Ausgabe 
6.10.1939
 
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um Im Anblick der allen, ewig sungen LagunenstadtGeist und Geirist zu erheitern".

Und nun geschieht etwas Merkwürdiges. Als Semmelweis von (einer Urlaubsreife zurückkehrt, empfängt ihn in Wien die Nachricht vom lote des Professors der gerichtlichen Medizin Kolletschka. Hart trifft ihn 6er Verlust des vertrauten Freundes; aber fo tief der Schmerz auch ist jo scheint es nun doch, als sei dieses Sterben nötig gewesen, auf daß hinstri die Mütter leben können. Kolletschkas Tod wird nämlich für Semmelweis

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Verantwortlich: vr. Fr. W. Lange Druck und Verlag: Brühlfche Universitätsdruckerei, R. Lange, Giehett.i

gung. Hinzu kamen die Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit manch» Aerzte sowie Bequemlichkeit und Verantwortungslosigkeit der Krank«» Haus-Verwaltungen. Das; Semmelweis für die Geburtshilfe allerpeinlldr» Sauberkeit und Chlorwasfer-Wafchungen nicht nur der Hände, sand« auch der Instrumente, der Bettwäsche usw. forderte, war schon schllm« denn es war dem damals vielerorts herrschenden Schlendrian im Hochs' ® Grade unbequem. Biel schlimmer aber noch war, daß Semmelweis i« unbestechlicher Schonungslosigkeit immer wieder die, peinliche Antbi» in die Welt hinaus^) «staunte, die Aerzte selbst seien es, die bei mangelnM Sauberkeit durch dte Verschleppung des Kindbettfiebers zu den Mördr® der Mütter würden.

brecher und Wegbereiter einer neuen Zeit gepriesen. , I Et

Weit gefehltl Wer solches annimmt, hat keine Ahnung von dem Bt- ®)t»el harrungsvennögen damaliger professorlicher Weisheit; und das ©oetti. Ein wort:Wir gestehen lieber unsere moralischen Irrtümer, Fehler utti Wit« Gebrechen als unsere wissenschaftlichen" erfuhr nun traurigste Bestä»

OerHefter der Mütter".

von vr. Gerhard Benzmer.

Mit Erlaubnis des Verlags Knorr 8- Hirth, München, ent­nehmen wir dem neuen Buch von Dr. Gerhard Benzmer Wissenschaft besiegt Mikroben" die nachstehende Leseprobe, wie Ignaz Philipp Semmelweis die Ursachen des Kindbettfiebers erkennt und damit zumReiter der Mütter" wird. Das reichillustrierte Werk bringt 30 dramatische Ausschnitt« aus dem Kampf der Wissenschaft gegen die Bazillen, die kleinsten, aber furchtbarsten Feinde der Menschheit. Darüber hinaus schafft es Aufklärung über die unheilvolle Bedeutung der über­tragbaren Krankheiten und gibt viele Hinweise für deren Erkennung, Bekämpfung und Verhütung.

Am Wiener Allgemeinen Krankenhaufe gab es um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zwei voneinander getrennte Gebürkliniken, die sich täglich im Aufnahmedienst abwechselten. Obgleich die Bedingungen der Unterbringung, der Verpsiegung, der ärztlichen Versorgung usw. in beiden durchaus gleich waren, bestand doch ein überaus gewichtiger Unterschied zwischen ihnen: die Erste Gebärklinik, an der die Studierenden der Medi­zin ihre Ausbildung in der Geburtshilfe genoffen, war als Fieberbölle berüchtigt, und man wußte nur zu gut, daß die Einweisung in diese Abteilung für allzuviele, mindestens für 10, ja bisweilen 30 v. H. der Wöchnerinnen das Todesurteil bedeutete.

Auf der Zweiten Gebärklinik dagegen, die der Unterrichtung der Hebammen diente, betrug die Sterblichkeitszahl nur etwa 3 v. H., und niemand wußte den Grund für diese merkwürdige Unterschiedlichkeit an­zugeben. Aber dies wußte man, und vor allein auch das Publikum wußte es: daß in der Ersten Klinik das grauenvolle Gespenst des Kind­bettsiebers umging und der Wöchnerinnen harrte. Und fo war's nicht im geringsten verwunderlich, daß die werdenden Mütter mit aller Gewalt, mit Lift und Betrug, mit Lüge und Verstellung dem Verderben zu ent­rinnen und sich in die Zweite Gebärklinik hineinzumogeln suchten.

zum grellen Lichtstrahl, der in das Dunkel der Kindbettfieber-Entstehuuz fällt. L)er Professor der Gerichtsmedizin war auf seltsame Welfe um Leden gekommen; ein Student hatte ihn bei einer Leichenöffnung ouj Unachtsamkeit mit einem Sektionsmesser am Finger verlegt. Daraus barte Kolletschka eine Blutvergiftung bekommen, der er alsbald erlegen wir, In Semmelweis' Hirn wirbeln die Gedanken durcheinander, llch urplötzlich kommt er sich wie ein Mörder vor. Sollte das Kindbettfieder etwa auch eine allgemeine Blutvergiftung fein; sollten am Ende gar er und seine Studenten allmorgendlich di« Ursache der schrecklichen Krankheit schleppt haben? ...

t den Augen. Daher die ungiech

mutterwandung eine einzige riesige Höhlenwund«! ...

Das ist eine niederschmetternde, aber zugleich auch erleuchtende (*: kenntnis; und Semmelweis, von unbestechlichem Willen zur Wahrhill' beseelt, zögert keinen Augenblick, aus ihr die notwendigen FolgeruiM zu ziehen. Sofort ordnet er an, daß jeder, der eine Wöchnerin beruhet,; sich zuvor aufs peinlichste zu reinigen und dann noch die Hände gründlich mit Chlorwasser zu waschen habe. Mit geradezu fanatischer Sorgfull wacht er über der Innehaltung dieser Vorschriften; und wenn sich auch die Studenten anfangs über ihn lustig machen, so zeigt sich's doch bo.il, wie berechtigt sein Eifer ist. Denn der Erfolg bleibt nicht aus: wähn noch im April des Jahres 1847 in der Ersten Klinik 18 von hunt»cl Wöchnerinnen vom Kindbettsieber dahingerassl worden waren, ftcrtun nachdem Semmelweis im Mai die Chlorwaschungen eingesührl hat - im Juni noch etwas mehr als zwei und im Juli gerade noch eine toi Hundert, so daß die Sterbezahl auf der ehemals so verrufenen Erstti« Klinik nun sogar die der wohlbeleumundeten Zweiten unterbietet! Geiitv melweis ist im vollsten Sinne des Wortes zumRetter der Mülle:' geworden! i . ji J

Man sollte nun glauben, die Wissenschaft Hove dem, der so Grotzu Es vollbrachte und die Richtigkeit seiner Anschauung durch schlagend« Ersolltt unter Beweis stellen konnte, einmütig zugejubelt und ihn als den B*1

Mißglückte ihnen dies, und wurden sie dennoch in die Erste Klinik eingewiesen, so spielten sich allemal herzzerreißende Szenen ab, und die Unglücklichen flehten schluchzend und kniefällig, man möge sie in die Zweite Klinik legen ober lieber wieder nach Hause schicken. Sie wußten allzu genau, daß die ärztliche Behandlung auf der Ersten Klinik nahezu gleichbedeutend mit der Erkrankung an Kindbettsieber war.

Wie Schuppen fällt es ihm nun von den Augen. Daher die unglech geringere Sterblichkeit auf der Zweiten Klinik; die Hebammen, bie bet ausgebilbet werben, haben nichts mit Sezierübungen zu tun! Den Stu­denten aber, die in der Ersten Klinik hantieren, hat er selbst jeden Morgm vor der Visite die Wirkungen des Kindbettfiebers im Leichenhause an Sm Verstorbenen vor Augen geführt! Und wenn fie bann die Ursache btr Seuche mit in ben Kreißsaal brachten, so war nicht einmal noch eti»; besondere Verletzung notwendig wie bei dem Unglückssall seines Freundist Kolletschka; denn nach der Geburt ist ja ohnehin die ganze innere ®efrö >

Diese einfache und handgreifliche Schlußfolgerung, nach der das Fieber eine Folge der Untersuchung und Versorgung durch die Aerzte darstellte, war für die einfachen Gemüter der Mütter eine gefühlsmäßige Selbstverständlichkeit; nur natürlich nicht für die Aerzte selbst. Diese ergingen sich vielmehr in allerlei unglaublichen Theorien für das Massen­sterben in der Ersten Klinik; sie verbrämten, wie dies so gern geschieht, ihre Unkenntnis mit unverständlichen Fremdwörtern, sprachen von einem atmosphärisch-kosmisch-tellurischen Miasma", von einer Herabsetzung der Widerstandskraft durch Verletzung des Schamgefühls bei den durch Stu­denten untersuchten Wöchnerinnen, und dergleichen Unsinn mehr.

Nur einer gab sich mit solchen, in hochtönende Worte eingekleideten Albernheiten nicht zufrieden: der deutsch-ungarische Assistent der Klinik Ignaz Philipp Semmelweis. Er war 1818 in Budapest als Sohn eines Kaufmanns geboren und hatte anfangs in Wien Rechtswissenschaften studiert. Als er aber gelegentlich mit einem befreundeten Medizinstudenten eine Anatomie-Vorlesung besuchte, fesselte ihn die Lehre vom menschlichen Körper in solchem Maße, daß er kurz entschlossen und ohne Trauer Jura Jura sein ließ und Mediziner wurde. Als Sondersach wählte er sich die Geburtshilfe, und als er fein« Examina bestanden und feine Ausbildung beendet halte, wurde er Assistent an der berühmten und zugleich berüch­tigten Ersten Gebärklinik des Wiener Allgemeinen Krankenhauses.

Seine Kollegen und Vorgesetzten hatten sich längst an das Massen­sterben in der Klinik gewöhnt. Sie waren im Lause der Jahre abgestumpft gegen das immer gleiche Bild des Jammers, gegen den Anblick jener unglücklichen Mütter, die mit Schüttelfrösten und Fieber, mit aufgetriebe­nem Bauch unb unerträglichen Unterleibsfchmerzen dem Tage entgegen­gingen, da sie sich für immer von den kleinen Wesen trennen mußten, denen sie eben erst das Leben gegeben hatten. Aber Semmelweis war von anderer Natur. Er halte ein empfindsames Herz, das von dem immer wiederkehrenden trostlosen Erlebnis nicht abgestumpft, sondern jedesmal nur noch tiefer betroffen wurde; und je öfter er das Läuten des Glöckleins vernahm, das ben Priester auf seinem Wege zu den Ster­benden begleitete, um so mehr wurde es ihm. wie er selbst schreibt, zur peinlichen Mahnung, der unbekannten Ursache des Unheils mit allen zur Verfügung stehenden Kräften nachzuspüren.

So geht er mit dem ihm eigenen Fanatismus ans Werk; unb während feine Kollegen den überkommenen Unsinn immer weiter nachbeten sucht Semmelweis in eigenem Forschen ben Ursachen des mörderischen'Kinb- betlfiebers auf den Grund zu kommen. Allmorgendlich begibt er sich, bevor die eigentliche Klinikarbeit beginnt, mit feinen Stubaiten ins Leichen­haus der Krankenanstalt, untersucht, zerschneidet und mikroskopiert; und dann wendet man sich von ben Toten den Lebenden zu, hoffend es möchten sich die im Leichenhaus gewonnenen Erkenntnisse zu Nutz 'und Frommen der jungen Mütter verwerten lassen.

Allein, des Priesters Glocke tönt nach wie vor durch die Gänge des Spitals; und je öfter Semmelweis das Läuten vernimmt, um so uner­träglicher wird es ihm. So furchtbar drückt ihn der Jammer, ben er tagtäglich mit anfehen muß, daß er schon damals gemütskrank zu werden droht.

Er fühlt es, daß eine Ausspannung, «in Wechsel der Umgebung nötig Ist, um ihn vom Schlimmsten zu bewahren; und fo unternimmt er als der Frühling des Jahres 1847 ins Land zieht, eine Reife nach Venedig,

Seine Fachgenosien, die zünftigen Profefforen der Geburtshilfe, bebint vor Zorn. Was fiel diesem jungen Assistenten ein? Man wußte sich nioö. besser zu helfen, als indem man der von Semmelweis immer wieder iroj leidenschaftlicher Ueberzeuaung erhobenen Forderung, dasMorden müsse aufhören, dünkelhafte Ablehnung und eingebildete Besserinissm» ober gar offenen Hohn unb Spott entgegensetzte. Die hochgelahrten Heren« faselten weiter von ihrematmosphärisch-kosmisch-tellurischen Miasnm dem man nun einmal nicht entgehen könne; und als ihnen Semmeln>Wl der mit fanatischer Unentweatheit fein Ziel verfolgte, gar zu unbequt:«1 wurde, machten fie reinen Tisch; den Universilütsgewalligen kann ' es ja nicht allzu schwer fallen, den breiunddreißigjährigen Assistenten Strecke zu bringen...

Kaum hat er Wien verlassen unb ist in feine Vaterstabt Pesturu'i' gekehrt, so steigt die Sterblichkeit in der zuvor von ihm betreuten ®eb®f' klinik wieder fürchterlich an. Die Aerzte und der Chef lassen ben Ding'® ihren Lauf in Wien sowohl wie in allen übrigen Gebärkliniken; uire die Ohnmacht, mit der Semmelweis zujehen muß, wie auf der ganz'' Welt die Mütter unnötig hingemordet werden, die Verbitterung ulr maßlose Enttäuschung eines Mannes, der in heiligster UeberzeugunW' treue das Beste unb Richtige wollte, aber sich gegen ein Uebermaß w Gleichgültigkeit und Gemeinheit nicht durchzusetzen vermochte, mögen Do beigetragen haben, den Verlauf einer Gehirn- und RückenmorkskvankY!'M die Semmelweis befallen hatte, zu beschleunigen. Sein Geist umnaan®1 sich, und al? 47jähriger starb Semmelweis in der Irrenanstalt Döbli>fl bei Wien. Eine Laune des Geschickes wollte es, daß zu seiner elgenNia" Todesursache eine eiternde Fingerwuirde wurde, die zu allgemeiner biii Vergiftung führte. So ging er an der gleichen Krankheit zugrunde, ® damals feinen Freund Kolletschka hingerafst halt« unb die recht eigenu" zum zündenden Funken für die Semmelweisfche Entdeckung genioro»; war.