Ausgabe 
6.3.1939
 
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SiehenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang Montag, den b. März Nummer [9

öteungcn Ä)wrungen

Aoman Son Theoöo» Montane

3. Fortsetzung.

Unter solchen Betrachtungen stand er eine Zeitlang vor dem Lepke- chen Schaufenster und ging dann, über den Pariser Platz hin, auf das Cor und die schräg links führende Tiergartenallee zu, bis er vor der Wölf­chen Löwengruppe Haltmachte. Hier sah er nach der Uhr.Haob eins. Uso Zeit." Und so wandt' er sich wieder, um auf demselben Wege nach :ien Linden hin zurückzukehren. Vor dem Redernschen Palais sah er Leutnant len Wedell von den Gardedragonern aus sich zukommen.

Wohin, Wedell?"

In den Klub. Und Sie?"

Zu Hiller."

Etwas früh."

Ja. Aber was hilft's? Ich soll mit einem alten Onkel von mir früh- Lcken, neumärkisch Blut und just in dem Winkel zu Hause, wo Deutsch, deutsch, Stentsch liegen, lauter Reimwörter auf Mensch, selbstver- Sndlich ohne weitre Konsequenz oder Verpflichtung. Uebrigens hat er, ch meine den Onkel, mal in Ihrem Regiment gestanden. Freilich lange her, i-fte vierziger Jahre. Baron Osten."

Der Wietzendorfer?"

Eben der."

O, den kenn ich, das heißt dem Namen nach. Etwas Verwandtschaft. Weine Großmutter war eine Osten. Ist doch derselbe, der mit Bismarck i.if dem Kriegsfuß steht?"

Derselbe. Wissen Sie was, Wedell, kommen Sie mit. Der Klub läuft fönen nicht weg und Pitt und Serge auch nicht; Sie finden sie um drei- (*rab so gut wie um eins. Der Alte schwärmt noch immer für Dragoner- lau mit Gold und ist Neumärker genug, um sich über jeden Wedell zu feuen."

Gut, Rienäcker. Aber auf Ihre Verantwortung."

Mit Vergnügen."

Unter solchem Gespräche waren sie bei Hiller angelangt, wo der alte t aten bereits an der Glastür stand und ausschaute, denn es war eine Minute nach eins. Er unterließ aber jede Bemerkung und war äugen» peinlich erfreut, als Botho vorstellte:Leutnant von Wedell."

Ihr Herr Neffe..."

Nichts von Entschuldigungen, Herr von Wedell, alles, was Wedell l ißt, ist mir willkommen, und wenn es diesen Rock trägt, doppelt und deifach. Kommen Sie, meine Herren, wir wollen uns aus diesem Stuhl­md Tischdefilee herausziehen und so gut es geht nach rückwärtshin kon- jmtrieren. Sonst nicht Preußensache; hier aber ratsam."

Und damit ging er, um gute Plätze zu finden, vorauf und wählte nach Anblick in verschiedene kleine Kabinetts schließlich ein mäßig großes, mit mem lederfarbenen Stoff austapeziertes Zimmer, das trotz eines breiten uub dreigeteilten Fensters wenig Licht hatte, weil es auf einen engen und dunklen Hof sah. Von einem hier zu vier gedeckten Tisch wurde im Nu s vierte Kuvert entfernt, und während die beiden Offiziere Pallasch uub Säbel in die Fensterecke stellten, wandte sich der alte Baron an den klberkellner, der in einiger Entfernung gefolgt war, und befahl einen Jummet und einen weißen Burgunder.Aber welchen, Botho?"

Sagen wir Chablis."

,Gut, Chablis. Und frisches Wasser. Aber nicht aus der Leitung; lieber k daß die Karaffe befchlägt. Und nun, meine Herren, bitte Platz zu nehmen: lilbet Wedell hier, Botho du da. Wenn nur diese Glut, diese verfrühte Sundstagshitze nicht wäre. Luft, meine Herren, Luft. Ihr schönes Berlin, immer schöner wird lso versichern einen wenigstens alle, die nichts kesseres kennen), Ihr schönes Berlin hat alles, aber keine Luft." Und dföei riß er die breiten Fensterflügel auf und setzte sich so, daß er die breite Bnttelöffnung gerade vor sich hatte.

Der Hummer war noch nicht gekommen, aber der Chablis stand schon da. ^"ll Unruhe nahm der alte Osten eins der Brötchen aus dem Korb und icmitt es mit ebensoviel Hast wie Virtuosität in Schrägstucke, bloß um "was zu tun zu haben. Dann ließ er das Messer wieder fallen und reichte "-bell die Hand.Ihnen unendlich verbunden, Herr von Wedell, und liillanter Einfall von Botho, Sie dem Klub auf ein paar Stunden ab» nstig gemacht zu haben. Ich nehm es als eine gute Vorbedeutung, laich bei meinem ersten Ausgang in Berlin einen Wedell begrüßen zu

I lind nun begann er einzuschenken, weil er feiner Unruhe nicht länger Ibttt bleiben konnte; befahl, eine Cliquot kalt zu stellen und fuhr dann fort: 'Eigentlich, lieber Wedell, find wir verwandt; es gibt keine Wedells, mit enen wir nicht verwandt wären, und wenn's auch bloß durch einen Scheffel

Erbsen wäre; neumärkisch Blut ist in allen. Und wenn ich nun gar mein altes Dragonerblau wiedersehe, da schlägt mir das Herz bis in den Hals hinein. Ja, Herr von Wedell, alte Liebe rostet nicht. Aber da kommt der Hummer... Bitte, hier die große Schere. Die Scheren find immer das beste ... Aber, was ich sagen wollte, alte Liebe rostet nicht, und der Schneid auch nicht. Und ich setze hinzu: Gott sei Dank. Damals hatten wir noch den alten Dobeneck. Himmelwetter, war das ein Mannl Ein Mann wie ein Kind. Aber wenn es mal schlecht ging und nicht klappen wollte, wenn er einen dann ansah, den Ijätt ich sehen wollen, der den Blick ausgehalten hätte. Richtiger alter Ostpreuße noch von Anno 13 und 14 her. Wir fürch­teten ihn, aber wir liebten ihn auch. Denn er war wie ein Vater. Und wissen Sie, Herr von Wedell, wer mein Rittmeister war

In diesem Augenblick tarn auch der Champagner.

Mein Rittmeister war Manteuffel, derselbe, dem wir alles verdanken, der uns die Armee gemacht hat und mit der Armee den Sieg."

Herr von Wedell verbeugte sich, während Botho leichthin sagte:Gewiß, man kann es sagen."

Aber das war nicht klug und weise von Botho, wie sich gleich Heraus­stellen sollte; denn der ohnehin an Kongestionen leidende alte Baron wurde rot über den ganzen kahlen Kopf weg, und das bißchen krause Haar an seinen Schläfen schien noch krauser werden zu wollen.Ich verstehe dich nicht, Botho; was soll dies ,Man kann es sagen', das heißt soviel wie ,Man kann es auch nicht sagen'. Und ich weiß auch, worauf das alles hinaus will. Es will andeuten, daß ein gewisser Kürassierossizier aus der Reserve, der im übrigen mit nichts in Reserve gehalten hat, am wenigsten mit revo­lutionären Maßnahmen, es will anbeuten, sage ich, daß ein gewisser Halber- ftäbter mit schwefelgelbem Kragen eigentlich auch St. Privat allerpersön- lichst gestürmt und um Sedan herum den großen Zirkel gezogen habe. Botho, damit darfst du mir nicht kommen. Er war ein Referendar und hat auf der Potsdamer Regierung gearbeitet, sogar unter dem alten Meding, der nie gut auf ihn zu sprechen war, ich weiß das, und hat eigentlich nichts gelernt, als Depeschen schreiben. Soviel will ich ihm lassen, das versteht er, oder mit anderen Worten: er ist ein Federfuchser. Aber nicht die Feder­fuchser haben Preußen groß gemacht. War der bei Fehrbellin ein Feder­fuchser? War der bei Leuthen ein Federfuchser? War Blücher ein Feder- suchser ober Bork? Hier sitzt die preußische Feder. Ich kann diesen Kultus nicht leiden."

Aber, lieber Onkel..."

Aber, aber, ich dulde kein Aber. Glaube mir, Botho, zu solcher Frage, dazu gehören Jahre; derlei Dinge versteh ich besser. Wie steht es denn? Er stößt die Leiter um, drauf er emporgestiegen, und verbietet sogar die Kreuzzeitung, und rund heraus: er ruiniert uns; er denkt klein von uns, er sagt uns Sottisen, und wenn ihm der Sinn danach steht, verklagt er uns auf Diebstahl ober Unterschlagung und schickt uns auf die Festung. Ach, was sag ich, auf die Festung, Festung ist für anständige Leute, nein, ins Landarmenhaus schickt er uns, um Wolle zu zupfen... Aber Luft, meine Herren, Luft. Sie haben keine Luft hier. Verdammtes Nest."

Und er erhob sich und riß zu dem bereits ossenstehenden Mittelflügel auch noch die beiden Nebenflügel auf, so daß von dem Zuge, der ging, die Gardinen und das Tischtuch ins Wehen tarnen. Dann sich wieder setzend, nahm er ein Stück Eis aus dem Champagnerkühler und fuhr sich damit über die Stirn.

Ah", fuhr er fort,das Stück Eis hier, das ist das beste vom ganzen Frühstück.. Und nun sagen Sie, Herr von Wedell, hab ich recht oder nicht? Botho, Hand aufs Herz, hab ich recht? Ist es nicht so, daß man sich als ein Märkischer von Adel aus reiner Edelmannsempörung einen Hoch­verratsprozeß auf den Leib reden möchte? Solchen Mann... aus unsrer besten Familie ... vornehmer als die Bismarcks, und so viele für Thron und Hohenzollerntum gefallen, daß man eine ganze Leibkompanie daraus formieren könnte, Leibkompanie mit Blechmützen, und der Äoitzenburger kommandiert sie. Ja, meine Herren. Und solcher Familie solchen Affront. Und warum? Unterschlagung, Indiskretion, Bruch von Amtsgeheimnis. Ich bitte Sie, fehlt nur noch Kindsmord und Vergehen gegen die Sittlich­keit, und wahrhaftig, es bleibt verwunderlich genug, daß nicht auch das noch herausgedrückt worden ist. Aber die Herren schweigen. Ich bitte Sie, sprechen Sie. Glauben Sie mir, daß ich andre Meinungen hören und ertragen kann; ich bin nicht wie er; sprechen Sie, Herr von Wedell, sprechen Sie."

Wedell, in immer wachsender Verlegenheit, suchte nach einem Aus­gleichs- und Beruhigungsworte:Gewiß, Herr Baron, es ist, wie Sie sagen. Aber, Pardon, ich habe damals, als die Sache zum Austrag kam, vielfach aussprechen hören, und die Worte sind mir im Gedächtnis geblieben, daß der Schwächere darauf beraten müsse, dem Stärkeren die Wege kreuzen zu wollen, das verbiete sich in Leben wie Politik; es sei nun mal so: Macht gehe vor Recht."

Und kein Widerspruch dagegen, kein Appell?"

Doch, Herr Baron. Unter Umständen auch ein Appell. Und um nichts zu verschweigen: ich kenne solche Fälle gerechtfertigter Opposition. Was die