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Nummer ZH
Zreitag, den 5. Mai
Jahrgang 1939
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i r "Ws besser, als eines Tages die arme Hilde unversehens, da es dunkelte, " , di j der verlassenen Werkstatt saß, den Vater erwartend, von dem sie wußte, " „ t' '■‘6 er bei einbrechender Nacht mit eigenen Händen Laden und Türe
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, Ich habe nie erfahren, ob der Normanne Malherbe seine Gefangene U iwillig zurückgab, weil er ihrer müde geworden, oder ob der Kanzler ni seiner verborgenen Weise einen Druck auf ihn ausgeübt hatte.
Eines dagegen sah ich deutlich: der Meister trieb mich in treuer Ab- W aus dem Hause. Er war gesonnen, sein zertretenes und scheu ge- v»rdenes Kind einem Angelsachsen aus seiner Verwandtschaft, der in der uterkstatt arbeitete und Trustan Grimm hieß, einem ungeschlachten Rot- zum Weibe zu geben. Dabei wollte er mich nicht zufehen lagen, la* lag er mir täglich an, eine bessere Stellung zu suchen, und da ich in ,ei.er Zeit, um Groll und Gram zu verwinden, eine Armbrust erfand, die (Uuter trug und sich leichter spannen ließ als alle damaligen — ein maoes Werk, wenn ich es auch später abermals übertroffen habe —£ jo
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Das begab sich aber folgendergestalt.
In der Wertstätte meines Meisters gingen die Normannen ein und ii« denn da gab es stets mit neuer Kunst erfundene oder vervollkomm- tiite Armbruste zu prüfen. Leider blieb bei diesen Besuchen die schüchterne Hilde nicht Immer verborgen. Sie war die Freude und der Wunsch Heiner Augen; so konnte mir nicht entgehen, daß die der normännischen Mer schärfer auf ihr hafteten, als heilsam war. Einer von ihnen, den si: Gui Malherbe, das ist Beit Unkraut, hießen, und der im Gefolge und n der reichen Tafel des Kanzlers fein schädliches Dasein fristete, ein i, cher, ungebundener Edelknecht, aber gegen die Frauen von geschmei- bizen Manieren, wurde mir täglich mehr zum Stachel und zum Aerger- 13, und es fraß mir das Herz ab, ihn mit der sächsischen Magd auf der Heenzscheide verblümter Tändelei und nackter Herrensrechheit spielen zu (eben, ohne ihm dafür mein Messer zwischen die Rippen stoßen zu dürfen. Ute in Leben hält' ich es mich vielleicht kosten lassen; aber den Meister und bis Mägdlein wollt' ich nicht ins Verderben stürzen, wie es doch damit ssschehen wäre.
Was soll ich da Worte machen, wo mein Herr Burkhard sich aus (einer Jugend erinnert, wie behend der Böse in solchen Füllen sein Netz «lswirft und zuzieht!
Eines Tages wurden der Meister und ich auf ein etliche Meilen von !? nbon gelegenes Schloß gerufen, um einem normännischen Herrn die iassenkammer einzurichten. Es wird ein verabredetes Spiel gewesen sein. Sir wurden unter allerlei Vorwand dort aufgehalten, und als wir nach ! nbon heimkehrten, war Jung Hilde verschwunden — gewaltsam ent- ihrt, nach der Aussage der Nachbarn, die nächtlicherweile Pferde- l’trappel und eine jarpmernde Stimme gehört hatten, willig folgend, wie > feigen Gesellen und furchtsamen Mägde logen, da sie der Meister zur L‘be stellte.
Ich warf meinen Verdacht auf Gui Malherbe — was sage ich? Die viche war mir gewiß, und so riet ich meinem Meister, dem Kanzler liiienb den Weg zu verlegen, wenn er an unserer Wertstatt vorüberritte «ich dem festen Turme von London, zu dessen Kastellan der König ihn «Hoben hatte, und nicht zu weichen, bis er ihm Gehör gebe und seinen «irmännischen Knecht zur Rechenschaft ziehe.
So geschah es eines Tages. Mein armer Meister warf sich vor dem piächtig geschirrten Zelter des Kanzlers in den Staub und heischte, seinen liuuen Bart raufend, mit erstickter Stimme und mit tränenbedeckten . Longen Gerechtigkeit gegen den Räuber seines Kindes, der mit trotziger Biene, aber unruhigen Augen in der dritten Reihe hinter feinem prun- Inben Gebieter herritt.
Ich kann es nie vergessen und sehe es jetzt noch, wie dieser gelassen iub unbewegt, ohne eine Miene zu verziehen, den Geängstigten kaum mit niem dunkeln Blicke aus seinen halbgeschlossenen Augen streifte, das W erd langsam an ihm vorüberlenkend.
. Als dann der verzweifelnde Sachse auf die Füße sprang, die geballten fiufte gegen ihn schüttelte und ihm nachschrie: .Schade, Pfaffe, daß du en Kind hast, das dir ein Normanne verderben tarnt!1 da berührte Bornas Becket, wie von einem lästigen Insekt umschwärmt, leise fein oabisches Roß, um es in etwas raschere Gangart zu setzen. Ich ober »ungte den alten Mann in sein Haus zurück und entzog ihn den höhnen- m Blicken und verächtlichen Scherzreden der den Kanzler geleitenden Lüterschar.
‘ Nun folgten jammervolle Tage, an die ich noch heute nur mit Bitter- ,( t zurückdenke; damals glaubte ich sie kaum zu überstehn. Es wurde
DER HEILIGE
Novelle von Conrad Ferdinand iTlcyer
2. Fortsetzung.
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redete er mir zu, meine Erfindung König Heinrich, der ein Förderer und Pfleger der edeln Wurf- und Schießkunst mar, persönlich zu überbringen und zu empfehlen. Ich sah, er meinte es gut mit mir, und ich befolgte seinen Rat.
Viertes Kapitel.
Als ich auf Schloß Windsor zum ersten Male vor den König von Engelland trat, zitterte mir das Herz im Leibe, denn er war von gewaltigem Wuchs und herrischer Gebärde, und seine blauen, unbeschatteten Augen brannten wie zwei Flammen. Er blickte mich zuerst ungnädig an, begriff aber sogleich, worum es sich handelte, mehr aus der bargebotenen Armbrust als aus meinen stockenden Worten, nahm, spannte sie, legte den Pfeil, trat an bas geöffnete Fenster und schoß nach einer Krähe, welche sich auf die, da es windstill war, bewegungslose Fahne des Schloßtunns gesetzt hatte; und ein helles Lachen ging über sein Antlitz, wie sich die Fahne drehte und das Tier flatternd in die Dachrinne stürzte.
Noch einmal prüfte er mit dem Finger Senne und Drücker, bann warf er mir einen befriedigten Blick zu. ,Das ist mit Kunst gemacht, mein Junge', lobte er mein Werk. ,Da, trag es in meine Rüstkammer und melde dich beim Waffenmeister als meinen Dienstmann; denn bu bleibst um mich, Deutscher, und magst mir die Armbrust auf die Pirsch nach- traaen/
Da war keine Widerrede, auch wenn mein eigenes Herz nicht danach gelüftet hätte, den Königsdienft zu versuchen als das Höchste im Weltspiel.
Während Herr Heinrich noch zu mir sprach, tarn fein Dritter, der halbwüchsige Herr Richard, hereingesprungen mit dem Jubelrufe: .Vater, die normännischen Hengste sind da! Prächtiges Blut!' und Herr Heinrich ließ sich von seinem Lieblinge fortziehen.
Jetzt erhob sich aus einer tiefen Nische, wo er, ohne von mir erblickt zu werden, vor einem mit Schriftstücken belegten Marmortisch gesessen hatte, ein vornehmer, bleicher Mann in köstlichen Gewänden und trat, diese schön und langsam bewegend, zu mir, als trüge er Verlangen, auch seinerseits über meine Erfindung sich unterrichten zu lassen. Es war der Kanzler. Ich wiederholte meine Lehre mit mehr Verwirrung — könnet Ihr es glauben? — als vor dem Könige; denn mir wurde bange, da er, aufmerksam lauschend, mich ganz ausreden ließ, und mir schien, als ertöne meine einsame Rede viel zu keck und laut in der hochgewölbten Halle.
.Eure Gnade', endigte ich, .ist ein Gelehrter und hat wohl kein Gefallen an Kriegszeug?'
Er senkte die dunklen Augen und antwortete leutselig: .Ich liebe das Denken und die Kunst und mag es leiben, wenn der Verstand über die Faust den Sieg davonträgt und der Schwächere den Stärkeren aus der Ferne trifft und überwindet.'
Mit diesem schonen und einsichtigen Lobe der Armbrust, lieber Herr, köderte mich der Kanzler, ohne es zu wollen, und ich hätte ihm meine Lust an seiner Weisheit mit dankbaren Worten bezeigt, hätte ich meine Scheu vor feinem blaffen und übermenschlich klugen Antlitz verwinden können.
In die Rüstkammer tretend, fand ich dort den Waffenmeister, einen eisgrauen Normannen, der mich wohl um Kopfeslänge überragte. Herr Rollo empfing mich hochfahrend und geringschätzig, beschäftigte sich bann aber eingehend mit meiner Erfindung; denn er war in Engellanb der beste Kenner alles Rüstzeuges. Er brummte etwas Beifälliges zwischen den Zähnen und kam endlich dahin, meinen Gedanken zu billigen. Aks er mich bann um meine Heimat befragte und erfuhr, ich stamme von unweit des schwäbischen Meeres her, schenkte er mir aus seinen harten Runzeln einen aufmerksamen Blick.
.Treue Leute, die Schwaben, und deren sind wir hier zu Hofe bedürftig', sagte er. .Hältst du dich aufrichtig, Deutscher, so mangelt es hier nicht an Gnaden und Lohn. Du trittst in eines gewaltigen Herrn Dienst.'
Und er hob an, daß Wesen der normännischen Könige mit großen Worten zu greifen und mir ihre Reiche und Herrschaften aufzuzählen. .Diesseits und jenseits des Meeres sind sie mächtig, rühmte er, mnd was sie ergreifen, das lassen sie nimmermehr los.'
Dabei zeigte er mir die Panzerhemden und Kronhelme des Eroberers und feines Sohnes, welche, an den Mauern der langgestreckten Halle, zuvorderst in einer endlosen Reihe von Rüstungen und Waffenstücken hingen.
.Eines nur', fuhr er kopfschütelnd fort und wehrte mir, einen verrosteten Pfeil zu berühren, der unter der Rüstung des zweiten Königs auf den Steinfliesen lag, .eines nur, das letzte, mißrät ihnen. Die hohen Herren haben allesamt ein böses Sterben. Dieser Bolz — Gott und der Teufel wissen, wer ihn abschoh — hat Herrn Wilhelm dem Rothaarigen mitten im lustigen Jagen den Lebensfaden zerschnitten; Aber was tut's? Glänzende Sonnen gehen blutig unter.*
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger


