Montag, den 4. September
Nummer 68
gang 1939
3. Fortsetzung.
aiorina Änn, freuen Sie sich, weil Sie hören können, was stumpfen en niemals tönen kann: den singenden Mund der Ewigkeit. Lauschen
üi, und Sie werden verzaubert sein in Ihrer sehnsüchtigen frommen
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Ein heiterer Roman von Kurt Heynkcke
Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
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Auch Herr Francois kam empor. Gilberts rote Tasche leuchtete seinem Haupte. Die rote Tasche war wie ein Leuchtfeuer: Folgt mirl
Der klingelnde Bahnbeamte, in dessen Nähe Gilbert und Ann
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M noch sehr jungen Seele!
I i>n dem Päckchen waren die Noten und der Text des Liedes, das epmante heute gesungen hatte. Und eigentlich war der Brief die Tür, briir immer eine trotzig erträumte Welt verschloß.
Uiolan sah, daß Anns Lippen schmal wurden. Sie war aber klug Wig, nichts zu fragen.
L ills Ann sich erhob, trugen ihre Augen den dünnen Schleier der Weit.
Ich fahre zurück nach England", sagte Ann.
II Aildert sprang auf. Er sah auf einmal aus, als läge das Paradies ote wenigstens das, was er sich darunter vorstellte, vor ihm.
! Wann wollen Sie reisen", fragte er lebhaft, „wer weiß, wie lange M Eisenbahnen noch fahren!"
| Mit dem nächsten Zug, wenn es Ihnen recht ist", erwiderte Ann.
| .Sie hat einen Kummer", meinte Gilbert, als er mit Vivian allein M Aber er sagte es vergnügt. ,
I Kummer macht weich. Sie haben Glück, mein Jungesagte Vivian,
Herz, wo liegst du im Quartier?
1 Der Brief war der Abschied Spamantes:
öignorina, ich habe Gelegenheit, mit Freunden auf rascheni Wege kts zu verlassen. Ihre Stimme drang zu meinem Ohr, Ihre Freund- Mt aber ruht in meinem Herzen, ich nehme sie mit. Die Kunst ist etwas Khs und Herrliches, herrlicher aber ist der Mensch, denn durch ihn und ia seinetwillen lebt sie. Neigen Sie sich vor den Göttern der Musik,
Der Mann war wie eine Barke, die bei stürmischem Wetter auf dem Meere schwimmt, im Wellental verschwunden ist und fröhlich auf Wellenkamm wieder auftaucht.
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sL $ ioian begleitete Gilbert und Ann vor die Tür des Hauses. „Weiter Wune ich nicht mit", sagte sie, „ich hasse Abschiede auf Bahnhosen. Ich Witt es nicht auf, in der Nähe stinkender Lokomotiven gefühlvoll Hin!"
|L mc war im Grunde froh, die Gäste los zu werden. In ihrem geliebten ■(H’ner waren Landkarten, Fähnchen und Markierungen und Zeigten Vpitgeschichst an: Dinge ohne eigenes Leben, aber auch ohne Widerspruch
darum geeignet, das Leben einer reifen Frau zu beglücken.^Denn Br -unten Fahnenkolonnen schenkten ihrer Herrin die Unruhe des «Piels, .- es durch Verluste weniger begehrenswert zu machen, denn da- Bfrt selbst war Gewinn.
BL .rin hatte ihr Hütchen, das noch sommerlich leicht und bunt war, c tn die Stirne gedrückt, ihre Augen suchten den Schatten. Und im ■Frtten stand für sie nach dem Abschied von Tante Vivian die Stunde.
i» ' ilbert ahnte es nicht. Er war wie alle Leute, die sich nicht allzu tiefe, Oranten machen können, in dem Augenblick, in dem er seine Wunsche Ku. * sah, glücklich. Aus solcher Stimmung umhegte er Ann. Wenn ■t aus Federkissen bestände, Ann wäre darin erstickt.
dem Bahnhof staute sich der Verkehr, schier unlösbar meinander- M' ht. Der Haufe war in ständiger Bewegung. Wagen, Pferde, Men- L‘ verfilzten sich ineinander und wurden wiederum wie von einer |f‘Waren Gewalt auseinandergerissen.
Es hatten sich Gassen gebildet, in denen Menschenströme nach dem Eingang des Bahnhofs drückten. Eine Wolke von Staub und Schweiß lagerte über dem Ganzen. Schelten, Rufe, Geschrei, Kommandos vereinigten sich zu einem Wirrwarr von Tönen, und jedermann verstand nur sein eigenes Wort.
Es gelang Blancbois, einen Gepäckträger, den er Franxois nannte, zu verpflichten, das Gepäck zum Zuge zu bringen.
Der Mann schichtete sich im Nu aus den Gepäckstücken einen kunstvollen Bau auf die Schultern.
„Nach Rouen, nach Rouen!" schrie ein Eisenbahnbeamter und schwang eine Schelle, um sich Gehör zu verschaffen.
Ihr Ton klang wie eine Schiffsglocke bei Sturm über die Köpfe der Reisenden, die offenbar den Beteuerungen, die Deutschen würden die größte Festung der Welt niemals belagern, keinen Glauben schenkten und eine ungewisse Ferne dem stürmischen Hier vorzogen.
„Nach Rauen dort, nach Rouen dort!" schrie der Beamte immer wieder Und lenkte mit großen Gesten den Strom der Reisenden.
Der Gepäckträger Franxois gehorchte dem Rufe, schwenkte ein und wurde in den Menschenkeil geschoben.
Ab und zu gab die schreiende Menge einen Schwall Leiber in die überfüllten Wagen ab. Heringstonnen waren Paläste an Bewegungsfreiheit gegen die Enge, die in den Waggons herrschte.
Gilbert folgte dem Gepäckträger, der sich von der Menge voranschieben ließ und zweifellos in dieser Art Fortbewegung eine hohe Geschicklichkeit erlangt hatte, bald nur noch mit den Augen.
schoben wurden, mißverstand die Rufe Gilberts, die dem Gepäckträger galten. Er hatte das Bedürfnis, Frankreich zu entschuldigen.
„Es ist Krieg, mein Herr, Krieg! Ich weiß, es ist nicht angenehm für Sie und Madame!"
Bei dem Wort „Madame" durchfuhr Ann ein elektrischer Schlag. Ihre Stimmung wurde schwarz wie ein Kohlenkeller. Der sorgliche Beamte hatte, ohne es zu wissen, in Anns Laune jenen bitteren Tropfen gegossen, der sie gänzlich verdarb.
Und schon wucherte die Blume der Phantasie: Wenn mich ein wildfremder Mann für Gilberts Frau hält, dachte Ann, was wird geschehen, wenn ich mit Gilbert in England lande?
Sie bemerkte, daß Gilbert dem Beamten nicht widersprach und daß sich ob des Wortes „Madame" ein Lächeln auf feine Lippen zauberte.
Und jetzt sagte der Mann mit der Glocke: „Madame, Ihr Gatte hat klug gewählt! Wenn Sie an die Küste und nach England wollen, es gibt keinen besseren Reiseweg als —" und dann schrie er, die Klingel schwingend und Ruf und Rede vereinigend: „... über Chaumont, Etre- pagny nach Rouen, Anschluß nach Le Havre!"
Später erinnerte sich Gilbert, daß er in diesem Augenblick Anns Haltung bewundert hatte. Sie stand in der Menge und klagte und weinte nicht wie andere Frauen. Jllington wußte nicht, daß ihr Antlitz nur ein Gewitter barg, das nachher den Blitz eines Entschlusses sandte.
Sie dachte in kühler Folge: Jetzt reise ich mit Gilbert nach England. Ah, sie kehrt mit dem jungen Jllington zurück, werden alle sagen. In den Augen der Gesellschaft (der Teufel hole fiel) werde ich mit Gilbert bereits verheiratet [ein, bevor er mich fragt: Ann, wollen Sie uns beiden nicht doch das gemeinsame Vergnügen machen und mich heiraten? Und bann werde ich sagen: Natürlich, mein Junge, die Leute reden ja schon lang über uns! Darnach wird Sir Anthony dreimal „Hurra" brüllen und am Abend Moreland Castle illuminieren. Na endlich! wird die Gesellschaft (zur Hölle mit ihr!) sagen: Sie waren vom Himmel füreinander bestimmt!
„Um Gottes willen, Ann, wir dürfen das Gepäck nicht aus den Augen verlieren!" trieb Gilbert voran. Und dann keilte er sich in die Menge und verwandte die gleichen rücksichtslosen Mittel wie die andern.
Da er spürte, daß ihn jemand am Mantel festhielt, meinte er, daß es Ann sei und freute sich dieser hilfeheischenden Geste.
Aber es war nicht Ann. Es war jemand, der Gilbert verwechselt hatte. Als sich Jllington nach einiger Zeit in dem Gedränge mit Mühe um= drehte, war Ann Moreland nicht zu sehen. Zugleich schob ihn die Masse gegen den Zug.
Er rief Anns Namen. Aber er drang nicht durch den Lärm der andern. Schließlich fchwamm er in der Menschenwoge wie ein Mann, der entweder den Hut, der ihm ins Wasser gefallen ist, erwischen oder ertrinken will.
Er schwamm zwischen schwitzenden Männern, weinenden Frauen, kreischenden Kindern — aber Ann war nirgends.
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ietzenerZamilienblütter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
’ic ich verstehe es nicht!"
__ bet Fuhrwerksbesitzer, Kapitän Blancbois, in großer Eile bestellt, riet if In» einer Heimkehr über Boulogne oder Calais ab. Dieser Schienenweg
Hwch zuverlässigen Gerüchten bereits gesperrt.
I trapulleaux, der Hausmeister Vivians, bestritt mit dem Eifer des *1' runterridjteten diese Nachricht und führte ein heftiges Wortgefecht M Blancbois. ■ m .
Mas stille Haus dröhnte mit einem Male von männlicher Rede und FMrebe, und Tante Vivian bekam Kopfschmerzen. "
M tm war verschlossen und wortkarg. Obwohl sie sonst grundsätzlich fcei jede Meinung Gilberts Stellung zu nehmen pflegte, widersprach sie F)l als er ihr den Weg über Rouen vorschlug.


