Mein Kluß.
Von Eduard Mörike.
O Fluh, mein Fluh im Morgenstrahl! Empfange nun, empfang« Den sehnsuchtsvollen Leib einmal Und küsse Brust und Wange!
--Er fühlt mir schon herauf die Brust, Er kühlt mit Liebesschauerlust Und jauchzendem Gesänge.
Es schlüpft der goldn« Sonnenschein In Tropfen an mir nieder, Die Woge wieget aus und ein Die hingegebnen Glieder.
Die Arme hab' ich ausgespannt: Sie kommt auf mich hinzugerannt. Sie faßt und läßt mich wieder.
Du murmelst so, mein Fluh, warum?
Du trägst seit alten Tagen Ein seltsam Märchen mit dir um Und mühst dich, es zu sagen;
Du eilst so sehr und läufst so sehr. Als mühtest du im Land umher, Man weiß nicht wen, drum fragen.
Der Himmel, blau und kinderrein, Worin die Wellen singen, Der Himmel ist die Seele dein: O laß mich ihn durchdringen! Ich tauche mich mit Geist und Sinn Durch die vertiefte Bläue hin Und kann ste nicht erschwingen!
Was ist so tief, so tief wie sie? Di« Liebe nur alleine.
Die wird nicht satt und sätttgt nie Mit ihren Wechselscheine.
— Schwill an, mein Fluh, und habe dich! Mit Grausen übergiehe mich!
Mein Leben um das deine!
Du weisest schmeichelnd mich zurück Zu deiner Blumenschwelle.
So trage denn allein dein Glück Und wieg' auf deiner Welle Der Sonn« Pracht, des Mondes Ruh': Nach tausend Irren kehrest du Zur ew'gen Mutterquelle.
Das Wirtshaus am paß.
Erzählung von Alfons v. Czibulka.
Diese Begebenheit habe ich den alten Oberst noch selbst erzählen kören. Nicht ein- oder zweimal, sondern gut ein halbdutzendmal, an Bonn» oder Feiertagen, wenn der damals wohl schon Achtzigjährige Äm Mittagessen und Nachmittagsschlummer, seine bis auf,ben reichende Pfeise rauchend, in dem grüngepolsterten Ohrenstuhl kr Erkernische sah, der all die Jahre in meinem Elternhaus« sein Ehrenplatz blieb.
Wenn in den Zeiten, in denen der Oberst jung gewesen war, was iei)t über hundert« Jahre her sein muß, auch auf zehn von der Ein- Hlbungstraft erzeugte Räuber höchstens noch ein wirklicher kam, so tat nan damals doch gut daran, vor einer Reise durch abgelegene Gegenden ein Haus zu bestellen oder solche einsame Landstriche zu umreiten oder u umfahren., Das wußte auch der Großkaufmann Traugott Stubenvoll, er einer Erbschaft wegen mit seinem Freund, dem Hof- und Genchts- -dvokaten Leberecht Koller, einem kleinen, dickbäuchigen, lebenslustigen berrn, der feinem Vornamen Ehre machte, von Prag nach Passau reifen nutzte. Erst hatte Stubenvoll auf dem kürzesten Wege, durch den 8öhmerwald, fahren wollen. Doch schon in der zweiten Poststation horte *, daß es nicht ratsam wäre. Gerade im südlichen Teile des Bohmer- valdes, jo behaupteten die Leute, treibe feit kurzem ein Räuber fern Unwesen, der sich unter dem Vorwande, sie zu beschützen, in der Uni- brm eines Wachtmeisters oder Offiziers an Reifende heranmache, um i e in feine Räuberhöhle zu entführen und dort mit feiner Bande aus- iuplünbern ober gar ums Leben zu bringen.
Sehr wahrscheinlich klang das nicht. Nun war aber Traugott Stuben- 5 oU zwar ein breitschultriges, kräftiges Mannstück, wenn ihn auch manch- nal ein Magenübel plagte, dabei aber so ängstlichen ©emutes, bas er ! as böhmisch-bayerische Gebirge in weitem Bogen zu umfahren beschloß, viewohl Leberecht Koller dem Gerüchte nicht glaubte. So ließen sich »u eiben, von muffigen Postwagen über Eger und Regensburg nacy öossau schaukeln. ... , .,
. Die ersten Novemberstürme schüttelten schon die testen Jöfatter d k_«n Bäumen, als die Erbschaft endlich ausgezahlt war und die Prag Derren wieder an die Heimreise denken konnten. Weil m Parsau niemand 'twas von einem Räuber im Wald« wußte und schon gar nicht von einem, des Kaisers Montur so freventlich mißbrauchte beschlossen ft« nun >°ch, trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit — es war kurz twr Martini , kfen Böhmer Wald zu durchqueren. Da kein Postkurs mehr 6'ng, ers •e zwei Reitpferde, die sie im Böhmischen leicht und ohne Berlust wieder
Am Abend"vör ihrer Abreise saßen ste als die einzigen Gäste gelang- «°'It in der Wirtsstube ihres Gasthofs. Leberecht Koller vor em«^ Flasche Melker Stiftsweins, Traugott Stubenvoll vor einem Becher .
,c»>, weil ihn der Magen wieder plagte. Da ging die Tur. > 9' ^chgewachfener Offizier, gefolgt vom Wirt, trat em. Der Wirt dienerte,
wies mit einer verbindlichen Handbewegung nach den beiden und sagt« „Da wären die Herren, Herr Leutnant." Der Leutnant trat an den Tisch heran, verneigte sich leicht, nannte seinen Namen. „Wenn die Messieurs erlauben..." Dann fetzte er sich. „Ich höre, daß die Herren morgen durch den Böhmer Wald reiten. Wenn es erlaubt ist, schließe ich mich an. Es ist verdammt langwellig im Walde, und ich habe nur meinen Burschen mit. Ein braver Kerl, aber nicht eben ein guter Gesellschafter. Auch denke ich, daß den Herren meine Begleitung ganz erwünscht ist. Schließlich ist der Böhmer Wald eine recht einsame Gegend." Traugott Stubenvoll nickte. Er hatte seinen Entschluß ohnehin wieder bereut. Nur dem Drängen seines Freundes hatte er nachgegeben.
Während der Offizier aß, erzählte er, daß er von Mainz käme. „Ich soll für die drei österreichischen Schwadronen, die in der Bundesfestung liegen, Remonten aus Böhmen holen." Dann sprach er nicht mehr viel. Erst als er gegessen hatte, fragte er: „Ein Spielchen, die Herren?" Die beiden waren über die Frage nicht erstaunt. Man spielte damals viel und gern. Sie nahmen an. Sie verloren zwar. Aber Traugott Stubenvoll machte das nichts aus, weil er doch eine ganze Erbschaft mit sich führte. In seiner Befitzerfreude sagte er das auch. Ehe sie schlafen gingen, traten ste noch vor di« Gasthoftür. Der Offizier sah zu den Wolken auf: „Also morgen um sechs! Dann liefere ich Sie übermorgen wohlbehalten in Prachatttz ab." Es lag etwas wie Spott in feiner Stimme.
Als sie am nächsten Nachtnittage schon durch das dunkle Gezeit der Hochwälder ritten, begann es zu (türmen und zu schneien. So dicht warf das Gewölk, das die Gipfel verhüllte, den Schnee, daß auch das schwarze Gefieder der Riesentannen keinen Schutz mehr bot und man in dem Gestöber vom Sattel aus kaum die Pferdeohren sah. Die beiden Prager Herren in ihren hellgrauen, modischen Kragenmänteln froren erbärmlich. Selbst der Offizier war schweigsam geworden. An einer Holzbrücke, di« über eine schmale Waldschlucht führte, parierte er, wandte sich im Sattel um und sagte: „Ueber das Gebirge kommen wir bei diesem Wetter nicht. Aber ich weiß abseits der Straße ein Unterkommen." Er bog in ein ^schmales, steil aufwärts führendes Waldfträßlein ein. Nach einer Stunde sanken di« bärtigen Wetterfichten zurück. Auf einer baumlosen Hochfläche, über die der Sturm orgelte, tauchte ein schwarzes hölzernes Gebäude aus letztem Dämmern und Flockentreiben. Heimlich sah es nicht aus. Mochte eine Herberge für Holzfäller oder ein Unterschlupf für Schmuggler fein.
Der Bursche des Offiziers glitt vom Gaul, klopfte an eines der kleinen, von Brennholz umrahmten Fenster. Ein verwachsener, vierschrötiger Mann, dem der Sturm die Haare in die Stirne weht«, humpelte aus der Hütte, nickte und rieb sich grinsend di« mächtigen Tatzen. Er pfiff. Ein zweiter Kerl erschien, glotzte und führt« mit dem Burschen die Pferd« ab.
Der Leutnant und die beiden Reisenden traten in die niedrige, nur von einer rutzenden Oellampe erhellte Wirtsstube. Auf der Ofenbank kümmelte noch ein dritter Kerl und grüßt« mürrisch. Halb erstarrt sanken die Prager Herren auf ihre Stühle. Nach einer Weile brachte der Herbergsvater Geräuchertes, Käse und Brot, dazu einen trüben Wein. Für Traugott Stubenvolls Magenübel war das nichts. Aber er hatte ohnehin keinen Hunger. Mißtrauisch bettachtete der Advokat über feine Brillengläfer das ausgedörrte Fleisch und den troctenen Käse. Aber dann aß er doch. Ein Gespräch kam nicht recht in Gang. Nach zwei Stunden etwa erhob sich Stubenvoll und sagte, er gehe jetzt schlafen. Leberecht Koller meinte, das fei das Gescheiteste, was man tun könne. Der Offizier begleitete die beiden bis an die Türe. „Geruhsame Nacht, die Herren!" Wieder klang es wie leiser Spott. Der Wirt humpelte den beiden über die windschiefe, knarrende Treppe voran. Stubenvolls Kammer lag gleich an der Stiege, über der Wirtsstube, die des Advokaten noch ein paar Stufen höher. Leberecht Koller gab feinem Freunde di« Hand: „Wie war das doch mit deinem Räuber im Böhmer Wald? Macht sich als Offizier verkleidet an Reifende heran und führt sie in [eine Höhle." Er wandte sich um: „Nichts für ungut, Wirt, eine Räuberhöhle ist feine Bude." Dann verschwand er lachend hinter dem böse knurrenden Herbergsvater.
Traugott Stubenvoll war müde zum umfallen. Aber konnte dann doch nicht recht schlafen, obgleich das Bett nicht schlecht und auch sauber war. Immer wieder schrak er auf, wenn der Wind im Gebälk rüttelte und ächzte. Es mochte gegen zehn Uhr abend fein, als er wieder einmal aus feinem Hakbfchlaf auffuhr, Lachen aus der Wirtsstube hörte und gleich darauf die Stimme des Offiziers vernahm: „Bringt doch gleich beide um!
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Stubenvoll fetzte sich erschrocken im Bette auf. Der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirne. Unten gab eine brummige Stimme Antwort: „Ja, Kbenn auch dafür?" Das war wohl der Wirt. „Dafürstehen?" lachte ieutnant. „Ist doch einer der reichsten Pfeffersäcke von Prag mit feinem Advokaten. Die haben Geld wie Heu."
Traugott Stubenvolls Zähne schlugen. Sein Herz trommelte. Angstvoll starrte er auf den Fußboden, durch den ein Lichtschein aus der Gaststube drang Unten rief der Wirt: „Dann gib die beiden großen Messer, her, Frau! Der Veit kann mir helfen ... Die Worte verklangen in einem gröblenben Lachen. Stubenvall faß fchlotternd in feinem Bett. Er war in Schweiß gebadet. Todesangst fchüttelte ihn. Erst wollte er zu feinem Freunde, um ihm das Furchtbare mitzuteilen. Aber dann traute er sich nicht. Vielleicht jchlichen die Kerle eben mit ihren Messern die Treppe heraus Da wollte er wenigstens die Türe versperren. Aber die Türe hatte weder Schlüsiel, noch Riegel. Er schob die Truhe vor, die in der Stube stand. Aber was sollte das nützen? Ein Tritt, und Ture und Truhs lägen in der Kammer. ... , . ...
Die Stimmen unten waren verstummt. Im Hause rührte sich nichts- Nur einmal ging eine Türe. Die Kerle warteten wohl, bis ihre Opfer sicher schliefen! Der Sturm hatte aufgehört. Ein blaffer Mond schien m di« Kammer. Der Kaufmann horchte angstvoll. Hätte er nur dem Lebe* recht Koller nicht nachgegeben! Traugott Stubenvoll war in Schweiß gebadet. Gegen Morgen schlief er endlich vor Erschöpfung ein.
Als er durch ein derbes Klopfen an der Türe auffdjrerfte, fd^en bie Sonne in die Stube Er hörte die Stimme des Advokaten: „AufstehenI Es ist schön. Wir müssen noaj vor Mittag reiten." Traugott StubenuoJ


