftumpfenbe und fonnenbämpfenbe Matt dieser Dächer, das tau n eine Farbe, nur einen stillen Schein der Landschaft zugesellt, ist das stimmende aller Moselorte. Rührend winzige Gemüsegärten bei den Häusern, nie ohne den Weinstock, der sich darüber am Berghang ober an der Grundmauer des oberhalb gelegenen Hauses emporrankt — urb zwischen dem allen die schmalen und steilen Stiegen, die die Strafen ersetzen: das alles ist Cochem, das alles ist so manches Dorf und Städtchen den Fluß hinauf und hinunter."
(Rudolf G. B i n d i n g, „Mofelfahrt aus Liebeskummer .)
Da ist am Fuße des Odenwalds die Frühlingspracht der blühenden Bergstraße; sie zieht sich zum Neckar, den Hölderlin besang:
„In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf Zum Leben, deine Wellen umspielten mich, und all der holden Hügel, die dich Wanderer kennen, ist keiner mir fremd.
Auf ihren Gipfeln löste des Himmels Luft
Mir oft der Knechtschaft Schmerzen; und aus dem Tal, Wie Leben aus dem Freudebecher, Glänzte die bläuliche Silberwelle."
Die Pfalz liegt vor uns, mit Burgruinen und Weinbergen, ,N schönste Garten Deutschlands". Dort das Elsaß, dessen Schönheit sich bem jungen Goethe von der Höhe des Straßburger Münsters zuerst t:< schloß. In den Hegau ragt die Basaltkuppe des Hohentwiel, und in bei Ferne schimmert der Bodensee unter dem goldgelben Teppich, den b*r Frühling über das Wasser breitet: „der See blüht".
Schwaben. Schubart vergaß hier über Schillers Dramen Gitters Schatten, den die Sonne malt auf meines Kerkers Boden. Weiter. Die Langzeilendörfer und verträumten Reichsstädte des Franke»' landes. Würzburg: „In der Tiefe liegt die Stadt, wie in der MiUi eines Amphitheaters. Die ^erraffen der umschließenden Berge bienten statt der Logen. Und aus dem Gewölbe des großen Schauspielhauses fair! der Kronleuchter der Sonne herab, und versteckte sich hinter die Erde denn es sollte ein Nachtstück aufgeführt werden. Ein blauer Schlei«! umhüllte die ganze Gegend, und es war, als wäre der azurne Himw-i selbst herniedergesunken auf die Erde. Die Häuser in der Tiefe lagen in dunklen Massen da, hoch empor in die Nachtluft ragten die Spitze» der Thürrne — und hinten starb die Sonne, und das blasse ZvdiakalüM umschimmerte sie, wie eine Glorie das Haupt eines Heiligen..."
(Heinrich v o n K l e i st an Wilhelmine von Zenge, 11.10.1800.)
Thüringen. In ihrem geschnörkelten Bett fließt die Ilm an der freundlichen Stadt vorbei mit den schmalen Häusern und den alten BrunM- Weimar. Unvergängliches Mahnmal deutscher Kultur seit Lucas Cranatzf Zeit, lieber den dunklen Fichten des Thüringer Waldes schrieb Goettz« fein „Nachtlied":
„lieber allen Gipfeln Ist Ruh, In allen Wipfeln Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vöglein schweigen im Walde.
Warte nur, halbe Ruhest du auch."
Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdrucke r e t, R. Lange, Gießen,


