Ausgabe 
6.2.1939
 
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Der General schob ärgerlich seinen Stuhl zurück und erhob sich. Er wollte heute noch nach einem seiner Regimenter sehen. Die Sachsen-Gotha-Dragoner hatten ihm am Morgen beim Exerzieren nicht gefallen. Dabei sah es ganz danach aus, als ob morgen oder übermorgen marschiert werden sollte. Schon gestern hatte sich der General von Laudon mit Reiterei und leichten Völkern gegen Sternberg bis nahe an die preußischen Vorposten heran­geschoben. Es war auch Zeit. Von der Kirchhofhöhe vor dem Dors konnte man in der Ferne das brennende Olmütz sehen. War ohnehin ein Wunder, daß es noch hielt.

Hadik war heute überhaupt in übelster Laune. Der Leutnant von Rabenau fehlte ihm an allen Ecken und Enden. Eben wieder hatte der neue Adjutant etwas versaut. Und in dieser Campagne würde er den Rabenau auch nicht wiederbekommen. Wenn er ihn überhaupt wieder- bekam. Ob der Bursche, den er zu dem alten Baron nach Wien geschickt hatte, etwas wußte, wie es dem Leutnant ging? Vielleicht hatte Rabenau aus dem preußischen Feldlager Nachricht geben können. Eigentlich mußte der Bursche bald wieder zurück sein. In acht Tagen hatte er ihm gesagt. Sechs Tage waren es wohl schon. Der General rief nach seinem Pferd. Dann trat er mit dem Adjutanten, dem er vorhin die Meinung hatte sagen müssen, auf die Straße hinaus.

Eben rasselte eine Sechserpost um die Ecke der Dorfgasse. Die hohen Räder mahlten in den Staubseen des Platzes. Hadik spuckte und fluchte. Mit einem Ruck hielt hinter ihm die Kutsche. Er sah sich um. Hatte die denn Kurierpost für ihn?

Ein Dragoner schwang sich vorn Bock, tat drei Sprünge auf den General zu, stand wie aus Eisen. Hadik erkannte den Burschen des Rabenau. Er funkelte ihn an, nickte befriedigt. Nicht alle Burschen der Herren Offiziere waren so proper. Er fragte milde:Was von Seinem Leutnant gehört in Wien?"

Nein, Jhro gnädigste Exzellenz!"

Hat er also noch nicht geschrieben?"

Nein, aber ..."

Was aber? Was schaut Er denn wie ein Fuchs? Heraus mit der Sprache! Hat Er was ausgefrefsen?"

Mistbracht hab ich wen, Ihrs Exzellenz!" Obwohl er stramm stand, wagte er doch, mit den Augen und einer leisen Wendung des Kopfes nach dem Postwagen zu deuten. Der General sah hin. Ein junges Frauen­zimmer stand neben der Kutsche. Die kannte er doch! Er dachte nach, aber nicht lange. Er pflegte ja selbst von sich zu sagen, daß er ein Gedächtnis habe wie der liebe Gott. Und das stimmte auch, zum Leidwesen seiner Offiziere, der jungen vor allem. Hadik hatte das Mädel erkannt. Das war doch die Lebzelterin vom Stephansplatz. Die kam wohl," um sich nach Rabenau zu erkundigen. Freilich, der hatte ihm ja gebeichtet, daß feit feinem Kurierritt nach Wien wieder alles in Butter war. Aber was sollte er ihr sagen? Er wußte doch selber nichts über den Rabenau.

Er ging auf sie zu. Sie knickste und sah ihn fast ängstlich an. Das viele Soldatenvolk in der Gasse verwirrte sie. Hadik gab ihr die Hand und lachte:Na, hab ich damals in der Antikamera in der Hofburg Brecht gehabt, daß er Ihr gefallen hat?"

Das Mädel wurde rot, seufzte und senkte traurig den Kopf.

Der General streichelte ihre Hand. Dann sagte er weich:Ich weiß. Aber komm' die Demoiselle doch ins Haus!" Das Regiment mußte er sich zwar noch ansehen. Aber hier auf der Straße konnte er das Mädel auch nicht stehen lassen. Die hellen Tränen liefen ihr jetzt über die verstaubten, von der Sonne geröteten Wangen. Er ging mit ihr auf das Bauernhaus zu:Sie kann bei mir wohnen." So ein Soldatendorf war nichts für ein so bildhübsches Frauenzimmer. Schon ein einziger Hecht im Karpfenteich genügte. Aber eine Karpfin im Hechtenteich war schlimm. Drüben über der Dorfstraße stand ohnehin schon ein halbes Dutzend Leutnants und Kornetts und verdrehte die Augen. Es war schon geratener, wenn er die Demoiselle unter feine Fittiche nahm. Freiwillig ging auch der verwegenste Leutnant nicht in Hadiks Quartier, und wenn die Göttin Venus in Person drinnen saß.

Andreas von Hadik ließ der Demoiselle den Vortritt. Auf der Schwelle blieb er noch einmal stehen, wandte sich nach seinem Adjutanten um, der mit verwunderten Augen hinter ihm herging:Geh Er zu Sachsen-Gotha! Der Dbrift soll alarmieren. Muß mir die Rasselbande noch einmal anfehen. Aber versau Er nicht wieder was! Und wenn das Regiment steht, bann meld Er's mir!"

Drinnen in der lehmgestampften Stube nahm er Elisabeth Brand an der Hand und führte sie zu dem Stuhl, der neben dem großen, roh- gegiminerten, Mit Karten und Schriften bedeckten Tifche stand. Hungrig und vor allem durstig mutzte das Mädel fein. War ja auch eine Satans­hitze heute. Der General klopfte mit dem Knöchel des Zeigefingers auf die Tischplatte:Kaunitz!" Eine kleine niedrige Tür, die vom Stall in die Stube führte, öffnete sich. Der General sah auf:Was zu essen! Ein Glas Tokaier oder besser noch zwei!" Der Bursche verschwand. Hadik zog eine schwarze Feldkiste heran einen zweiten Stuhl gab es nicht und setzte sich dicht vor das Mädel. Er nahm wieder ihre Hand, schüttelte vor­wurfsvoll den Kopf:Fährt die Demoiselle einfach in den Krieg! ....Was hat denn der Herr Vater dazu gesagt? ... Na, warum legt Sie denn die Ohren zurück? Weitz er am Ende gar nichts davon?"

Elisabeth Brand lächelte verlegen, senkte den Kopf und fdjmieg.

Durchgedran-it also?!" Der General schlug sich auf die Schenkel und stand auf

Die List nickte

Hadik begann im Zimmer auf und ab zu gehen:Und was stellt die Demoiselle sich vor, was jetzt mit Ihr geschehen soll? ... Morgen marschieren wir vielleicht schon. Dann sitzt sie da, allein unter Trotz- knechten und Fuhrwerkern! Was glaubt Sie, was der Rabenau dazu lagen tät? Nicht einmal die Post geht hier mehr durch, wenn das Stabs- quarlier abnwrschiert ist."

Elisabeth Brand war wieder dem Weinen nahe. Der General schien ernstlich böse zu fein. Sie sagte bittend:Der Herr General hat mir

doch damals in der Burg gesagt, daß er mir helfen wolle, wenn ich einmal was brauche ..."

Hadik knurrte:Helsen, Helsen! Wenn nur was zu helfen wär! Aber ich weiß doch selbst nichts über den Rabenau. Wie soll ich auch!"

Wenn der Herr General mir halt die Permission verschaffen wollt zu den Preußen zu fahren ..."

Andreas von Hadik fuhr herum: ,Zu den Preußen?! Ja, wer hat Sie denn auf diese Schnapsidee gebracht?"

Jetzt lachte die Lisi doch.Sein Bursche", sagte sie leise.

Natürlich! Hab's mir doch gleich gedacht, daß der Kerl was aus- gefressen hat ... Was will Sie denn bei den Preußen?"

Ihn sehen und pflegen ..." Ihre Stimme schwankte,... wenn er noch lebt." ,

No, no, so schlimm wird es nicht gleich sein." Er trat an sie heran und strich ihr begütigend übers Haar.Wo denkt Sie hin! Ein Kerl wie der hält schon was aus ... Aber hinüber zu den Preußenl Kind, wie stellt Sie sich das vor? Ihr Herr Bater tät mir die Augen aus­kratzen, wenn ich's zuliehe, und der Rabenau wahrscheinlich auch ... Und wie will Sie ihn denn dort finden? Weih Gott, wo sie ihn in­zwischen hingebracht haben, nach Küstrin, nach Magdeburg oder viel­leicht gar nach Stettin ... Ist doch schon eine Woche her!"

Ich wüßte schon einen Weg." Elisabeth Brand sah ihn bittend an und begann vom Herzog von Braunschweig zu erzählen.

Der'General hatte sich wieder gesetzt. Als sie fertig war, strich er sich den Schnurrbart, wiegte den Kopf und sagte:Also auf den Kops gefallen ist die Demoiselle nicht. Geradezu schade, daß Sie kein Manns­bild ist! Und Courage hat Sie auch ..." Hadik überlegte.Und Glück dazu. Mit dem Braunschweiger steh ich gut. Der wird mir schon einen Gefallen tun ..."

Der Adjutant trat ein und meldete, daß das Regiment am Dorf­eingang ratliiert fei.

Andreas von Hadik nickte:Setz Er sich! Schreib Er! Ist Er fo weit? ... ,An das nächste königlich preußische Vorpoftenkommando: Demoiselle Elisabeth Brand aus Wien ...' Wie alt ist Sie, mein Kind?"

Zweiundzwanzig Jahre ..."

,D->moiselle Elisabeth Brand aus Wien, zweiundzwanzig Jahre alt, Jnhaverin beigefügten Pafseports, wünscht, zu Seiner Hoheit dem Herrn Generalleutnant Herzog von Braunschweig geführt zu werden. Ich bitte für sie um freies Geleit ...' Leutnant, schau Er mich nicht an wie der Ochse das neue. Tor! Er wird im Kriege noch ganz andere Wunder erleben ... Schreib Er weiter: .Die Demoiselle bittet, einen blessierten kaiserlichen Offizier besuchen zu dürfen ..' Hat Er's ... Na, Got sei Dank! Dann schreib Er das am Abend ins Reine und geb Er mirs zur Unterschrift! Kümmere Er sich auch um den Pasfepori! An den Herzog schreib ich schon noch selber und gebs der Demoiselle dann mit. Und morgen in aller Früh fährt Er mit ihr in meinem Wagen zum Herrn Genera! von Laudon. Was Er ihm zu melden hat, sag ich Ihm schon noch." Der General stand auf.

Elisabeth Brand wollte danken.

Andreas von Hadik stülpte sich den Kalpak auf das eisgraue Haupt und knurrte:Unsinn!" Dann zwinkerte er vergnügt:Seh Sie lieber zu, daß Sie den Rabenau gleich mitbringt! Könnt ihn nämlich brauchen. Denn dieser Grasaff da"' er tippte mit der Reitgerte gegen die Brust des Adjutantenbringt mich noch ins Grab ... Kaunitz! ... Weis' Er der Demoiselle ein Quartier an hier im Haus!"

Als Elisabeth Brand oben in ihrem Zimmer, das seit zehn Jahren nicht gelüftet zu fein schien, das Fenster aufstieh, schmetterte vom Dorf­eingang her gerade der Generalmarsch der Sachsen-Gotha-Dragoner herüber. Zum Zeichen, daß Andreas von Hadik, Feldmarfchalleutnant und Pandurengeneral, das Regiment zu kuranzen begann.

Der Leutnant von Leskow brauchte fein ewig lachendes Gesicht nicht lange in dienstliche Falten zu zwingen. Auditeur und Profos bekamen für diesmal nichts zu tun.

Als der Rittmeister Hagen von den Puttkamer-Husaren dem vor» gebiidjc.i kaiserlichen Offizier, den ihm der kleine Leskow da vorführte, auf den Kopf zugesagt hatte, daß er nicht der Leutnant von Rabenau, sondern der Kaufmann Schütz aus Olmütz sei, befiel den Gefangenen keineswegs Schlottern und lotenbläffe, wie sich das für einen ent­larvten Spion geziemt, der schon den Henkerstrick um den Hals ver­spürt. Der Kaufmann Schütz zog vielmehr schmunzelnd sein Porte­feuille, entnahm chm Leutnantspatent und Offizierspasseport und über­reichte beides dem Eskadronschef.

Rittmeister Hagen las, gab Patent und Paffeport zurück, zuckte die Achsel und jagte:Eh bien, also doch der Leutnant von Rabenau. Das macht die Sache wohl ehrerwoller, aber nicht besser. Der Herr Leutnant wird wissen, daß auch der Offizier als Spion gilt, der in Verkleidung oom Feinde betroffen wird. Mir haben Sie sich jedenfalls damals in Raudenberg als Kaufmann Schütz und in bürgerlicher Kleidung prä­sentiert ...

Als Kurier mit wichtigen Befehlen für die Armee konnte ich mich Ihnen nicht gut als kaiserlichen Leutnant präsentieren, nachdem es mir nicht mehr gelungen war, aus dem Gasthof zu kommen. So faß drei Tage lang Herr Schütz aus Olmütz an Ihrem Tisch." Rabenaus Augen blitzten fröhlich.

Leutnant von Leskow schielte nach feinem Rittmeister. Es war perfid. Aber daß [ein unfehlbarer Chef auch einmal hereingefallen war, freute ihn.

Doch auch Rittmeister Hagen lächelte. Für Husarenstreiche hatte er was übrig; auch wenn er der leidende Teil war. Ader etwas stimmte doch nicht. Er wurde wieder ernst und fragte:Wie kommt es aber, daß ich das Pläsier hatte, die, wie ich mich erinnern kann, sehr schone Madame Schutz kennenzulernen, in Ihren Papieren aber steht, daß Sie nicht ver- heiratet sind?"

(Fortsetzung folgt.)