Ausgabe 
4.8.1939
 
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Nummer 59

Sreitag, den 4. August

ahrgang 1939

Lim Armee meutert

SCHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917

Lin Bericht von P.L Lttighoffer

Copyright b y Bertelsmann Gütersloh

14. Fortsetzung.

Deshalb entscheidet sich Nivelle für den schwersten Weg, für den Fort- rng der Offensive und der Durchbruchsversuche. Er tut's nur, um seinem and zu dienen, und nicht aus Eigenliebe, denn er kann Frankreich diese nttäuschung, diesen Zusammenbruch aller Hoffnungen und Ideale jetzt cht aufbiirden.

Mit diesem seinem Entschluß wird General Nivelle zum zweiten Mate agischer Feldherr, denn er legt den Keim zu einer Meuterei, zu jener jsen Krankheit, die Frankreichs Armee in schwerster Stunde erfassen id an den Rand des Abgrundes bringen soll.

Noch einige Wochen, und der Tag ist da, an dem die gesamte franzö- che Front zwischen Soissons und Moronvilliers, jenseits von Reims, fu in einer Breite von mehr als sünfzig Kilometern, höchstens von »ei, allerhöchstens von zwei verläßlichen Divisionen gehalten wird. Nur ich zwei armselige, ausgeblutete Divisionen würden stehen, feuern und IC« Pflicht tun, wenn es den Deutschen einsallen sollte, den Angriff zu agen. Was sind zwei Divisionen? Nichts, eine Bagatelle, nichts, eine -einigkeit. Zwei Divisionen können innerhalb von zehn Minuten über- :nnt werden. Aber auch für dos deutsche Heer ist's eine große Tragik, ch es diesen günstigen Augenblick nicht erkannte und nicht nutzen konnte.

Frankreichs Heer ist müde. Und den Keim zu dieser Müdigkeit hat ster gelegt, der es gut mit seiner Nation meinte und nur für sie lebte, - Nivelle, der Oberbefehlshaber.

Truppen aller deutschen Stamme."

Im Eifer und im Angriffswillen, der sich ganz auf die Armee Anthoine schränkt, hat Nivelle den nennenswerten Teilerfolg der Armee Mangin versehen. Die VI. Armee konnte, in machtvollem Nachdrücken, den feld- luuen Hauptgürtel noch Norden abdrängen und das scharfe Äisne-Knie nsbügeln. Ueberhaupt, General Mangin wird feine Kampfesfreudigkeit tttf) weiterhin zeigen und Schritt für Schritt, hundert Meter um hundert Meter, die deutsche Verteidigungslinie vor seinem Abschnitt zum Aus- eichen zwingen. Aber man wird erst später aus diesem stllckweisen, ^igsamen, mühseligen Vorrücken einen großartigen Sieg basteln und i)t als Erfolg der französischen Waffen sondergleichen preisen. Diese sioutverkürzung kommt ober, streng genommen, der deutschen Heeres- itung nicht ungelegen, denn nunmehr sind die Höhen des Damenweges rreicht.

Am Affenberg mit der berüchtigten Klaraschlucht an der Lasfaux-Ecke, «nn nördlich am Fort Conde vorbei auf der Spur der einstigen Straße, ii man Chemin des Dames nennt, wird der Feldgraue erklären:Bis "her und nicht weiter!" Und er wird keinen Schritt mehr weichen. Es 11 g im Laufe späterer Wochen und Monate das Artilleriefeuer an der icffaur-Ecke noch so trommeln und poltern. Erst im Oktober 1917 soll es «t französischen Sturmdivisionen gelingen, auch hier den Damenweg zu ierschreiten, über den Pinonriegel hinabzusteigen und durch den Wald 11 dringen, bis zum Aisne-Kanal bei Anizy. Und dann wird der Poilu r,t im Spätherbst 1917 dort stehen, wo er amTage I" zurStunde H 180 Minuten", das heißt um 9 Uhr vormittags des 16. April seine Maschinengewehre gegen die abziehenden Deutschen aufpflanzen sollte, so es in allen Armeebefehlen des Frühjahrs 1917 und in allen Anord- ^ngen und strategischen Plänen vorgesehen war. Innerhalb von drei Kunden sollte das Gelände genommen werden, bis zum Aisne-Kanal. ?'hr als ein halbes Jahr soll es dauern bis zur Wegnahme dieser kurzen a--ecke. Und jeder Schritt Bodengewinn soll mit dem Blut stürmender >>ülus getränkt sein.

Es ist geradezu seltsam, wie wenig Aufmerksamkeit General Nivelle Augenblick den Fortschritten der Armee Mangin schenkt. Es geht ihm W schnell genug. Das Vorrücken Meter um Meter, wie es dort geschieht, kugt dem Hitzkopf nicht. Er wird also noch einmal die Armee Anthoine

Durchbruch vorschicken.

Am 18. April wird Wiederholung der Kämpfe befohlen. Schon beim Wn Morgengrauen gurgelt das Trommelfeuer und brodelt auf der Men Front. Diesmal soll der Brimont, dieser starke Eckpfeiler in der Muhen Verteidigungslinie, zu Fall gebracht werden. Und den Russen 1 Ehre zufallen, den Brimont genommen zu haben.

», Väterchen Zar ist längst abgesetzt. Die russische Revolution ist gewesen, et die im Winter 1916/17 von Odessa in Marseille gelandeten russischen

Divisionen, die als Hilfskorps gedacht waren, sind vom Gist dec Zersetzung und der Unbotmäßigkeit, das ihre Heimat töten soll, noch nicht erfaßt. Sind sie 's wirklich noch nicht? Scheinbar ist noch alles ruhig, aber es sind in letzter Zeit Briefe aus Rußland an die Hilfsdivifionen gelangt. Es gärt langsam, vorerst noch unmerklich, aber es gärt. Jetzt, da die Truppe ein­gesetzt werden soll, macht sich eine böse Unruhe bemerkbar. Es arbeitet in diesen Männern, die nicht einsehen wollen und einsehen können, daß sie jetzt, da Rußland mit Deutschland Waffenruhe vereinbart hat, zum Kampf marschieren sollen. Rußland ist groß und weit. Und was sollen die Russen hier auf Frankreichs Boden verteidigen? Ihr weites, entferntes Vaterland, ihr Rußland, Mütterchen Rußland? Ach, lächerlich, das wird man einem Mufchik niemals einreden können. Was versteht der russische Soldat von Bllndnistreue und Waffenbrüderschaft! Der Zar ist abgesetzt: dem Zaren hat man Treue geschworen. Nun ist niemand mehr da, für den man eigentlich in den Tod gehen könnte oder müßte, kein Zar, keine Zarenfahne, kein Symbol, nichts. Der Muschik weiß nicht, was er tun soll. Er weiß nur, daß er seine Heimat wiedersehen möchte. Und er weiß außerdem, daß es schwere Verluste geben wird da vorne in der Schlacht, die man ihm jetzt aufzwingen will. Er kennt die Deutschen, der kleine Muschik. Er weiß, daß der deutsche Soldat zäh und hartnäckig ist. Als unbesiegbar ist er verschrien in allen Regimentern des Zaren, dieser hart­näckige deutsche Soldat. Warum also noch einmal gegen ihn marschieren?

Hitzköpfe reden und hetzen die Kameraden auf. Es bilden sich Soldaten­räte. Sprecher steigen auf Munitionskarren und halten scharfe Anklage­reden. Und dann wird nach sowjetrusstschem Muster abgestimmt. Sollen die Befehle der Generalität befolgt werden? Sollen die russischen Regi­menter zum Angriff marschieren oder nicht? Die Offiziere beschwören ihre Soldaten, erklären ihnen die Notwendigkeit des Marschierens und Kämpfens, erinnern sie an die Pflickst.Der Zar wird wiederkommen", sagen sie,er wird ganz bestimmt wiederkommen und Rußland regieren, unser armes Rußland, das augenblicklich nur eine Krankheit durchmacht. Und dann wird Väterchen Zar von euch Rechenschaft fordern."

Die Regimentskommandeure erscheinen, heben die alten, ruhmreichen, verblichenen Regimentsfahnen und Standarten hoch, zeigen sie den Mu- ichiks und erinnern sie an den Fahneneid. Und da erleiden die Sowjets eine Abfuhr. Die Truppe bekennt sich zur alten Zarentreue. Popen kom­men und segnen die knienden Kompanien. Die Offiziere küssen das Kreuz nach alter Sitte. Mit dem Zarenlied auf den Lippen, Fahnen und Standarten entfaltet, marschieren die russischen Hilfsdivisionen in ihre Sturmstellungen.

Und dann bricht der Sturm los und die Russen werden im deutschen Maschinengewehrfeuer zusammengeschossen. Nur Trümmer der stolzen angreifenden Regimenter kehren zurück, ohne ihr Ziel erreicht zu haben. In der Seele der geschlagenen Muschiks keimt der Haß gegen jene, die sie erneut fruchtlos gegen die Deutschen jagten. Und nun teilen sie den höhnenden Sprechern und Anhängern der Sowjets ein will­fähriges Ohr,

Dieser Einsatz der Russen am Brimont soll in den nächsten Wochen für Frankreich verhängnisvoll werden.

Deutscher Heeresbericht.

Großes Hauptquartier, 19. April 1917 Heeresgruppe Deutscher Kronprinz.

Ausgesangene Befehle zeigen, wie weit die Angriffsziele der am 16. April in den Kampf geworfenen französischen Divisionen gesteckt waren. An keiner Stelle sah die französische Führung ihre Hoffnung erfüllt. An keiner Stelle haben die Truppen auch nur annähernd ihre taktischen, geschweige denn strategischen Ziele erreicht.

In der Nacht vom 17. zum 18. April gelang den Franzosen ein ört­licher Angriff auf Braye,- im Laufe des Tages an mehreren Stellen der Höhenfront des Chemin des Dames mit besonderer Erbitterung bei Craonne geführte wiederholte Angriffe des Feindes schlugen unter blutigen Opfern fehl. Bei La Ville aux-Bois, dessen Waldstellungen für uns ungeeignet geworden waren, richteten wir uns in einer Hinteren Befestigungslinie ein.

Am Brimont jagte der Gegner die in Frankreich liegenden Russen zu vergeblichem verlustreichem Angriff ins Feuer...

Wie verhält sich nun Nivelle? Wie nimmt er diese verhängnis­vollen Nachrichten auf? Seine Tagesberichte sind bescheiden und klingen ganz anders als die großen Versprechungen, die er vorher in die Welt hinausgeschickt hat.

Die rücksichtslose Fortsetzung der Angriffskämpfe ist ja befohlen. Bis­her waren nur etwa die Hälfte aller Divisionen im Feuer. Mit noch fast dreißig unversehrten Divisionen hofft Nivelle noch einen bedeutenden Erfolg zu erringen. Vielleicht wird ihm ganz plötzlich, ganz unverhofft der Durchbruch gelingen. Den Briten gegenüber aber muß er sich irgend­wie rechtfertigen. Marschall Haig hat bisher viel größere Erfolge erzielt. Sein Geländegewinn zählt nach Kilometern, wo Nivelle nur mit Hun-

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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger