Verantwortlich: vr. tzanS Thyriot. Druck und Verlag: Vrühlfche Univerf itatsdruckerei R. Lange, Gießen.

Oreifönig.

Von Karl Burkert.

Nun bald schon bleicht der Morgenstern, es wächst der Tag, selb hat man gern Man kürzt die Nacht, spart auch das Licht. Die Sau wird seist, geht ins Gewicht. Der Flachs ist all gesponnen sein, Frau Perta mag's zufrieden sein.

Der Bauer treidelt an das Tor den Kaspar, Balzer, Melchior. Mit Weihrauch wandelt man durchs Haus, die bösen Geister scheucht hinaus.

Laht's schneien nur, laßt kalt es wehn: viel Schlimmes noch kann nicht geschehen!

3U Mesmal trinken die Eltern nicht. Nur Eva sagt: .Menn ich wollte; -$Ä * «*'

°^Dich"werde ich nicht fragen. Und wenn ich will, werde ich doch trinken."

Helene versthließ"' die Masche wieder und bezeichnet zur Vorsicht die obere Malagagrenze heimlich durch einen feinen Strich.

Am nächsten Morgen, gleich nach dem Erwachen pat cht ftm» kalte -Dimmer hinüber, um sich zu überzeugen, daß alles in Ordnung istArg möbniich betrachtet sie die Flasche und stoßt einen furchtbaren Schrei aus. Das Niveau ist fast um Fingerbreite unter den gestrigen Strich gesunken. Die Worte versagen ihr Sie stürmt mit der Flasche hinaus und erhebt vor der versammelten Familie die furchtbare Anklage:Eva hat meinen ^°Eva lkÜ2 nicht. Ja, sie hat getrunken, aber nicht, weil er ihr schmeckt sondern wegen der Gleichberechtigung. Und uberhau^, ßehat immer Kopfschmerzen, es sticht sie in der Wirbelsäule, und manchmal ist ihr furcht­bar wlbmütig ums Herz. Sie ist bestimmt noch v el b u armer als-Helens Das, sich Helene nicht mit einem Tlgersprung auf Eva stürzt, ist nur ö__m Umstande zu verdanken, daß sie nicht wagt, die Flasche auszulassen. Die Muttei greift vermittelnd ein. Sie wird die Flasche im versperrten Küchenschrank aufheben, und alles wird aut fein.

Nichtsdestoweniger prüft Helene zu Mittag mißtrauisch den Malaga­pegel. Entsetzen. Wieder zwei Zentimeter^Schwund. Em Blick genügt, um die Mutter zum Geständnis zu bringen. Heute ,st in der Küche all s schief gegangen Der Ofen hat geraucht, vier Eier sind zur Erde gefallen, der beste Topf ist leck geworden, und der Manm vom Elektrizitätswerk hat die Lichtrechnung einkassiert. Ganz allein und verzagt ist ste m der Küche gesessen, eines Trostes dringend bedürftig. Da ist ihr der Malaga emge- allen, nun, und da hat sie einen ganz kleinen Schluck gemacht.

Helene verschluckt ihre Tränen und verzeiht. Die Flasche aber über­gibt sie dem Vater, der sie im Bücherkasten einsperren wird. Seme einzige Leidenschaft ist das Rauchen. Aber sonst hat er einen guten, verläßlichen Charakter. Man kann ibm vertrauen. Trotzdem sieht Helene im Laufe des Tages mehrmals im Bücherkasten nach, ob nichts geschehen ist. Nein, alles ist in Ordnung, sie kann nach dem abendlichen Gläschen ruhig schlafen Geben.

2(ber was ist das? Ein verdächtiges Geräusch aus dem Zimmer, wo der Bater noch arbeitet, weckt sie aus dem leisen Schlumyier. Lautlos turnt sie aus dem Bett, und klopfenden Herzens späht sie durch das Schlüsselloch Der Vater siebt vor dem Bücherkasten, ein Gläschen Malaga in der Hand. Wohlgefällig hält er es gegen die ßanwe, bann trinkt er es aus Einen Augenblick schwankt er, dann trinkt er noch eins. Das ist zuviel. Ganz gebrochen sinkt Helene in ihr B-stt und lästt die Tränen strömen. Früh geht sie schweigend mit düsterem Ernst zur Schule.

Vormittags geht dem Vater die Arbeit nicht recht vonstatten. Eine Verkühlung scheint im Anzuge zu fein. Er hat schon dreimal aenieft. Da wäre ein Gläschen Malaga nicht schlecht. Er öffnet den Bücherschrank. Die Flasche ist nicht da. Er fraqt die Mütter. Sie weiß nichts. Aber sie ver­mutet, daß Helene die Flasche versteckt hat. Nein, sie hat sie nicht versteckt. Sie hak sie in die Schule mitgenommen und packt sie zu Mittag mit den Büchern aus. Ihr hartnäckiges Schweigen verrät deutlich, daß sie alles weiß. Nun heißt es beichten. Der Vater erzählt den Kindern, wie er vor dem Kriege gelebt hat. Viel besser als fetzt. Damals konnte er noch schöne Reifen machen, unter anderem auch nach Spanien. Nach Malaga kam et zwar nicht, aber doch noch Barcelona, Madrid und Valencia. Und in Wien, in einer engen Gaste der inneren <3*abt, gibt es eine kleine Wein­stube, wo man herrlich beträte Brötchen bekam und wundervolle Siid- meine. Und dort, gestehen wir gleich alles, war der Vater früher ziemlich oft und bat bei einem Gläsch->n Malaaa b»r Herrlichkeiten des Südens gedacht. Und setzt war er auch schon viele Jahre nicht mehr in der kleinen Weinstube. Und heute nacht wat ihm zumute, als wäre er wieder dort, und als er von dem Malaga traut, da kamen alle die schönen Erinne­rungen wieder an den Tag, die nicht wiederkehren.

Der Zorn ist uerftonen. Helene ist tief gerührt. Sie bringt die Flasche, und er soll alles ausfrinfcn. sie wird sich nut Himbeersaft begnügen. All­gemeine Verföbnung. Ast» trinf-m von d<>m MaGaa, auch Eva, die bereits zugibt, dost er ihr doch schmeckt. Nur ein kleiner Rest ist noch in der Flasche.

Am nächsten Taoe kommt ein Briet ohne Unterschrift:Ich mache Sie daraus aufmertfam. hast sich Ihre Tochter Helene in der Schule dem Trunk ergiebt." AMeits fröhlich-»-, Gelächter, und Helene trinkt das letzte Gläschen auf das Mahl der Familie Peberlberoer, von her dieser Brief zwestestos bewährt. Die Flasche itt leer. Aber schon nabt der Monatserste. Da bringt der ^Briefträger Geld. Und es wird für eine neue Flasche Malaga langen.

gern kosten möchte. Aber die Ehre gebietet setzt, bei der einmal geäußerten

Versteh mch^was'd7ran Gutes sein soll", sagt sie und geht hinaus die Nase hoch und die Schultern verzogen, was Helene in den Tod nicht aU52Iiroenfotaetroas Gutes, wie dieser Malaga, war noch nie imHause Schade, daß der Doktor nicht zwei Flaschen täglich verordnet hast Er kannte SSSU» und tropfenweise genießen? Nein, hinunter damit. Hier ist es nicht möglich.

Malaga.

Von Bruno Wolfgang. v

.Helene ist ein wenig blutarm", sagt der Doktor,sie soll eine Zeitlang TOa5n%Tnel)me ich nicht", wehrt sich Helene entsetzt,,,,da hat man immer io furchtbares Fieber, und es kommt immer wieder.

Du meinst Malaria", lächelt der Doktor,das ist freistch nichts Gutes, aber du bekommst Malaga. Das ist em sehr guter Wem.

p "tn« __ <Sq " ___ (Steiff 1 ,,^)f0D0.

Das ändert 'die Sache'.' Mächtig bringt Helene darauf, der Vater möge doch sofort die ersten hundert Flaschen bestellen. Sie ist bereit der orzst licben Anordnung auf das gewissenhafteste nachzukommen und sogar noch Fleißausgaben zu machen. Jeden Tag, wenn sie aus der Schule he.m- tommt, ist die erste Frage, ob der Malaga schon da ist.

Nein er ist noch nicht da. Der Vater kratzt sich etwas verlegen. Es ist der Fünlundzwanzigste, und das drückt sich immer in einer besonderen Vereinfachung des Speisezettels aus. In einer so ordinären Umgebung würde sich ein so seiner Wein wie der Malaga nicht w^)lsuhlen und konnte so sauer werden, wie die Gesichter nach der dritten Eierspeise. Aber das versteht Helene noch nicht, und so greift er zu einer Ausrede:

Weißt du, Malaga ist sehr weit. Wenn ich nicht >rre, in Spanien. Und da braucht es mindestens eine Woche, ehe der Wem ankommt.

Helene verschwindet. Nach fünf Minuten ist ste wieder da sie bringt Müller-Meier-Nawratil-Kiotz-Pappingers Schulatlas und h^ seftgeffellt, daß die Entfernung von Malaga bis zu uns gar nicht so arg ist. Das ÄfE'Si'ÄS'X -in«, elnC.'s^t«nnftUb»d)Cbem Chnusseur von hem Flugzeug lagen, er soll eine Flasche so mitnehmen. Du gibst ihm halt ein paar Zigaretten.

° Das ist unmöglich. Denn der Wein ist so gut, daß er ihn unbedingt unterwegs austrinkt, bann bekommt er einen Rausch, bas Flugzeug stürzt ob alles9ift hin unb beinen Malaga bekommst bu erst recht nicht.

' Was hat der Vater nur?" Er ist doch sonst nicht so widerspenstig. Helene ist gerabezu wahnsinnig neugierig auf ben Malaga. Am nächsten Tage kommt sie aus ber Zwischenstunde atemlos nach Hause gelaufen. Sie bat erfahren, baß man ben Malaga überall zu kaufen bekommt.

Nein, so was", fchwivbelt ber Vater,wenn 'sh dj- geahnt hatte!

Alfa setzt schnell, schnell! Wenigstens ein, zwei N°schen. Sie mochte gern warten unb sehen, ob ber Vater frei) Jo ort an3tet)t unb geht .Aber die V'licht ruft, unb sie muß wehklagenb fort. .-Warum gehst du nicht? ruft sie noch zurück,ich spüre, daß ich schon gar tem Blut wehr habe.

Die Mutier klappt zusammen:Borg dir halt ein paar Schilling aus Und bring' endlich diesen verdammten Malaga."

Seufzend ergibt sich der Vater. Er leitet die nötige Kreditoperation ein und richtig, zu Mittag ist der Malaga da. Umarmungen Freud en- geschrei. Helene bringt sofort das Bierkrügel für die erste Kostprobe.

Was fällt dir ein? Ein so seiner Wein wird nur aus ganz kleinen Likörgläschen getrunken. Eines nach dem Essen und eines abends. So hat es der Doktor verordnet"

Mene verschlingt mit noch nie dagewesener Geschwindigkeit das Mit­tagessen. Der Vater entkorkt feierlich die Flasche, die Mutter bringt drei Gläschen. , ,, .

Wozu drei?" ruft Helene entsetzt,ich bin doch allein blutarm. , Wir wollen nur das erstemal kosten, ob er nicht zu stark ist für dich. Nein, mir ist nichts zu stark", schreit Helene ungeduldig und schlagt mit der Zunge einen lüsternen Reif wie eine Löwin vor ber Fütterung. Lanosam rinnt ber buntte, ölige Wein in bie Gläser.

Du bekommst nichts", sagt Helene noch schnell.

Ach", macht Eva unb zuckt verächtlich bie Schultern,ich mag keinen Mala-w Mir schmeckt bas nicht,"

Haft bu beim fchon einen getrunken?"

Nein, aber mir schmeckt er trotzbem nicht."

Eva ist als Weib zur Logik nicht verpflichtet. Sie steht.schon mit einem Fust in jenem Alter, bas von Menschen, bie starke Ausbrücke lieben, bas blöbe genannt wird. Sie weiß alles besser und rümpft über alles bie Nase

fflut! schreit Helene unb klonst sich auf ben Magen.

Fein", nickt ber Vater.Nicht schlecht", sagt bie Mutter.

Mene rennt plötzlich hinaus unb kommt mit einem Hammer roieber. Sie will ben Kork sofort roieber fest in bie Flasche zurückhämmern, baß ihn niemand so leicht wieder herausbekommt. Sie wittert Gefahr. Alle haben so verdächtig gierige Augen. Sogar Eva, die nun auch verdammt