Herbftsonnette.
Von Hedwig Forst reute r.
Noch einmal blüht am Weg der Rosenstrauch. Wie er so zärtlich seine Blüten hält. Daß vor der Zeit nicht eine ihm entfällt! Und sie zu rühren scheut der Wind sich auch.
Vom Dorfe kommt schon erster Abendrauch, Der See liegt glatt, von keiner Bö gewellt, Ein Spiegel, der sein Rund zum Himmel hält. Als warte er auf eines Atems Hauch,
Der nicht von dieser Welt, sehr sanft und still Mit leiser Botschaft durch die Bäume weht, Wenn facht das letzte Laub sich lösen will ...
Ob er nicht wartend schon am Walde steht, Ein Schatten um der Felsen Steingerill, Vor dem die Kreatur in Scheu vergeht?
O Fremder, der du dich im Dunkel bäumst Und aller Blüten letzten Farbenschein Tief in dich trinkst, weil jede ja schon dein, Wie lang du auch im Niedersteigen träumst, — Der du an Buchenhängen farbig schäumst Und Ranken niederreisst vom wilden Wein, Die Früchte dehnen sich in süßer Pein Und fallen vor dir nieder, wo du säumst.
Ihr Rot und Gelb, der weiten Himmel Licht So ätherklar, sie strahlen nicht so hold, Wär nicht ihr Glanz der Ausklang vom Gedicht
Der letzte Tropfen, der vom Becher rollt. Triumph und Schweigen in dem Nachtgesicht Und riesig ragt der Tod ins Abendgold.
Das Schicksal.
Von Anton P. Tschechow.
Auf der Station Bologoje setzt sich der Eisenbahnzug in Bewegung. In Rauchteil des Wagens 2. Klasse sitzen im Halbdunkel fünf Passagiere, i leichten Schlaf versunken. Sie hatten soeben einen kleinen Imbiß zu 'slt genommen und versuchten, an die Rückwand gelehnt, Schlaf zu finden.
Plötzlich öffnet sich die Tür, und in den Wagen tritt eine hohe, hagere stall — steif wie ein Stock mit fuchsbraunem Hut und elegantem SinteL Die Gestalt bleibt mitten im Wagen stehen und blickt mit zu- jtiüffenen Augen auf die Plätze.
„Nein, auch dieser Wagen ist es nicht", murmelt er. „Der Teufel weiß, i das zugeht, es ist geradezu empörend."
Ein Reisender sieht die Gestalt scharf an und ruft fregdig aus: „Iwan Alexejewitsch! Sind Sie es wirklich?"
Der steife Iwan Alexeiewitsch erkennt den Reisenden, schlägt die inde zusammen: „Ha, Piotr Petrowitsch! Wieviel Winter, wieviel 6:rnmer sind es her? Ich wußte es ja gar nicht, daß Sie in diesem ige fahren." „
„Ja, sind Sie denn noch unter den Lebenden? Wie geht es Ihnen? „Es geht mir leidlich ... Doch wissen Sie, Väterchen, ich habe den ^gen verfehlt und kann ihn jetzt nicht mehr finden. Bin ich nicht em !itot?" Er wackelt und kichert dazu. „Nach dem zweiten Glockenschlag 6g ich nochmals aus, um einen Kognak zu trinken. Da ertönt das dritte
ckenzeichen ... Ich springe in den nächstbesten Wagen. — Nun, bin hldenn nicht wirklich ein Idiot? Bin ich nicht der Sohn einer Henne?
„Setzen Sie sich zu uns", sagt hieraus Piotr Petrowitsch, „es gereicht 6 zur Ehre, wenn Sie Platz nehmen."
Iwan Alexejewitsch atmet schwer auf und nimmt gegenüber Piotr mowitsch Platz. Er sitzt wie auf Nadeln.
„Wohin fahren Sie?" fragt Piotr Petrowitfch.
„Mein Ehrenwort! Ha, ha ... Können Sie sich s vorstellen: ich mache ^ne Hochzeitsreise. Bin ich also nicht ein Dummkops?
„Was, Sie haben sich verheiratet?"
„Heute, mein Lieber! Getraut und zum Zuge."
„Aus diesem Grunde", lachte Piotr Petrowitsch, „haben Sie sich wie
Geck herausgeputzt." ., , „ •,
, Freilich ... Zur vollkommenen Illusion habe ich mich sogar mit to.füm bespritzt . . Seit meiner Geburt habe ich mich noch nie so wohl
2r schließt die Augen. „Stellen Sie es sich einmal selber vor Ich 'le jetzt in meinen Wagen, dort auf dem Polster sitzt em Geschöpf, das Klagen mit seinem ganzen Wesen mir ergeben tft So e>ne kleine Undine mit kleinern Näschen ... mit Fingerchen . Du mem Seelchen, le»i Engel, mein molliges, kleines Seifenblaschen! Du Reblauschen ’fncr Seele! Und das Füßchen! Ich würde es am liebsten ergreifen und Wn. Ja, jetzt werde ich also in meinen Wagen gehen. Ein Lächeln Niingt mich. Ich setze mich an ihre Seite und kitzle sie mit zwei Fingern fr Sinn .. " , . ß. „
2r lacht in glückseligster Stimmung. „Da legt man fe,"e" ...ftopr >hre kleine Schulter und umfaßt ihre Taille. Ringsum allesstill . ...
Mes Dämmerlicht ...In diesen Mmuten konnte ich die ganze M' t umarmen! Piotr Petrowitsch, gestatten Sie, daß ich Sie umarn
11 beiden Freunde umarmen sich unter freudigem Gelachter der
„Zur Verstärkung der Illusion gießt man seine zwei, drei Gläschen hinter die Binde. Ich bin doch ein kleiner, nichtssagender Mensch, und doch kommt es mir vor, als ob ich keine Grenzen hätte ... Die ganze Welt umfasse ich!"
Die Reisenden werden von der Fröhlichkeit des angeheiterten glücklichen Jungverheirateten angesteckt, ihr Schlaf ist dahin. Jetzt haben sich an Stelle des einen Zuhörers fünf um Iwan Alexejewitsch eingefunden. Er tanzt wie auf Nadeln, er sprudelt über, fuchtelt mit den Händen und fchwatzt dazu ununterbrochen. Dann lacht er wieder, und alle lachen mit.
„Die Hauptsache, meine Herren, ist, so wenig wie möglich zu denken! Zum Teufel mit all diesen Analysen. Will man trinken — also, so trinke man, ohne zu philosophieren, ob es schädlich oder nützlich ist ... All diese Philosophie und Psychologie ist nicht den>Teufel wert!"
Durch den Wagen geht der Kontrolleur.
„Lieber Mann", wendet sich an ihn der Neuvermählte: „Wenn Sie durch den Wagen Nummer 209 gehen werden, so suchen Sie dort die Dame mit dem grauen Hut und weißen Vogel auf und sagen Sie ihr, daß ich hier sei."
„Wie Sie befehlen. Doch hat dieser Zug keine Nummer 209, dagegen die Nummer 219!"
„Also 219! Das ist doch einerlei! Bestellen Sie genau dieser Dame: ,Jhr Mann ist wohl und unversehrt!'"
Iwan Alexejewitsch faßt sich plötzlich an den Kopf und stöhnt? „Prügeln sollte man dich ... Und du willst ein Mann sein! Ein Idiot bist du! ... Sie dagegen! Gestern war sie noch ein Mädchen, ein Käferchen ... Man könnte es kaum glauben!" ...
„In der jetzigen Zeit ist es eine Seltenheit, einen glücklichen Menschen zu sehen", sagte einer von den Reisenden. „Viel eher kannst du einen weißen Elefanten sehen."
„Ja, und wer ist daran schuld?" fragt Iwan Alexejewitsch, feine langen Füße mit den überaus schmalen Spitzen ausstreckend. „Wenn Sie nicht glücklich sind, dann sind Sie selber daran schuld! Ja, und wie denken Sie darüber? Der Mensch selber ist der Schöpfer feines Glückes. Wenn Sie wollen, so können Sie glücklich werden, aber Sie wollen es ja nicht. Äartnärfig gehen Sie dem Glück aus dem Wege!"
„Da haben roir’s! Aber wie denn?"
„Ganz einfach! . Die Natur hat es bestimmt, daß der Mensch im gewissen Alter lieben soll. Sobald dieser Zeitpunkt gekommen ist, muß man auch aus allen Kräften lieben. Aber Sie folgen doch der Natur nicht. Immer warten Sie noch auf etwas. Und weiter ... das Gesetz schreibt vor, daß jeder normale Mensch eine Ehe eingehen muß ... Ohne Ehe gibt’s kein Glück. Ist eine günstige Zeit gekommen, nun dann heirate und zögere nicht ... aber Sie heiraten nicht. Sie warten immer noch auf etwas! Außerdem steht es in der Schrift, daß der Wein das Herz des Menschen erfreut ... Wenn es dir gut geht und du willst, daß es dir noch besser gehe, dann gehe also an das Büfett und trinke."
„Ihrer Behauptung nach ist der Mensch der Schöpfer seines Glückes. Was für ein Schöpfer ist er denn, zum Teufel, wenn es nur einen kranken Zahnes ober einer bösen Schwiegermutter bedarf, damit das Glück ..."
„Alles hänak vom Zufall ab. Würden Sie Unglück in Ihrer Ehe haben, bann würden Sie ganz anders fingen
„Unfinn!" protestierte der Iungvermäblte. „Zufälle fürchte ich nicht, da es für solche keinen Grund gibt. Zufälle sind selten! Der Teufel hole sie! Doch wir scheinen uns der Kleinhaltestelle zu nähern."
„Wohin fahren Sie eigentlich?" fragte Piotr Petrowitsch. „Nach Moskau oder irgendwohin noch weiter südlich?"
„Wie ist es denn möglich, daß, wenn man nordwärts fährt, irgendwohin nach Süden kommen soll?"
„Aber Moskau liegt doch nicht im Norden."
„Das weiß ich, aber wir fahren ja jetzt nach Petersburg!" entgegnete Iwan Alerejewitfch.
„Nach Moskau fahren wir, wenn Sie gestatten!"
„Das heißt .. wieso nach Moskau?" fragt verwundert der Jung- vermählte. ~
„Sonderbar ... Wohin haben Sie die Karte gelost?
„Nach Petersburg."
„In diesem Falle gratuliere ich, Sie sind in den falschen Zug geraten.
Eine halbe Minute vergeht unter Schweigen. Der Jungvermählte erhebt sich, stumpf streifen feine Blicke alle Fahrgäste.
„Ja, ja", erläutert Piotr Petrowitsch: „In Bologoie sind Sie nicht auf den Zug aufgesprungen ... Sie wurden also durch den Kognak veranlaßt, in den entgegenkommenden Zug zu steigen."
Iwan Alexejewitsch erblaßt, saßt sich an den Kops und beginnt rasch auf und ab zu gehen.
„Ach, ich Idiot!" sagt er voll Entrüstung. „Ach, ich elender Kerl, der Teufel soll mich fressen! Was werde ich jetzt bloß tun? In dem anderen Zug ist doch meine Frau! Sie ist dort allein, wartet und schmachtet! Ach, ich elender Narr!" „ . v , .. , ...
Der Jungvermählte fällt auf den Polstersttz zurück und krümmt sich, als wäre man ihm auf ein Hühnerauge getreten.
„Ich bin ein unglücklicher Mensch!" seufzt er. — „Was werde ich nun mUrfWun 3nunmaS" trösten ihn die Fahrgäste. Das ist doch eine Lappalie. Telegraphieren Sie Ihrer Frau und versuchen Sie, sich unterwegs in einen Schnellzug zu setzen. Auf diese Art werden Sie sie einholen.
Suriermg'" jammerte der Iungvermahlte, der „Schöpfer seines Glücks," — „Woher soll ich aber bas Gelb zu biefem Kurierzug nehmen? Mein ganzes Gelb hat ja meine Frau! .."
Die lachenben Fahrgäste flüsterten sich etwas zu, veranstalteten eine Sammlung unb versorgten den Glücklichen mit Gelb.
(Aus bem Russischen von Alexanber von Neuhoss von ber Ley.)


