Friedrich Wilhelm stieß die Tür auf. Es war, wie er erfennen tonnte, auch nicht möglich etwas zu hören.
Ann und Kelling standen Mund an Mund, jenen gerügten Augen- lick wiederholend, so versunken da, daß sie die Eintretenden mit keinem Laut vernahmen.
Wie nennt man das gleich bei Ihnen drüben, Miß
Noreland?"
Jetzt hatte der Himmel draußen seinen grauen Saum verloren ind strahlte in heiterstem Blau. Heber dieses strahlende Blau zog eine Keine weiße Wolke wie ein Märchenschiff. Niemand wußte, wo sie her- jkkommen war, ob das Grau sie emporschickte als Nachhut, um anzu- jeigen, daß nun die Wolkenzeit vorbei war, oder ob die Wolke ein Ge- iflttfe des Himmels war, der sich auf besondere Art in Erinnerung hingen wollte.
Jedenfalls verhielt sich die Wolke so, daß sie von Ann Moreland wd von Kelling gesehen werden mußte, die Sonne beglänzte sie, sie war IIein und licht und schien grade durchs Fenster, wie der Mond am Tage.
Auch der Kronprinz sah es und dachte, welch seltsame Wolke. Er hnnte weder Ann Morelands Lieblingslied von der kleinen weißen Volke, noch dachte er an eine besondere Bedeutung der Himmelserfchei- lung, doch war er sehr fröhlich.
„Ich werde den Feldgeistlichen rufen", sagte er, „eine Trauung ist im bestimmt eine willkommene Abwechslung im Feldquartier!"
Da schreckten die Liebenden auf. Ann ging auf den Kronprinzen !i und beugte sich, ihm die Hand zu küssen. Es war irgendeine ver- Iwommene Vorstellung in ihr, daß dies eine passende Geste des kankes sei.
Aber der Kronprinz entzog sich ihr und hob leise ihr Gesicht zu sch empor und küßte sie aus die Stirn.
Dann schob er Ann sanft zu Kelling hinüber: „Und nun wieder ms den Mund! Wie nennt man das gleich bei Ihnen drüben, Miß
Happy end, Königliche Hoheit", sagte sie leuchtenden Auges.
Novemberabend.
Von Bruno Wille.
Novemberabend kühlt und feuchtet. Die Ferne stirbt in Dämmerduft. Mit mattem Blinzeln nur durchleuchtet Ein Stern die nebeltrübe Luft. Gedämpfte Glockenlaute beben Weich summend über Stoppelfeld. Aus Wiesenniederungen heben Sich dunkle Massen in die Welt. Ein alter Pflüger mit dem Pferde Zieht müde heim! Die Pfeife glimmt. Vom Schäferhund umtummelt schwimmt Mit Blöken dorfwärts eine Herde. Mit qualmig-dunkler Röte säumt Der Himmel sich: Groß leuchtend taucht Der Mond empor. Die Landschaft träumt. Von Ruhesehnsucht überhaucht.
auf.
den
nur ein
Krühpirsch mit einem Zünftigen.
Don Angela von Britzen.
Es ist nachts vier Uhr. Ich klopfe hart an die Tür des Fremden- linmers. „AufstehenI" — Was geht mich schon dieser neue Jagdgast idnes Vaters an, dessen Namen ich gestern abend kaum verstanden inbe, und von dem ich nichts weiter weiß, als daß er heute auf den -Keneralsstand" gebracht werden soll, um auf einen jagdbaren Hirsch in Schuß zu kommen!
Meine schweren Jagdstiefel klappern die Treppe herunter. In der diele heben die Hunde wachsam ihre Köpfe und senken freundlich die iirmertfamen Oehrchen herab, als sie mich erkennen. Schlaft weiter, ihr Heinen Kameraden, Hirsche sind nichts für eure Rauflust!
Der Tee ist fertig und dampft. Der Gast tritt ein, wir frühstücken Weigsam. Er schiebt die Butter fort, „nein, bitte nur eine Brotkante hib Speck!" Das klingt nach einem zünftigen Jäger! Oder hat er •it äußeren Formen angenommen und ist doch in seinem Herzen «ehrerbietiger und ein Schießer?
Er sieht nach der Uhr. „3n dreiviertel Stunden geht die Sonne
Wie lang ist der Anmarsch?" „Fünfunddreißig Minuten!" „Also gehen wir!"
Er ist karg mit Worten. Nicht einmal »ach meinem Vater und «ii»en anderen Jagdgästen fragt er, die vor einer halben Stunde im mschwagen losgefahren sind, um an die andere Seite des Gehölzes ft gelangen.
Wir treten vors Haus. Breite Linien von Scheunendächern drängen B gegen den hellgrünen Himmel. Gemächlich klingt das Malmen vieler 'linier aus dem Dunkel der Ställe. Sie haben schon die erste Fülle
ns bekommen.
Das Dorf entlang, Matt leuchtet das Band der Straße aus dem gewissen Dämmer.
, Am Ende des Dorfes bleibt der Gast stehen und prüft den Wind, r ist günstig. Vom Wald her klingt schon deutlich das Schreien der «che. Zwei Stimmen sind hell und aufgeregt, sie sind noch draußen dem Felde. Aber eine dröhnt wie eine alte, grollende Glocke aus
*r',‘9sjeiten, sie ist seltener und dumpfer zu hören. „
, .Der Starke ist schon mit dem Rudel zu Holze gezogen , sagt «• Gast.
Da gehe ich nun mit einem Fremden durch die nächtlichen Felder per Heimat. Ich bin ihm feindlich gesonnen, weil er so st-lbstver- a»dlich diesen gesegneten Boden tritt, und nicht darum zu roiffen scheint, Mf>e Gnade es ist, sehen zu dürfen, wie der junge Morgen aus dem Seit Land geboren wird.
Ich kenne den schmalen Pirschstelg im Walde sehr genau und übet* nehme die Führung. Aufmerksam lausche ich hinter mich — wird der Gast mit der Büchse gegen einen Stamm schlagen, klappt sein Fernglas gegen einen Joppenknopf, tritt er unachtsam auf knackende Aeste? ’Rein. 3d) habe es also dach wohl mit einem Zünftigen zu tun, und dankbar atme ich auf, als fei hiermit die Ehre des edlen Wildes gerettet, auf das sich so oft die Büchse eines Unwürdigen richtet.
Rechts im Bruch bläst und planscht es. Wir bleiben stehen und hören das behagliche Schmatzen der Sauen ganz nahe. Aber im Osten wird e- bedrohlich hell, wir haben keine Zeit, ritterlich das Morgenbad der Schwarzkittel abzuwarten, und pürschen behutsam, mit angehaltenem Atem, an dem Bruch vorbei. Jeden Augenblick erwartet das Ohr ein Poltern und das empörte Blasen der alten Bache. Aber nichts ändert sich, wir sind unbemerkt vorbeigekommen.
Endlich der Generalsstand. Wir fetzen uns lautlos und nehmen di» Gläser an den Kopf, um zur Feldkante hin zu sehen.
Aus dem weißlichen Streifen des Nebels, der wie ein unschlüssiger, großer Reiher am Waldrande flattert, tauchen hie und da riesenhafte, gespenstisch Köpfe auf — das Kahlwild. Es äst noch vertraut, laut hört man das Knacken der fleischigen Rübenblätter. Nur das Leittier tritt sichernd und schon ein wenig unruhig hin und her. Weiter draußen auf dem Feld bummelt der Hirsch lässig hinter einem Schmaltier her und knört ab und an faul vor sich her. Er scheint noch nicht an Heimkehr in den Wald zu denken.
Der zweite Hirsch schweigt. Er ist wohl mit seinem Rudel nach links abgezogen. Aber rechts hinter uns; da, wo der vorigjährige Hau liegt, knackt es unaufhörlich und schiebt sich zwischen dem jungen Erlenauf- schlag hin und her. Und plötzlich zittert uns das Herz im Leibe: gang dicht bei uns schreit der Starke, tief und unwillig. Die Hand am Fernglas erstarrt, wir atmen kaum.
Frech und hell antwortet der Achter vom Rübenfeld her. Es ist, als hielte alles ringsum wegen dieser dreisten, jungen Herausforderung den Atem an. Ein eiliger Frühwind läuft durch das betaute Geäst und wie im Schauer fallen die Tropfen zur Erde.
Der Nebel hebt sich. Auf dem Felde steht das Rudel beisammen und äugt aufmerksam zum Waldrand herüber. Seitwärts wartet der Achter mit prahlerisch hochgeworfenem Geweih auf Antwort.
Da kommt sie. Kurz und knurrig, ein einziger böser, unheilkündender Laut aus einem schweren Körper! Hinter uns knackt es. Dann plötzlich bricht ein Poltern los, ein Geweih schlägt mit hellem Ton gegen Stan- genholz, es klatscht zwischen den knirschenden Rüben und wie ein böses Omen fegt ein ungeheuerer, dunkler Kasten auf das Helle Feld hinaus. In diesem Augenblick bricht von Osten her die Sonne über die Erde.
Es ist, als wären wir zurückgeschleudert in jene reine Zeit, da auf junger, ungeteilter Erde sich das Recht formte und die Kraft die ersten Grenzen entschied.
Prasselnd fliegen die dunklen Geweihe ineinander, diese weitausgelegten Kronen männlichen Herrscherwillens. Röchelnd geht der Atem durch die offenen Aeser beider Kämpen, die Kragen berühren fast den Boden. Zitternd stemmen sich die Hinterläufe in die weiche Erde und tief geneigt drängt das starke Genick mit dem gefährlichen Kampfwerkzeug auf den Gegner zu. Einen Augenblick stehen sie so mit vibrierenden Muskeln, festgemeißelt in Kraft und Gegenkraft, rasendste Bewegung in die Ruhe gebannt. Die Lichter leuchten hell und böse von untenher, und über den Köpfen erhebt sich wie wirres Geäst die Zahl der hellen, ineinander verflochtenen Geweih-Enden.
Stumm steht das Rudel und äugt mit umgewandten Häuptern zum Kampfplatz der beiden Rivalen herüber, abwartend in demütiger Ergebenheit, wer von nun an der Herr fein wird. Sie haben kein Mitleid und keine Treue, diese stillen Tiere, sie unterstehen dem Gesetz, daß nur der Stärkste gut genug ist, über sie zu herrschen!
Der Augenblick verkrampfter Ruhe ist vorbei. Mächtig schiebt der Starke den Geringeren rückwärts, knallend brechen die saftigen Rüben mitten durch vorn scharfen Schlag der rasenden Läufe. Aber alles Stemmen nutzt nichts, der Achter wird ineinander geschoben, knickt in den „Hinterläufen zusammen und bricht schließlich seitlich aus. Polternd verfolgt der Alke den Fliehenden, schlägt ihm mit dem Geweih zwei-, dreimal klatschend auf die Keulen und bleibt dann plötzlich verächtlich stehen, während der Gestrafte mit rasenden Fluchten im Holz verschwindet.
Da steht der Sieger im Rübenfeld, breit wie eine Scheibe und das eroberte Rudel zeiht demütig, in kurzen Tritten, auf den Gebieter zu, der sich nich: einmal nach feiner Gefolgschaft umblickt.
Neben mir hebt sich ein Büchsenlauf leise vom Knie zur Wange empor. Die Jagdpassion schlägt ungerufen und schonungslos wie eine Flamme aus dem Herzen bis zum Hals. Angespannt und in Erwartung des scharfen Knalles sehe ich auf das Blatt des Zwölfers, um beim Einschlag den breiten Schweißfleck darauf wahrnehmen zu können.
In diesem Augenblick legt der Hirsch das mächtige Geweih langsam hintenüber, daß die hellen Enden fast den Rücken berühren, öffnet weit das Geäst und schreit feinen Sieg und seine Liebe dem Rudel wie einen langen, tiefen Gesang entgegen. Auf seiner Decke liegt die schräge, rote Morgensonne, um ihn glitzert das tausendfältige Silbergewebe der licht- brechenden Tautropfen im dunkelgrünen Rübenkraut, und vor ihm steht wie eine flatternde Siegesstandarte sein weißer Atem in der klaren, kalten Frühlust!
Da senkt sich neben mir der Büchsenlauf mit einer sanften, fast ergebenen Bewegung. Als ich den Kopf zur Seite wende, sehe ich in ein Gesicht, das aufgebrochen ist. Mitten zwischen den Augen scheint sich dies karge Männerantlitz plötzlich aufgetan zu haben und es leuchtet daraus das ehrliche, rückhaltlose Pathos der Ehrfurcht.
Ja, jetzt sehe ich wohl, daß er ein echter Jäger ist, daß er, wie jeder Zünftige, ein versteckter Dichter ist und in sich den Beter, ja, den Anbeter des Schöpfers und seiner Geschöpfe verbirgt! Trunken fast hängt fein Auge an dem herrlichen Bild, das der Meister in dieser gesegneten Morgenstunde schlicht und kraftvoll aufgebaut hat dort draußen


