Ausgabe 
4.12.1939
 
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anders als Siska sie hören tonnteVersuche zu erfahren, töö 6te Kasse ist. Du wirst sie leeren ... und ... zittere nur nicht, man wird ihm das Geld wiedergeben, aber erst ein oder zwei Jahre später; was für eine jämmerliche Figur wird er inzwischen sein! Dann wird sie schon gezwungen sein, hierher zu kommen und von mir das Essen zu erbitten. Und wenn ich ihn sehen wurde, wie er nahe daran ist, aus Mangel an Wasser zu verrecken, so würde ich es ihm nicht geben."

Siska erschauerte vor dem, was kommen sollte, und brach in Schluch­zen aus: _

Baesin, Baesin", beschwichtigte sie,gehen Sie nicht dorthin! Sie haben Ihnen niemals etwas Böses getan, sie lieben Sie, lassen Sie sie glücklich sein. Gehen Sie nicht dorthin, Baesin! Das ist nicht gut. Gott im Himmel wird Sie strafen. Gehen Sie nicht hin, Baesin!"

Roosje war einen Augenblick verwirrt, aber dann sagte sie mit heuchlerischer Heiterkeit:Beunruhige dich nicht, wir werden morgen fortgehen, aber ich werde nicht böse fein, wie du denkst."

In dieser Nacht hatte Siska einen schrecklichen Traum: sie sah, wie Roosje den Kopf des Doktors abgefchnitten und ihn wahrscheinlich gekocht hatte, denn er war ganz weih und gallertartig. Sie hatte ein großes Messer und eine große Gabel hineingesteckt und schickte sich an, ihn mit hochgezogenen Lippen und die Zähne zeigend zu verzehren.

Am anderen Morgen wären sie ganz früh aufs Land gefahren, wenn Roosje nicht soviel Koffer, Kisten und Schubfächer zu verschließen, zu vernageln und zu verriegeln gehabt hätte.

Die kleinen Möbel, bei henen sie fruchtete, die Diebe könnten sie wegen des HolzwerteZ forttragen, schraubte sie alle am Fußboden fest. Ihr bares Geld zahlte sie bei der Bank ein, und alles, was sie an guter Wäsche und Silber besah, brachte sie zu einem ihr befreundeten alten Pfandleiher, von dem sie wußte, daß er verläßlich war. In ihrem Haufe ließ sie einen alten Soldaten, der einen Platz als Pförtner suchte, ohne Mietzahlung wohnen, aber sie stellte ihm nur Küche und Mansarde zur Verfügung. Nachdem sie dann die Türen aller Zimmer und des Kellers doppelt verschlossen hatte, legte sie Siegel an die Türen. Als sie nachher einigermaßen frei von aller Sorge war, beschäftigte sie sich wie die Spinne nur noch damit, ihr Netz zu spinnen, um ihren Feind darin ein- zusangen.

Die beiden Frauen gingen am Übernächsten Tage um vier Uhr nach­mittags fort

Roosje selbst wäre nicht imstande gewesen, alles, was sie während dieser beiden Tage geträumt hatte, auszuzählen: giftige Worte, unauf­hörliche Quälereien, die sie dem jungen Paar bereiten wollte, um Kummer und Schmerz in das Haus ihres Feindes zu bringen.

Die Mücke, die fröhlich im Sonnenlicht fliegt, sieht nicht das Netz, in dem sie als zerrissenes Opfer das Leben wird lassen müssen; der Vogel sieht nicht die Schlinge des Fängers, und die beiden armen Lie­benden dachten nur daran, gut und glücklich zu fein und Gutes zu tun.

Die Liebe gleicht einem Gedicht; sorglos lasen sie es zu zweien.

15.

Es war einer jener schönen, letzten Augusttage, an - denen feuchtere und frischere Abendbrisen den nahenden Herbst ankündigen. Zur Mit­tagszeit bei prachtvollem Wetter zeigte der Himmel ein zartes, durch einige blasse Wölkchen belebtes Blau. Am Horizont erschienen weiße, massige Lämmerwölkchen wie himmlische, für die Liebe der Engel vor­bereitete Betten. Eine unbestimmte Traurigkeit lag in der Lust, jene weiche Traurigkeit der Uebergangszeit; die Bäume färbten und ver­goldeten sich schon, als ob sie vor dem Ablegen ihres Sommerschmuckes noch einen schöneren anlegen wollten für den drei Monate währenden Scheintod, um den die Menschen sie betreiben könnten.

Paul und Margarete waren glücklich es war nicht jenes Glück der Dummen nach der Mahlzeit, das wie eine Gärung des Fleisches er­scheint, sondern das wahre Glück zweier sich liebender Wesen; ein Glück, auf dessen Grunde immer eine wie eine Perle eingefaßte Träne liegt.

Sie gingen auf der Pariser Landstraße, dieser im Mittelalter be­rühmten Straße, auf der wilde Räuber durch zarte Frauen und Mäd­chen so tapfer überwältigt wurden, jener Straße, die zum Träumen verleitet, die zwischen hohen, mit starken Bäumen bewachsenen Abhängen entlang führt, auf denen man jeden Augenblick einen Els mit Libellen­flügeln zu sehen erwartet, die wortbegabte Kröte, oder eine Fee in Ge­stalt. eines Maulwurfs, die uns mit ihren behaarten Pfoten verflucht oder segnet, mit Psoten, die aussehen wie Hände eines alten Advokaten, dessen Finger abgenützt sind durch das Graben unterirdischer Gänge unter dem Wege des Rechts

Margarete legte träumerisch und lächelnd ihr schönes Haupt an Pauls Schulter.

Margarete", sagte er,über dieser kleinen Welt gibt es eine Macht, die man Zufall nennt; vielleicht mit Unrecht, denn die Wirkungen des Zufalls entstehen in Wirklichkeit nur aus einer fortlaufenden Reihe natürlicher Zusammenhänge, die wir nicht kennen; und da wir das Wunderbare und Geheimnisvolle lieben, haben wir sie uns in Gestalt eines boshaften, verwirrten, Schabernack treibenden und fast immer un­gerechten Gottes vorgeftellt.

Diese Art von Lebensweisheit gefie^ Margarete nicht, aber sie wußte mit dem liebenswürdigen Verständnis ihres guten Herzens, daß es Augenblicke gibt, in denen Männer, die denken, das Bedürfnis haben, sich mitzuteilen, wenn sie ihre Gedanken nicht dem Papier anvertrauen, was weniger gut ist, ober einem Drucker, was noch schlimmer ist. Und bann glaubte sie nicht so sehr war sie von ihremManne", wie die germanischen Völker so gut sagen, eingenommen, er könne ein ein­ziges Wort lagen, das nicht auf Wahrheit beruhte und nicht in der Aus­sprache ober ber Tongebung eine ganze Reihe von Melobien in sich fchloß, die in Gestalt von Lebensweisheit und Predigt die Liebe zu Margarete fangen.

Sie lehnte alfo ihren Kopf an Pauls Schulter, und Paul sagte: Ein Philosoph, ein wenig verrückt wie alle seiner Art, verlieh eines Tages die Stadt, in ber man viele Häuser baute, um nicht Ziegel- ober

Sichere Slefne auf Len Kops jtt bekommen. Er flüchtete sich auf dos offene Feld, sicher als ob man irgendeiner Sache auf dieser Welt ich er sein könnte, ja sogar Überzeugt, auf diese Weise einem gemalt- amen Tobe zu entgehen. Aber bas Gegenteil war der Fall! Der Teufel Zufall wollte es, daß sich in diesem Augenblick ein Adler einer Schild­kröte bemächtigte und sie hoch in die Luft entführte; da er sie zu schwer and, vielleicht auch aus Haß auf die Philosophie, lieh er sie auf den

Kopf des Philosophen fallen und zerschmetterte ihn. Der Philosoph, ganz sicher, dem Tode durch einen Ziegel zu entgehen, hotte nicht mit dem Tode durch die Schildkröte gerechnet. Das ist der böse Zufall!"

Es lag einmal", ergänzte Margarete mit ihrer klangvollen, ver­liebten Stimme, wobei sie den Kopf bewegte und Blicke warf, über die nur sie verfügte,es lag einmal auf einem Bett ein junges Mäd­chen, das ein Arzt, verliebter in Biersuppen als in feine Wissenschaft, dem Tode überlieh. Wenn nicht in bas Gasthaus ein schöner, junger Mann gekommen wäre, der Frauen mehr liebte als Biersuppen, wenn er nicht Durst gehabt, wenn ihn irgendein anderes Wirtshausfchild mehr verlockt ober wenn er nur zehn Schritte weiter einen Freund getroffen hätte', dann würbe er an der Schwelle des Gasthauses vorübergegangen ein, und das junge Mädchen wäre lebendig begraben worben. Aber er ist bineingegangen, er hat sie zum Leben erweckt, geliebt, geheiratet und liebt sie noch viel mehr als sie wert ist: bas ist ber glückliche Zufall."

Paul schloß Margarete in seine Arme. Aus Himmelshöhen strahlend sah die Sonne die zarten Küsse der beiden Liebenden.

Plötzlich sagte Paul:Seien wir beide einmal der Gott Zufall, aber der glückliche!"

Er entnahm feiner Tafche ein Zwanzigfrankenstück und sah sich sorg­sam um, ob hinter den Hecken ober an beiden Seiten des Weges nie­mand käme. Sie waren allein. Paul ließ bas Geldstück zur Erde fallen, neben den durch den Stamm einer hohen Buche geworfenen Schatten.

Dann fliegen beide den Abhang hinauf, fchlüpften durch eine Deffnung, die durch den Sturz eines Baumes auf den das Grundstück von M ... umschließenden Zaun entstauben war. Ohne sich um die von einem Schilde drohend angetünbigten Fußangeln zu kümmern, die es aber, wie sie wußten, nicht gab, verbargen sie sich im Gestrüpp und warteten aus das Urteil des Zufalls.

Ein Herr und eine Dame kamen um die Wegbiegung. DerHerr" war gut gekleidet. Seine sichere Haltung zeigte den wohlhabenden Mann an. Eine große Kette schlang sich dreimal um seine breite Brust, die mit seinem Magen eins zu sein schien, der hinwiederum mit einem Bauch von beachtenswertem Umfange verschmolz. Der Doktor sagte:Aus den Herdplatten Straßburgs mögen viele Gänse geschmort haben, die nicht so füllig waren wie er."

Er senkt den Kopf", sagte Paul ganz leise.Schade, er wird es sicher finden."

Warte!"

Sie gehen auf das Geldstück zu!"

Di« Dame scheint über etwas nachzudenken, si« nimmt den Stock des Mannes und klopft damit aufgeregt auf den Weg ..."

Sie kann das Geldstück nicht überfefyen."

Jetzt find sie ganz nahe ..."

Die Metallaktien stehen 47,75", sagte die Frau.Soll ich taufen?" .Kaufen? Du bist verrückt, glaub« ich ... Ich würde sie kaum im Termingeschäft zu 42 nehmen " <

Sie gehen vorbei! Si« gehen vorbei!" rief Margaret« und fiel dem Doktor um den Hals.Sie haben nichts gesehen! Wackere Metallaktien! Welchen Spaß das macht!"

Der Weg blieb mehr als zehn Minuten lang einsam. Margaret« wurde ungeduldig.

Man sollte meinen, daß sie es absichtlich tun", bemerkte sie Wer?"

Die Armen! Müßten sie bas schöne Goldstück, bas nur danach ver­langt .aufgehoben zu werden, nicht eine Meile weit sehen?"

Paul seufzte und meinte:Wenn der Mensch immer sähe, wo sein Glück ist, würde alles auf dieser Erde besser sein."

Ein Lichtstrahl fiel auf das Goldstück, das wie eine kleine Sonn« leuchtete.

Sie hörten Schritt« und das Quietschen einer schlecht geschmierten Radachse.

Da kommt jemand", flüsterte Margarete.Wer ist bas jetzt?"

Eine Bäuerin erschien, eine Karr« vor sich herschiebend; sie gehörte zu jenen armen Teuseln, die hundert Bündelchen Anfeuerholz, bas sie erst auslesen, bann schneiden, trocknen, zusammen binden und in di« Stadt bringen müssen, für achtzig Centimes verkaufen.Wenn nur diese Arme bas Geld finben würde!"

,^Jch glaube cs nicht. Auf ihrer Stirn steht geschrieben: Kein Glück! Der Zufall will es nicht!"

In bem Augenblick, als bi« Frau bei dem Goldstück an gelangt war, schob sich eine weihe Wolke zwischen Erde und Sonne. Das Stück rourbe matt. Die Bäuerin ging vorüber.

Ein kleiner zerlumpter Junge erschien oben auf bem entgegengefetzten Abhang, (prang von dort mit ber Behendigkeit eines Eichhörnchens auf den Weg, begann wie ein Verfolgter zu laufen und verschwand.

Nach ihm erschien ein Meines, ebenso zerlumptes Mäbchen, das einen Sack trug, ber, zur Hälfte mit Kartoffeln gefüllt, für sie zu schwer war. Statt weiterzulaufen wie ber kleine Junge- sprang es den Abhang bis zur Hälfte herab und verbarg sich und seinen Sack in einem tiefen, bunp dichtes Gestrüpp verborgenen Loche. Niemand konnte sie von unten und noch weniger vom Felde aus sehen, auf dem es die Meine Dieberei aus- geführt hatte. Einige Minuten später erschien oben auf dem Abhang ein mit einer Mistgabel bewaffneter Bauer. Er stellte sich an den Rand des Abhanges und begann, gerade über bem Kopfe des kleinen Mäbchens, fürchterlich zu fluchen und zu rufen:Kartoffeldiebe! Wenn id) eud) finde, bring ich euch um!" Dann schüttelte er die Faust in der Richtung auf den Hohlweg, auf bem, wie er vermutete, die Diebe entflohen waren.

(Fortsetzung folgt.)