„Mag wohl sein, daß Ihm die Zeit lang wird, bis er seine Flügel regen ^Da lachte Tord König in seinen Bart und sagte: „Laß gut sein! Bald ist es so weit, daß wir ihn fliegen lassen/' .....
Es verging aber doch noch mancher Tag, da der Junker wie ein Unsinniger umherlief oder die Hände um die Knie gekrampft dasaß, als ob er sich festhalten müsse. Als er wieder einmal so in einem Winkel der Diele hockte, hatte er ungesehen ein seltsames Schauspiel. Die Cordula, die oben aus einer Stube getreten war, stand auf der Höhe der Treppe, die breit und mit einem geschnitzten Geländer versehen, recht mächtig und prächtig zur Diele niederführte. Dann faßte sie ihr Kleid mit beiden Händen und stieg, die Augen ins Weite gerichtet, langsam und mit königlichem Anstand die Stufen herab. Unten angelangt kehrte sie sich um und besah sinnend den Weg, den sie gekommen war. Darauf lief sie eilfertig wiederum die Treppe hinauf, stellte sich droben von neuem an und wiederholte den langsamen prächtigen Abstieg.
Er sprang aus seiner Ecke hervor und rief erstaunt: „Was treibt Ihr da, Jungfer Cordula?"
Sie war gar nicht erschrocken, daß er sie also belauscht hatte. Mit einem Lächeln, das listig und leuchtend zugleich war, sagte sie: „Wenn Ihr in Euren Träumen tagaus tagein den König spielt, warum soll ich nicht auch einmal träumen? Cordula Königin heiß' ich, meines Vaters Name schallt durch die Welt, und wenn er will, führt er Krieg, trotz einem, der die Krone trägt."
Aber kaum hatte sie es gesagt, da verfärbte sie sich, daß sie alsbald einer schönen Toten glich: und auch so starr wurden ihre Gestalt und Züge. Denn sie las in seinem Gesicht die erschrockene Abwehr. Sie wollte gehen. Er aber hielt sie am Arme.
„Jungfer Cordula", stammelte er, ,Hhr müßt verständig sein."
Sie nickte.
„Ihr müßt bedenken —", fuhr er fort und stockte wiederum.
Sie nickte abermals.
„Cordula", sagte er leise, „in Lübeck seid Ihr Königin. In Schweden —" „Muß es eine andere sein", vollendete sie.
Und als er nichts erwiderte, schob sie sacht seine Hand von ihrem Arm vnd sagte mit zitternder Stimme: „Ihr müßt vergessen, was Ihr jetzt gesehen habt. Wollt Ihr mir das versprechen — zum Dank — für alles?"
Da beugte er sich nieder und küßte ihre Hand, die kalt war, als ob kein Blutstropfen mehr darin wäre.
Als bald darauf der lübifche Schiffer Hinrich Möller den Junker Gustav, der sich nunmehr Gustav Wasa nannte, heimlich in sein Vaterland hinübergeführt hatte, indes der Hauptmann Hinrich Sasse ihm Kriegsgerät und Söldner nachbrachte, da fand Cord König seine Tochter des Abends Im Lehnstuhl sitzend und weinend. Obgleich er das gar nicht gewohnt war, tat er doch keine Frage. Er legte nur feine Hand auf ihre Schulter und sprach: „Wir in Lübeck sind Kaufleute und bleiben es. Und wenn ich auch Cord König heiße und Kaperschiffe fahren lasse und in einem Jahr dem Dänen vierzig Schiffe weggenommen habe, eine Krone wächst mir davon doch nicht auf dem Haupt. Aber — können wir nicht Könige sein, so können wir doch Könige machen."
Da stand die Cordula auf und reckte sich.
„Ja,-Vater", sagte sie, und ein stolzes Licht brach durch den feinen Schleier der Tränen.
„Und vielleicht ist das noch mehr."
Oie Mamba.
Von H. C. Adain 1 on.
Wir können unfern Lesern mit Genehmigung des Rotapfel- Verlages, Erlenbach-Zürich und Leipzig, aus dem Buche „D a s Kaiserreich der Schlangen" von F. C. Carnochan und H. C. Adamson, eine Probe vorlegen. Es ist ein abenteuerlicher Reisebericht aus dem tiefsten Innern des dunklen Erdteils.
Die Mamba — die tödlichsten aller Reptilien — waren schwer zu Sängen. Scheu, schlau und behend, entschlüpfen sie schnell, aber sind, in »le Enge getrieben, furchtbare Gegner. Da ich dies wußte, war es mir sonderbar zu Mute, als ich sah, wie Nyoka sich mit ihnen herumbalgte, «ls wären es nur etwas mutwillige Haustiere. Wird die Mamba verfolgt, dann taucht sie in das nächste Loch. Und da Afrika geradezu pockennarbig von all den Löchern ist, die die in der Erde hausenden Tiere bohren, muß man dicht hinter, der Mamba drein fein, um zu wissen, in welches Loch sie geschlüpft ist. Nyoka war unser Mambaexperte. Wenn seine Mamba, bevor er sie erwischte, in einem solchen Schlupfwinkel verschwand, dann riß er [ein langes dünnes Messer aus der hölzernen Scheide Linker seiner linken Achselhöhle und wühlte damit herum, bis er den Schwanz der Schlange traf, den er rasch packte. Dann zog er das Tier heraus, schwang es um feinen Kopf und schleuderte es — bums — zu Aoden. Ich wüßte keinen weißen Mann zu nennen, nicht einmal Arthur Loveridge, den Harvarder zoologischen Experten, der es wagen würde, feine Mamba zu ergreifen, ohne ihren Biß zu fürchten.
Bei einer solchen Schlangenjagd erlebte ich einen unvergeßlichen, grauenvollen Augenblick. Das war in der Nähe von Shinyanga. Eine sechs Fuß lange Mamba verschwand in ein ziemlich großes Loch. Nyoka, der nur ein bis zwei Fuß hinter ihr war, streckte den rechten Arm nach ihr aus, während er sich in einer Wolke von Staub Über das Loch warf, etwa wie ein Baseballspieler beim Ausholen. Er stieß ein Triumphgeheul öus, war sofort wieder auf den Beinen und zog die Mamba hervor. Aber ob nun Nyoka nicht schnell genug oder die Schlange zu schnell war, wie dem auch sei, irgend etwas klappte nicht. Gerade als Nyoka sich anschickte, sie um seinen Kopf zu schwingen, tnäuelte sich die Schlange zu einem Korkzieher zusammen, züngelte nach Nyokas Beinen und vergrub ihre Zähne in Nyokas linke Wade.
Wie Ich schon erwähnt habe, ist die Mamba nicht nur eine der giftigsten Schlangen der Welt, sondern meines Wissens hat die medizinische Wissenschaft noch kein Serum gefunden, das ihr Gift unschädlich macht. Ist jemand von einer solchen Schlange gebissen worden, dann macht er seinen Frieden mit dem Himmel und legt sich zum Sterben hin.
Das Herz stockte mir förmlich im Leibe, als die Schlange zubiß, denn ich hatte Nyoka lieb. Aber ich riß mich zusammen. Und wenn es noch fo aussichtslos war, ein Versuch mußte gemacht werden, Nyoka am Leben zu erhalten. Ich machte einen Satz vorwärts und zog mein Messer. Da war nur eines zu tun — die Bißstelle aufzuschlitzen und die Wunde auszusaugen. Die Ausgabe war nicht gerade lockend.
Während ich die wenigen Schritte, die uns trennten, im Laus zurück- legte — ich war absichtlich ein wenig zurückgeblieben, um ihm Platz zu lassen, die Schlange um feinen Kopf zu schwingen — hatte Nyoka sich herabgebeugt, die Mamba am Hals gepackt und ihre Zähne aus feinem Bein herausgezogen. Dann sah er mich an, und mein entsetztes Gesicht mußte ihn wohl belustigt haben, denn er brach in ein schallendes, herz, liches Gelächter aus.
„Verzeih' mir, B'wana", sagte er, plötzlich wieder ernst, Indern er niederkniete und die Mamba in einen Sack steckte. „Ich habe es nicht böse gemeint, aber es war so drollig! Siehst du, B'wana, keine Schlange, nicht einmal die Koboko (womit er die Mamba meinte) kann mir etwas zuleide tun ... aber mit dem Biß der Schlange kam der Beweis von B'wanas Freundschaft, und ich werde nie vergessen, daß B'wana mir das Leben retten wollte." Er richtete sich auf und streckte mir mit feierlicher Würde die Hand entgegen. Als ich die meine ausstreckte, um sie zu ergreifen, packte er sie rasch beim Daumen und schüttelte sie dann — ein bedeutsamer Ausdruck der Freundschaft und Hochachtung.
Ich war natürlich ganz baff, daß Nyoka sich als immun gegen den Biß einer Mamba betrachtete, und hoffte, daß er sich nicht irrte. Aber es tarn mir doch ganz undenkbar vor, daß diese primitiven Eingeborenen es dahin gebracht haben sollten, die Wirkung eines der berüchtigtsten Neuro-Toxine aufzuheben, gegen das keines der großen Laboratorien der alten ober der neuen Welt ein wirksames Serum hergestellt hat. lieber den Zwischenfall wurde kein Wort mehr gesprochen, aber ich beobachtete Nyoka aufmerksam. Er ging ein bißchen steif, und sein Bein war leicht geschwollen, aber sonst schien er ganz unverändert. Ais wir in das Kamp tarnen, sah ich mir die zwei dunklen Flecken an, die die Zähne der Schlange hinterlassen hatten. Sie waren nicht entzündet.
„Sag mir, Nyoka", begann ich, ohne jeden Versuch, meine Neugier zu bemänteln. „Wie kommt es, daß du nicht tot bist? In meinem Lande haben wir Medikamente, die nach solchen Schlangenbissen gegeben werden, aber du hast ja überhaupt nichts dagegen getan!"
„Unsere Medizinen sind stark, B'wana."
„Aber, Nyoka, das sieht mehr nach Zauberei als nach Medizin aus." Ohne es zu wissen, hatte ich offenbar ein falsches Wort ober einen unrichtigen Ausdruck gebraucht, denn Nyoka schüttelte heftig den Kopf, währekü» er mit ganz unerwarteter Emphase erwiderte:
„Nein, B'wana! Nein! Die Schlangenmänner sind von Limdimi, dem großen Hirten, mit der Ausgabe betraut, feine Kinder glücklich und gesund zu erhalten. Die Schlangenleute machen Ufumu, die Medizin, die heilt, und bekriegen jene, die Nrogi machen, den Zauber, der tötet. Um ein Schlangenmann zu sein, muß man vor allem freundliche Gedanken und pure Wahrheit im Herzen haben."
Er verstummte so unvermittelt, wie er begonnen hatte und sah mit einem Ausdruck beiseite, als hätte er zu viel über einen Gegenstand gesagt, der besser unberührt geblieben wäre. Blitzartig ging es mir aus, daß ich bei meiner «suche nach Aufklärung über die Schlangenmänner, ohne mir der Raschheit des Vorgangs bewußt zu werden, den Brenn« punkt erreicht hatte. In den nächsten paar Minuten würde es sich entscheiden, ob Nyoka mir die Hilfe angedeihen lassen wollte, die ich ersehnte. Ich hoffte, er würde weiter sprechen, aber Nyoka sagte nichts, sondern heftete feinen Blick auf den Himmelsrand.
„Erzähle mir noch von den Schlangenmännern", sagte ich schließlich so leichthin ich konnte. „Ich möchte gern etwas von ihren Medizinen wissen, denn in dem fernen Lande, in dem ich lebe, gibt es kranke Leute, denen sie helfen könnten."
Nyoka wandte den Kopf und sah mir gerade in die Augen.
„Andere weiße Männer haben versucht, unsere Medizinen kennen zu lernen, B wana", sagte er nach längerer Ueberlegung. „Einige ließen wir m dem Glauben, daß wir sie nicht verstanden hätten, aber e'nem oder 3®eien — er kicherte — „zeigten wir ein paar Gräser und Blätter, mit bcnen man nur Ochsen mästen kann, und redeten ihnen ein, bas wären Heilkrauter... Aber du bist ganz anders. Du sprichst die Sprache unseres Stammes, du bist ein gerechter Herr und ein guter Freund. In deinem eigenen Lande wärest du ein guter Häuptling, denn ein guter Häuptling fetzt sein Leben für feine Leute ein, so wie du heute nachmittag bereit warst, es für mich zu tun."
Einigermaßen verlegen, begann ich zu erklären, daß ich kein Häuptling sei und daß jeberman in meiner Lage ebenso gehandelt hätte, aber Nyoka winkte nur abwehrend.
„Ich will dir gerne von den Schlangenmännern und von unseren fragen "Cn cr,3a^cn' aber vorher muß ich erst den .Großen Alten'
„Den .Großen Alten'!" wiederholte ich. „Wer ist das?"
„Kalola! Der Kaiser der Schlangen! Er weiß alles, was sich allent- ' Un& kEe Macht ist so groß, daß sogar die Mamba den Kops senkt, wenn er vorubergeht.
Hob'? m 'ÖOt”ne l,tanb tief iw Westen, als unsere Unterredung begann. S m“r f*e unter den Horizont gesunken, und Dunkelheit umgab uns. X“ uand auf, ging em paar Schritte, machte ober dann kehrt und blieb stehen. 7
„ffienn B'wana es wünscht, werde ich zu dem .Großen Alten' gehen." „Gut, sagte ich. „Geh morgen!"
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. - Druck und Verlag: Brühlsche UniberjitätSdruckerei R. Lange, Gießen.


