Ausgabe 
4.8.1939
 
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berten von Metern rechnen fann. Dos scharfe Vordrängen der Briten hat jogar die Oberste Deutsch« Heeresleitung ernstlich alarmiert und in Sorge versetzt. Nur am Opfermut des feldgrauen Soldaten ist der Durch­bruch bisher gescheitert.

Am 21. April schreibt nun Nivelle an f>aig:

Das Vorrücken der Angriffsarmee war leider langsamer und ge­ringer, als wir gedacht hatten. Trotzdem will ich nichts an den allgemei­nen Befehlen zur Offensive ändern, und alle gegebenen Anordnungen behalten ihre Gültigkeit. Ein Abblasen der laufenden oder vorgesehenen militärischen Operationen ist nicht ins Auge gefaßt."

Dieses Schreiben verrät noch Mut, Selbstvertrauen und Kampfes- sreude trotz aller Enttäuschungen der letzten fünf Tage. Kaum ist es durch Sonderkuriere abgegangen, da trifft im Hauptguartier des Oberbefehls­habers ein Schreiben des Generals Micheler ein. Es ist ein Schreiben, das man.getrost als Todesurkunde des Durchbruchsgedankens bezeichnen kann. Auszugsweise lautet es:

Das große Hauptquartier hat am Tage noch der Osfeusive vom 16. April den Stoß gegen Nord osten befohlen. Gleichzeitig sollten die erreichten Stellungen aus den Höhen südlich der Aillette befestigt werden. Nun ist folgendes eingetroffen. Der Feind, der entschlossen schien, vor der Front unserer VI. Armee zu halten, hat sich auf seine Siegfriedlinien zurückgezogen. Die Angriffe auf Craonne und Sapigneul waren für uns erfolglos. Eine Weiterführung des Angriffs gegen Nordosten wäre unter solchen Umständen wegen der fehlenden Flankendeckung von großer Ge­fahr. Unabhängig von den schweren Verlusten ist die Truppe fertig und müde. Die atmosphärischen Bedingungen sind denkbar schlecht für einen Angriff. Rasche Ablösung der schnell abgekämpften Truppe wäre not­wendig. Die verfügbaren Muniiionsmengen sind im Laufe der letzten Tage zu gering geworden. Sollte man weiterhin Wert auf Fortsetzung des Angriffskampfes legen, müßten viel größere Mengen Munition herangeschafft werden. Es wäre zu überprüfen, ob eine Verlegung der gesamten Angriffsfront bis auf die nördlichen Höhen des Damenweges nicht vorteilhafter wäre als Teilangriffe mit ungedeckten Flanken. Ich würde eine Frontlinie im Verlauf des Damenweges als eine glückliche Fortsetzung der jetzigen Kämpfe und der aussichtslosen Angriffe ansehen."

Nivelle nimmt davon Kenntnis und legt den Brief ganz zu unterft zu deb Akten. Erst nach dem Krieg soll dieses Schreiben gesunden werden. Es ist dem Oberbefehlshaber jetzt unmöglich, die Walze aufzuhalten, denn Frankreich verlangt Taten. Jawohl, lebendige Taten!

Man hat später viele sensationelle Dinge erzählt, um diese Ofsensive vom 16. April. Ein amerikanischer Journalist hat während des Krieges noch eine spannende Artikelserie über die Geschehnisse dieser Apriltage veröffentlicht. Er hat General Nivelle gezeichnet, die Hand fchon an der deutschen Gurgel, aber im letzten Augenblick, in der Sekunde des Griffs nach dem sicheren Sieg brutal zurückgerissen von entsetzten Parlamen­tariern.

Gewiß, die Abgeordneten und Staatsmänner haben in Frankreich viel zu sagen. Wir haben es im Verlause dieses Berichts erlebt und gelesen, wie die Herren Parlamentarier dem Oberbefehlshaber Nivelle zusetzten, aber der General ist Manns genug, sich diese redseligen Zivi­listen vom Leib zu halten, wenn es gilt, seinem Operationsplan Geltung zu verschaffen. Der amerikanifche Journalist und mit ihm später noch zahlreich« Autoren hatten die sranzösischen Parlamentarier sozusagen als Schlachtenbummler dicht hinter der Front vom 16. April gezeigt.

Dieser entsetzte Haufen Zivilisten sei bann, beim Anblick der Ver­wundeten, die in Massen zurückströmten, nach Paris gefahren und habe dort vom Regierungschef die Einstellung der Nivellefchen Offensive ge­fordert. Nicht deutscher Mut und Opferwille, nicht die Zähigkeit des Feldgrauen hätten die Nivellesche Offensive aufgehalten, sondern die Feindseligkeiten und die Angstpsychose französischer Parlamentarier.

In diesem Zusammenhang muh festgestellt werden, daß der Kammer­abgeordnete Pbarnegaray bald nach dem Zusammenbruch des ersten An­griffs am 16 April in der Frühe nach Paris gefahren ist, um dort bei Poineare vorstellig zu werden. Seine Erklärungen sollten jedoch ohne Folgen bleiben. Später, nach den Meutereien, wird Marnegaray von einer geheimen Kriegskommission, di« zur Ermittlung dieser Gründe zusammengetreten ist, seine Angaben wiederholen und das Entsetzen, das ihm beim Anblick der führerlos im deutschen Maschinengewehrfeuer um­herirrenden Schwarzen aufstieg, in glühenden Farben wiedergeben.

Nein, nicht di« Parlamentarier haben die Offensive aufgehalten--

Der deutsche Musketier tat's!

Deutscher Heeresbericht.

Großes Hauptquartier, 20. April 1917 Heeresgruppe Deutscher Kronprinz.

Die am 16. März 1917 begonnene Einnahme der von langer Hand ausgebauten Zone der Siegfriedstellungen hat gestern nordöstlich von Soissons ihren Abschluß gefunden durch Aufgabe des Aisneufers zwischen Condö und Soupir«. Der Feind folgt zögernd.

Die Doppelschlacht an der Aisne und in der Champagne nimmt ihren Fortgang. Längs des Chemin des Dames-Rückens dauert der starke Artilleriekampf an. Bei Braye und Cerny und unter großem Masien- kinfatz beiderseits von Craonne, mühten sich frisch herangeführte franzö­sisch« Regimenter vergeblich und verlustreich ab, den Höhenkamm zu ge­winnen. Den schon am 16. April ohne Ergebnis verfuchten Angriff zur Umfassung des Brimoutblocks von Nordwesten und Norden erneuerte der Franzose gestern nachmittag. Vor unseren Stellungen am Aisne-Marne- Manal faradjen bie zweimal anlaufenben Sturmwellen neu eingesetzter französischer Divisionen blutenb zusammen; auch die Russen wurden wieder vergeblich ins Feuer geschickt. Unfere dort fechtenden Divisionen sind Herren der Lage...

»er^Mt 3a>ei<C Durchbruchsversuch in der Champagne ist

Bisher hat die französische Führung mehr als 30 Divisionen auf beiden Schlachtfeldern eingesetzt. Sie wurden nach Beendigung der

Somme-Kämpfe für den Durchbruchsangriss und die erhofften Berfas, gungsmärsche sorgfältig ausgebildet.

Die daran geknüpften Hoffnungen Frankreichs haben sich nicht erfüllt

Großes Hauptquartier, 21. April 1917

Westlicher Kriegsschauplatz

Heeresgruppe Deutscher Kronprinz.

Truppen aller deutschen Stämme vollführen auf dem gewaltige« Schlachtfeld an der Aisne und in der Champagne, Mann gegen Mau« kämpfend, in bis zum Tode getreuem Ausharren bei schwerstem Feuer täglich und stündlich Heldentaten.

Der Heeresbericht kann sie nicht einzeln nennen.

Die Nivellesche Schlacht braust weiter. Das Trommelfeuer orgelt L« mehr als fünfzig Kilometer Frontbreite, bricht keine Sekunde ab, nicht bei Tage, nicht bei Nacht. Und an jedem Morgen, zwischen Tag uti Dunkel, ist's ein erneutes Anlaufen der horizontblauen Sturmwellen, und jedesmal bellen sich die deutschen Maschinengewehre in Glut.

Die Schützen in den Erdlöchern schießen, werfen ihre Handgranaten, kämpfen mit Spaten und Bajonett. Und dann bricht der französische An griff blutig zusammen. Vielleicht handelt es sich um geringen Gelände­gewinn, vielleicht nur um geringe Vorhuten, ein Erfolg, der in keiner« Verhältnis zu den ungeheuren Verlusten steht. Und das Artilleriefeue, orgelt weiter, Stunde um Stunde, bis zum sinkenden Tag brüllt es un) braust durch die unheimlichen Nächte am Dornenweg, zerschlägt alles Lebende, alles Atmende. Dann kriecht ein neuer Tag voller Schrecken und Kämpfe, voller Not und Tod aus der grauen Unendlichkeit. Uni) wieder schießen sich die deutschen Gewehre und Maschinengewehre heiß Blitzschnell vollsühren die Schützen Lauf- und Schloßwechsel. Die dm Hitze gekrümmten mattrot geschossenen Maschinengewehrläufe zischen im den Schneeflatschen, in die man sie schleuderte. Bald ist der neue Noy- kampf da. Und wer gestern nicht fiel, wird vielleicht heute fallen, oder morgen, ober übermorgen, einerlei. Der einzelne Mann zählt nicht. Dein Kamerad wird morgen an deiner Stelle stehen, schießen, kämpfen, burdj- hatten. Kamerad, steh, kämpf und stirb. Du weißt, worum es hier geht Es geht hier nicht um bieje zertrümmerten Stellungen am Damenweg, es geht um die do hinten, am Rhein, um jene, die hinter der Grenze auf dich schauen. Kämpf, Kamerad, kämpf!

Und der Kamerad kämpft, kämpft und stirbt.

... Truppen aller deutschen Stämme vollführen auf dem gewaltigem Schlachtfeld täglich und stündlich Heldentaten. Der Heeresbericht kann sie nicht einzeln nennen."

Die Erkenntnis:On ne les aura pas ...1

Aber jetzt beginnt der moralische Zusammenbruch des Generals Nivelle. Er hat erkannt, daß auch fein Durchhatten falsch gedeutet wird daß Frankreich dies zähe Feftklammern am alten Schlachtenplan als maßlose Eitelkeit und Siegerwahnfinn bezeichnet. Es kommen ihm jetz! schon erste Meldungen von Unzufriedenheit in der Truppe zu Ohrem Die Presse schreibt zwischen den Zeilen.

Nivelle ist einsamer denn je, Nivelle lebt auf einer Insel. Er muß sich der Truppe zeigen. Am 25. April begibt er sich aus Jnspektionssahrt: Er will dem Poilu ins Auge schauen, ihm danken für feinen bisherige» Opfergang, ihm neuen Mut zu neuer Tat einflößen. Der Oberbefehls­haber spürt, wie seine seelischen Kräfte ihn verlassen. Derweil macht bi* Etappe in Schönfärberei. Wohlgemerkt, nur die Etappe!

Man hat sie gekriegt, wir haben sie vor uns hergejagt. Die Boches haben ungeheure Verluste erlitten", schrien sie, jene, die in der sicheren Etappe saßen, sie, die noch nie einen Schuß aus der Nähe pfeifen hörte«. Aber siehe! Sie schrien es nicht lange, diese Männer, die glaubten, schreien zu müssen, um ihre militärische Unzulänglichkeit zu verschleiern. Sie fühlten sich der Fronttruppe gegenüber nur als halbe Soldaten und glaubten, die andere fehlende Hälfte des Kömpfertums durch patriotischs Reden und möglichst viel Geschrei wettmachen zu müssen. Und da schlägt! ihre Begeisterung ins Gegenteil um, weil es Ende des Monats nid)*i mehr fo vorangeht, wie es die Etappe gern gesehen hätte. Di« Etappe i|* der Mund des Heeres. Di« Front aber ist die schweigende, zuckende und) pulsende Brust.

Nun beginnt die Etappe zu schimpfen. Dom 23. April bis ZU«* 30. April werden di« französischen Staatsmänner, angefangen beim Kriegsminister und dem Präsidenten der Republik, bei Poineare, bi* zum letzten Kammerdeputierten, mit Briefen von Offizieren und Mann» schäften überflutet. Jeder Brief enthält neue Anklagen gegen Nivelle- Und dies« offen gezeigte Entmutigung, dies« fcheinbor erlaubte Kritik ani den Plänen und Maßnahmen des Oberbefehlshabers trägt ihre furcht­baren Früchte. Denn bald wird offen gegen Nwelle geschimpft.

Am 22. April marschieren Fronttruppen nach hinten in die Ruhe- guartiere. Sie haben die schweren Tag« vom 16. bis 21. April in vor­derster Linie mitgemacht. Manche Kompanien sind nur noch zehn Manm stark. Einige Divisionen sind in der deutschen Abwehr aus die Stärke vom Bataillonen zusammengeschrumpft. So marschieren die traurigen liebem bleibfel des I. Armeekorps, ferner des I. und II. Kolonialkorps nach ©übern in bie Ruhequartiere.

Oie Truppen kommen durch viele Dörfer, kommen durch Städte untx Städtchen. - Teilnahmsvoll stehen bie Einwohner an ben Fenstern ober vor den Haustüren, reichen den Soldaten Wein, Tabak oder fonftige Erfrischungen. Hin und wieder aus dem Munde der Jugendlichen ein freudiger Schrei:Hoch bie Armee, hoch ihr Sieger vom Chemin des- Damesl" Man will den Zurückkehrenden gut fein. Man will ihnen geigen, daß ganz Frankreich sie achtet und zu ihnen hält, selbst wenn si« de« Vormarsch an den Rhein nicht mit dieser Geschwindigkeit antreten konn­ten, mit der Nivelle früher wohl zu prunken wußte.

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