Oer -euische Baum.

Von Maurice Reinhold von Stern.

Jüngst "tarn zu mir in dunkler Nacht ein Traum: Da stand das Volk, in Thing und Werk und Wehr Verbrüdert und geeinigt wie ein Baum, In Säst und Wachstum segenstark und -schwer.

Der Kriegsmann und der Werkmann und im Feld Der Bauer standen wie vom Alp erwacht.

Denn eine neue Sonne war der Welt Geboren aus des alten Haders Nacht.

Der Denker sah sich mit dem Lenker eins, Das Herz des Priesters schlug den gleichen Schlag, Denn hell am Licht des gleichen Sonnenscheins Entzündete sich jeglichem der Tag.

Und selig fühlte sich vom gleichen Hauch Des jungen Tags der Künstler angeweht. Von Freude glühend, stand im Bunde auch Festlich bekränzt mit Rosen der Poet.

Das war in sich beschlossen wie ein Baum, Der seine Zweige in die Sonne hebt, Der weit sich dehnt im freien Gottesraum, Weil er als eines in der Vielheit lebt.

Die Krone schmäht die erd'ge Wurzel nicht.

Kein Ast den andern. Jedes nimmt und schenkt.

Ein jedes Blättchen atmet Sonnenlicht

Und tränkt den Stamm und wird von ihm getränkt.

Und leise geht ein Lächeln durchs Geäst.

Der alte Baum wiegt sich im Morgenwind. Laß sie nur rascheln! Alle halt' ich sest, Die meines Blattwerks, meines Stammes sind!

Und wenn er noch so ungebärdig tut. Ich lass' doch keinen Ast, den ich besitz'I In allen strömt das gleiche Lebensblut, Und alle zittern, droht mir Sturm und Blitz.

Denn alle sind im Wurzelgrund geeint, Und stark und tief und dunkel ist das Band. Und über allen eine Sonne scheint: Das Himmelslicht, das liebe Vaterland ..

Jüngst kam zu mir in dunkler Nacht ein Traum: Da stand das Volk in Thing und Werk und Wehr Verbrüdert und geeinigt, wie ein Baum, In Saft und Wachstum fegenftart und -schwer.

Auf den Taq...

Don Johannes von Kunowski.

Der Gutsbesitzer Jürgen von Rosen sitzt in seinem kleinen Arbeits­amer. Alles um ihn atmet den Geist der alten preußischen Einfachheit, nie er sich hier auf den Gütern des deutschen Ostens erhalten hat. Der soihbordige Sekretär mit der Rolljalousie, das breite Sofa mit den weißen knöpfen, di« blanken Dielen, die hohe Kastenuhr, die so manchem Rosen Klon die Stunde zählte.

Dies Haus ist mein und doch nicht mein, bald wird es eines andern fein.

Den dritten trägt man dann hinaus, nun sagt mir, wem gehört dies Haus?

in Brandmalerei steht der Spruch auf einem Brett über dem Sekretär. Siete Rosens lebten nach diesem Worte. Sie hegten und pflegten nur die krde, ihrer aller Mutter, die allein ewig ist.

Jetzt ist es soweit. .Burkhard, der Inspektor sieht neben dem Guts- lerrn. Ein Bündel Aktenpapier mit Stempeln und bunten Marken Hegt or ihnen auf dem Tisch. Polnische Bescheide (Enteignurig.

Sie machen ganze Arbeit, diese Panjes. Brahheim, Netzhaus

A wir. Alles nur deutscher Besitz, den sie bei ihrer sogenannten Agrar- ^Burkhard^' fentt den weißen Kopf. Die Rosens und die Burkhards Inb feit langem miteinander Betreuer dieser deutschen Erde, die man Wn jetzt nehmen wird. e...

Der Schlag zehn, das ist die große Weide für die Kühe

[jUnd hier der Schlag drei, das find die Ruben. Unsere Ochsen können dir nun verschenken oder aufeffen." Rosen sieht hinaus durch d 6 s luben Bäumen des Parks, die unter dem Winde leoen und zueinander tonen vom Werden und Vergehen. hi. uns

.Also alles in allem, Burkhard - es sind oufenb Mor^n, die uns

Pole nimmt. Da bleibt uns nicht mehr viel. W-r können die Halste °cheunen und Ställe zumachen. Zehn Gespanne Mrd« w !s Men, die Ochsen abschassen. Ob rott die Schafe noch halten können, dmn soviel Weideland abgeht, bezweifle ich stark.

Aber, Herr Rittmeister, unsere Schäfchen. Wo wir doch jetzt mit bet Zucht endlich vorankommen, und die Wolle doch sicher steigen wird."

Rosen fegt mit der Hand über die Blätter. Es ist so, als wolle er das alles hinwegfeaen, diesen Spuk, diesen aktenkundigen Wahnsinn, der so vielen Fleiß, den Lebensinhalt seiner Väter zunichte macht. Seine Hand schließt sich zur Faust, zur geballten Faust, die krachend niederschlägt.

Wie lange noch, Burkhard? Wie lange noch?"

Der Inspektor hebt hilflos die Achseln. Er denkt wohl noch imnVer an seine Schafzucht, fein Werk, das nun nach fünf Jahren voller Mühen und Mißerfolge endlich gedeihen will. Und das soll nun vorbei fein, so ein Papierwisch löscht sie aus, alle aus, diese Tiere. Den Bock mit dem runden Gehörn, die Mutterschafe, feine Lieblinge die Lämmer. All dies warme Leben muß sterben, weil dies irgendein Kanzlist beim Starosten auf ein Blatt Papier schreibt.

Wir müssen es tragen, Herr Rittmeister", Burkhard setzt sich hin, müde, todmüde. Er ist nun hoch in die sechzig. Er stiert vor sich hin aus die Dielen. Sein Kopf gleitet weit vornüber zwischen die breiten Schul­tern, die schon soviel getragen haben in einem langen Leben.

*

Dann kamen sie. Die Angesetzten, die Siedler, die lachenden Erben aus dem Osten. Auf den sandigen Wegen zwischen den gelben Getreide­feldern schwankten ihre Wäglein dahin. Kunterbunt lag auf ihnen ihr Gut. Ein lahmer Klepper konnte es ziehen. Ihre Augen aber glitten gierig über die weiten Felder. Sie streckten im Fahren die Hand zur Seite, ließen die schweren Aehren durch ihre Finger gleiten, daß die Körner in ihrer Hand verblieben.

Zboze", lachten sie vor sich hin. Ganz nahe vor dem Gesicht führten sie die Hände mit dem goldenen Segen, der nun der ihre werden sollte.

Welch ein Korn", sie wiesen ihren Frauen die vollen Hände, und bann schüttelten sie sich vor Freube über all bas, was nun kommen würde- In der Mitte ihres neuen Besitztums gruben sie sich ein in die Erbe. Spannten bi« Wagenplachen barüber und warteten ab, was nun der große Wohltäter, ihr Staat, ihnen noch weiter schenken würde. Häuser, Ställe und Scheunen, Vieh und Gerät.

DieZwölf Apostel" hatte der Großvater Rosen die zwölf Buchenstämm- chen getauft, die er im Kreise inmitten des Parks am großen Teich ein ft gepflanzt. Jetzt waren diese Bäumchen schöne groß« Bäume geworden. Sie stehen feierlich in der Runde in dieser Nacht, da Jürgen von Rosen in ihrem Schatten auf der Lauer liegt. E sind ihrer aber nur noch elf. Gespenstisch weiß leuchten die Baumsplitter des ,Ludas" durch das Dunkel.

Hühner, Enten, Gänse, an jedem Tag verschwinden einige von ihnen spurlos, so meldet die Wirtin. Zwei Pflüge und eine Egge vermißt der Stellmacher. Dem Milchkutscher sind im Morgenbunkel zwei Kannen vom Wagen gestohlen worben bas ist bie neue Nachbarschaft von Rosen­burg.

Dann kommen sie allnächtlich in den Park, zu den Obstbäumen, dem Gemüse. Und nun haben sie sich auch noch an den Bäumen vergriffen, haben sogar hier eine der Buchen geschlagen.

Darum liegt der Rittmeister von Rosen auf der Lauer. Fest zusammen­gepreßt die Zähne, die Rechte um die Reitpeitsche gekrampft. Anderer Waffen bedarf es da nicht.

Sie kommen von drüben, vom Felde her. Schlüpfen durch den Koppel­draht des Parkes. Unter ihren Tritten bricht trockenes Geäst. Jetzt stehen sie bei den Buchen. Vor demJohannes", in dessen Rinde Rosen ein kleines- verwachsenes Herz weiß, das er einst eingeschnitten und zu dem sie so oft lächelnd pilgerten, als ihm die Frau noch lebte.

Die Kerle tuscheln, eine Axt blinkt auf.

Verdammte Hunde", der Rittmeister der Landwehrkavallerie a. D. springt auf, wie der drahtigste Infanterist aus der Deckung. Nicht ein Axthieb streift den fünften Johannesbaum. Aber die Reitpeitsche saust nieder. In aufheulende, schreckverzerrte Gesichter, auf Arme und Beine, wie es trifft. Es ist eine lange Rechnung, die Rosen einzuholen hat.

Laut bringt bas Geschrei der beiden noch vvm Felde her durch das Dunkel, in dem.die Polen in rasenden Sätzen verschwinden.

Ein Gendarm mit aufgepslanztem Seitengewehr steht vor der Treppe des Hauses Rosenburg.

Pan Rosen, Sie stnd verhaftet, weil Sie die beiden polnischen Bür­ger und Siedler Stefan Namzek und Stanislaus Borontek am Nach­mittag des 15. August auf deren Feldmark mit Waffen überfallen und schwer verletzt haben."

Der Polizist steckt gleichgültig den Zettel wieder in die Tasche, von dem er dies Sprüchlein gelesen.

Aber Herr Rittmeister, bas sind doch gemeine Lügen. Das waren Holzdiebe, auf frischer Tat ertappt.in der Nacht. Ich werde die Axt holen, die die beiden Kerle haben liegen lassen. Wir werden das sofort alles richtigstellen."

Der Herr von Rosen wehrt dem Inspektor ab.

Wozu Burkhard", er weist auf den Gendarmen, der fein Gewehr schußfertig macht.Wozu?"

Dagmar von Rosen tritt zu dem Vater. Fest hegen ihre Hande ineinander. Dann gehen sie durch das hohe schmiedeeiferne Tor. Der Äerr von Rosen, und einen Schritt hinter ihm der Gendarm mit dem oufgepslanzten Seitengewehr. Noch einmal dreht sich der Rittmeister um. Sein Auge umfängt das breite Haus mit den blauen Fensterladen, den Giebel auf dem bie Rose seines Wappens in ber Sonne blinkt. Auf ber obersten Stufe der Veranba steht hoch und schlank die Tochter, neben ihr breit der getreue Burkhard.

Auf den Tag!" grüßt der Rittmeister noch einmal zurück.

"Aus den Tag, Vater", fest und zuversichtlich gibt die helle Madchen- stimme Antwort.

Dann geht Rosen seinen schweren Weg.