Schwäche nicht bars, da« darf Me Reinheit, die Reinheit der Ueberzengung, die Lauterkeit der Gesinnung. Die hat das Recht der Auflehnung, sie hat sogar die Pflicht dazu. Wer aber hat diese Lauterkeit? Hatte sie. . . Doch, ich schweige, weil ich lueber Sie, Herr Baron, noch die Familie, von der wir sprechen, verletzen möchte. Sie wissen aber, auch ohne daß ich es sage, dass er, der das Wagnis wagte, diese Lauterkeit der Gesinnung nicht hatte. Der bloß Schwächere darf nichts, nur der Reine darf alles."
„Nur der Reine darf alles", wiederholte der alte Baron mit einem so schlauen Gesicht, daß es zweifelhaft blieb, ob er mehr von der Wahrheit oder der Anfechtbarkeit dieser These durchdrungen sei. „Der Reine darf alles. Kapitaler Satz, den ich mir mit nach Hause nehme. Der wird meinem Pastor gefallen, der letzten Herbst den Kampf mii mir ausgenommen und ein Stück von meinem Acker zurückgesordcrt hat. Nicht seinetwegen, i Gott bewahre, bloß um des Prinzips und seines Nachfolgers willen, dem er nichts vergeben dürse. Schlauer Fuchs. Aber der Reine darf alles."
„Du wirst schon nachgeben in der Psarrackersrage", sagte Botho. „Kenn ich doch Schönemann noch von Scllenthins her."
„Ja, da war er noch Hauslehrer und kannte nichts Besseres, als die Schulstunden abkürzen und die Spiclstunden in die Länge ziehen. Und konnte Reisen spielen wie ein junger Marquis; wahrhaftig, es war ein Vergnügen, ihm zuzusehen. Aber nun ist er sieben Jahre im Amt und du würdest den Schönemann, der der gnädigen Frau den Hof machte, nicht wiedererkennen. Eins aber muß ich ihm lassen, er hat beide Frölens gut erzogen und am besten deine Käthe..."
Botho sah den Onkel verlegen an, säst als ob er ihn um Diskretion bitten wolle. Der alte Baron aber, übersroh, das heikle Thema so glücklich beim Schöpse gefaßt zu haben, fuhr in überströmender und immer wachsender guter Laune fort: „Ach laß doch, Botho. Diskretion. Unsinn. Wedell ist Landsmann und wird von der Geschichte so gut wissen, wie jeder andere. Weshalb schweigen über solche Dinge. Du bist doch so gut wie gebunden. Und weiß es Gott, Junge, wenn ich so die Frölens Revue passieren lasse, ne bessre findest du nicht; Zähne wie Perlen und lacht immer, daß man die ganze Schnur sieht. Eine Flachsblondine zum Küssen, und wenn ich dreißig Jahre jünger wäre, höre ..."
Wedell, der Bothos Verlegenheit bemerkte, wollte ihm zu Hilfe kommen und fagte: „Die Sellenthinfchen Damen find alle sehr anmutig, Mutter wie Töchter; ich war vorigen Sommer mit ihnen in Norderney, charmant, aber ich würde der zweiten den Vorzug geben..."
„Desto besser, Wedell. Da kommt ihr euch nicht in die Quer und wir können gleich eine Doppelhochzeit feiern. Und Schönemann kann trauen, wenn Kluckhuhn, der, wie alle Alten, empsindlich ist, es zugibt, und ich will ihm nicht nur das Fuhrwerk stellen, ich will ihm auch das Stück Pfarr- acker ohne weiteres zedieren, wenn ich solche Hochzeit zwischen heut'und einem Jahre erlebe. Sie sind reich, lieber Wedell, und mit Ihnen pressiert es am Ende nicht. Aber sehen Sie sich unfern Freund Botbo an. Daß er so wohlgenährt aussieht, das verdankt er nicht seiner Sandbüchse, die, die paar Wiesen abgerechnet, eigentlich nichts als eine Kiefernschonung ist, und noch weniger seinem Muränensee. ,Muränensee', das klingt wundervoll, und man könnte beinahe sagen poetisch. Aber das ist auch alles. Man kann von Muränen nicht leben. Ich weiß, du hörst nicht gerne davon; aber da wir mal dabei sind, so muß es heraus. Wie liegt es denn? Dein Großvater hat die Heide runterschlagen lassen, und dein Vater selig — ein kapitaler Mann, aber ich habe keinen Menschen je so schlecht Lomber spielen sehn und so hoch dazu — dein Vater selig, sag ich, hat die fünfhundert Morgen Bruchacker an die Jeseritzer Bauern parzelliert, und was von gutem Boden übriggeblieben ist, ist nicht viel, und die dreißigtausend Taler sind auch längst wieder sort. Wärst du allein, so möcht es gehn; aber du mußt teilen mit deinem Bruder, und vorläufig hat die Mama, meine Frau Schwester Liebdeu, das Ganze noch in Händen, eine prächtige Frau, klug und gescheit, aber auch nicht auf die sparsame Seite gefallen. Botho, wozu stehst du bei den Kaiferkürassieren, und wozu hast du eine reiche Kusine, die bloß darauf wartet, daß du kommst und in einem regelrechten Anträge das besiegelst und wahr machst, was die Eltern schon verabredet haben, als ihr noch Kinder wart. Wozu noch überlegen? Höre, wenn ich morgen aus der Rückreise bei deiner Mama mit vorfahren und ihr die Nachricht bringen könnte: ,Liebe Josephine, Botho will, alles abgemacht', höre, Junge, das wäre mal was, das einem alten Onkel, der's gut mit dir meint, eine Freude machen könnte. Reden Sie zu, Wedell, es ist Zeit, daß er aus der Garyonschaft herauskommt. Er vertut sonst sein bißchen Vermögen oder verplempert sich wohl gar mit einer kleinen Bourgeoise. Hab ich recht? Natürlich. Abgemacht. Und darauf müssen wir noch anstoßen. Aber nicht mit diesem Rest..." Und er drückte aus die Klingel.
„Eine Heidiieck. Beste Marke."
Achtes Kapitel.
Im Klub besanden sich eben um diese Zeit zwei junge Kavaliere, der eine, von den Garde du Korps, schlank, groß und glatt, der andere, von den Pasewalkern abkommandiert, etivas kleiner, mit Vollbart und nur vorschristsrnähig freiem Sinn. Der weiße Damast des Tisches, dran fie gesrühstückt hatten, war zurückgeschlagen, und an der sreigewordenen Hälste saßen beide beim Pikett.
„Sechs Blatt mit ner Quart."
„Gut."
„Und du?"
„Vierzehn As, drei Könige, drei Damen... Und du machst keinen Stich." Und er legte das Spiel ans den Tisch und schob im nächsten Augenblick die Karten zusammen, ivährend der andere mischte.
„Weißt du ichon, Ella verheiratet sich."
„Schade."
„Warum schade?"
„Sie kann dann nicht mehr durch den Reisen springen."
„Unsinn. Je mehr sie sich verheiraten, desto schlanker werden sie."
„Doch mit Ausnahme. Biele Namen aus der Zirkusaristokratie blühen schon in der dritten und vierten Generation, was denn doch einigermaßen aus Wechselzustäiide von schlank und nicht schlank ober, wenn du willst, aus Neumoub und erstes Viertel usw. hinweist."
„Irrtum. Error in calculo. Du vergißt Adoption. Alle diese Zirkusleute find heimliche Gichtelianer und vererben nach Plan und Abmachung ihr Vermögen, ihr Ansehen und ihren Namen. Es scheinen dieselben und sind doch andere geworden. Immer frisches Blut. Heb ab... Uebrigens hab ich noch eine zweite Nachricht. Afzelius kommt in den Generalstab.
„Welcher?"
„Der von den Ulanen."
„Unmöglich." .... „ ... ,
„Moltke hält große Stücke aus ihn, und er soll eine vorzügliche Arbeit gemacht haben." ....
„Imponiert mir nicht. Alles Bibliotheks- und Abschreibesache. Wer nur ein bißchen sindig ist, kann Bücher leisten wie Humboldt oder Ranke."
„Quart. Vierzehn As."
„Quint vom König." t .
Und während die Stiche gemacht wurden, hörte man,n dem Billard- zimmer nebenan das Klappern der Bälle und das Fallen der «einen Boulekegel.
Nur sechs oder acht Herren waren alles in allem in den zwei hinteren Klubzimmern, die mit ihrer Schmalseite nach einem sonnigen und ziemlich langweiligen Garten hinaussahen, versammelt, aNe schweigsam, alle mehr oder weniger in ihr Whist oder Domino verliest, nicht zum wenigsten die zwei pikettspielenden Herren, die sich eben über Ella und Aszelius unter- halten hatten. Es ging hoch, weshalb beide von ihrem Spiel erst wieder aussahen, als sie, durch eine offne Rundbogennifche, von dem nebenher- laufenden Zimmer her eines neuen Ankömmlings gewahr wurden. Es war Wedell. m ....
„Aber Wedell, wenn Sie nicht eine Welt von Neuigkeiten nntbrmgen, fo belegen wir Sie mit dem großen Bann."
„Pardon, Serge, es war keine bestimmte Verabredung.
„Aber doch beinahe. Uebrigens finden Sie mich perfönlich in nach- giebigster Stimmung. Wie Sie sich mit Pitt auseinandersetzen wollen, der eben 150 Points verloren, ist Ihre Sache."
Dabei schoben beide die Karten beifeit, und der von dem herzukommenoen Wedell als Serge Begrüßte zog feine Remontoiruhr und sagte: „Drei Uhr fünfzehn. Also Kassee. Irgendein Philosoph, und es muß einer der größten gewsen fein, hat einmal gesagt, das fei das Beste am Kassee, daß er in jede Situation und Tagesstunde hineinpasfe. Wahrhaftig. Wort eine« Weisen. Aber wo nehmen wir ihn? Ich denke, wir setzen uns draußen aus die Terrasse, mitten in die Sonne. Je mehr man das Wetter brüskiert, desto besser sährt man. Also, Pehlecke, drei Tassen. Ich kann das Umfallen der Boule- feget nicht mehr mit anhören, es macht mich nervös; draußen haben wir freilich auch Lärm, aber doch anders, und hören statt des fpitzen Klappertons das Poltern und Donnern unserer unterirdischen Kegelbahn, wobei wir uns einbilden können, am Vesuv oder Aetna zu sitzen. Und warum auch nicht? Alle Genüsse sind schließlich Einbildung, und wer die beste Phantasie hat, hat den größten Genuß. Nur das Unwirkliche macht den Wert und ist eigentlich das einzig Reale."
„Serge", sagte der andere, der beim Pikettspielen als Pitt angeredet worden war, „wenn du mit deinen berühmten großen Sätzen so fort» fährst, fo bestrafst du Wedell härter, als er verdient. Außerdem hast du Rücksicht aus mich zu nehmen, weil ich verloren habe. So, hier wollen wir bleiben, den lawn im Rücken, diesen Eseu neben uns und eine kahle Wand en vue. Himmlischer Ausenthalt sür Seiner Majestät Garde! Was wohl bet alte Fürst Pückler zu biesem Klubgarten gesagt haben würbe! Pehlecke ... so, hier ben Tisch her, jetzt geht's. Unb zum Schluß eine Kuba von Ihrem gelagertsten Lager. Unb nun, Wedell, wenn Ihnen verziehen werden soll, schütteln Sie Ihr Gewanb, bis ein neuer Krieg heraussällt ober irgendeine andere große Nachricht. Sie sind ja durch PuttkaMers mit unserem lieben Herrgott verwandt. Mit welchem, brauch ich nicht erst hinzuzusetzen. Was kocht er wieder?"
„Pitt", jagte Wedell, „ich beschwöre Sie, nur keine Bismarcksragen. Denn erstlich wissen Sie, daß ich nichts weiß, weil Vettern im siebzehnten Grad nicht gerade zu den Intimen und Vertrauten des Fürsten gehören; zum zweiten aber komme ich, statt vom Fürsten, recte von einem Bolzenschi-Tie n her, das sich mit einigen Treffern und vielen, vielen Nichttresfern gegen niemand anders als gegen Seine Durchlaucht richtete."
„lind wer >var dieser kühne Schütze?"
„Der alte Baron Osten, Rienäckers Onkel. Scharmanter alter Herr und Bon-Garcon, aber freilich auch Pfiffikus."
„Wie alle Märker."
„Bin auch einer."
„Tant mieux. Da wissen Sie's von sich selbst. Aber heraus mit der Sprache. Was sagte der Alte?"
„Vielerlei. Das Politische kaum der Rede wert, aber ein anderes desto wichtiger: Rienäcker steht vor einer scharfen Ecke."
„Und vor welcher?"
„Er soll heiraten."
„Und das nennen Sie eine scharfe Ecke? Ich bitte Sie, Wedell, Rienäcker siebt vor einer viel schärferen: er hat 9000 jährlich und gibt 12000 aus, und das ist immer die schärfste aller Ecken, jedenfalls schärfer als die Heiratsecke. Heiraten ist sür Rienäcker keine Gesahr, sondern die Rettung. Uebrigens hab ich es kommen sehen. Und wer ist es denn?"
„Eine Kusine."
„Natürlich. Retterin und Kusine sind heutzutage säst identisch. Unb ich wette, daß sie Paula heißt. Alle Kusinen heißen jetzt Paula."
„Diese nicht."
„Sonbern?"
„Käthe."
„Käthe? Ah, da weiß ich's. Käthe Sellenthin. Hm, nicht übel, glänzende Partie. Der alte Sellenthin — es ist doch der mit dem Pslaster übernt Auge? — hat sechs Güter, und die Vorwerke mit eingerechnet, sind es sogar dreizehn. Geht zu gleichen Teilen, und das dreizehnte kriegt Käthe noch als Zuschlag. Gratuliere..."
(Fortsetzung folgt.)


