SietzeiierZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Irhrgang H959
Montag, den 6. zebruar
Nummer \\
9er kerzelmacher von Zankt Stephan
Lin heiterer Liebesroman von Alfons o. Lzibulka
<topurigf)t by I. <6. Äotta'sche Buchhandlung Bachfolger, Stuttgart
21. Fortsetzung.
Es machte ihm vielmehr rechte Mühe, den in Anwesenheit des Land gänzlich unangebrachten Jubel zu unterdrücken, den er dar- Wer empfand, daß das Mädel sein Schicksal so tatkräftig selber m di Hände genommen. Denn seiner Meinung nach war selbst die b klagenswerteste Dummheit, die aus so großer Liebe entstehen kante, immer noch gescheiter, als daß ein Mädel wie Elisabeth Brand 6; fern maulfaulen Holzklotz von einem Nußdorfer Weinhändlerssohn ins Gebett fiel Nur darauf hoffte er, daß der Leutnant bald wieder wohlauf uiä die Kaiserin nicht zu bockbeinig sein werde. Sorge machte Matthias »immer einstweilen nur, wie er dieses vergrämte Mannsbild da vor dem C mbalo wieder in Lot und Maß bringen sollte.
Doch diesmal schien Aloisius Brand das schon selbst zu besorgen, «ichdem er noch eine Weile wortlos vor sich hingebrütet hatte, hob er mit einem tiefem Seufzer den Kopf, schlug mit der flachen Hand auf den Dickel des Instrumentes, wir einer, der sich zu einem mannhaften Entschlüsse durchgerungen hat, stand aus und sagte': „Es hilft nichts. Ich muß ziiii Herzog von Braunschweig fahren."
Matthias Wimmer nickte anerkennend. Für so vernünftig hatte er ihn gcr nicht gehalten. Brand schien zu den Menschen zu gehören, deren Wille cht ein Mißgeschick weckt. Der Regenschori fragte: „Wann willst denn rs sen, Brand?" , „ .
„Ich denk, daß wir übermorgen fahren. Früher geht ke,ne Post.
„Wir? Ja, wer fahrt denn noch mit?"
„Du, natürlich!"
Wimmer verschlug es zuerst die Rede. Dann fragte er erstaunt: „Jch?I 5fi glaub, du spinnst, Brand. Ich hob doch mein Amt. Ich kann doch nicht so mir nichts dir nichts in der Welt umeinanderkutschieren —"
„Nimm dir halt Urlaub!"
Der Äegenschori schüttelte den Kopf: „Wo denkst denn hin? So einfach 11 das nicht."
„Es hilft dir nichts, Wimmer. Wer A sagt, muß auch B sagen. Hättest t rechtzeitig was g'saat, roär’s gar nicht so weit gekommen." Der Vuchszieher trat dicht an ihn heran, legte ihm die Hände auf die Schulter: „Schau, Wimmer, du wirst mich doch nicht allein fahren lassen. Wer weiß, n e ich die List wiederfind. Du kennst mich doch. Ich mach im ersten Zorn licht eine Dummheit. Es ist besser, du bist dabei, wenn ich das Mädel niederseh ... Und, wie g'fagt, schuld bist ja du an der ganzen G'schicht."
Wimmers Gewissen regte sich zwar auch jetzt noch nicht. Aber, daß man m Brand nicht allein lassen konnte, ging ihm ein. Auch wegen der List mr es gescheiter. Wimmer reiste für sein Leben gern. Ein Feldlager sah n~m auch nicht alle Tage. Und daß der verzog von Braunschweig ein freundlicher Herr war, wußte ganz Wien. Warum sollte er also eigentlich sticht mit dem Kerzelmacher fahren? Er zwinkerte vergnügt, streckte Brand dir Hand hin und sagte: „In Gottes Namen, weil ich halt schuld daran bin ... Am Abend komm ich zu dir. Da reden wir noch drüber. Und i betne List kriegen wir schon wieder ..."
„Ja schon. Wimmer. Aber was wird der Kirndorfer sagen, wann er s 5 erfahrt?"
„Das is jetzt schon gleich. Oder glaubst vielleicht, daß, wenn eine vor kuter ßi-’b dem Leutnant von Rabenau bis zu die Preußen nachfahrt, sie »ich auf den Kirndorier Franzl aus Nußdorf wart'?" Er lachte boshaft, i T*nn daß auch der Nußdorfer Weinvrotz nimmer mochte, dafür würde |tfon das Geklatsch der Katharina Vielaratterin sorgen. Die saß doch [I vrbrscheinlich ohnehin gerade bei den Nachbarinnen und jammerte ihnen : Bis Obren voll, daß ihre Nickte, die List, wegen einer Liebschaft ausgerückt - se. Müßt» doch mit dem Teufel zugehen, wenn der Kirndorfer nichts davon kifübre! Dann war es aus. Und das freute Wimmer.
Seit Olmütz Magert wurde, bogen die Wiener Postwaaen gegen Osten, liier Rrerart und Neutitfchein aus. Diesmal hotte der Posthalter in Brünn bin Eilwagen soaar anaewiesen, bereits in Kremiier üb"r die March zu -chen, weil preußisch» Husaren schon bis nach Wisckau itreiften. Der Eil- II Biaen führte Feldpost. Es war nicht nötig, daß sie dem Feinde in die | hinde fiel.
H Elisabeth Brand, die seit Brünn der einzige Passagier war, hätte zwar nichts dagegen gehabt, von den Preußen aufgegriffen zu werden. Vielleicht I wire sie auf diese Weise rascher zum Herzog von Braunschweig gekommen.
Wer das ließ sich nun nicht ändern. Bereits in Wien hatte der Bursche, d?r oben neben dem Postillon auf dem Kutscherbock saß und die Nachricht
von Rabenaus Gefangennahme überbracht hatte, nichts davon wissen wollen, daß sie geradeswegs ins preußische Lager reise.
Als ihm der General von Hadik den Befehl gegeben, nach Wien zu fahren und die alten Rabenaus von der vermutlich schweren Verwundung ihres Sohnes zu benachrichtigen, war dem Burschen der Einfall gekommen, der Demoiselle Brand zuzureden, zur preußischen Armee zu fahren, um seinen Leutnant zu pflegen. Erst hatte er es selber tun wollen. Aber das ging ja nicht. Das wäre Desertion gewesen.
Elisabeth Brand hatte sich nicht lange bitten lassen. Schon als der Bursche am nächsten Morgen nach seiner Ankunft zu ihr in den Laden kam, war sie entschlossen. Der Vater tat ihr wohl leid. Ihm durfte sie ja nicht sagen, weshalb sie zu den Preußen fahre. Aber fahren mußte sie. Wohl würde der Vater sich grämen und ihr am Ende nie mehr verzeihen. Aber der Bursche hatte doch gesagt, daß der Leutnant vielleicht zwischen Leben und Sterben liege. Da gab s kein Uebertegen.
Am Nachmittage war dann auch noch der Hoflakei bei ihrem Vater gewesen und hatte den Befehl überbracht, daß die Demoiselle Brand morgen um ein Viertel nach elf zur Kaiserin kommen solle. Die List konnte sich nicht denken, weshalb. Vielleicht war es noch wegen des Briefes unter den Lebzeltenherzen. Aber das war ihr jetzt gleich. Wenn der Geliebte nur am Leben blieb. Alles andere würde sich finden. Auch hatte ihr der Dragoner gesagt, daß die nächste Eilpost, die in den Bereich der kaiser- lichen Armee fahre, schon am nächsten Morgen abgehe, die übernächste erst in drei Togen. Elisabeth Brand beschloß zu fahren, trotz Vater und Kaiserin. Schon in aller Frühe, ehe noch die Bäckerbuben die Brote austrugen, hatte sie sich mit einem kleinen Reisekorb und ihrem Violakasten aus dem Hause geschlichen.
Weil es nun so gekommen war, wie der Bursche des Leutnants es sich erhofft hatte, fühlte er sich in seinem einfachen Herzen für das Wohlergehen der Demoiselle verantwortlich, die er zu diesem Abenteuer verleitet. Auch als sie ihm sagte, daß sie es durch den Herzog von Braunschweig leicht erreichen könnte, zum Leutnant zu kommen, bestand er darauf, zuerst ins österreichische Lager, zum General von Hadik zu fahren. Der werde schon Rat wissen, wie die Demoiselle zu den Preußen käme.
Seit mittag war die Luft glasig und schwül. lief über den fahlen, schwefelgelben Aehren zuckten die blauschwarzen Blitze der Schwalben. In der Kutsche war es unerträglich gewesen. Auch kollerten einem bei jedem Rucken und Schwanken des Wagens die Feldpostsäcke gegen Rücken und Knie. Darum saß Elisabeth Brand jetzt oben auf dem Kutschbock in luftiger Höhe zwischen Dragoner und Schwager. Eben mühten sich die sechs Gäule des Eilwagens durch fußtiefen Staub eine steile, erbärmliche Straße hinauf, die von der March herauf zu einem Hllgelkamm führte. Mit der Peitsche knallend und in bilderreicher Sprache die mährischen Landwege verfluchend trieben Postillon und Vorreiter die Pferde an. In den Riemen schwankend und ächzend erreichte der Wagen die Höhe.
Weit und frei wurde der Blick über das grüne, in die Ebene aus- rollende Gewoge der Hügel, zwischen denen da und dort eine Kirchturmspitze blinkte ober das Dach eines Gehöftes leuchtete, über das metallisch schimmernde Band der March zwischen silbrigen Weiden und über die unermeßliche Weite der schon goldbraun sich färbenden Felder. Heubeladene Bauernwagen schwankten zwischen den Aeckern eilig den Dörfern zu. Lerchen hingen als die Sommerglocken des Himmels noch friedlich im Blau, indes aus blaugrauen Wolken an der Scheide zwischen Himmel und Erde schon das goldene Geäder der Blitze eines noch fernen Gewitters zuckte.
Nach einer Weile des Fahrens schwang sich die löcherreiche Straße in weitem Bogen wieder näher an die March heran, die tief unten zwischen Aeckern und Wiesen sich wand. Der Bursche hob den linken Arm, deutete mit dem Pfeifenstiel in die Ebene hinaus: „Olmütz!" In dunstiger Feme, hinter graugrünen Baumkronen stand weißer Geschützdampf über spielzeugkleinen Mauern und Dächern. Brände schwelten in schwärzlichen Säulen zum Himmel. „Da drüben muß g'wesen fein, lieber die Wiesen dort bin ich g’ritten." Elisabeth Brand senkte den Kopf. Tränen standen in ihren Augen. Wie mochte es dem Geliebten wohl gehen?
Ein ebenes Straßenstück kam. Die Kutsche fuhr schneller. Eine haushohe Staubwolke rollte hinter ihr her. Flockiger Schaum flog von den schweihgeschwärzten Rücken und Flanken der Gäule. An einer Straßenkreuzung hielten zwei Reiter. Der Bursche wunderte sich. Er hatte geglaubt. daß man noch gut eine Stunde zu fahren habe. Jetzt stand kaiserliche Reiterei schon im Norden von Olmütz! Einer der Reiter rief dem Postillon etwas zu, deutete mit dem Arm gegen die linke Straße. Stoßend, über Löcher und Steine springend, bog der Eilwagen im Galopp zum Stabsquartier ein.
Andreas von Hadik saß mit seinem Adjutanten in seinem Quartier, In der Stube eines großen, strohgedeckten, aus Lehm gestampften Bauernhauses. Es schlug gerade fünf von der Dorfkirche


