Gommerende.
Von Knut Hamsun.
Um neun Uhr geht die Sonne unter. Es legt Ich eine matte Dunkelheit über die Erde, ein paar Sterne sieht man, zwei Stunden später kommt ein Schimmer vom Mond. Ich wandere mit meiner Büchse und meinem Hund in den Wald, ich mache ein kleines Feuer, und das Licht meiner Flamme fällt zwischen die Kiesernstämme. Es ist kein Frost.
Ein Hoch, Ihr Menschen und Tiere und Bogel, für die einsame Nacht in den Wäldern, den Wäldern! Ein Hoch auf die Dunkelheit und Gottes Murmeln zwischen den Bäumen, auf des Schweigens süßen, einfältigen Wohllaut an meinen Ohren, auf das grüne Laub und das gelbe Laub! Ein Hoch auf den Laut des Lebens, den ich höre, eine schnüffelnde Schnauze im Gras, einen Hund, der über die Erde hin schnuppert. Ein stürmisches Hoch der Wildkatze, die auf ihre Gurgel sich niederduckt und sichert unb sich zum Sprung auf einen Sperling bereitet, im Dunkel, im Dunkel! Ein Hoch auf die barmherzige Stille über dem Erdreich, aus die Sterne und aus den Halbmond, ja, auf den und jenen...
Einen Dank für die einsame Nacht, für die Berge, für das Rauschen der Finsternis und des Meeres, es rauscht durch mein Herz! Einen Dank für mein Leben, für meinen Atemzug, für die Gnade, heute nacht leben zu dürfen, dafür danke ich von Herzen! Lausche nach Osten und lausche nach Westen, nein, lausche! Es ist der ewige Gott! Diese Stille, di« gegen mein Ohr murmelt, ist das siedende Blut der Allnatur, Gott, der die Erde und mich durchwebt. Ich sehe einen hellen Spinnenfaden im Schein meines Feuers, ich höre ein ruderndes Boot auf dem Meer, ein Nordlicht gleitet im Norden über den Himmel. Oh, bei meiner unsterblichen Seele, ich danke auch so sehr, weil ich es bin, der hier sitzt!
Stille. Ein Kiefernzapfen fällt dumpf zur Erde.
Ein Kiefernzapfen fiel! dacht« ich. Der Mond ist hoch droben, das Feuer flackert über dem halbverbrannten Haufen und will ausgehen. Und in der späten Nacht wandere ich heim.
(Aus dem in der „Kleinen Bücherei" des Langen / Müller- Verlages in München erschienenen Bändchen „Gottes Erde".)
(Strom des Lebens.
Von Knut Hamsun.
Aus dem unvergänglichen Roman „S e g e n d e r Erd e", dem hohen Liede ewigen Siedler- und Bauerntums inmitten der zeitlosen Welt der Natur.
Was würde sich Jsak nun im Frühjahr vornehmen? An die hundertmal halt« er es sich ausgedacht, wenn er hinter seiner Holzfuhre her- geschritten war: er wollte auf der Halde weiter umroden, wollte den Boden urbar machen, Klafterholz zurecht machen, es im Sommer trocknen lassen und im nächsten Winter noch einmal so viel hinunterfahren. Die Rechnung stimmte, es war kein Fehler darin.
Als er wieder zu Fuß heimwärts wanderte, hörte er vor dem Haufe einen sonderbaren Ton. Was konnte das fein? Er blieb lauschend stehen. Kindergeschrei — ach ja, Herrgott im Himmel, es war nicht anders, aber es war schrecklich und sonderbar, und Inger hatte nichts gesagt. Er trat ein und sah zuerst die Kiste, die vielbesprochene Kiste, die er aus seiner Brust heraufgetragen hotte! Sie hing nun an zwei Stricken vom Dachfirst herunter und war eine Wiege und eine Schaukel für das Kind. Inger ging halbangekleidet umher, ja, sie hatte wahrhaftig auch die Kuh und die Ziegen gemolken!
Als das Kind schwieg, fragte Jsak: Haft du das alles schon getan? — Ja, jetzt ist es getan. — So. — Es kam an dem Tag, an dem du wegfuhrst, am Abend. — So. — Ich mußte mich nur noch recken, um die Kiste aufzuhängen, dann war alles vorbereitet, aber das konnte ich nicht ertragen, es wurde mir übel danach. — Warum haft du mir nichts davon gesagt? — Konnte ich denn die Zeit so genau wissen? Es ist ein Junge. — Ach so, es ist ein Junge. — Und wenn ich jetzt nur wüßte, wie er heißen soll! sagte Inger.
Jsak durfte das kleine rote Gesicht sehen; es war wohlgeformt und hatte keine Hasenscharte, und es hatte dichtes Haar aus dem Kopf. Ein hübscher kleiner Kerl war er, seinem Stand und feiner Stellung nach, wie er da in feiner Kiste lag. Jsak war es ganz seltsam zumute, und er fühlte sich ordentlich schwach; der Mühlengeist stand vor dem Wunder; es war einmal in einem yeiligen Nebel entstanden; es zeigte sich im Geben mit einem kleinen Gesicht wie ein Sinnbild. Tage und Jahre würden das Wunder zu einem Mäuschen machen.
Komm und iß etwas, sagte Inger ...
Jsak fällt Bäume und schichtet Klafterholz. Er ist jetzt weiter gekommen, als er roctt. Er hat eine Säge. Er sägt Brennholz, und di« Klafterbeugen werden gewaltig groß, er macht eine Straße aus ihnen, ein ganzes Dorf. Inger ist jetzt mehr ans Haus gebunden und kann den Mann nicht bei feiner Arbeit besuchen, aber dafür macht Jsak kleine Abstecher zu ihr. Putzig mit so einem winzigen Kerl in einer Kiste! Es konnte Jsak nicht einfallen, sich um ihn zu kümmern, und außerdem war es ja nur ein kleiner Wurm, mochte er da liegen bleiben! Aber man war dach ein Mensch und konnte das Geschrei nicht teilnahmslos mit anhören, so ein kleines Geschrei.
Nein, faß ihn nicht an! sagte Inger. Denn du hast gewiß Harz an den Händen, sagt sie. — Ich, Harz an den Händen? Du bist wohl verrückt! erwiderte Jsak. Seit das Haus fertig geworden ist, habe ich kein Harz mehr an den Händen gehabt. Gib den Jungen her, dann will ich ihn in Schlaf wiegen! — Nein, jetzt ist er gleich still...
Es war schon Ende Mai, die Tage waren mit Feldarbeit ausgefüllt mit immer mehr Feldarbeit! Er reinigte neue Strecken von Wurzeln und Steinen, pflügte sie um, düngte, pflügte, hackte, zerkleinerte Klumpen mit den Händen und mit den Absätzen, war überall ein fleißiger Ackermann und machte den Acker so glatt wie Plüsch. Dann wartete er ein paar Tage, und als es nach Regen aussah, fate er Korn.
Seit mehreren hundert Jahren hatten wohl seine Borsichren Korn
gesät. Das war eine Arbeit, die an einem milden, windstillen Abend ti Andacht vollbracht wurde, nm liebsten bei einem geeigneten feinen Staubregen, so es möglich war, am liebsten gleich wenn die Wildgänse gezogen kamen. Die Kartoffel war eine neue Frucht, da war nichts Geheimnis: volles dabei, nichts Religiöses. Frauen und Kinder konnten beim Oege: dabei fein, beim Legen siefer Erdäpfel, die vom einem fremden Land! kamen, gerade wie der Kaffee, ein großartiges, herrliches Gebensmittel, aber von der Familie der Rüben. Korn, das war das Brot, Korn ober nicht Korn, das war Geben oder Tod. Jsak schritt barhäuptig und in Jesu Namen dahin und säte; er war wie ein Baumstumpf mit Händen, aber innerlich war er wie ein Kind. Auf jeden feiner Samenwürfe verwendete er größte Sorgfalt, er war freundlich und ergeben gestimmt Seht, jetzt keimt das Korn und wird zu Aehren mit vielen Körnern, und so ist es aus der ganzen Welt, wenn Korn gesät wird. Im Morgenland, in Amerika, im Gudbrandstal — ach, wie groß die Erde ist, und ba; winzig kleine Feld, auf das Jsak säte! Das war der Mittelpunkt oor allem. Fächer von Körnern strahlten aus seiner Hand. Der Himmel roet bewölkt und günstig, es sah nach einem ganz seinen Staubregen aus..,
Zurück aufs Land!
Ein Bries von Knut Hamsun.
Der folgende Brief über die Frage der Gandflucht, der trotz feiner Niederschrift im Jahre 1918 heute mehr denn je vor Bedeutung ist, dürfte die besondere Aufmerksamkeit unserer Geser finden.
Bauer, hole Deine Tochter heim aus der Stadt! Ja, selbst wenn Sn Dein Geld für die Mittelschule und das Handelsinstitut angewendei hast, hole sie jetzt noch heim. Sie ist überflüssig in der Stadt, sie wird ans dem Gande gebraucht. Für 50 oder 100 Kronen schafft sie in der Stadl und wird blaß und leer; bringe sie zurück auf den Hof und in bas gesunde Geben!
Nur die ganz wenigen Bauernmädel, denen Handelsgeist im Blut sihk. sollten vom Londe sortgehen — jetzt ist es üblich geworden, daß alle sortgehen. Gesinde als Ersatz für sie war nicht für Gold zu haben — aber die Töchter haben das Gand verlassen, sie sind fein geworden, es ist Mode und Verlangen geworden. Bauer, auch Deine Tochter lebt in dieser Verirrung!
Findest Du sie so fein hinter dem Gadentisch, wenn ihr die Scher« an langem Bonde an der Seite baumelt? Sie selbst findet es vielleicht Und wenn sie es soweit bringen kann, daß sie an der Kasse sitzen und Geld einnehmen und Kassenzettel ausspießen darf, dann ist ja wahrhaftig eine ganze Dame aus ihr geworden — aus der kleinen Hanna. Sie täuscht sich leider nur so gründlich: gar nichts ist aus ihr geworden! Sie hall« gute Gaben, aber sie hat sie vernachlässigt. Sie hätte lernen können, den Haushalt zu besorgen und die Wirtschaft und das Vieh, aber sie flatterte in die Stadt und „bildete sich aus" und landete für einen Schandtohm hinter einem Gabentisch. Da steht sie nun, bas Hannele, jeden Mona« ein Stück weniger wert, ausstaffiert mit engem Korsett und hohen Hacken,, eine Puppe mit Sägespänen ausgestopft. Hole sie heim. Stecke sie miebetr in ordentliche Kleider, in denen man sich bücken und bewegen kann, sage ihr, daß Arme dazu da sind, um damit zu schaffen, lehr« sie wieder bis alten Handgriffe mit Kuheuter oder Stricknadel und das feste Zupockem tim einen Spatenstiel. Sie soll nur nicht glauben, daß es unwürdig ist, zur natürlichen Hantierung zurückzukehren. Der Bursch im Nachbarshoss sieht gewißlich, daß sie wieder brauchbar geworden ist, das Hannele, uni) daß^es sich lohnt, sie zu besitzen.
Sie wird später merken, daß es nicht weniger großartig ist, tüchtig« Bäuerin aus einem Hof zu sein, als in einem Kramladen herumzurenne» und Kunden zu bedienen. Sie wird lächeln, wenn sie an ihre „Ausbildung" zurückdenkt, und noch mehr wird sie lächeln, wenn sie an ihrs Kundinnen denkt — die daherrauschenden Stabtbamen voll von Pfuscherei, Theater und Sägespänen.
Zurück zur Scholle, kleine Hanna! Jetzt zum Frühjahr braucht Deini Vater jebe Hand zur Hilfe. Scheue Dich nicht, hin und wieder, sogar bell Männerarbeit zuzugreifen, wenn Not am Mann ist, und so feine yraueni wie Du haben es schon vor Dir getan, und -es ist nicht mehr als redjti und billig. Im Tal des Red River haben wir nicht selten Frauen aufr der Mähmaschine sitzen und sie lenken sehen. Eine ist uns im Gedächtnis,, weit draußen im Weizenmeer — sie fuhr tagaus tagein und hatte große Flächen zu bewältigen. Eines Tages, als unsere Maschinen nahe beieinaii-1 der arbeiteten, kam sie zu uns herüber; sie hatte ihren Stellschlüssel verloren/ Sie war jung und sonnverbrannt und trug einen soliden Männer hui. Sie war früher Getjrerin im Städtchen gewesen, dann hatte sie sick verheiratet und half ihrem Mann bei der Arbeit. Es gab kein langes Gerede; sie borgte sich einen neuen Stellschlüssel und kehrte damit z" ihrer Maschine zurück.
Komm wieder heim, Hannele! Die Stätte, von der Du stammst, ruft' nach Dir. Und weißt Du nicht mehr, wie schön es im Grunde daheim war? Wo man her ist, da ist es immer schön: das ist Vaterlandsgefühl im Kleinen, Heimatgefühl. Das Vieh ist groß und freundlich, da stehe" Bäume bei den Häusern, da fließt ein Bach, da sind Felder, große und- kleine, do ist Katze, Hahn und Elster. Du gehst am Abend gern und mütx schlafen und stehst am Morgen ausgeruht wieder auf. Du hast Milch Z" trinken und Holz im Ofen.
In der Stadt war es mit diesen Dingen für Dich schlecht bestellt. Und nochmals: Du bist überflüssig in der Stadt. Dort verdrängst Du nur Mädchen, die dort geboren und nicht zur Gandarbeit geschaffen fitib. 3" der Stadt reißen sie sich nur allzusehr um die Bodenkammer, in der Du wohnst, und um das Essen, das Du verzehrst, und um Deine Stelle :ni Geschäft.
Und andrerseits: daheim auf dem Hof bist Du notwendig. Du machst Deinen Eltern ein Geschenk, wenn Du jetzt wieder heimkehrst. Und Du dienst Deiner Seele wie Deinem Geib damit.
Verantwortlich: Dr. Hans Thhrtot. — Druck und Verlag; Brühlsche Tlntversltätödruckeret 2t.Gange, Gießen.


