Was Liebe ist -?
t Von Knut Hamsun*.
Wohl Blume, Kreuz, Gesinnung, Wahn und Meinen —?
O Gott, das große Wunder dieser Welt!
Sie iff s, die alles Leid zum Lächeln schwellt
Und selbst im Freudenrausch dich zwingt zu weinen.
Wie, Blume, Kreuz, Gesinnung, Wahn und Meinen —?
, Mein Ohr bezweifelt solches Mißverstehn:
j Ein Wirbelwerk nur kann mein Auge sehn,
Drin Weh und Lust sich rätselvoll vereinen.
Knut Hamsun.
Zum 80. Geburtstage des Dichters am 4. August.
Von Rudolf Adrian Dietrich.
Es ist charakteristisch für das Werk Knut Hamsuns, daß es bei ins wie in andern Ländern Anerkennung fand, daß es aber nicht, wie Iüs Ibsens oder Strindbergs, einen Kamps für und wider in größerem ilusmaß entfachte. Wie bei Strindberg stellt auch bei Hamsun das Werk ' len Weg der „Entwicklung einer Seele" dar. Doch geht dieser Entwicklungsgang bei dem Norweger weitaus verborgener, man möchte sagen 8 inonymer vor sich.
Das Mitwirken des autobiographischen Elements tritt schon in seinem Erstlingswerk „Hunge r" das den Daseinskampf des jungen Dichters bildert, in den Hintergrund neben der geistigen Leistung, um die der - tampf mit dem Hunger und das Ertragen alles äußeren Elends in Kanf genommen wird. Schon bei diesem Erstling zeigt sich das Positive, der •i Lebensmut und die trotzige Selbstgewihheit ebenso wie der Glaube an lie große Harmonie der Natur, die alles endlich umschließt und über f msere Schwächen erhebt. Wenn Hamsun in diesem Erstlingswerk mit » roturaliftischer Gnauigkeit seine eigenen Anfänge, seine Alltagsnot erzählt, j wird das doch nirgends Anlaß zu einer Tendenz, die ein Aeuheres lerantwortlich zu machen sucht. Aus aller Not wächst zugleich ein strah- Lndes Licht und legt auch um das bitterste Elend einen versöhnenden lilanz. In „V i k t o r i a", dem „Roman einer Liebe"** jubelt dann dieses licht, dieses innere Glück mit allen Kraftquellen der Natur. Das Werk, I tue der schönsten Liebesgeschichten der Weltliteratur, ist gleichsam der I Durchbruch, der erste große Sieg — und Viktoria heißt ja Sieg — auch I Dichters Hamsun über die Zweifel, die noch in „Hunger" wie Schatten i>n bedrängen wollen und die er doch auch dort mit seiner Lebenstüchtiz- »I eit und seinem Vertrauen an die Kraft des inneren Lichtes bannt. Als I irittes dieser Frühwerke steht dann „P o n" („Aus Leutnant Thomas |i -lahns Papieren"), das Epos menschlicher Naturverbundenheit, aus dem rn Psychologe spricht, der es nicht aus analytischen Untersuchungen am || Schreibtisch oder im Umgang mit den gehetzten Menschen der Großstadt, H tobern aus dem Erlebnis der freien Natur (in der Hamsun damals als - f lager lebte) geworden ist. Der Mensch in der Natur, der Mensch im Sumpf mit ihr und daher auch mit sich und seiner Liebe, feinen tiefsten : Neigungen bringt hier wirkliche Offenbarungen, eigenerfahrene Einsichten ' I ii die Seele alles Lebenden wieder.
|l Das Gegenstück dazu ist bas .um dieselbe Zeit entstandene Werk „M y - ?|1 ferien", die Schilderung einer genialischen Natur, „die gleichsam dem 81| Aahnsinn beständig in die Augen sieht, mit grandiosen Gesten und viel i|l keift am Abgrund des Lebens einen Totentanz vollführt". „Redakteur 8 |r $t)nge" ist dann abermals ein (im Hintergründe) autobiographisches Stück. ! ||chnge wird mit seiner großen ernsten Begabung ein Opfer [einer !Be= Ii tifamteit. Er unterliegt den kleinen unsauberen Mitteln, mit denen man fMesbere beherrschen und sich selbst vorwärts bringen kann, diesen Mittel- ’Mtien, die zunächst harmlos aussehen und unter deren Zwang oder Ge- "Mvohnheit der Mensch doch allmählich hoffnungslos der „Welt des Man", "11 nie bas ein moderner Philosoph, Heidegger, ausdrückt, des leeren, I >1 wesenlosen Daseins verfällt. Was hier in großstädtischer Umgebung ge- 'Mjiidjnet wird, läßt Hamsun später in den begrenzten, in sich selbst ruhen- ■| d n Welten der kleinen Bauern- und Fischerdörfer noch differenzierter M dldhast werden. Auch hier zeigt sich ihm der Einbruch der entwurzelten -»Begabungen, auch hier beginnt der seelische Leerlauf mit kleinen, auto- MJ ovtisch wieberkehrenden Handbewegungen, bis alles einer einmal fest- -Wssetzten Maske dient. „K i n d e r d e r Z e i t", die immer mehr Menschen M ots ihrem festen Gefüge in das lockende, bunt bewegte Verderben reißen.
Auch wenn man das Liebenswerte, Bezaubernde in einem solchen-ent- IJ gleisten Leben durchschaut, wie es Knut Hamsun in „21 u g u ft Welt- « ums e g le r" tut, bleibt doch die warnende Frage, die eigentlich hinter "um ganzen. Werke Knut Hamsuns steht: was wird aus den Menschen, ons kann Überhaupt noch aus ihnen werden?
Und wenn man an die warmen, entschiedenen Worte denkt, die Harn- I :i htt in den letzten Jahren für uns Deutsche fand, so zeigt das, daß der ! Drweger, den wir in Deutschland seit je als uns wesensnah empfanden, || usse Frage keineswegs aus Weltfremdheit stellt. Diese Frage nach der : Snltoitflung des Menschen in seiner seelischen und damit naturverbunde- ' ■?;1' Substanz steht hinter der ganzen Entwicklung des Dichters, den wir M [‘Ft nur als Erzähler kennen, obgleich er auch als Lyriker und Dramatiker : >,Al> enbröt e", „KöniginTamar a", „Munken Venb t") Be-
'Muckendes geleistet hat. .
Es ist ein weiter Weg ber Entwicklung, auf dem das Werk Hamsuns ! ■piiiftonb. Zunächst mehr sachlich berichtigend und mit einem — freilich t» o’B'l)altenem, immer künstlerisch dezent vorgetragenen — Ingrimm die '' MUnhre Situation unseres Lebens seststellend, dann aber mit dem inneren ■ f p1 ionären Erlebnis der gefährlichen, überperfönlichen Lebensmächte zu : paer Weltweite des Geistes und zu jener Uebcrfdjau fortschreitend, die
* Diese Verse entnehmen wir dem im Albert Langen/Georg Müller j *■' tlag in München erschienenen Gedichtband „Das ewige Brausen P'Mamfun.
3n den Familienblättern 1936 erschienen.
er auf der letzten Höhe seiner Entwicklung, In ber Schicksalsdichtung mit dem symbolischen Titel „Der Ring schließtsich" erreichte.
Etwa sünfzig Jahre sind seit Erscheinen seines Erstlings „Hunger" in deutscher Sprache vergangen. Wir blicken mit schweigender Anerkennung auf die Bänderreihe dieses Werkes, die wir von Jahr zu Jahr wachsen sahen. Und bas mit ber großen Frage nach dem Wohin ein Stück unseres tiefsten Lebens heraussorderte — und mit dem Unbegreiflichen doch auch wieder versöhnt hat.
Oer Gutsherr von Nörholmen.
Von Anton Geldner.
Wenn man es nicht wüßte, da draußen würde es einem ausgehen, ohne daß es einer sagen brauchte: wer hier wohnt, will Einsamkeit, ganz betonte, stete Einsamkeit. Das Draußen ist Rörholmen, das Gut Hamsuns. Die nächste kleine Stadt ist eine halbe Autostunde weit entfernt; zum nächsten Hafen, der Schiffe auf weitere Reisen gehen läßt, braucht man drei Autostunden und zur nächsten Eisenbahnstation noch mehr. Aber Wald ist hier, der fast keine Wege hat; hier ist das stille Wasser eines Fjords, das nur ganz selten ein Boot trägt; hier sind helle Felsen und dunkle Büsche, hier sind Aecker und Wiesen und Felder. Und alles hat bas verträumte Gesicht weiter Abseitigkeit und Stille.
Zuweilen kommen Frembe im Auto hierher. Sie steigen bann aus und gehen etwas hin und her. Dann fahren sie wieder ab. Sie versuchen nicht erst, den Dichter, der sich hier versteckt hat, zu sehen ober gar zu sprechen. Man weiß von ihm, baß er keine fremden Menschen sehen will.
Einmal, aber das sind schon einige Jahre her, kam ein junger Schweizer hierher. Er war durch ganz Norwegen getippelt, hatte sich hoch im Norden auf Schiffen und zwischen Schiffern herumgetrieben. Zuweilen hatte er auf diesen Fahrten gedichtet, und oft hatte er Hamsuns Bücher gelesen. Und als er sich lange Zett von diesem herrlichen und freien Leben hatte herumwirbeln lassen, wollte er nach Hause. Ader vorher wollte er noch Hamsun sehen. Also fragte er sich mühfam bis zu der stillen Abseitigkeit Nörholmens durch. Und eines Tages stand er an dem Zaun, ber bas Wohnhaus abweisend umschließt, und fragte nach dem Dichter. Der lasse niemanden zu sich, sagte man dem Schweizer. Der Junge war fassungslos, konnte die Abweisung nicht begreifen. Die Gattin Hamsuns, erschüttert von seinen dringlichen Bitten, ging dann zu Hamsun hinein, um ihn zu bewegen, doch mit dem jungen Menschen da draußen zu sprechen. Aber Hamsun lehnte fast unwillig ab. Man solle ihm seine Stille lassen. Als Frau Hamsun dem Wartenden den Bescheid brachte, setzte er sich auf einen Stein und meinte hemmungslos. Schließlich marschierte er weiter. Etwas später bei Tisch erzählte Frau Hamsun von diesem fassungslosen Weinen. Da wurde Hamsun ganz aufgeregt. Er brachte alles durcheinander. Sofort mußte ein Auto hinter dem jungen Mann herjagen. Es holte ihn schon weit auf der Landstraße ein und brachte ihn nach Nörholmen zurück. Und erst nach Wochen ließ Hamsun feinen Gast roeiterroanbern.
Ellinor, eine ber beiben Töchter Hamsuns, erzählte mir biefe Geschichte. Ich gebe sie wieder, weil ich diese Geschichte schön finde. Freilich, als Ellinor (heute Filmschauspielerin), mir das erzählte, tat sie das mit der Absicht, mir verständlich zu machen, wie schwer es sei, meinen Besuch im Haus durchzusetzen. Auch für einen Angehörigen der Familie sei es schwer. Die einzige Möglichkeit wäre, mich als alten Bekannten einzuführen. Und auch so fei der Erfolg nicht einmal ganz sicher. — Einen Tag nach meinem Gespräch mit Ellinor Hamsun kam ein Telephonanruf in mein Hotel nach Grimstad und rief mich nach Nörholmen hinaus. Draußen waren Gäste, Freundinnen der schönen Tochter Hamsuns. Sie hatten frohe Stimmung mitgebracht. Es gab Musik und Wein und Lachen. Und in dieser aufgeschlossenen Heiterkeit zwischen jungen Menschen traf ich bann Hamsun.
Er sieht aus wie ein Mann, der am Tage hinter dem Pflug hergeht und am Abend aufgeräumt frohe Geschichten erzählt. Er ist groß und stark und einfach wie ein Bauer; seine Stimme ist ganz dunkel und voll und fest. Wenn er spricht, liebt er es, auf und ab zu gehen. Und fast scheint es, als tue er das, um stolz seinen graben unb festen Gang, feine überlegene Kraft und strotzende Gesundheit zu zeigen. In der Art, in ber er es ablehnte, sich einen Sessel zuschieben, sich überhaupt im mindesten bedienen zu lassen, wie er einen schweren Sessel leicht und gewandt durchs Zimmer vor sich herwirbelte, liegt eine wütende unb entschieden« Ablehnung des Altscheinens.
Dieser Mann, der gern lacht und erzählt, der sich so offen freut, wenn feine Geschichten ein Lachen als Widerhall haben, dieser Mann, ber groß unb aufrecht unb stark sich bewegt, er sieht nicht danach aus, als habe er bereits acht Jahrzehnte auf dem Rücken. Er läßt einen fein Alter fo gründlich vergeßen wie er den Besucher vergessen läßt. Er zeigt sich auf eine so schlichte unb selbstverständliche Art unterhaltsam, daß es gewaltsam schiene, darum viele Worte zu machen. Ich sprach mit ihm nicht über Literatur, auch nicht über seine Arbeiten. Er erzählte von Filmen, denen seine Liebe gehört, von luftigen und amüsanten Schauspielern, von norwegischen Landschaften, von Bauern, Knechten unb Vaga- bunben. Er brängte Zigarren und Zigaretten auf, schleppte starken Whisky heran, füllte die Gläser, nötigte zu trinken unb trank zur Aufmunterung selbst mit. Er hörte gern zu unb lachte gern.
Freilich, immer sähe man ihn nicht so, sagte mir Fron Hamsun später. Wenn er in ber Arbeit stecke, sei meist nicht gute Stimmung ba, die diese ausgeschlossene Laune zu seiner Umgebung schaffe. Dann mache ihn jeder Mensch, der sich in feine Stimmung unb Zeit hineinschiebt, ungeduldig. Und er flüchtet in die Stille, die ein kleines, verstecktes Haus am Waldrand für ihn bereit hat, oder in die noch abseitigere Stille eines verlorenen Gasthauses irgendwo auf dem Land, wo ihn keiner kennt unb von ihm weiß. Nicht einmal feine Familie weiß bann, wo er steckt. Besonders, wenn man ihn feiern will, flieht er irgendwo in die Abseitigkeit eines unbekannten Ortes, der zwischen Felsen und Wäldern an den tiefen Wassern eines Fjordes liegt, wo er das um sich hat, wovon die klingende» Melodien seiner Werk« tönen.


