Ausgabe 
4.12.1939
 
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Die Falle am Mankaral.

Von Niklas Reueisberg,

Es war ein Hundeleben in Ciudol. Die kleine Siedlung lag zwischen Strom und Urwald und war mit der Hölle durchaus zu vergleichen. Gegen die mörderische Hitze half nur Whisky, gegen das Fieber wurde Chinin empfohlen, und bei Schlangenbissen blieb nur die Hoffnung auf die ewsge Seligkeit, sofern der Unglückliche nicht dem Teufel verschrieben war. Es gab Termiten, Ameisen, Moskitos und giftige Spinnen. Die Männer, die hier lebten, wollten sehr reich werden und goldbeladen in ihre Heimat zurückkehren. Die meisten verliehen Ciudol nie mehr. Manche vertrugen die Einsamkeit nicht und liefen im Rausch in den Urwald, andere traten versehentlich auf eine der kleinen giftigen Schlangen oder wurden von den Federpfeilen getroffen, die die Indios von Zeit zu Zeit aus dem Dickicht bliesen. Es lebten keine Frauen in Ciudol, und das war schlimmer als alles übrige. Einmal in drei Monaten kam ein Dampfer den Strom herauf und brachte Lebensmittel, Whisky und Zeitungen und dampfte wieder zurück. Die Zeitungen waren uralt. Bis sie in Ciudol ein­trafen, hatte sich in der Welt längst wieder alles geändert. Die Männer schnitten die hübschen Frauenköpfe heraus und nagelten sie an die Bretter­wand von Corellis Bar. Dann betranken sie sich und träumten.

Thomas Werner und Richard Farell waren die jüngsten Bürger des einsamen Dorfes. Sie vertraten die Interessen einer englischen Gesellschaft und suchten in den Wäldern seltene Holzarten zusammen. Es war dies ein ebenso langwieriges wie gefährliches Unternehmen. Die Indios waren nicht gesonnen, das allmähliche Vordringen der Weißen tatenlos hinzu­nehmen. Sie vermieden zwar offene Gefechte und benahmen sich friedlich, solang« sie in der Minderzahl waren: aus dem Dunkel des Waldes aber flogen die vergifteten Pfeile und töteten nicht schlechter als moderne Stahlmantelgeschosse.

Durch einen unglückseligen Zufall hatte sich Thomas Werner schon In den ersten Wochen die Todfeindschaft der Indios zugezogen. Während einer Streife am oberen Manjaral verfolgte er einen buntschillernden Vogel, der kreischend vor ihm herflatterte und immer wieder zu Boden ging. Endlich ließ er sich in den Zweigen eines niederen Busches nieder. Werner schoß. Der Vogel stürzte zuckend ins Geäst. Im gleichen Augenblick kam aus dem Dickicht ein schmerzlicher Ruf, und Werner drang zwischen die Büsche. Ein junges Jndiomädchen lehnte mit verzerrtem Gesicht an einem Baumstamm und hielt beide Hände an die Schulter gepreßt. Zwischen ihren Händen rieselte Blut hervor. Werners Begleiter waren herbeigeeilt und standen bestürzt im Kreise herum. Das braunhäutige Mädchen fauchte wie eine Katze, als Werner versuchte, die Hände von der Wunde zu ziehen. Plötzlich tauchten blitzschnell mehrere Indios aus der Dämmerung des Waldes und begannen auf das Mädchen einzureden, ohne auf die Weihen zu achten. Es war aussichtslos, ihnen den Unfall zu erklären. Sie gaben sich keine Mühe, den Hergang der Verwundung zu begreifen. Ihre Gesichter blieben geschlossen und feindselig. Das Lösegeld, das Werner ihnen bot, schlugen sie aus und verschwanden mit dem Mädchen im Wald. Obwohl die Verletzung nicht gefährlich war, wußten alle, daß die Indios nie aufhören würden, an Rache zu denken. Die Männer brachen das Lager ab und gingen nach Ciudol zurück. Werner war niedergeschlagen, obwohl der Unfall ohne sein Verschulden geschehen war. Allmählich vergaß er sein Erlebnis vollständig. Es vergingen lange, qual­volle Monate in der Trostlosigkeit Ciudols. Thomas Werner und Richard Farrell waren unzertrennliche Freunde. Sie ertrugen die Hitze, taten ihre Arbeit und sprachen von ihrer gemeinsamen Heimat. Manchmal spielten Sie Karten. Nicht um Geld, sondern um Orangeade. Denn sie fanden, daß iie Hitze zwar grauenhaft sei, aber nicht schlimmer als das Ende eines Säufers. Und wenn man feinen Durst mit Whisky zu löschen versuchte, durfte man niemals mehr zu saufen aufhören. Man nannte sie die >,frommen Brüder von Ciudol", machte Witze über die Bekömmlichkeit des Drangenrooffers und ärgerte sich darüber, daß die beiden trotzdem nicht zugrunde gingen. Es gab ja so wenig Gesprächsstoff in Ciudol. Man hatte einander schon alles erzählt, was jemals geschehen war. Jeder wußte alles vom andern, von den Hoffnungen auf künftigen Reichtum bis zum zeitweiligen Lebensüberdruß. Und manchmal wußte man nichts mehr zu sagen. Das waren die einsamsten Stunden, weil man mit sich allein war.

Endlich sollte wieder eine Streife flußaufwärts ziehen, weil die Vor­räte zu Ende gingen. Die Boote wurden Überholt und zu Wasser gebracht. Wasser, Konserven und Whisky für den Bedarf vieler Wochen wurden verladen. Die Männer prüften ihre Waffen und schrieben Briefe an ihre Angehörigen, sofern sie welche hatten. Man konnte nicht wissen, wieviel im Urwald blieben. Die Boote stießen ab. Der Schlag der Ruder trieb die schweren Fahrzeuge langsam stromaufwärts. Das Boot, in dem Werner imb Farell faßen, lag an der Spitze: nicht nur, weil es das schnellste war, sondern weil die beiden Freunde die sichersten Schützen waren und scharfe Augen hatten. Tage vergingen. Die Boote schoben sich die grüne Mauer entlang, die dicht und undurchdringlich an den Ufern stand und bis ins Wasser niederwuchs. Seltsame Geräusche drangen aus dem Dickicht: Rascheln, Knistern, Kreischen und Wimmern. Geheimnisvolles Leben summte in ewiger Dämmerung. Nach zwei Tagen bogen die Boote in die Mündung des Manjaral ein, der in verzweigten Armen in den Strom überging. Mit wunderbarer Sicherheit fanden sich die mischblütigen Ruderer in dem Gewirr von Kanälen zurecht. Grüne Inseln zogen vor­über, das Geräusch der Ruder scheuchte riesige Vogelschwärme hoch, die lauf treibendem Buschwerk saßen, und auf flachen Schlammbänken lagen Krokodile und versuchten wie angeschwemmte Baumprügel auszusehen. Wei einer Lichtung am Strom, die augenscheinlich den Indios als Lager­platz gedient hatte, beschloffen die Männer anzulegen.

In dieser Nacht wurde Richard Farell durch den peitschenden Knall mehrerer Schüsse aus dem Schlaf gerissen. Innerhalb weniger Augenblicke roar das Lager in Aufruhr. Die Männer tarnen schlaftrunken aus den Kelten. Anfänglich wußte niemand zu sagen, was geschehen. Die Ver­wirrung war vollkommen. Dom Ufer her schrie jemand um Hilfe. Alle stürzten hin. Fernando, einer der Bootsleute, rang mit einem Indio. Er

kniete aus feinem Brustkasten und wär Im Begriff, ihn zu erwürgen. Wir hielten ihn zurück. In feiner Wut halle er nämlich übersehen, daß der halbnackte, braune Bursche schwer verwundet war. Ein Schuß war durch seine Rippen gegangen. Er blutete stark. Bevor Fernando mit seinem Bericht geendet hatte, starb der Indio. Plötzlich schrie'jemand:

Wo ist Werner?" Alle riefen durcheinander. Niemand hatte ihn gesehen. Die Geschichte sah bedenklich aus. Fernando hatte ein Bost beobachtet, das ein« Last an Bord nahm. Er hatte kurzerhand geschossen. Während er den Indio festhielt, glitt das Boot in den Strom hinaus und war verschwunden. Als die Männer auch die nähere Umgebung des Lagers abgesucht hatten, ohne Werner zu finden, mußte angenommen werden, daß ihn die Indios verschleppt hatten. Der Fall war mehr als geheimnisvoll. Allerdings durfte man den Wächtern nicht voll vertrauen. Sie waren nicht selten schlafend angetroffen worden. Vielleicht hatten die Indios Thomas Werner ungestört aus seinem Zelt geholt, vielleicht hatten sie ihn durch eine List ans Ufer gelockt. Wer konnte es wissen! Fernando schwor bei allen Heiligen, kein Auge 'zugetan zu haben, aber es war anzunehmen, daß er log. Die beiden anderen Wächter waren geradezu entrüstet über unseren Verdacht. Aber das bedeutete gar nichts^ Farell beriet in größter Aufregung, was man unternehmen könnte, um Werner zu finden. Mit einemmat erinnerte er sich des Zwischenfalls mit dem Jndiomädchen, das fein Freund damals verwundet hatte. Ein Stiit stromaufwärts war es geschehen. Farell folgte einer Eingebung, als er befahl, die Boote fertigzumachen und bei Sonnenaufgang abzufahren. Als alles bereit war, begann es zu dämmern. Die Boote stießen ob. Farell versprach den Ruderern hohen Lohn, wenn sie ihr Bestes hergäben. Die Sonne stieg höher. Jede Bewegung wurde zur Qual. Und die dunkel- häutigen Kerle schwangen die Ruder, daß die Boote ruckweise dahinzogen,

Ein Tag und eine Nacht verging. Nach kurzer Rast auf einer Sandbank trieb Farell zur Weiterfahrt. Er zitterte um den Freund. Es ging um ein Menschenleben. Gegen Mittag sahen sie ein paar hundert Schritte oberhalb viele Boote in den Strom hinausstoßen. Die Kanus wurden mit größter Schnelligkeit stromaufwärts gerudert. Immer neue Boote füllten sich blitzschnell mit braunen Gestalten und stießen ab. Am Ufer standen einige Hütten. Farells Boot näherte sich rasch. Da sah er, rou die Indios in den Einbäumen und am Ufer ihre Blasrohre anfetzten. Er gab den Befehl zu feuern. Die Indios drängten ans Ufer, eines ihrer Fahrzeuge, das schon voll besetzt war, stürzte um. Die Weißen feuerten wieder. Ein brauner Körper trieb, wild um sich schlagend, den Strom herab. Ein furchtbarer Schrei gellte über das Wasser. Plötzlich entstand ein Gebrodel von weißem Gischt und blinkenden Fischleibern rund um den Indio, der ins Wasser gestürzt war und auf Farells Boot gutrieb.' (Eine rote, blutigrote Welle breitete sich um den versinkenden Körper. Es gluckste und plätscherte vom Schlag rasender Fischleiber. Piranhas! Eine Knochenhand hob sich geisterhaft über den Wasserspiegel, und wenige Sekunden später versank ein nacktes Skelett in den Fluten des Manjaral

Farell und seine Leute hatten entsetzt die blutige Mahlzeit der Raub­fische mitangesehen. Ein zweiter Indio trieb stromabwärts. Die Männer in den Booten schlossen die Augen. Es war zu grauenhaft. Die Indios waren entflohen. Wer in den Booten keinen Platz fand, lief in den Urwald. Farell sprang ans Ufer. Die anderen folgten. Die elenden Hütten standen leer. Noch glühten die Feuer, und halbfertige Mahlzeiten schmorten an den Bratspießen. Die Männer aus Ciudol legten ihre Waffen nicht aus den Händen. Sie durchsuchten jeden Busch und jede Hütte. Werner fanden sie nicht. Erst als Farell, von seiner Unrast getrieben, ein Stück flußauf» wärts vordrang, entdeckte er seinen Freund.

Zuerst gewahrte er einen schlanken Baumstamm, der wie eine Angel­rute schräg über dem Spiegel des Flusses stand. An seinem Ende pendelte ein lebloser Körper. Farell erkannte seinen Freund. Gleichzeitig sah er dort, wo der Baumstamm im Boden verankert war, dünnen Rauch auf- steigen. Das Holz war mit Erde bedeckt, und darunter glomm Feuer. Wenn der Stamm abgebrannt war, mußte Werner in den Strom stürzen. Heißer Schrecken faßte Farell. Die Piranhas! Er scharrte die Erde vom Stamm. Das Feuer loderte auf. Das Holz brannte wie Zunder. Er versuchte, den Brand wieder zu bedecken. Es gelang nicht. Immer wieder zuckten die Flammen auf. Das Holz knisterte bedenklich. Es gab nur eine Möglichkeit, den Freund zu retten. Er feuerte einige Schüsse ab, um die anderen herbei­zurufen, dann schwang er sich auf den Stamm und schob sich langsam hinaus. Unter ihm schillerte das Wasser. Der Stamm begann leise auf und nieder zu schwingen. Manchmal ging ein feines Krachen durch das Holz. Langsam näherte sich Farell dem dünneren Ende des Baumes. Var ihm hing an dicken Faserfeilen Werners leblose Gestalt. Der Baum neigte sich immer tiefer zum Wasser nieder. Farell zog vorsichttg die Machete, das Buschmeffer, aus dem Gürtel, griff nach dem Seil und hob den Körper so weit zu sich herauf, daß die Fasern des Stranges locker über den Stamm liefen. In diesem Augenblick ging ein Knistern durch das Holz, und der Baum neigte sich. Mit einem Ruck kam er wieder zum Still- stand. Farell arbeitete fieberhaft. Er zerschnitt die Seile und hielt den Körper des Bewußtlosen mit beiden Händen fest. Dann versuchte er, mit feiner Last das Ufer zu erreichen. Der Stamm zitterte und geriet in Schwingung. Plötzlich brach er krachend entzwei und neigte sich dem Wasserspiegel zu.

Farell klammerte sich an das Holz und erwartete den furchtbaren Tod im warmen Wasser des Manjaral. Im Fallen vernahm er das Schlagen von Rudern. Das Wasser spritzte auf, und wenige Sekunden später lag er am Boden eines Bootes. Auch Werner war gerettet. Seine Leute waren im rechten Augenblick gekommen. Alles hatte sich so blitzschnell abgespielt, daß die Nttanhas keine Zeit gehabt hatten, ihre blutige Mahlzeit zu be­ginnen. Werner schwebte noch viele Tage lang zwischen Leben und Tod. Ein schweres Nervenfieber war bie Folge aller Schrecken.

Wieder begann das Hundeleben in Ciudol. Und die Indios wurden nicht friedlicher. Neue Expeditionen drangen ins Innere vor. kämpften gegen Moskitos, Schlangen und Giftvfeile. Es war ein ungleicher Kampf. Diele gingen zugrunde. Das ist das Schicksal der Einsamen, die das Aben­teuer mehr lieben als das Geben.