Ausgabe 
6.3.1939
 
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Wer kaust Liebesgötter?

Von 3.ffl.ooii Goethe.

Von allen schönen Waren, Zum Markte hergesahren. Wird keine mehr behagen, Als die wir euch getragen Aus fremden Ländern bringen. O höret, was wir singenl Und seht die schönen VögrlI Sie stehen zum Verkauf.

Zuerst beseht den großen, Den lustigen, den losen! Er hüpfet leicht und munter Von Baum und Bufch herunter; Gleich ist er wieder droben. Wir wollen ihn nicht loben. O seht den muntern Vogel! Er steht hier zum Verkauf.

Betrachtet nur den kleinen, Er will bedächtig fcheinen, Und doch ist er der lose. So gut als wie der große; Er zeiget meist im stillen Den allerbesten Willen. Der lose kleine Vogel, Er steht hier zum Verkauf. O seht das kleine Täubchen, Das liebe Turtelweibchen! Die Mädchen sind so zierlich, Verständig und manierlich, Sie mag sich gerne putzen Und eure Liebe nutzen. Der kleine, zarte Vogel, Er steht hier zum Verkauf.

Wir wollen sie nicht loben, Sie stehn zu allen Proben. Sie lieben sich das Neue; Doch über ihre Treue Verlangt nicht Brief und Siegel! Sie haben alle Flügel.

Wie artig sind die Vögel, Wie reizend ist der Kauf!

Cordula Königin.

Von Otto Anth^s.

Am letzten September des Jahres 1519 traf mit dem sinkenden Abend in der Fuhrmannsherberge des Hinrich Blom vor dem Holstentor in Libeck ein junger Mann in bäuerlicher Tracht ein, der allem Anschein nach einen weiten und mühseligen Weg hinter sich hatte. Er stellte einen derben Stecken, wie ihn die Ochsentreiber führten, wider die Wand, fetzte |«h an einen Tisch für sich allein und verlangte ein warmes Bier sowie men Boten, den er alsbald mit einem Brieflein in die Stadt schickte. Sie übrigen Gäste der Schenke, Fuhrleute und Viehtreiber, die in dem Ankömmling einen der Ihrigen vermuteten, versuchten ihn in ein Gespräch ju ziehen. Allein er antwortete saumselig und mit einem fremden Bei- licng in se/.ner Sprache, so daß diejenigen, die anfänglich nur neugierig zeivesen waren, bald mißtrauisch wurden. Unruhe, Drohung und Feind- lifaft von Dänemark her waren dazumal tägliches Brot für Lübeck, und das Volk sah Kundschafter und Einschleichlinge in jedem Fremden. Einer noch dem andern, wenn er einmal austrat, blieb im Vorbeigehen vor dem ükrdächtigen stehen, stemmte die Faust auf den Tisch und sagte:Hm?" «derHo!", um ihn herauszufordern. Der aber saß geneigten Hauptes Md rührte sich nicht; man konnte nicht unterscheiden, ob aus Trotz oder «us Müdigkeit. Der Wirt war für das letztere und begütigte nach Kräften. Die Leute aber redeten sich immer tiefer in die Erregung hinein, und »letzt drangen sie in einem Hauken gegen den verhaßten Tisch vor. Da iif)raf der Fremde auf, griff nach seinem Stecken an der Wand und richtete sich mit einem Ruck in seiner ganzen schlanken Länge empor, daß die Andringenden einen Augenblick stutzten. Oer Wirt kreischte dazwischen. Ater dieser Schrei, der abmahnen sollte, stachelte gerade die unverständige ®it der Angreifer von neuem. Geballte Fäuste streckten sich zur Decke, «in Durcheinander von Drohungen und Hetzworten wirbelte durch die Stube, der Fremde holte mit seinem Stecken aus, und drei Atemzüge Ipöter wäre eine wüste Schlägerei im Gange gewesen wenn nicht plötzlich eine helle herrische Stimme den Lärm übertönt hätte:Ist hier der Teufel las?" _

Wenn der Teufel selbst dazwischengefahren wäre, hätte er das Bild oifht schneller verändern können. Denn nicht nur, daß die pelzverbrämte Eämube und der ebenfalls mit Pelz besetzte Hut ein verblüffendes Ereignis in der kahlen Schenke waren; der darin steckte, hieß Cord König und war der volkstümlichste Mann von Lübeck, kühn als Kaufmann wie alle Frei-

beuker, von dessen Geschäften und Kaperfahrken dke ganze Ostsee rebef?. Die Fuhrleute und Ochsentreiber, die sich eben noch als Herren, Richter und Rächer gefühlt hatten, wichen scheu zur Seite, machten linkische Kratz» süße und drückten sich zu ihren Tischen. Rur der Fremde blieb mit erhobenem Stecken vor seiner Wand stehen, so als ob er in dieser Haltung wiederum eingeschlafen wäre. Cord König trat schnellen Schrittes aus ihn zu und sagte halblaut:Kommt, Junker!" Worauf der Angeredete seinen Stecken sinken lieh und jenem alsbald zur Tür hinaus folgte, ohne noch einen Blick auf feine vorigen Dränger geworfen zu haben.

Eilfertig und schweigend durchschritten die beiden in der einbrechenden Dämmerung das Holstentor und begannen eben die Straße zum Markt hinauszusteigen, als hinter ihnen Pserdegetrappel in der Wölbung des, Tores widerhallte. Der Junker fuhr herum und flüsterte:Erich Banner!" Da ergriff Cord König seinen Schützling beim Arm und zog ihn seitwärts in eine Haustür. Und aus dem Dunkel heraus sahen sie, selber unsichtbar« von einigen Knechten gefolgt, einen langen hageren Ritter vorüberziehen, der mit vorgestrecktem Kops zu Pferde saß wie einer, der auf der Jagd nach einem fliehenden Wilde spürt.

Er ist's!" murmelte der Junker.

Cord König lacht kurz aus.

Um die eine Kanne Biers zu spät, Herr Ritter", sagte er,die Ihr unterwegs habt trinken müssen."

Zwei Monate und zwei Tage verschlief der schwedische Junker Gustav Erichson im Hause Cord Königs an der Breiten Straße. Und als er dann auswachte, konnte sein Gastfreund ihm schon erzählen, daß der Ritter Erich Banner aus Kalloe, dem der Junker entslohen war, mit seinem Begehren auf Auslieferung des Flüchtlings vom Rate abgewiesen und im Zorn um die sechstausend Reichstaler, damit er sich beim Dänenkönig jür seinen Gefangenen verbürgt hatte, davongeritten sei.Des weiteren", fuhr Cord König fort,habe er den Rat, insbesondere die beiden Bürgermeister Nikolaus Broms und Hermann von Plännies, nicht abgeneigt gesunden, den Junker zu unterstützen, falls er in (einem Vaterlande einen Aufstand gegen die Dänen erheben wollte. Und für die Zurüstung mit Geld und Gerät", meinte er,laßt mich und meine Genossen von der Kaufleute­kompanie sorgen!"

Dies alles und noch manches andere, das sich aus die derzeitigen Händel zwischen Dänemark, Schweden und Lübeck bezog, wurde im Beisein der Tochter Cord Königs besprochen, die Cordula hieß und dem Vater das Hauswesen führte, da die Mutter fest langem verstorben war. Und sie war nicht bloß dabei, sondern gab auch ab und an ein Wort dazu, ja, der Vater wandte sich öfters zu ihr, sie um ihre Meinung zu befragen ober sich an etwas erinnern zu lassen, was ihm entfallen war. Junker Gustav machte große Augen. Noch nie war ihm ein Weid vorgekommen, das dergestalt in geheimen Männerdingen bewandert war und damit umging, wie eine andere mit ihren Kochtöpfen. Und dabei war sie nicht etwa eine Struzel, sondern ein stattlich Mädchen von starken, doch weichen Gliedern und mit einem feinen, hochmütigen Gesicht. Er mußte sie immerfort an* sehen und war so in Gedanken um sie, daß er kaum noch hörte, was Cord König weiterhin sprach, und zusammenfuhr, als der mit nachdrück­licher Stimme schloß:Das alles sind wir willens für Euch zu tun, falls Ihr der Mann dazu seid."

Wozu?" fragte er kopflos.

Aber Cord König nickte nur, als ob sie sich auch ohnehin verstünden, wie es unter Staatsmännern der Brauch fei. Der Aufenthalt des Junkers im Hause Cord Königs zog sich über Wochen und Monate hin. Denn der Dänenkönig Christian ließ kein Mittel unversucht, des Ent­flohenen wieder habhaft zu werden, was dem Rate viel Kopfzerbrechen verursachte. Und die Kaufleute überlegten es sich hin und her, ob sie Geld und Gut wohl an den Junker wagen dürften, und wie sie nach geglücktem Abenteuer zu ihrem Vorteil kommen sollten. Da der Junker derweil um seiner eigenen Sicherheit willen das Haus nimmer verlassen durste, so war er, indes Cord König in seinen eigenen und seines Gastfreundes Geschäften unterwegs war, viel und lange mit der Cordula allein. Und während feine Freunde immer wieder bei sich erwogen, ob er wohl der Mann zu dem geplanten Unternehmen in Schweden fei, ging in feinem Kopf zumeist der Gedanke um, ob er wohl der Mann zu biefem feinen unb starken Jungfräulein fei. Denn er selbst war jung, und da man ihn annoch vom Schlachtfeld fernhielt, wo er fein Blut hätte kühlen können, so sprang ihm der heiße und ungebärdige Saft zu Herzen. In der Cordula aber war das Wohlgefallen an dem schonen schlanken Jüngling tief und stark vermischt mit anderen Gedanken.

Als sie eines Tages am Tisch einander gegenübersaßen, fragte sie ihn plötzlich:Sagt, Junker Gustav, seid Ihr in Euerm Herzen sicher, daß es Euch glücken wirb?"

Was?" fragte er in abwegigem Sinnen.

Ein König von Schweden zu werden", sagte sie hart.

Ein König!" rief er unb taumelte geradewegs von seinem Stuhl empor.Jungfer Cordula, ein König?"

Ja", gab sie ruhig zurück.Was denn wolltet Ihr?"

Mein Vaterland von den Dänen befreien. Weiter habe ich nicht oedacht."

, Ihr müht weiter denken" unb ihre blauen Augen sprühten ihn an, als sie das sagteIhr müßt. Wollt Ihr Euerm Volk die Freiheit geben unb es sich selbst überlassen, bamit es wieber in bie unrechten Hände falle Denn ein Volk braucht eine starke Hand, die es hält."

Seit diesem Gespräch lief der Junker im Hause umher wie einer, der eine Hummel im Leibe hat. Wenn er auf feiner Kammer war, hörte man ihn heftig unb ohne Aushalten hin und wieder gehen. Aber lange hielt es ihn dort nimmer. Dann kam er auf bie Diele herunter unb führte murmelnde Gespräche mit sich Mber; ober er stieg die Treppen hinauf zum Boden, wo er, aus einer Luke gelehnt, weit ins Land hinaus und über Feld und Knick hinweg zur Ostsee träumte. Die Cordula sah diese gärende Unruhe mit stolzem Behagen. Es verschlug ihr auch nichts daß er jetzt fast mehr mit sich selber als mit ihr redete. Und als der Vater sie einmal fragte, was denn in den Schweden gefahren fei, da sagte sie: