SiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1959
Montag, den 6. November
Nummer 86
Herz, wo liegst du im Quartier?
Ein heiterer Roman von Kurt Heynlcke
Copyright 6p Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
(Schluß.)
Kelling ließ die Redeflut verrauschen. Dann sagte er in den jäh aussteigenden Widerstand hinein: „Ein Wunder? Ich glaube nicht, daß ich vor Ueberraschungen stehe. Ich habe dem General von Marbitz alles gesagt. Und wie ich ihn kenne, hat er es dem Kronprinzen wiederholt."
„Was hast du ihm gesagt?" fragte sie.
„Nun, was zwischen uns geschehen ist", antwortete er müde.
„Ich verstehe das nicht. Wie meinst du denn das?"
„Wenn du verurteilt wirst, ja, wenn sich auch nur der Teil eines Verdachtes bestätigt, selbst wenn du schuldlos wärest und nur fahrlässig gehandelt hättest: ich dürfte nicht länger Offizier sein!"
„Oh", sagte sie, denn sie erkannte an seiner Stimme, wie hart es ihn traf.
„Warum hast du gesagt, daß wir uns lieben! Niemand wußte es! Und außerdem ist es ja vorbei, nicht wahr?"
„Weil es ehrlich ist, es zu sagen, Ann, habe ich es gesagt", erwiderte er still.
„Hoffentlich hast du mich jetzt verleugnet", meinte sie, „o ja, ich bitte darum!"
Er schüttelte den Kopf: „Im Gegenteil. Ich habe gesagt, daß ich dich noch immer liebel"
Ihre Augen waren offen und glänzten gegen die Helle, die im Raum herrschte, siegreich an. Ihr Mund bebte. Ihr Herz schlug froh. „Das hast du gesagt? Wann?"
„Heute", sagte er verloren.
„Du liebst mich, eine Spionin?" lockte sie.
„Ja", schrie er, „aber ich werde glücklich sein, wenn ich dich nicht mehr sehe! Und jetzt ist's genug! Hinaus!"
Und beinahe hätte er weit gröber zugefaßt als gestern der Kamerad von der Infanterie.
„Eine freche Person", sagte dieser, als Kelling mit Ann in den Hof trat. Er sah, daß das Lächeln noch immer auf Anns Lippen stand, und deutete es falsch, denn er wußte nicht, was ooraufgegangen war.
*
Der General von Marbitz war ein. Tintenhasser und Aktenfeind. Papiere, beschrieben, gestapelt und zu Akten geheftet, waren ihm ein Greuel.
Zwar bediente auch er sich der Schrift, aber nur dort, wo es nicht zu umgehen war. Sobald sich ein Bericht gespenstisch zum Selbstzweck erhob un3) die Tinte den Berichterstatter verführte, sich mit Worten auszubreiten, schickte er das Schriftstück ohne Erbarmen an den tintenfreudigen Urheber zurück und verlangte jene Kürze, der er sich selbst bediente.
I Die Aufgabe, das Protokoll des Hauptmanns Baernburg zu prüfen, übernahm der General mit einem Ingrimm, der die Zeit der Prüfung verlängerte und mit Schwaden schlechter Laune erfüllte.
Nicht genug, daß Kelling in den Fall verwickelt war! Jetzt mußte Marbitz auch noch Richter über ihn sein!
Baernburg hatte Vorfall an Vorfall, Verdacht an Verdacht aneinandergesetzt wie Mauersteine, die man zu einem kunstvollen Bau türmt, und die Steine waren so fest mit dem Mörtel der Schlußfolgerungen verbunden, daß das Ganze stand wie ein Haus im Wellerfturm. Alle Gegengründe, die einer der Verdächtigen vorbringen konnte, waren von vornherein zur Seite geschoben. ,
Der Hauptmann Baernburg bewies auf dem Papier die Schuld, ehe der General von Marbitz auch nur einen der Gefangenen vernommen hatte: der Bericht war, das fah Marbitz bewundernd ein, die gegossene Kugel: man brauchte nur loszudrücken und sie entriß sich dem Lauf
Der General stand am Kreuzweg. Es kam darauf an, welche Straße kr ging. Sicher konnte er die Macht, die in seine Hände gegeben war, nutzen und die Wegweiser umstellen. Er konnte einen Weg gehen,.der ohne Schaden für seinen Schützling Kelling verlief, doch war der Pfad dann vielleicht ein wenig krumm. m .
Bei solchen Gedanken stieg dem General von Marbitz die Rote ins Asicht, er schämte sich. Nein, sagte er sich, es wird gradeaus marschiert! Wenn Kelling Karriere und Ehre verliert, wird er trotzdem dos Schicksal
mit Haltung zu grüßen haben, auch wenn es mit Donner und Blitz hereinbricht.
Aber es schmerzte den General, daß grade e r der Herr jener dunklen Gewalten sein sollte, und daß er den Blitz auf den Aermsten schleudern mußte. Das war hier kein Rapport, das waren Mahlsteine! Hexenmeister- Mahlsteine, die Menschen zermahlen wie in einem bösen Märchen! Jedes Wort war ein Knirschen! Der General von Marbitz liebte den Hauptmann Baernburg garnicht.
Sollte Ann Moreland nicht trotz aller mittelbaren Beweise unschuldig sein? Wie aber konnte man es beweisen? Wie kann man zum Beispiel an den Weinhändler Fournier in Calais heran? Calais war von den Deutschen noch nicht besetzt!--Vielleicht in London beim Außen
minister Erkundigungen einziehen? Auf dem Wege über die Diplomatie, sozusagen in der Form eines schriftlichen Flaschenzuges, umständlich und mit verteilten Kräften?
Ehe Antwort kam, war bestimmt der Krieg vorbei. Aber der Fleck auf der Ehre des Premierleutnants Kelling war so groß geworden, daß er nicht mehr gelöscht werden konnte. Und wenn nachher das schönste Urteil wie mit weißem Seifensand aufmarschierte, so viel Dunkel vertrug eine Ehre nicht.
Kelling mußte vom Dienste beurlaubt werden, solange die Untersuchung, in die er am Rande verwickelt war, lief, das war unabänderlich auch für den General von Marbitz.
Verfluchte Weibergeschichte! Da sagt jemand: „Ich liebe dich!" und stellt kühn und selbstherrlich mit solchem Freibrief versehen die bisher ordentliche Welt auf den Kopf.
Oh, glückliches Alter, dem die Liebe als ungelöstes Rätsel endlich entschwand! Beneidete Jugend, der die Welt die Verkörperung der drei großgeschriebenen L's ist: Leben, Liebe, Leidenschaft!
So bewegte sich Marbitz bis zur Unbehaglichkeit im Gestrüpp philosophischer Ueberlegungen, als er zum Glück für die Philosophie zum Kronprinzen befohlen wurde.
Unterwegs trommelten die Gedanken ein hundertfaches „Nein!" in fein Gewissen: Ich gebe den Auftrag zurück. Ich will nicht den Würger spielen! Wenn nur der Bengel nicht so---beim Himmel! Ich könnte
ihn prügeln!
Der Kronprinz empfing den General. Er tippte auf den Rapport: „Sie fragen ihn wie ein Gewicht. Ich sehe, er drückt Sie!"
„Ich habe noch nie einen so logischen Schuldbeweis gelesen, Königliche Hoheit", erwiderte der General. Seine Brauen waren zusammengezogen, seine Stimme klang wie die Antwort eines Jungen, der eine mühsam gelernte Aufgabe wider Willen hersagt.
„Borstig gesonnen, lieber Marbitz?" neckte der Kronprinz.
Marbitz schwieg, es wollte ihm im milden Kreis des kronprinzlichen Wohlwollens nicht behagen, auch das „Nein", das er sich vorgenommen hatte, sprang nicht über seine Lippen.
„Es stimmt alles, lieber Märbitz, und es stimmt nichts, das habe ich beim ersten Blick gesehen. Dieser Verdacht ist ein schönes buntes Tuch, ein sehr kunstvolles Gewebe. Ein einziger Knoten hält das ganze Netz!"
„Königliche Hoheit sagen genau, was ich auch gefühlt habe! Dieser Knoten ist die Schuld der Ann Moreland!"
„Was halten Sie davon, Marbitz, lösen wir auf oder knüpfen wir fester?"
„Die Gerechtigkeit überlegt nicht", sagte Marbitz und erschrak, nachdem es heraus war, vor feinem Pathos. Auf einmal sah er Licht und Land und wußte doch nicht, warum.
„Und Ihr Schützling, der Premierleutnant?"
Der General gestand, daß er in Gedanken entschlossen gewesen fei, den Auftrag zurückzugeben, allein er halte dies jetzt für unwürdig, Pflicht sei Pflicht!
„Erfüllte Pflicht erhält den schönsten Lohn", erwiderte der Kronprinz. Er machte ein Gesicht, als wisse er genau, daß hinter solcher Belehrung die Beweisführung marschierte, wie die Kompanie hinter dem Trommler.
In diesem Augenblick meldete ein Offizier, daß der Premierleutnant Kelling die Ann Moreland gebracht habe.
„Ich möchte sie sehen, den Premierleutnant auch", befahl der Kronprinz.
Marbitz gab sich Mühe, durch keine Miene seine Anteilnahme zu verraten, aber seine Starre war Maske. Er versteckte dahinter sein erregtes Herz.
Kelling kam mit vorschriftsmäßiger Meldung herein und ließ Ann vortreten.
Der Himmel, der den ganzen Morgen grau und wolkenbehangen gewesen war, zerriß und sandte just in dieser Sekunde einen Strahl Sonne auf die Welt. Die Sonne schien zwar nickst ins Zimmer, aber da draußen der Tag heller wurde, atmete auch das Licht in den vier Wänden auf.


