Ein Veilchen Juny, ein Veilchen blau, es war allein auf grüner Au, stand fröstelnd auf dem einen Bein und trank den ganzen Sonnenschein als goldnen Wein in sich hinein! Da ward das blaue Veilchen violett.
Das Veilchen war nun violett.
Ach, wenn ich's einmal wie das Veilchen hättl Ich tränke jedes Glas voll Wein als lauter goldnen Sonnenschein in mich hinein.
Ich würde blau, vielleicht auch violett. Ach, wenn ich's wie das Veilchen hätt!
Das Veilchen jung, das Veilchen blau, es stand allein---
Poiporence begann wieder von vorn. Er wuhte nicht, woher er das Lied kannte, doch ja, ein Kamerad, der Weinküfer war, hatte es im Stall und auf dem Bock gesungen, bis ihn Poiporence schweigen hieß.
Die Verse waren nicht schön und auch nicht geistreich, doch das waren Ansprüche, die Theophil nicht machte. Aber die Strophen gaben ihm Gelegenheit, mit seiner Stimme Lärm zu machen. Der Lärm überschlug ich wie das Geheul eines Wesens aus mythischer Unterwelt.
Füsilier Kutschbach war der erste, der die Ursache des Lärms begriff. Er trinkt da unten", sagte er. Und als die andern aufhorchten, setzte er hinzu: „Also muß hier ein Weinkeller sein." Kutschbach als Gastwirt besah Witterung für Küche und Keller. .
Unteroffizier Weidlich bemerkte, daß dies ein Unglucksquartier sei: gestern dieses Weib, heute der Herr, ohne Krach gehe es hier nicht ab. Aber er sei müde und lasse sich seinen Schlaf nicht verplärren.
„Soll ich ihn aufs Maul schlagen?" fragte Kutschbach derb.
„Oder", kicherte Füsilier Winter, „wir saufen auch!"
Weidlich meinte streng, eigenmächtiges Requirieren sei verboten und Trunkenheit werde bestraft. . .
„Wir kaufen, wie wir die Gans gekauft haben, einige Flaschen, der Musjöh ist in einer Stimmung, in der man gewöhnlich nicht nein zu sagen pflegt", äußerte Kutfchbach, denn er hatte ein hartnäckiges Wefen und gab einen Gedanken nicht leicht auf.
Dann aber schwieg der Gesang plötzlich. Die Manner lauschten. „Er ist eingeschlafen", sagte Winter.
Aber Theophil Poiporence schlief nicht. Obwohl sein Kopf fest zwi- fchen den Schultern saß, schien er einer karussellartigen Drohung preis- gegeben zu sein. Füße und Rumps hatten offenbar keine andere Ausgabe, als dem Kops nachzulaufen, der ins graue Ungewiße zu stürzen drohte.
Es war schwer, dem Kopf zu folgen. Denn Theophil hatte die Hande nicht frei. Beide Arme hielten Flaschen umklammert.
So schob er in die Gruppe der Soldaten hinein, errang für einen Augenblick das ersehnte Gleichgewicht und stellte die Flaschen auf den Tisch.
Eine Gebärde machte die Einladung klar.
Die Männer sahen sich vergnügt in die Augen: Wunsche haben Zaubermacht. ,, _ x ,
„Nein", sagte Weidlich und erntete enttäuschte Gesichter, aber er fuhr fort: „Wenn wir sie nehmen, zahlen wir sie!"
Sie zahlten. Poiporence nahm das Geld, er wußte nicht wofür, er sah auf dem Polstersessel des Herrn Beauvisage und döste.
Ihm dämmerte, während die Soldaten bedächtig und ohne Hast tranken und ihn mit luftigem Mitleid betrachteten, dah er Germaine vergessen hatte. .... .
Was war nur mit Germaine? Weshalb war fie nicht bei ihm k Aber er durchdrang, einem Schiffbrüchigen gleich, auf den Wogen feines Zustandes schwimmend, nicht den Nebel, den sein Hirn umhulltc.
Er wuhte nur, daß er Sehnsucht nach der Griselle hatte. Er seufzte laut: „Germaine!" , . ... ,m. .
Weidlich hörte es und jagte: „Beauoifage schreit nach seiner Wirtschafterin, die wir ausgewiesen haben!"
Kutfchbach überlegte mit feinem guten Herzen, ob man nicht den Armen ins Bett geleiten follte, denn dieser Mann war sichtlich hilfws, und außerdem störte er. ..
Kutschbach wußte von daheim, wie man mit Betrunkenen umgetji. Die Groben warf er hinaus, den Liebenswürdigen verschaffte er ein Lager und ließ sie ausfchlafen.
„Ich wette", jagte er, „die Erstelle hat ihren Herrn immer ins Bett gebracht, wenn er betrunken war!"
Da geschah etwas Seltsames. Poiporence stieß ein langes triumphierendes Gelächter aus. Es war ihm gelungen, sich zu erinnern, wie Germaine es angestellt hatte, der Ausweisung zu entgehen.
Im Nu aber überschwemmte das graue Nichts diesen Lichtblick wieder. Wie ein Fels allein blieb das Bewußtsein in ihm, d°ß mer- maine ja nicht fort war, sondern hier, nahe, im Hause und bereu, ihn in die Arme zu schließen.
Manche Menschen machte der Wein schweigsam, anderen gibt er eine schwere Zunge, Poiporence wurde gesprächig, und plötzlich reoei er schnell, aber man verstand ihn nicht. .
Er merkte es mit Mühe und wurde ungehalten. Er suchte viele Trunkene Beifall und wollte benrünbert werden.
(Fortsetzung folgt.)
„Das kannst du dir wohl gar nicht denken", erwiderte er, als sein Durst gelöscht war. t . ,, ,, .
Er setzte sich hin, legte den Kops zurück und befahl: „Und nun rasiere mich, wie du Beauvstage rasiert hast. Denn ich bin Beauoifage!
„Du bist nicht Beauoifage, du bist verrückt!"
.Nur schlau, mein Liebling, nur schlau", versetzte er, „denn ich kann mich sehen lassen, verstehst du? Ich werde den Deustchen sagen, ich sei Beauoifage, der zurückgekehrte Hausherr!"
Bewunderung, Angst, Furcht drängten sich m ihrer Brust.
„O Gott!" seufzte sie.
„Kennt einer der Soldaten Herrn Beauoifage?
„Natürlich nicht!" . . r .
Also!" Er legte den Arm um ihre Schultern und ließ seine Sttmme zärtlich fließen: „Jetzt muh ich für dich sorgen, wie du für mich gesorgt hast." Er lachte auf: „Ich bin nicht fo grausam, dich in die Bodenluke zu sperren. Du kannst hier bleiben. Es ist das Zimmer des Hausherrn, also das meine! Ich werde es immer oerfchlossen halten!"
Ihr sonst so sicheres und derbes Wesen ertrank plötzlich in lauter Hilflosigkeit. Am liebsten wäre fie klein wie eine Maus geroefen, damit Theophil fie in die Tasche stecken konnte. ..
„Ich weiß nicht", tröstete Poiporence, „weshalb du dich gramft. Da kannst hier den ganzen Tag schlafen und brauchst nichts zu tun. Ich werde auch keine Lust haben, mich mit den Herren Soldaten emzulasfen."
Die Griselle sagte nichts mehr. Ihr war weh zumute. Ihr Mund wurde schief. Sie weinte. Weinend begann sie, Theophil zu rasieren.
Später eilte sie noch einmal in die Küche und holte Brot und Speck, der Sicherheit halber, damit sie dem Hunger begegnen konnte.
Aber das Weinen war ihr immer noch nahe, der Bock stieß sie noch, als fie zu Bett ging. . ,
Und nichts hätte sie dagegen gehabt, wenn bei ihrem Aufwachen Theophil verschwunden wäre und statt feiner Herr Beauoifage an ihrem Bett gestanden und den Tageslauf befohlen hätte. Aber ach, fie wußte, daß der Schlaf nur eine vergebliche Flucht vor dem kommenden Tag war. Sie traute der nahen Zukunft gar wenig Gutes zu.
Poiporence fchnüffelte, nachdem er Germaine sorgsam in Beauoifages Schlafzimmer eingefcijloffen hatte, durch das Haus. Er durfte es freilich fo wenig verlassen wie Germaine, denn die Neugier der Nachbarn konnte ein Geschwätz entfachen. .
So strich er umher wie ein Kater, der sein Jagd- und Liebesrevier in Besitz nimmt. Im Keller machte er eine Entdeckung. Am Gemäuer hochgestapelt in aus Latten gebildeten Fächern türmten sich Flaschen um Flaschen: goldener Wein von den Gates d'or, dunkelroter aus Burgund.
Als Poiporence sich der ersten Flasche widmen wollte, hörte er, daß die Soldaten in ihr Quartier zurückkehrten. Seine Hand zögerte und lieh die Flasche wieder fahren.
Theophil, mäßigen und gemüttjaften Naturells, hatte Germaines jähzorniges Verhalten immer verurteilt. Entschloßen, mit den Deutschen ein freundliches Einvernehmen herzustellen, köpfte er nun die Flasche. Nicht aus Vergnügen am Trunk, sondern aus Berechnung und Vorsorge. Denn Theophil Poiporence war noch nicht Beauoifage, und es gehörte Mut dazu, den Deutschen beizubringen, dah er der Hausherr war. In der Tat spülte der Burgunder jene Hemmungen hinweg, die wie Geröll über dem kühnen Plan lagen.
Nach dem Genuß der Flasche stieg Theophil Poiporence empor.
„Beauvisage!" sagte er und machte dem Unteroffizier Weidlich klar, daß er zurückgekehrt fei, als Hausherr, der in solcher Zeit in seine vier Wände gehöre.
Weidlich begriff bald und verständigte ihn mit Mühe davon, daß man leider die Magd Griselle habe entfernen müßen.
Theophil erwiderte durch eine Geste, daß er von der Person nie allzuviel gehalten habe.
Beide Parteien schienen froh, das notwendige Nebeneinander mit Verständnis geregelt zu haben.
So schwebte Theophil mit stillem Vergnügen in die Unterwelt zurück. Sie war nicht des Teufels, wohl aber des Weines. Aber es sind im Weine zwei Gewalten mächtig, es kommt nur darauf an, welche der Mensch beschwört, den Gott oder den Teufel.
Das Behagen, welches der Wein verschafft, ist einem Bergbach vergleichbar, der munter über die moosigen Steine quirlt, bis zum Grunde klar und lieblich. Indem er aber gemach hier und da andere Quellen aufnimmt, wird sein Laus breiter und wirbliger, er lugt über sein Bett hinaus, sprüht um Felsen und Hänge und ist drauf und dran, in heiterstem Lauf immer neue Bereiche zu erobern.
Ein Glas Wein ist kein Glas Wein, erst wenn man den Trunk sammelt wie der Bergbach die Quellen, gerät das Herz in den Strom stillen Vergnügens und goldenen Entzückens, die Lebensfreude springt und gibt dem Tal des Alltags einen freudigen Klang.
Wenn aber der Bergstrom vollgesogen ist von Nässe, Regen und Schmelzwaßern, ertränkt er Wiesen und Auen, donnert gegen die Mauern der Mühlen und jagt die Notglocke der Abwehr in den Dörfern auf.
Wehe, wenn der Wein nicht mehr auf dem Tisch steht, sondern wenn er den Menschen unter den Tisch geworfen hat! Wie Wasserflut im Tal Wiesen und Felder verheert, überschwemmt er den Verstand des Menschen und macht ihn wagemutig, wo er vorsichtig sein sollte.
O dunkles Getränk aus Burgund! Nie hatte Theophils Zunge so prächtige Sorten geschmeckt. Ja, nun war er über Reichtum geraten, er war voller Gelüst und probierte hier und da. Und dann trank er seßhaft im Keller, die Stunden nicht zählend.
Eine Seligkeit ohnegleichen erfaßte ihn. Ihm war, als hätte ihm die Zunge wählend seines' ganzen Lebens wie ein Bleitlöppel im Munde gelegen, nun aber war fie gelöst.
Die Zunge schwebte. Im Schweben fing fie ein Lied ein. Es war kein Lied. Es war ein gefangener Kranz aus Worten, und das letzte Wort b'h das erste in den Schwanz.


