setzte sich im Bette aus Er begriff das nicht. Hatte er am Ende nur geträumt? Aber da war doch die Truhe, die vor der Iure stand. Er stand aus, schob sie weg, ließ den Advokaten ein. Der besah sich das Möbel und zwinkerte verstehend:Angst gehabt, Traugott?"

Als die beiden die Gaststube betraten, saß der Leutnant schon am Tisch auf dem zwei mächtige Schusseln dampften.Guten MorgenI" rief er aufgeräumt. Dann stieß er den Wirt, der dienstbeflissen neben ihm stand, lachend in die Seite:Fragt mich der Ochse gestern abend, ob es auch dasürstehe, daß er beide Martinigänse schlachte! ... Wo doch die Herren eine ganze Erbschaft im Mantelsack haben."

Wenn der alte Oberst nach dieser Geschichte nicht gleich einnickte, pflegte er, fröhlich mit den Augen blitzend, nach einer Weile zu sagen:Und wißt rhr, was mich an diesem Abenteuer heute noch freut? ... Daß dieser Kerl, der Stubenvoll, seines Magens wegen dann doch nichts von unseren Gänsen essen konnte. Denn ich mag nun einmal so feige Mannsbilder nicht leiden."

Sie Bibliotheken Friedrichs des Großen.

Ein König unter seinenbesten Freunden".

Bon Ernst von Niebelschütz.

Es wäre em Leichtes, aus den Werken des Philosophen vo-n Sans- fouoi, aus seinen Briefen und aufgezeichneten Gesprächen zu beweisen, daß Friedrich der Große ein eifriger Leser, ein leidenschaftlicher Bücherfreund gewesen ist, besäßen wir nicht seine Bibliotheken, die dieser Liebe ein so beredtes Zeugnis ausstellen. In den Schlössern von Sans- souvi und Potsdam,, im Neuen Palais und in Berlin, in Charlotten- burg und in Breslau, kurz überall da, wo Friedrich längere Zeit ge- toeiß hat, weht uns aus den meist wohlerhaltenen Bücherbeständen jene vertrauenswürdige geistige Atmosphäre entgegen, die jeder kennt, der viel und gern mit Büchern verkehrt.

Als junger Kronprinz schon legt sich Friedrich eine kleine Bibliothek an. Nicht aus eigenem Antrieb geschieht es, vielmehr ist es nach seinem eigenen Geständnis die Schwester Wilhelmine, die spätere Markgräfin von Bayreuth, die den Knaben zur Lektüre ermuntert,Schämen Sie sich denn nicht, sich fortwährend herumzutreiben? Ich sehe Sie nie mit einem Buche in der Hand." Sie also versorgte ihn mit französischen Büchern, verbotenen, versteht sich, denn der Sohn Friedrich Wilhelms I. soll nicht lesen, sondern auf die Jagd gehen und das Tabakskollegium besuchen. Die erste Büchersammlung des Kronprinzen, von dessen Lehrer Duhan ziemlich wahllos als Ganzes erworben, muß, zusammen mit Schlafröcken und anderemweibischen" Tand, in einem Geheimschrank des Schlafzimmers versteckt werden, wo sie der argwöhnische Vater denn auch eines Tages findet und sofort an den Buchhändler Ambrosius Haube verkaufen läßt, denselben Hande, dessen heimlicher Kunde der Kronprinz ist. Daß er diesem die soeben erworbenen Bücherschätze sofort wieder zurückerstattet, wird er später nicht zu bereuen haben: König Friedrich hat seinem ersten Buchhändler diesen kleinen Liebesdienst nie vergessen.

In seiner Küstriner Gefangenschaft sah sich der Kronprinz auf das Studium der Bibel, des Gesangbuches und von ArndtsWahrem Chri­stentum" beschränkt. Andere als geistliche Bücher ließ der König nicht zudenn" so schreibt er dem Sohndie verfluchten Leute, die Euch inspiriert haben, durch weltliche Bücher klug und weise zu werden, haben Euch die Probe gemachet, daß alle Cure Klugheit und Weisheit ist zu nichts und zu Quark geworden". Sogar ftaaswissenschast- liche Schriften waren dem Gefangenen streng verboten. Daß er sie dennoch und selbst französische Bücher lesen konnte, verdankte er der Gefälligkeit weitblickender Freunde, an denen es Thronfolgern nie mangelt.

Erst die glücklichen Rheinsberger Jahre, die ihm endlich die so lang entbehrte Muße für geistige Tätigkeit schenken, bringen auch in seine Lektüre die bis dahin fehlende Systematik. Das in der Jugend Ber- läumte wird jetzt mit fieberhaftem Eifer nachgeholt, so daß er rück­blickend später einmal sagen konnte, er habe in dieser Zeit oft auf den Schlaf verzichtet, um studieren zu können und so mehr zusammengelesen als alle Benediktinermönche zusammen. Dabei verfährt er, wie er an seinen literarischen Berater Suh m 1736'schreibt, nach einem ganz be­stimmten Programm:Wir haben unsere Beschäftigungen in zwei Klassen geteilt, die nützlichen und die angenehmen. Zu den ersteren rechne ich das Studium der Philosophie, der Geschichte und der Spra­chen, die angenehmen sind die Musik, Darstellungen von Tragödien, Ko­mödie und Maskeraden. Die ersteren überwiegen jedoch". Wir haben kein Verzeichnis der im Rheinsberger Schloß benutzten, neben dem runden Arbeitszimmer untergebrachten Bibliothek, und diese selbst ist 1747 mit der von Sanssoucie vereinigt worden, deren Grundstock sie bildet. Da sich aber die braunen Ledereinbände aus Rheinsberg von den rotgebundenen Sanssoucis gut unterscheiden lassen, und überdies die in dieser Hinsicht sehr ergiebige Korrespondenz mit Voltaire wie auch die erhaltenen Briefe des Kronprinzen an dessen Pariser Bücher- agenten Thieriot genügend Anhaltspunkte bieten, sind wir über Art und Umfang seiner Lektüre in den letzten Jahren vor der Thron­besteigung doch ziemlich gut unterrichtet. Den Borrang haben neben Geschichte und Philosophie die französische Literatur des 17. und 18. Jahr­hunderts und die klassischen Schriftsteller des Altertums, die Friedrich in Unkenntnis der alten Sprachen aber nur in französischen lieber setzungen zu lesen pflegte, so die großen historischen Werke von Livius, Tacitus, Diodor, ferner eine Ausgabe der Aeneis des Vergil alles aus Rheinsberg stammende Bücher, heute in Sanssouci, wo sie zu­sammen mit den für dieses Schloß hinzuerworbenen Bänden auf dem Einbanddeckel das goldgeprägte V tragen, das auf die ursprüngliche Bezeichnung des Schlößchens als Weinberg (Vigne) anspielt.

Erst in dem entzückenden kleinen Bibliotheksraum von Sanssouci,

den sich der König in dankbarer Erinnerung an die schönen Rheins­berger Tage als Rundbau errichten lieh, gewinnt man einen vollen Eindruck von der geistigen Welt, in der Friedrich lebte und webte, und man versteht es, wenn er von den Büchern als feinen einzig zuver­lässigen Freunden spricht und in ihnen das wahre Bergnügen für Men­schen sieht, die einigen Anspruch auf Vernunft machen. Sie dienten ihm zur Belehrung und Erholung, nicht selten, besonders im Felde, als Trostspender.Sie sehen mich" sagt er 1759 zu seinem Vorleser de Cattganz mit Lesen und Schreiben beschäftigt. Ich brauche diese Ablenkung gegen die traurigen Gedanken, die mich erfüllen." Und zwei Jahre später schreibt er aus dem Strehlener Lager:Jetzt muß ich lesen, um meine Unruhe und meinen Schmerz, die mir Überallhin folgen, einzuwiegen und einzuschläfern". Meist sind es geschichtliche und philosophische Werke, die er sich ins Winterquartier nach schicken läßt, Cicero, Demosthenes, Bossuet, befonbers Voltaire, von dem er sich über­haupt ungern trennt. In der Hauptsache besteht die Bibliothek von Sans­souci aus französischen Büchern, unter denen sich allerdings auch die Uebersetzungcn griechischer, römischer und italienischer Autoren befinden. Auch einiger englischer, aber nicht Shakespeares, von dessenabfujeu« sichen Stücken der Schüler Voltaires ebensowenig etwas wissen will wie von derenschlechten deutschen Nachahmungen", zu denen Friedrich be­kanntlich auch GoethesGötz von BerUchingen" rechnet. Ueberhaupt wird man deutsche Bücher in Sanssouci vergeblich suchen; die einzige Aus­nahme macht eine französische Uebersetzung von GehnersIdyllen". Wir wissen und beklagen es, werden aber doch versuchen müssen, zu be­greifen, daß Friedrich der Große, der in allen Fragen der Geschmacks­bildung eine ausgesprochen "konservative Natur war, dem verheißungs­vollen ersten Aufschwung der deutschen Poesie nicht zu folgen vermochte, Noch im Alter gesteht er:Für meine Person erkläre ich, daß ich, so alt ich bin, die Dichtkunst noch ebenso leidenschaftlich liebe wie in meiner Jugend, und ich bitte Apollo, er möge mich kraft seiner wirkenden Gnade in dieser unerschütterlichen und wahrhaft poetischen Treue erhalten, die Homer uns gelehrt, Vergil verbreitet, Horaz erläutert hat, deren Künder Tasso, Petrarca, Ariost, Milton, Boileau, Racine, Corneille, Voltaire und Pope gewesen sind, die in ununterbrochener Ueberlieferung auf uns gekommen ist und in der ich leben und sterben will, damit nach meinem Tode meine Seele mit dieser erhabenen und göttlichen Geisterschar im Elysium, das sie beherbergt, sich vereinigen kann". Merkwürdigerweise fehlt in diesem Geisterreigen Lukrez, der doch unter allen antiken Dich­tern der von Friedrich am meisten geliebte war.

Als Kuriosum sei schließlich noch erwähnt, daß in der Büchergalerie des Neuen Palais es ist die jüngste der friderizianischen Bibliotheken neben Kupferwerken und Reisebeschreibungen auch zehn riesige Fosio- bände der christlichen Kirchenväter stehen. In Wirklichkeit sind es nur Attrappen, ein königlicher Scherz, nichts weiter. Wie Friedrich Niko­lai in seinen Anekdoten von Friedrich II. zu erzählen weiß, hat der König dieseKörper ohne Geist" nur aufstellen lassen, um seinen atheisti­schen Freund, den Marquis d' A r g e n s , der die Räume gelegentlich bewohnte, damit zu necken.

Wie jeder Bücherliebhaber behandelte Friedrich feinebesten Freunde" mit der größten Sorgfalt. Nur wenigen merkt man eine starke Benutzung an; es find die Feldzugsteilnehmer, von denen de Catt übrigens berichtet, daß der König die Kisten, in denen sie ankamen, stets eigenhändig auszupacken pflegte und dann die Bücher in der Reihen­folge aufstellte, in der er sie lesen wollte. Als ihm nach der Schlacht bei Soor das Handgepäck mit sämtlichen Büchern verloren geht, ist er untröstlich und bestellt sofort neue. In den Schloßbibliotheken waltet eine ganz bestimmte Ordnung im Umgang mit Büchern, wie fein letzter Vor­leser Dental in einer kleinen Schrift anschaulich berichtet. Die Stelle eines dem Schrank entnommenen Buches mußte mit einem weißen Zettel bezeichnet werden, damit man den Ort wiederfände, an dein es gestanden hatte. Die noch nicht gelesenen Bände standen auf den Tischen aufrecht, die schon gelesenen mußten flach liegen, und niemand durfte sie ohne besonderen Auftrag anrühren. Daß jede Gattung von Büchern besondere Regale in den Wandschränken hatte, versteht sich von selbst; nur ist diese Ordnung später häufig zerstört und erst in jüngster Zeit, so weit wie möglich, wiederhergestellt worden.

Unter den königlichen Bibliotheken der Residenzen Berlin, Potsdam, Charlottenburg und Breslau befindet sich heute die von Sanssouci noch in vergleichsweise' bestem Zustand. Mit einem Bestände von über 2200 Bänden ist sie auch die größte. Der Raum darf als ein Juwel fride- rizianischer Rokoko-Dekoration gelten, und die Vermutung, Johann August Naht, der größte Jnnenraumkünstler dieser Periode, habe ihn geschaffen, dürfte wohl recht behalten. Um die gebogenen Wände schlingen sich herrliche Bronzeverzierungen auf Zedernholztäfelung. Zwischen den Fenstern, von denen das östliche den Blick durch den Laudengang auf die von Friedrich erworbene antike Bronzestatue des Betenden Knaben freigibt, find die Bücherschränke eingebaut, auf denen vier Marmorbüsten stehen, darunter das beste aller aus dem Altertum erhaltenen Homer- porträts. Gestatteten es die Ehrfurcht vor dem Genius des Orts und die strenge Schloßordnung, wie gern würde man hier weilen, mit ver­ehrender Hand das eine ober andere Buch aus der Reihe nehmen (den weißen Zettel nicht vergessen!) und lesen ... lesen. Uebrigens sind es durchweg nur Oktav- oder Quartbände. Folianten und dickleibige Bucher waren ihm unhandlich; er mochte sie so wenig leiden, daß er es über sich brachte, die schöne Ausgabe von QuincysHistoire militaire de Louis le Grand" auf Quart beschneiden zu lassen. Auch seine eigenen Werke ließ er nur in diesem Format drucken. So stehen sie noch heute, vereint mit den größten Namen der Weltliteratur, aber wie diese nur noch ein Gegenstand scheuer und flüchtiger Bewunderung, in der Biblio­thek dieses preußischen Lusthauses, das, anders als die Sommer- residenzen der meisten deutschen Potentaten des 18. Jahrhunderts, eine Stätte mehr der ernsten, zielbewußten Arbeit als des sorglosen Ver­gnügens war.

Verantwortlich: vr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Vrühlfche Universitätsdruckerei R. Lange,Gieße».