Geharnischte Sonette.
Von Adolf Bartels.
Im Eis des Nordens wächst ein licht Geschlecht, Des Wille trotzig, dessen Glaube hehr, Und zieht durch viele Land' und übers Meer, Als Wahlspruch hegend: Lieber tot, als Knecht. Und, seinem Gott getreu, schafft sich's ein Recht, In dem Gewissen lebt, gar ernst und schwer, Und das, lockt Unrechts Lohn auch noch so sehr. In jeder Seele schreit: Biegt euch nicht, brecht! Sind wir uns selber untreu dann geworden, Denn harmlos sind wir, ob auch noch so stark, Und manche Lüge hüllt ein edler Schein: Wir schauen nun doch wieder fest nach Norden, Und in uns wächst das alte edle Mark: Wir werden wieder wie die Väter sein.
Soldatenlieder.
Der Rundfunk in Berlin sucht neue Soldatenlieder, aber nur solche, die wirklich neu, d. h. weder im Text noch in der Melodie alten Liedern «ngepaht sind. Er wird sicher aus dem Osten und aus dem Westen, aus der Operationszone und aus der Etappe viele Einsendungen erhalten. Der Wortlaut und die Musik zu einem Soldatenlied entstehen meistens dontan aus einer gegebenen Situation heraus; beide sind selten ohne Fehl und Tadel, denn die Schöpfer sind gewöhnlich keine gottbegnadeten Künstler, sondern einfache Menschen, Im Weltkrieg vor 25 Jahren war is auch so, leider sind aber manche gute Sachen vergessen worden, Nährend andere durch ein gütiges Schicksal Platz in einer Zeitung ober in einem Liederbuch gefunden hatten. So ist z. B. das heute in der reuen Komposition von Herms Niel gerade in den Tagen der Triumphe ton Scapa Flow und Firth of Forth schnell populär gewordene „Matrosenlied" von Hermann Löns (gefallen am 26. September 1914 bei Keims) in Nr. 55 der „Silier Kriegszeitung" abgedruckt und dann in iie sog. „Kriegsliederbücher für unsere Soldaten" übernommen worden; fine richtige Geltung aber hat es erst jetzt erhalten. Dieses Lied kann man also nicht zu den „neuen Soldatenliedern" rechnen, vielmehr nur ju den alten, die wiederauferstanden sind. Es gibt aber gewiß noch »iete andere, die es verdienten, daß man sie zu neuem Leben erweckt, i«, es gibt eine ganze Menge gefälliger „Liedertexte" aus dem Weltkrieg, die darauf warten, daß man sie zu „Liedern" formt, weil sie entweder in alle Lagen passen oder bestimmten Situationen angepaßt sind, ko steht z. B. in der „Kownoer Zeitung" Nr. 8 vom 8. Januar 1916 folgendes nur mit „Gefreiter F. P." unterzeichnetes Gedicht:
Gebet eines deutschen Mädchens.
Ich sah ihn gehn und ließ ihn ohne Zagen, Ihn rief die Pflicht, er dürft nicht widerstehn; Wen ich lieb hab, darf keinen Makel tragen, 1 Muß frei und frank der Welt ins Auge sehn. Stolz ging ich und beglückt an seiner Seite, Das Leben lag voll Glanz und Sonnenschein; Jetzt ist er fern im wilden Männerstreite — Herr laß ihn leben, laß ihn Sieger fein!
Ich lieb die Kraft, die Worte kann ersparen;
Ich bin ein Weib, drum lieb ich stark den Mann;
Ich lieb die Hand, die zart, doch in Gefahren Schnell auch zur Faust sich machtvoll ballen kann. Als Mann sich zeigen, zog er in die Weite Und reihte freudig in das Glied sich ein;
Nun ist er fern im wilden Männerstreite — Herr laß ihn leben, laß ihn Sieger fein!
Manch heimlich Tränlein kostet der Entfernte, Doch will geduldig tragen ich das Los;
Der kann nicht lieben, der nicht leiden lernte; Nicht immer fallt nur Glück uns in den Schoß. Verderben droht im wilden Männerstreite, Es wühlt der Tod in unsrer Braven Rechn; Dann, Herr, fei du ihm hilfreich stets zur Seite Und laß ihn leben, laß ihn Sieger fein!
Ein anderes Gedicht findet man in der „Liller Kriegszeitung" Nr. 28 Mm 9. März 1915:
Unsere Soldaten.
Sie fühlen sich jung Unb' fühlen sich stark. In ihren Knochen steckt deutsches Mark. Sie sind ein Abbild der Einigkeit, Die Deutschland stark macht für alle Zeit; Sind lauter Recken; ihr Wort ist wie Stein: Deutschland muh sein!
Sie fühlen sich stark Und fühlen sich jung, Sie tragen ihr Herz immer auf der Zung; Sie hassen die Lüge und Heuchelei, Das Muckertum und die Kriecherei;
Sie gehen aufrecht, in endlosen Rechn; Deutschland muß fein!
Sie fühlen sich jung Und fühlen sich frei, Sie hassen unendlich die Sklaverei; Sie kämpfen nicht um Gewinn und Sold, Sie kämpfen den Kampf, den wir nicht gewollt, Sie kämpfen ihn durch, bis der Sieg ist da. Deutschland, Hurra!
Noch ein drittes Gedicht sei hier angeführt^ es steht in der „Lille« Kriegszeitung" Nr. 36 vom 3. April 1915 und lautet:
England.
Kennst du das Land, wo Haß und Lüge blühn, Der Sonne Strahlen vor dem Nebel sliehn, Die Heuchelei aus allen Herzen weht, Der Hochmut stech und dumm der Stolz sich bläht? Kennst du es wohl? —, dahin, dahin
Müßt ihr, U-Boot und Flugzeug, oftmals ziehnl
Kennst du das Volk? Auf Schiffen ruht fein Ruhm;
Sein Handelswimpel ist fein Heiligtum;
Doch jetzt ward feine Herrschaft nur“ ein Wahn;
Was hat dem stolzen England man getan?
Weißt du es wohl? — dahin, dahin Sah ich U-Boote und viel Flieger ziehnl Kennst du die Wasserstraße, den Kanal, Dabei die Insel? Ach, das war einmal. Denn heute gibt es keine Inseln mehr! Das spürt jetzt England schon am Leibe sehr; Glaubst du es wohl? — dahin, dahin Siehst Flugzeug du und U-Boot immer ziehn!
Während das letzte (etwas zeitgemäß veränderte) Gedicht einer alle» wärts bekannten Melodie angepaßt ist, war es mir nicht möglich, die Melodien der beiden anderen Lieder festzustellen; ich glaube sogar daß diese überhaupt nicht nertönt sind; vielleicht findet sich ein Musiker, der das nachholt, denn inhaltlich sind beide schon einer solchen Bearbeitung wert. —
Dieser Aufsatz sollte nur eine kleine Auswahl von dichterischen Erzeugnissen sein, die im Weltkrieg entstanden sind; dabei liegt der Gedanke zugrunde, auch der Sammlung der Kriegslieder jener Zeit ein größeres Interesse zuzuwenden, als bisher geschehen ist. H. G.
Oer falsche Demetrius.
Von M. Psi.
Im Sommer bes Jahres 1603 geschah auf bcm Schlosse Brahin in Litauen etwas sehr Seltsames, bas sich in ber Folge zu einem europäischen Konflikt auswuchs und heute noch in ber Geschichte als sogenanntes historisches Rätsel umherspukt. Der Schloßherr, ber polnische Fürst Wisniewiezki, ließ sich in ber Babestube von einem seiner Summe» biener den Rücken reiben; als ihm biefer versehentlich die Haut aufkratzte, holte der erboste Fürst aus und gab dem Unvorsichtigen eine Maulschelle. Der Gezüchtigte stampfte zorsiig auf den Boden und erklärte, daß sich ein Zarensohn nie und nimmer schlagen lasse!
Und nun folgte ein sozusagen weltgeschichtliches Geständnis. Er, bei" Kammerbiener, sei eigentlich gar fein Sammerbiener, sondern der jüngste und totgeglaubte Sohn des verstorbenen Zaren Iwan IV., des Schrecklichen. Er sei als Kind in russischen Klöstern verborgen und später nach Litauen geschafft worden. So hat die Geschichte wenigstens der Fürst Wisniewiezki selbst erzählt. Als Beweisstücke legte ber „Zarensproß" ein Siegel mit dem Wappen bes Zarewitsch Dmitri) vor, sowie ein goldenes, mit Edelsteinen geschmücktes kostbares Kreuz, angeblich ein Geschenk feines Taufpaten, bes russischen Fürsten Mstislawski.
Diese abenteuerliche Erzählung und die mageren Beweisstücke genügten dem polnischen Ebelherrn. Ohne weitere Nachprüfungen anzustellen, behandelte Fürst Wisniewiezki seinen ehemaligen Diener von nun an mit den einem Zarewitsch gebührenden Ehren.
In ber russischen Hauptstadt Moskau saß zu dieser Zeit Zar Boris Godunow auf dem Thron. Er hatte die Witwe feines Vorgängers Iwan IV. und deren Sohn Dmitry nach Uglitsch an der oberen Wolga geschickt; dort war am 27. Mai 1591 ber zehnjährige Prinz durch einen Unfall ums Leben gekommen. Dieser frühe Tod bes Zarewitsch Dmitry ober Demetrius wird von der Geschichte nicht angezweifelt.
Boris Godunow war ein Vorläufer Peters des Großen. Er hat versucht, Rußland das „Westliche Fenster" zu öffnen, Ordnung und öffentliche Sicherheit zu schaffen und fein Land wirtschaftlich zu heben. Solches Bemühen machte ihm gerade die reaktionären Kreise zu Feinden. Darum nährten jene Leute all jene Gerüchte, die sich mit dem Prinzen Dmitry beschäftigten. Um bas Jahr 1600 herum kam aus einem westlichen Nach- barlanbe die bunfle Kunbe, baß ber Sohn Iwans bes Schrecklichen gar nicht tot fei, jonbern lebe und sicher in Bälde seine Ansprüche auf den Zarenthron geltend machen würde. Jenes westliche Nachbarland war die „königliche Republik" Polen, die ein brennendes Interesse an einem ewig unruhigen Rußland hatte!
Mit Windeseile verbreitete sich in ganz Europa das sensationelle Gerücht, ber Sohn Iwans bes Schrecklichen lebe. Die in Brahin versammelten polnischen Adeligen und Woiwoden waren sich über die Echtheit des ihnen vorgestellten Demetrius einig; denn hier bot sich eine Gelegenheit, Polens Uebergewicht über Rußland zu begründen. Einer der tatendurstigen polnischen Fürsten hat mit folgendem Ausspruch damals die Katze aus dem Sack gelassen: „Die Echtheit bes Prätenbenten geht Voten gar nichts an! Hauptsache ist, wenn er eine Partei in Rußland hat!"
Der Schloßherr von Brahin brachte seinen Schützling zu seinem Schwiegervater, dem Fürsten Mniszek, Woiwoden von Sänbomir. Hier kam der Betrüger Demetrius — wie sich ein Zeitgenosse ausdrückt — „in die rechte Schmiede". Dem Woiwoden winkte die längst ersehnte Gelegen-


