GietzenerZamilienblälter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1959 Hreitag, den 6. Vttober Hummer 77
Herz, wo liegst du im Quartier?
Ein hellerer Roman von Kurl Heynlcke
Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
12. Fortsetzung.
Ein zaghafter Finger klopfte an die Tür des Fremdenzimmers. Germaine ahnte, daß es Herr Labatut war, der Ann sprechen wollte. Die Griselle atmete laut wie eine Schlafende, um den Maire zu täuschen.
Es gelang. Labatut schlich auf Zehenspitzen davon. Ach, er hatte so viel Sorgen, daß er nicht wagte, in seinem eigenen Hause laut aufzutreten.
Die Kompanie war vollzählig. Baernburg trat aus dem Haus. „Guten Morgen, zweite Kompanie!" „Guten Morgen, Herr Hauptmann!"
Dieser Augenblick spannte Germaines Aufmerksamkeit: sie handelte. In Strümpfen, lautlos wie eine Katze auf Mäusefang, drehte sie sich schnell über die Stiegen und in den Garten.
Bevor sie ihn durchschritt, verhielt sie. Es war ganz still. Nur vom Platz her, durch die Mauern des Hauses zu Wortfetzen und Undeutlichkeit verstümmelt, kamen Kommandorufe.
Die Griselle zog schnell die Schuhe an, dann huschte sie durch das grüne mauerumMossene Revier. Zwar kreischte die Tür in der Gartenmauer, aber ©enhatne war hurtig.
Der Maire hatte das Gartenpförtchen gehört, aber als er ans Fenster trat, blitzte nur der letzte Tau auf der grünen Fülle des Gesträuchs, es wogte ein wenig, aber das war wohl der Wind.
Germaine Griselle eilte indes auf Nebenwegen in das Haus ihres Dienstherrn. Lange umschlich sie es, legte das Ohr an die Tür und horchte.
„Alle weg!" schrie eine Nachbarin und erschreckte Germaine durch den schrillen Klang ihrer Stimme. Die Griselle wagte es. Sie verschwand i-m Haus.
Auf der Treppe aber mußte sie sich setzen. Die Spannung vom Wend zum Morgen hatte sie zermürbt. Sie faltete die Hände übers Knie und starrte mit offenem Mund und blöden Augen ins Leere. Das Hirn war mit einem scharfen Besen wie ausgekehrt, sie hatte keinen Bedanken, ihr war, als hinge ihr ganzes Dasein in der Lust und sie lönne sich nicht rühren.
Bald aber sammelten sich die Geister des Lebens wieder, chre Augen letloren die Starre und blitzten, als schösse Feuer hinein. Im Nu war sie auf den Beinen und raste hinauf zu Theophil.
Poiporence hatte mit geduldiger Zuversicht auf ihr Erscheinen gewartet. Gegen Abend ergriff ihn die Angst, er könne entdeckt werden, denn es kamen Soldaten auf den Boden, Sie suchten etwas und stöberten in dem Gerümpel herum, bald aber ließen sie ab, weil es «unkelte und sie sich nicht mehr zurechtfanden.
Gegen Morgen vergrämte sich die Laune Theophils, nicht nur weil ttermaine ausblieb, sondern weil er einmal darüber nachdachte, was »un werden sollte.
Das war eine nüchterne Frage, aber ihre Beantwortung belastete sein Gehirn so sehr, daß er mit unguten und zweifellos auch unge- kschten Gedanken alle Schuld auf Germaine warf, die ihn hier Mein ließ.
Kein Wunder, daß er ihren Bericht erst gar nicht abwartete, sondern sie knurrend empfing
. „Wie ein Kettenhund", bemerkte sie und traf den Nagel aus den tiopf.
„Bin ich auch, oder was ist dieser Bodenoerschlag anders als eine Hundehütte?" grollte Theophll. Und plötzlich schrie er: ,Zch habe lurst, ich verdurstel" Es war nicht so schlimm, aber er hatte im Augen- tstck Lust, alles zu übertreiben.
Jetzt wurde Germaine von Merger gepackt, der Merger aber ergriff d-e Erregung der Nacht, bevor sie ganz verebbte, am Schopf, und aus Mtm Wirbel wuchs ein blühender Krach. „
„So", sagte sie mit eingeftemmten Fäusten, „für wen Hobe ich ^nn all die Angst und die Fährlichkeiten aus mich genommen? Du W hier oben gelegen und geschnarcht, wahrend ich in feder Sekunde
^pÄ^'den^Türken'^du^' 65 fönntc gehen! Komm mir nur und
« >V">ch.du dir ein, ich sitze ewig hier oben? Gestern abend hätten sie den Berschlag sicher entdeckt, wäre es nur ein wenig Heller gewesen!" „Dann scher dich doch zum Teufel!" schrie sie.
^Gut, ich gehe!" schrie er zurück und sprang wütend auf
Wilde Wut tut nicht gut, wenn das Dach schräg ist. Theophil stieß gegen einen Dachbalken. Er rieb sich den Schädel und schoß Blicke der ^"hart" berührt"'"?' ° 5 fie unt> nkW der Balken seinen Schädel Germaine aber mußte über sein Gesicht laut lachen. Seine Backen plusterten sich vor Wut auf, da erkannte sie, daß es Zeit sei ihn au besänftigen. ' ' v ®
,Marte", sagte sie, „ich hole dir etwas zu trinken!"
Poiporence setzte sich wieder hin und regte sich ab, und zwar fo gründlich daß er in Trauer verfiel. Denn jetzt ärgerte er sich, daß ibn feige fönst |o pflegsame Ruhe verlassen hatte ö '
Als sein Gemüt dem alten Gleichmaß zuftrebte, ein wenig träume» rtfä; und sogar den Durst vergessend, der in seiner Kehle kratzte, fielen seine Magen auf ein Stück grauen Tuches, das in der Ecke lag.
Er angelte mit den Fußspitzen darnach. Es war ein abgetragener Rock, wahrscheinlich ein Rock des Herrn Beauvifage.
Und in diesem Mugenbticf, in Betrachtung eines alten zerrisseneil, mottenzerfressenen Kleidungsstückes wurde die nächste Zukunft des Theophil Poiporence heiter wie eine Festwiese. Mit einem Schlage. Rur, weil er sich über eine bestimmte Sache klar geworden war.
„Bin ich dumm gewesen", stöhnte er laut, „ah, bin ich dumm!" Es war niemand da, der ihm widersprach, denn die Griselle war in Die Küche gegangen, um ein Getränk für den zornigen Geliebten zu bereiten. a
Rasch glitt er, mehr als er lief, die Treppe hinunter. Das Schlaf- zimmer des Herrn Beauvifage war von den Soldaten als Wohnraum Germames angesehen worden. Es lag darum noch so, wie es sich Theophil in den zärtlichen Stunden mit Germaine dargeboten hatte. Much des Rentners zurückgetafsene Kleider hingen noch im Schrank.
Poiporence warf sich in den besten Anzug und machte sich von den Strümpfen bis zum Kragen in kurzer Zeit zu einem anständigen Zivilisten.
Er drehte sich eitel vor dem Spiegel; bis auf Kinn und Wangen, die blauschwarz waren, sah er aus wie ein Hochzeitskavatier, aufgeputzt unb über den Mittag hinaus gesteigert, pfingstsonntäglich sozusagen, und das im Frühherbst!
Die Kleider saßen ein wenig schlotterig, aber Germaine konnte die Knöpfe versetzen, es war ja niemand da, dem es sonderlich auffallen würde.
Poiporence stieg in die Küche hinab.
„Bist du wahnsinnig?" schrie Germaine ihn an, „dich hier sehen zu lassen? Und in welchem Aufzuge?"
„Sag lieber, in was für einem Mnzuge!" sagte er trocken. „Ich muß mich rasieren!"
,Geh hinauf, ich rasiere dich", zeterte sie ängstlich. .Du?"
„Natürlich, ich habe Beauvifage immer rasiert!"
„Gut", sagte Theophil, „aber nicht in den Bodenverschlag! In Beauvisages Schlafzimmer!"
Poiporence stieg vorauf, er sagte bohrend: „Ich dachte schon, du hättest vergessen, in welcher Gefahr du dich befindest."
„Gefahr?"
„Entdeckt zu werden! Du bist doch abgeschoben. Die Soldaten dürfen dich nicht sehen!"
Plötzlich begann er schallend zu lachen: „Jetzt mußt du auf den Boden!"
Ihr war, als hätte ihr jemand einen Schlag versetzt. Sie zitterte so, daß sie den Kaffee verschüttete, den sie mit Feuer, Liebe und Mngft bereitet hatte.
Ihre kurzen Gedanken schämten und trollten sich, verfolgt von Theophils Gelächter.
Md;, wie war sie doch ganz dem Mugenblick hingegeben gewesen, der Freude vor allem, bei Theophil bleiben zu können!
Mber der Geliebte hatte recht! Sie konnte den Deutschen nicht unter die Mögen kommen.
„Jetzt müssen wir uns beide verstecken", keuchte sie, „o Gott!"
Poiporence schlürfte den Kaffee. Er mußte eine Hornhaut auf der Zunge haben, daß er ihn fo heiß, wie er vom Herd tarn, trinken konnte, sie hatte das schon immer bewundert. Muf jeden Fall konnte er, da er sich mitten im Genuß befand, nicht antworten.
„Und was soll die Maskerade?" schrie sie, an seinem Anzug zerrend.


