So ritt ich denn von nun an in Jagd und Fehde hinter meinem Herrn und König her und sand ihn, wie er sich mir am ersten Tage gezeigt hatte: von wechselnden Launen wie April, harsch, ungeduldig, ausbrausend, schrecklich im Zorn, aber auch wieder von mitteilsamem Gemute, zugänglich und leutselig, so daß man zur guten Stund« einen Scherz wagen durste und es geschehen konnte, daß der erhabene Herr mit seinem Gesinde lachte, bis ihm di« hellen Tränen übet die Backen liefen, v
Daß ich aber aus dem Stalle und der Gewehrkammer tn das Vorzimmer gelangte und mich zuletzt aus die Schwelle der königlichen Schlafkammer wie ein Rüde betten durfte, das geschah nicht sprungweise, sondern allmählich von Schritt zu Schritte,
König Heinrich war ein gewaltiger Nimrod, der es liebte, in gestrecktem Jagen auf den Fährten eines Hirsches zu fliegen, sein Gefolge wett hinter sich lassend, und der dann, von wenig Bedürsnissen, wie er war, bei einbrechender Nacht mit dem ersten besten Lager vorlieb nahm. Da war ich, auf meinem schnaubenden Tiere mich dicht hinter ihm haltend, oft der einzige in der Nähe, ihn zu bedienen, und brachte ihn auch trunken zu Veite, wann er, nach dem Schweiß« der Jagd, dem Becher zugesetzt hatte. So gewöhnte er sich an meinen Dienst und mich, wenn ich mich auch nicht mit bösen Listen einschmeichelte, war ich doch witzig genug geworden, um mir mein gutes Spiel nicht täppisch zu verderben. ,
Dreierlei aber kam mir dabei zugute: daß ich weder Normanne noch Sachse war, daß ich von niemandem als meinem Herrn Miet' und Gab« nahm — einzig den Kanzler, dem keiner etwas weigern durfte, zuzeiten und unter Umständen ausgenommen — und daß ich, ohne gerade den dummen Hans $u fpielen, mich etwas einfältiger stellt«, als ich von Natur war/ und etwas neuer, als mich die Erfahrung gelassen hatte. Dergestalt sand Herr Heinrich ein Wohlgefallen an meiner schwäbischen Treuherzigkeit.
Doch auch Herr Thomas hals mir weiter in der Gunst des Königs dadurch, daß er sein« Blicke gnädig auf mir ruhen ließ — denn der König sah mit den Augen seines Kanzlers —, und dadurch, daß er mir zuweilen ein scherzendes, sinnvolles Wort zuwarf, welches er in feiner Ehrerbietung an Herrn Heinrich nicht richten durfte, und von welchem er doch wünschte daß dieser es vernehmen möge.
Das Wohlwollen des Kanzlers aber fiel mir zu an einem Tage, da er und ich den Finger an den Mund legten.
Im ersten Jahre meines Königsdienstes nämlich begab es sich, daß Herr Heinrich au einem schwülen Sommernachmittage in seinem Gemache sich zum Schlummer gelegt hatte, als der Kanzler in dringenden Geschäften ihn aussuchte. Ich trat Herrn Thomas entgegen und flüsterte, den Finger auf die Lippen legend: .Herrlichkeit, der König schläft ...' gtun müsset Ihr wissen, ehrwürdiger Herr, daß di« Heiden in Granada, vornehm und gering, die fromme Gewöhnung haben, jedesmal wann von Schlummer und Schlaf geredet wird, hinzuzufügen: .Gelobt sei, der nicht schläft noch schlummert!' So tun sie von Kindesbeinen an, ohne sich mehr dabei zu denken, als wir Schwaben bei unserem .Grüß' Gott. Da ich unter den Heiden lebte, hatte ich mir diesen Spruch gleicherweise angewöhnt, um mir auf eine unschuldig« Art etwas Landesfarbe zu geben. War ich nun selber schlummertrunken, oder erinnerte mich der im verhängten Zimmer noch blasser als sonst erscheinende Kanzler on einen Mauren, oder tat ich es aus bloßer Gewohnheit, deren Macht stark ist — kurz, ich sagte: .Herrlichkeit, der König schläft — gelobt sei, der nicht schläft noch schlummert!'
Da lächelte der Kanzler wider seinen Willen, bis zuletzt die ganze Reihe seiner Perlenzähne schimmerte, und fragte mich dann in ernsthaftem Tone: ,Wi« kommt ein Deutscher zu diesem Gruß«?'
Ich erzählte ihm, das Erwachen des Königs erwartend, daß ich drei Jahre in Granada die Bognerkunst erlernt hätte und erzählte ihm auch die Geschichte des Prinzen Mondschein. Das war freilich ein gewaltiger Mutwille und hätte mir zum Schlimmen gereichen können. Aber die Versuchung zu ergründen, ob Prinz Mondschein und der Kanzler ein und dieselbe Person seien, und zu erproben, ob der ewig Ruhige nicht wenigstens diesmal sich überraschen lasse, war für mich zu stark. Herr Thomas aber verzog keine Miene. Er hielt eine Weile, wie er zu tun pflegte, die Augen sinnend gesenkt, dann erhob er sie auf mich und legte langsam den weißen Finger auf den Mund. Ich dagegen bog das Knie vor ihm und meldete ihn bann dem Könige, der in seiner Kammer eben ein Geräusch gemacht hatte.
Da mich nun die beiden Herren leiden mochten und mir gleicherweise trauten, werdet Ihr an das Wunder glauben, daß ich der seltenen Gunst genoß, hinter dem Stuhle meines Königs zu stehen, wenn er mit dem Kanzler in Staatsgeschäften zusammensah. Herr Heinrich ließ sich dann von mir einen perlenden, weißen Wein einschenken, der aus Frankreich, kam, während er mit listigen Augen und innigem Vergnügen den scharfsinnigen Auseinanderlegungen und verwickelten Schachzügen seines Kanzlers folgte, und dieser sonnte sich wie eine schlanke, weiße Schlange in den Strahlen der fürstlichen Gunst.
König Heinrich betrachtete den von ihm aus dem Nichts Gehobenen mit Wohlgefallen als sein Geschöpf; aber bas Geschöpf, ehrwürdiger Herr, war dem Schöpfer unentbehrlich geworden und unterjochte ihn mit seinem sanften Eigensinne.
Oft habe ich dabeigestanden, wann der Kanzler den König, dessen zur Jagd gesattelte Pferde schon im Schloßhofe wieherten und stampsten, noch beim Ueberschreiten der Schwelle aufhielt, seine Rollen vor ihm entfaltete und den Unbändigen durch den Zwang feiner milden Worte nötigte, ihm Gehör zu schenken, und ich mußte mich wundern, wie er, den Stift in der einen und das Pergament in der andern Hand, Herrn Heinrichs hingeworfenen Bescheid wiederholte und entwickelte, denselben in eine schöne, geschmeidige Rede verwandelnd, daß es nur so strömte wie flüssiges Gold."
„Auch deine Rede strömt, daß ich mich wundem muß", stichelte der greife Chorherr.
„Gebt Raum meiner Rede", rief Hans, „und laßt mich Euch den wun-
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Herr, die deinige ist!' und unterfchrieb das Todesurteil.
Später, als er den Saal verließ, wendet« er sich zu mir, der neben der Schwelle stand, und sagte: .Die Marie ist eine Hexe, wie ich Heiliger! Atter Hans, es gibt Augenblicke, da mir gleichermaßen graut! vor dem, was di« Menschen sind, und vor dem, was sie sich zu K"*1 einbilden.' -
Diese Rede habe ich nie verstanden; aber ich muh vermuten, boB Herr Thomas in hochmütiger Philosophie nicht an die Künste ©atar- gtaubte.
Als hernach di« schwarze Mary hinausgeführt und gerichtet wewe^ sollte, fanden sie ihren Kerker leer, und da Herr Heinrich mit drohendes Finger den Kanzler darüber zur Rede stellte, meint« dieser, das fei Blendwerk so gut wie alles frühere — und damit war die
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Später lief die Rede, di« fchwarz« Mary fei nicht mit solchem stank abgefahren, sondern führe auf einer entlegenen Meierei des Kan» lers ein stilles und «ingezogenes Leben. Wenn sie aufrichtig ht sich 6*2 gangen sei, sei es ihr wohl gegönnt! Ich will Euch nur gestehen, de» auch mich ein Mitleid mit der Sünderin überfallen hatte, als ich I1 auf ihrem modrigen Strohhaufen sitzen und unter den verwirr»» Strähnen ihrer Haare hervor mit schwarzen, irren Augen zu der Kanzler aufblicken sah, als ich sie über ihre unbeschirmte Jugend klag! hort« und über die Unbill, die man ihr angetan, als sie noch unschum' war. Wußte doch auch ich ein Lied davon zu singen!
(Fortsetzung folgt.)
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berfamften Mann beschreiben, welchen die Er-« getragen hat, das Vorbild und die Mode des Jahrhunderts. Der vornehmste Adel von Engelland gab ihm feine Sohne als Edelknaben in die Lehr«, und welcher Junghen den Ritterschlag nicht von der Hand des emporgekommenen Sachfen emp fangen hatte, galt nicht für voll unter dieser hochmütigen und weg werfenden Jugend.
Es hat mich oft ergötzt, wann die schmucken Knaben, welche ihre blühen, den Lippen nie mit einem englischen Worte verunreinigt hätten, an de« farblosen des Thomas Decket hingen, dem freilich die französische Herren- spräche zierlicher vom Munde klang als nicht einem unter ihnen; wie fit . sich jede seiner Redensarten und Wendungen forgfältig merkten, die Fein- I h«it seiner Scherze bewunderten, den Schnitt seiner Kleidung nachzeich neten und feine ruhige Gebärde nachahmten als das Höchste höfischer Vollendung.
gines aber, mein’ ich, mangelte dem Kanzler: das Ungestüm und die
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Schärfe eines männlichen Blutes.
Nicht, daß er feige gewesen wäre! Eine Memme hatte sich feinen Taz. am Hose König Heinrichs gehalten; denn die Normannen sind kitzlig im Ehrenpunkt wie kein anderer Adel. Gleich fährt das Schwert aus ber Scheide, und verloren ist unter ihnen, wer den Stich eines Blickes ober einer Klinge nicht parieren und zurückgeben kann.
Obzwar ein halber Kleriker, war Herr Thomas in jeder ritterliche«: Uebung und Waffe wohlerfahren, wobei ihm fein biegsamer Wuchs zustatten kam, und zog wohl auch, wenn es die Staatsgeschäste erlaubten, mit dem König zu Felde. Ich bin einmal hinter feinen Fersen eine Sturmleiter hinausgeklettert und habe ihn innerhalb der erstiegenen Ringmauer jener französischen Burg mit einem wütigen Pikarden handgemein werde« j sehen, wtenblah in der Tat und die Zähne aufeinander beißend. Aber er i täuschte die feindliche Waffe und jagte dem Recken richtig zielend bas Schwert durch das Herz, freilich um es bann, als fein Gegner in der j Lache feines Blutes lag, mit Ekel und Abscheu zu betrauten und weg. | zuwerfen. .Bogner, gib mir ein reines!* gebot er mir. Und doch war dieses Schwerk ein Meisterstück fremder Schmiedekunst, das Euch bis ; Maschen jedes Panzers durchschnitt wie Tuch. Ich hab« es aufgehoben und lange Jahre zu meiner eigenen Sicherheit gebraucht.
Herr Thomas konnte kein Blut vergießen.
In den Bezirken seiner weiten Besitztümer spielte und weidete bas Wild in den Waldlichtungen wie im Paradiese, und wann er feine Forsts besuchte, näherten sich die Rehe und freuten sich, ihm aus der Hand jil fressen.
Auch bas Todesurteil eines Menschen vermocht« er ohne Erblass«» j nicht zu unterschreiben, und eine Hinrichtung, wie solche in einem ordentlichen Staatswesen häufig sind, mit anzusehen, überflieg feine Kraft, wöh» renb mein Herr und König sich gerne herabließ, ihnen, als die verkörperis s Gerechtigkeit, vorzustehen. Oft gab es Herrn Heinrich zu lachen, wann en mit feinem Kanzler an einem Rabensteine vorüberritt unb Herr Thomas mit Unlust bas Haupt abwendete, nicht wegen der Geister, die dort heimisch sind (denn der Kanzler war ein ungläubiger Mann), sondern aus \ Grauen, wie er einmal fallen ließ, vor der gequälten Menschheit, bereu zerrissene Glieder dort aus dem Rade zuckten.
Sogar das Urteil einer landkundigen und ihrer teuflischen Frevel! geständigen Sauberfrau und Hexe zu unterschreiben, weigerte sich bell Kanzler und setzte sich dadurch, ber sonst so kluge Mann, einer hew" nischen Laune wegen, in Widerspruch mit ganz Engelland: König, Abei, Volk und Psafsheit. I fchdi
Das war di« schwarze Mary, die in einem Dorfe unfern von 1W I le H bon ihr Wesen trieb, Gewitter braute, Seuchen ausgehen lieh, Vieh un» I Kindlein würgte, bis sie zuletzt von einem geistlichen Gericht gefoltert I ;i:e ( und, nachdem sie willig bekannt, um ihre reuige Seele aus dem ewigem | NSobti Brande zu retten, zum zeitlichen Feuer begnadigt wurde. I tit(5
Da geschah es, daß der verzärtelte Kanzler die Unholdin in ihrem I ekeln Kerker aufsuchte und sich ihre verlassene Jugend und ihren fpäter«» I Umgang mit dem Teufel erzählen ließ. Könnet Ihr es mir nun glauben., I daß Herr Thomas ber schwarzen Mary, bie unter heißen Tränen na® 1 ber reinigenden Flamme schrie, den Satan auszureden suchte unb M vorhielt, sie betrüge andere und sich selbst? Und je handgreiflicher sm I ihm alles schilderte, um so ungläubiger wurde ber Heide. Herr Thomas riß den Prozeß vor den König; dieser aber wollte nichts von Gnade hören, sondern sagte majestätisch: .Kanzler, ich bin bas christlich« wissen von Engelland, ich kann nicht!' Da sprach ber Kanzler gelassen!! .Was vermag ich gegen die hohe Weisheit des Jahrhunderts, welche, ®


