GiehenerKimilieiiblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1959 Montag, den 4. Dezember Nummer 94
. Die Hochzeitsreise
Roman von Charles de Coster
Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart
7. Fortsetzung
Keine Antwort kam auf die» zarte Flehen.
„Oeffne mir, öffne mir, Mutter!"
»Die Baesin hat es verboten", sagte Siska, die die Tür etwas geöffnet hatte.
„Ich werde dir öffnen, nachdem du mir geschworen hast, ihn zu verlassen", antwortete Roosje bös«.
„Ihn verlassen? Nein!"
Margarete lief wieder zu Paul.
Beide gingen still ihres Weges. Als sie wieder im Freien waren, schienen die Vögel vergebens für sie zu singen; vergebens hüpfte die neugierige Grasmücke von Strauch zu Strauch, man achtete ihrer nicht; vergebens umschmeichelte das Paar aller Glanz und alle Fülle der Natur. Margarete weinte.
„Meine Mutter hätte mich beinahe verflucht", schluchzt« sie. „Mein« Mutter will, ich soll dich verlassen. Nein, ich verlasse dich nicht, nein, niemals! Ich werde nicht mehr zu ihr gehen, nein! Das ist ungerecht, das ist nichtswürdig."
Acht Tage gingen so dahin; Margarete lachte und sang nicht mehr und verlor ihre reizvolle Koketterie
11.
Gegen Mitte des Monats August empfand Margarete einen jener inneren, unauslöschlichen Eindrücke, die mit goldenen Lettern in das Leben ^ines durch die Ehe Frau gewordenen jungen Mädchens geschrieben sind.
Es war zwei Uhr nachmittags. Seit zwei Tagen war Margarete ungeduldig, ja fast zornig.
„Ich bin so matt und habe keinen Appetit mehr und Schmerzen in den Seiten", beklagte sie sich.
Sie legte sich zu Bett. Paul trat neben sie. Er sah sie an und sagte dann lächelnd: „Ich weiß schon, was das ist."
Sie warf ihm «inen flüchtigen, dankbaren Blick zu und verbarg sich dann errötend rasch unter den Decken. Da es aber sehr warm war, deckte sie ihr strahlendes Gesicht, ihren runden Hals und ihre prachtvollen Schultern wieder auf. Dann warf sie Kopf und Hals zurück und lächelte mit halb geschlossenen Lippen, die ihre weißen Zähne etwas sehen ließen, mH Entzücken dem zu, der ihr dies reine Glück verschaffte. Sie streckte Paul ihre schönen, bloßen Arme entgegen und zog ihn an sich und sein Gesicht an das ihrige, um ihm einen langen, dankbaren Kuß zu geben. Dann schob sie ihn sanft zurück und hob ihre großen Augen zum Himmel, wie um dort Gott zu suchen und ihm zu sanken.
Sie war so recht die geliebte, glückliche Frau, die jung« erwachende Mutter, die schon in der Zukunft das Kind küßt«, das sie kommen fühlte und das in ihrem Leibe wachsen soll. Margarete war schöner als jemals, erhaben und umgewandelt durch die gewaltige mütterliche Liebe, die wie eine Liebkosung die Kleinen und Schwachen auf der Erd« einhüllt.
Wer in den folgenden Tagen kehrte ihr« Traurigkeit wieder. Dann senkte sie das Haupt und sagte: „Arme Mama... Bös« Mama..." Hierauf fiel sie ihrem Mann um den Hals, betrachtete ihn mit Augen voller Lieb« und Dankbarkeit und rief: „Dich verlassen — Nein, Paul, niemals!" Und das Kind, dieses Gedicht der zwei, lebte in ihrem jungen Körper. Würde es schön ober häßlich sein? Würde es lebend ober tat ,ur Welt kommen? Nein, es würde gut, schön, tapfer, reizend, geistvoll und bedeutsam fein, über alle herrschen und gebieten.
Wieoiele klug« und starke Männer und wieviele schon« junge Mädchen werden durch diese Ideen, durch diese überragend« Leidenschaft, den Drang, ein höheres Wesen zu schaffen, in die Welt gesetzt.
14.
Roosje und Siska fühlten sich recht «infam. Auf die eisige Ordnung In ihrem kästen Hause regnet« es Langeweile, Verlassenheit und Traurig- kit. Man hätte von einem wohlausgeglichenen Schmerz, von einer ro|a mgehauchlen Trauer sprechen können. , ,
Siska schwand sichtlich dahin. So sehr sie auch die alte Roosje liebte,
so begann diese doch schwer auf ihr zu lasten. Immer das gleich«, zu- sammengezogene Gesicht, diesen selbstsüchtig«,, Zorn, den harten und trockenen Ausdruck zu sehen, die dünnen Lippen, die bei keiner Gelegenheit mehr lächelten und sich nur öffneten, um bittere Worte ober das atzende Gift der Viper „Eifersucht" hervorzubringen, die Aussicht, immer und immer, ohne jede Hosfnunä aus eine Aenderung so zu leben war für die arme Siska schrecklich. Wenn sie zur Ruhe ging, müde davon, sich einen ganzen langen Tag hindurch beherrschen zu müssen, bann IPrang sie förmlich ins Bett und unterdrückte ihren Zorn mit Gewatt. Am andern Tage zeugte ihr wie ein Strick gedrehtes Bettuch von der Heftigkeit des Alpdrückens. Oft sttitt sie sich im Traum mit Roosje und behandelte sie schlecht; beim Erwachen aber schämte sie sich dieser nächt- lichen Anfalle und versuchte während des ganzen Vormittags durch Sanft- mut für das Unrecht, das sie gar nicht getan hatte, Vergebung zu erlangen.
Vielleicht hätte sie sich auf dem Speicher erhängt, wenn nicht als Tröster ein schlauer Maurer gekommen wäre, der ein starker Esser war und sich einbildete, sie besäße Ersparnisse und könne ihm alle möglichen Leckereien geben. Er machte, auf dem Bürgersteige kniend, mit gebogenem Oberkörper, so daß der Rücken sich über den Kopf erhob, einer gewal- tigen Kröte gleichend, Siska den Hof, die, über einen Tisch gebeugt, durch bas Gitterfenster der Küche ihm zuhörte. Da aber der Maurer weder Zucker noch Kaffee, noch Tabak, Suppen oder irgendwelche nahrhaften Dinge erhielt, so verschwand er wieder, um anderwärts schmackhaftere Abenteuer zu suchen. Siska starb nicht daran.
Eines Morgens, als sie mit schwerem Herzen und noch ganz traurig von ihrem letzten Traum herunierkam, in dem sie aus Roosje durch furchtbare Hiebe eine Marmelade gemacht hatte, di« einer Mohrrüben- fuppe glich, sah sie die alte Frau, wie sie munter und flink sich die Hände rieb, ohne Fröhlichkeit vor sich hinlächelte und mit kleinen Schritten in der Küche hin und her ging: „Haha", frohlockte sie, „haha, das wird dir schon stehen, mein Töchterchen? Haha! Blühend und stark wie ein wahrer Mann! Ich habe ein schönes Stück Halbseide hier, das schenk' ich dir. Ist es nicht schön? Was?"
Erschreckt sah Siska bi« Seide an, die Roosje aus ihrer Tasche zog. Ein blutroter Baumwollseidenstoff mit schwarzen Kreisen. Sie glaubte, ihre Herrin weise sie mit diesem Geschenk bestechen, Paul zu töten
»Ich brauche doch nichts Boses dafür zu tun, nicht wahr, Baesin?" fragte sie und zögert«, das Geschenk anzunehmen.
„Ach Unsinn, Dummkopf", erwiderte Roosje und drückte ihr den Stoff in die Hand. „Hier ist noch ein Band, damit kannst du eine Haube ausschmücken."
Siska betrachtete das Band, das noch aus der Empirezeit stammte und ein staubiges, zweifelhaftes Gelb zeigte.
Eine Haube damit einfaffen? Das reicht nicht einmal zu Strumpf- bändern. Aber sie antwortete: „Ja, ja, Baesin, eine schöne Haube."
Dann brachte sie Roosje Milchkaffee und Butterschnitten. Sie selbst setzte sich, von Gewissensbissen geplagt, wenn sie an ihren nächtlichen Traum dachte, an das andere Ende des langen Tisches und schnitt sich ein gewaltiges Stück Brot ab". Da sie sich aber nach der schrecklichen Tat, die sie begangen hatte, für unwürdig hielt, es zu essen, bestrich sie es nicht mit Butter, sondern tauchte es, von wildem Hunger gezwungen, einen Augenblick Jang in die rauchend« Flüssigkeit und hatte es bald wie eine Pille hinuntergeschluckt. Roosje war unzufrieden, ein so großes Stück Brot so schnell verschwinden zu sehen, vergaß jedoch diesen ärgerlichen Eindruck und tauchte mit einer wilden und siegesbewußten Genugtuung ihre Butterschnitte in den Kaffee. Ihre Art, hineinzubeißen, flößte Siska Furcht ein, sie stellte sich vor, daß die alte Frau jedesmal, wenn ihre scharfen Zähne sich in bas unschuldige Brot eingruben, ein Stück vom Doktor abbiß.
„Hetze", sagte Roosje, als sie ihr Mahl beendet hatte, „das war bequem: sie lebten da unten beide, er mit ihr zufrieden und sie mit ihm. Ich hatte sie hinausgeworfen. Das kam ihiren sehr gelegen, besonders ihm, das weiß ich. Nun, Siska, ich bin ein Krug, ein leerer, gesprungener Krug. Siehst du sie in ihrem Landhaus wie groß« Herren umherlaufen, sich küssen und glücklich fein, wähkend ich... Aber ich habe sie in der Hand. Ich habe meine Rache für sie. Wir werden zu ihnen gehen. — Er wird nicht wagen, der Mutter seiner Frau die Türe zu weisen. Sie werden nicht wagen, ihre feinen, heuchlerischen Manieren vor mir zu zeigen und schamlos wie Turteltauben zu leben und sich vom Morgen bis zum Abend zu schnäbeln. Sie werden mich ertragen und liebkosen müssen. Das wird nichts kosten. Du ißt, was du kannst, Geflügel, Fleisch, Kuchen, trinke Wein, Bier, stopf dich voll, betonte dich. Er wird schon ehen, was das kästet. Wir werden die Börse dieser Bettler schröpfen. Inb nachher werden wir sehen, ob er bann noch in der Lage sein wird, einen Geschäften nachzugehen und Landhäuser zu haben. Was, Siska? ..." Dann stand sie auf, trat an Siska heran und sprach ganz leis«, wobei sie sich zur Küchentüre wandte, um zu sehen, ob niemand


