Ausgabe 
4.9.1939
 
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Ein dicker Mann setzte Gilbert den Ellenbogen auf die Nase, um sich an diesem Hindernis abzustohen, La suhr der Zug ab.

Er mahlte sich mit den Rädern langsam aus der Halle. Mit einem Male ließ der Druck nach. Beamte vertrösteten die Zurückbleibenden mit der nächsten Abfahrt. Taschendiebe hatten Beute gemacht und verschwan­den. Die Menge wagte den Versuch, sich auf dem Bahnsteig zu ordnen. Gilbert konnte mit Hilfe des Gepäckträgers Francois den Bahnsteig verlassen.

Er lies und suchte. Er rief. Er stellte sich auf den Platz, auf dem er zuletzt mit Ann gestanden hatte. Er schrie ihren Namen. Sie war nirgends.

Vor dem Bahnhof stieß Gilbert auf Dlancbois. Der Kapitän half ihm, von neuem jede Ecke des Bahnhofs zu durchsuchen. Vergeblich.

Schließlich rasten die beiden, so gut und so schnell Pferde rasen kön­nen, zu Vivian.

Aber Ann war auch nicht bei Vivian.

Ann ist fort!" sagte Gilbert gebrochen und erzählte.

Ich habe es geahnt", meinte Vivian.

Mein Gott", seufzte er.

Seien Sie ohne Sorge, es hat sie niemand entführt!"

Woher wißen Die das?"

Ann läßt sich nicht entfuhren", grinste Vivian anzüglich.

Kann ich nicht warten, bis sie zurückkommt?" fragte er.

Wenn Ann Sie erblickt, wird sie wohl gleich wieder gehen. Oder haben Sie nicht begriffen, daß sie nicht mit Ihnen reisen wollte? Denn sie war ein wenig zu schnell bereit, und sicher hat sie es unterwegs bereut!"

Dann", hosfte Gilbert,dann wird sie ja hierher zurückkommen!"

Das ist das einzige, was ich nicht weiß und was mir Sorge macht", meinte Vivian. Sie fügte aber hinzu:Wenn es Sie beruhigt, können Sie die Nacht im Haufe bleiben und wachen!"

Und Sie?"

Wenn Ann zurückkommt und sie es wünscht, werde ich aufstehen und Sie hinauswerfen", sagte sie.

Der Abend kam. Um zehn Uhr wurde in den Straßen die Gas­beleuchtung abgestellt, denn die Behörden hatten der Belagerung wegen Sparsamkeit befohlen.

Es war Vivians Vergnügen gewesen, von der Straße her allabendlich das gleichmäßige Licht der Laternen schimmern zu sehen: Ruhe drinnen, Stadt draußen und dazwischen die grüne Brücke des Parkes.

Gilbert Jllington aber vermißte das Licht nicht. Er sah auf einem der geblümten Stühle und horchte in die Nacht hinaus.

Bald hörte er Tante Vivian schnarchen, bald Crapulleaux, den Haus­meister, im Schlafe husten.

Sonst geschah nichts. x

Es war eine ganz gewöhnliche Nacht.

*

Am nächsten Morgen erhob sich Gilbert Jllington aus einem ge­blümten Sessel, bewegte die sitzharten Glieder und verfluchte laut die Stunde, die ihn nach Paris geführt hatte.

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, der Lärm der Stadt schallte herüber wie das Brausen einer Brandung, und Ann war immer noch nicht da.

Sie war verschwunden, an jeder Ahnung und an jeder Nachforschung vorbei wie ein Tropfen Wasser, der in den Fluß fällt, wie ein Rauch, der in der Lust vergeht.

Der Concierge Crapulleaux wischte das Treppengeländer ab, denn er hielt darauf, daß der Ausgang des Hauses blinkte. Dafür lag der Staub an anderen Stellen deckendick. Crapulleaux war ein Mann seiner Zeit, er liebte die Fassade. Was Frankreich betraf, so war sie freilich zusammengebrochen.

Wenn jemand dem Hausmeister bei der Arbeit zusah, was er nicht leiden konnte, bewegte er sich zittrig wie ein Siebziger und heischte Mit­leid, in Wirklichkeit war er rüstig wie ein Vierziger und zählte zwei­undfünfzig Jahre.

Jeannette, Vivians Mädchen, unterhielt sich mit ihm. Das geschah schreiend, weil der Concierge alle Mieter dazu erzog, ihn für taub zu hallen.

Crapulleaux gehörte zum Haus wie ein Ziegelstein oder wie eine Türfüllung, jeder Mieter übernahm ihn. Sobald Crapulleaux witterte, daß ein Mieter auszog, war er umgewandelt. Seine Lässigkeit wurde in dem Maße Tätigkeitsfieber, je näher der Wechsel heranrückte, und es geschah stets, daß der alte Mieter Crapulleaux dem neuen Mieter empsahl, einmal weil er wirklich an eine Besserung glaubte und zum andern, weil der Scheidende nicht einsah, daß er seinem Nachfolger den Aerger ersparen sollte, den er selbst gehabt hatte.

Von der Mewohnheit des Rauchens herrührend, hustete der Haus­meister jedesmal, wenn er zu sprechen begann oder wenn er eine Rede beschloß. Vivian hatte ihn deshalb denHuster" genannt und redete ihn zuweilen auch so an.

Crapulleaux war, streute er selbst aus, ein Seemann gewesen, aber eine Tropenkrankheit hatte seinen Leib für die Seefahrt untauglich ge­macht. Jener Zeit gedenkend, trug er einen Ohrring, der einen goldenen Käser darstellte, er wollte ihn von einem Häuptling in Madagaskar zum Geschenk erhalten haben.

Der Ohrring war in der Tat ein Meisterstück afrikanischer Gold­schmiedearbeit, jeher neue Mieter war versessen auf das Schmuckstück. Aber Crapulleaux grinste zu jedem Angebot so verächtlich, daß man ihn bald in Ruhe lieh.

Jeannette erzählte ihm. die Geschichte von Anns Flucht.Was ist nun Ihre Meinung?" forderte ihn Jeannette heraus.

Bald werden., wir Clefantenfleifch und Bärenschinken aus dem Jardin des plantes essen", sagte er prophetisch. ,Zch habe auch das Gefühl, irgendwoher Kanonendonner zu hören. Man wird Paris nicht mehr verlassen können. Kanonen sind ein schönes Gitter!"

Das Mädchen lauschte. Wahrhastig! Sie vernahm das ferne Dröhnen, das in der letzten Zeit die Bewohner der Festung Paris immer gewisser

Sorge war, und sie ärger«

!, von einem Stamm

allen! dachte Gilbert. ® W

Polizei.

Gilbert sah bläh und übernächtig aus.

Das ist so eine Phrase, das mit den wär« ich lieber in England geblieben!"

Vivian erkannte, daß seine Ungeduld

sagte sie ihm nach. 1;rt

Aber als er, noch mit dieser Bosheit im Nacken, davon gesM» war, verfiel ihre Spottlust. Sie wurde ernst.

Schießen sie noch?" fragte sie Jeannette. Die beiden lauschten aus dem Fenster. Der Mund der Kanonen schwieg.

Nein", sagte Jeannette.

Es wird schon wieder losgehen! Ruse mir den Huster!" .

Crapulleaux tarn. Crapulleaux war Vivian ein Geheimnis. o", fellos war er ein Mann, der anderen gern die Hände aber auch die seinen gern von anderen waschen läßt. Es gibt x. die davon leben.

(Fortsetzung folgt.)

,Jch furchte, mein Kommen stand unter keinem glücklichen Stert Wie Kreide, dachte SJfoi® Sternen! Sagen Sie ruhis

Gilbert verlieh also Vivian und ging zur Polizei. ,.|fl

,Zch werde Sie sicher viel früher zurück sehen, als mir angenehm n 1

Moreland hatte ihm Ann auf die Seele gebunden.

Warum bindet man aber einem Menschen einen anderen aus N Seele? Wie selten sind die Seelen damit einverstanden! Wie I®9 Gilbert nun vor Sir Moreland? ,

Wie ein Fischer ohne Fang! Wie ein Jäger ohne Wild! Um 11 nicht noch länger zu sagen: wie ein begossener Pudel.

daran erinnerte, daß sich der Ring aus Feuer und Stahl zusammen^ Wie können Sie das mit Ären tauben Ohren hören? Es muj in der Richtung Meudon fein!" wunderte sich Jeannette.

,Lch sagte ja nur, ich habe das Gesühl erwiderte Crapullevu; und grinste,habe ich recht gefühlt?"

Ja", sagte Jeannette und bewunderte chn. In Wirklichkeit war Des Hausmeisters Taubheit ein wohlberechneter Späh, denn wenn er roolte, konnte er hören wie ein Luchs. Mil man ihn für halbtaub hielt, hörte er mehr als' andere Leute. Er zog manchen geheimen Nutzen und ins Bewußtsein, sich über die anderen luftig zu machen, daraus.

Crapulleaux sagt, man kommt nicht mehr durch, es ist alles «e- sperrt!" berichtete gesteigert Jeannette, als sie beim Frühstück 2« eingoh.

Geschwätz", versetzte Gilbert, obwohl er, keinen Grund hatte, dH Deutschen zu unterschätzen.

Meine besten Nachrichten stammen vom Huster", sagte Vivian. 6h betonte damit laut einen Gegensatz zu Gilbert.

,Lch werde die Hilfe der Polizei anruf en!" Gilbert benahm sch, als sei er zu jeder Maßnahme entschlosien. Im Innersten war isiii weh zumute, sein Herz zitterte um Ann.

Vivian rief Jeannette und bemängelte, daß di« Brotschnitten zu braun geröstet seien.

Ich verstehe Ihr« Ruhe nicht, Miß Moreland", fuhr Gilbert auf, es kann doch ein Verbrechen geschehen sein?"

Zwei Fuß hinter Ihrem Rücken, Sie großes Lickst!" spottete |h.

Dann lauschte Vivian.Oessne das Fenster", befahl sie dem Mädchiiu Jeannette gehorchte. '

Man schießt, Herr Crapulleaux fühlt es auch", sagte Jeannckh ehrfürchtig.

Unsinn, er hört es!" sagte Vivian rauh.

Jeannette war schon in England gewesen, in England war fit von Vivian in Dienst genommen worden. Jeannette war fleißig, Jjoiti . keine Launen und war dumm. Das letzte schätzte Vivian als größA Vorzug.

Nicht alle Menschen sind klug. Aber jedermann hält sich für t»t> pflichtet, so zu tun und verstellt sich. Darum sollen die meisten Menschti den Menschen, die sich nicht verstellen, auf die Nerven. Es gibt ent eine Maske, welche die Dummheit verbirgt: Schweigen. Diese Schweift werden dann wenigstens von den Dummen für klug gehalten.

Jeannette sah die Herrin bestürzt an, als diese behauptete, dtt Huster höre.

Ich hatte ihn schon lange im Verdacht", sagte Vivian Moreland, er ist gestern auf einen uralten Trick hereingefallen aus Habgier natürlich! Ich habe ein Frankstück fallen lassen! Als es klang, drejit er sich um, und nachher hob er es auf!" Sie kicherte:Der Fuch! Es war falsch! Ich bin neugierig, wem er es andrehen wird!"

Jeannette lachte, aber Vivian verbot ihr stteng, sich etwas mer* zu lassen.

Gilbert saß wie auf feurigen Kohlen. Sie kochten feine Unnch. Plötzlich erhob er sich und erklärte in der Siedehitze seines ©ernüts: Ich finde es frivol, über die alltäglichsten und wenig glücklich» Dinge zu scherzen, während Ann vielleicht .. "

Divian unterbrach ihn:Gehen Sie endlich zur Polizei! Sie werito zwar Ann nicht mitbringen, aber es wird Sie beruhigen!" Sie IN1 es mütterlich. Aber sie wollte Gilbert los sein, denn er verursach« nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Unruhe. Und Unruhe, die s» nicht selbst gemacht hatte, haßte sie.

sich, daß er Ann unterschätzte.

Gilbert war wie eine Schlingpflanze, die gerissen, eine neue Klammerung sucht.

So macht die Liebe Feige aus uns ------,

bei seiner Gleichgültigkeit gegen gelesenes und dargestelltes SchrP tum tauchte das Wort natürlich entstellt in seinem Gedächtnis auf-

So macht Gewissen Feige' aus uns allen! sagt Hamlet näml.« Nun ist das Gewissen, das der Hamlet des Shakespeare meint, n" andere Sache als das gute Gewissen, das als sanftes Ruhenist empfohlen wird. Es ist auch grundverschieden von dem weit ®!, breiteten schlechten Gewissen. Das hatte Gilbert. Denn Sir 8nnp