Ausgabe 
3.11.1939
 
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habe ich nicht recht, mein Sohn? Wenn das Herz glüht, brennt auch der Dachstuhl!" jagte Marbitz und zeigte aus die (Stirn. Er hotte offenbar Vergnügen an Kellings Beichte.

Das Schlimmste kommt erst", dämpfte Kelling des anderen Freude. Nachdem er von Baernburgs Verdacht und Verhaftungsbefehl erzählt hatte, schloß er:Wenn das Mädchen schuldig ist, muß ich den bunten Rock ausziehen."

Marbitz war mit einem Schlage ernst geworden. Er sagte:Wenn das Mädel so ein Biest ist, bist du in der Tat erledigt. Ein Offizier, der eine Affäre mit einer Spionin gehabt hat, ist unmöglich."

Baernburg würde wohl schweigen. Aber ich kann meine Ehre nicht vom Stillschweigen eines Kameraden abhängig machen, das verstehst du doch, Onkel Marbitz?"

Kelling wollte dem alten Freund aber auch nicht den Rest eines Ge­fühls vorentholten, und so gestand er:Außerdem liebe ich sie noch immer!"

Liebe mit Wahnsinn! Der verwirrendste Grad", sagte Marbitz düster. Du glaubst natürlich, daß sie unschuldig ist!"

,Hch glaube es mit meinem Herzen, Onkel Marbitz! Aber da ist der Befehl vorn Oberkommando, so eine Art Jagdbefehl an alle: Ann More- land ist sofort dem Oberkommando zuzuführen, wo auch man sie findet! Und der Befehl würgt das Gefühl ab, und es will doch nicht sterben! Ich fühle mich maßlos elend, Onkel Marbitz!"

Ein Befehl vom Oberkommando? Ich müßte ihn doch kennen?"

Er ist Wort für Wort in meinem Gedächtnis: Eine gewisse Ann Moreland ist, falls sie irgendwo austaucht, festzuhalten und unter Beob­achtung aller Aufmerksamkeit auf dem kürzesten Wege dem Oberkom­mando zuzusühren!"

Der General wollte zu einem kräftigen Fluch ansetzen, aber die Ordonnanz störte. Sie brachte das Frühstück. Es war die berühmte Morgenmahlzeit des Generals: Milch, Schwarzbrot und ein Stück Käse. Menschen, die er leiden mochte, lud er dazu ein. Wer aber bann grinsend nicht mithielt, beleidigte ihn.

Marbitz trank und. Schweigend. Seine Augen wurden klein, sie verkrochen sich hinter die halbgesenkten Lider, er dachte nach.

Ich kenne doch den Befehl! Ich erinnere mich doch", sagte er.

Er stand aus und ging in einen Nebenraum, in dem sich eine Art Kanzlei befand. Auf einem Tisch lag eine große Landkarte, auf einem andern gehäuft und geordnet Schriftstücke und Papiere.

Kelling sah klopfenden Herzens, wie Marbitz in den Papieren blätterte. Er bemerkte durch die geöffnete Tür, daß der General sich jäh aufrichtete und einen roten Kopf bekam.

Marbitz kam zurück und schrie Kelling an:Scher dich in dein Quar­tier! Warte, bis du von mir hörst!"

Kelling riß sich hoch, verdutzt über den jähen Ausbruch.

hast du nicht gehört? Scher dich!" Mit einer scheuchenden Geste wies Marbitz den Premierleutnant davon:Du wirst von mir hören! Du hast mir ein schönes Dreckwasser eingeschüttet! Und ich soll darin baden! Denn weiht du, woher der Befehl kommt? Vom Kronprinzen! Ich muß Seiner Königlichen Hoheit berichten! Das ist alles, was ich für dich tun kann! Ein Früchtchen muß deine Geliebte jein! Würde sich sonst allerhöchst der Kronprinz darum kümmern? Weißt du, was ich bedauere? Daß ich nicht dein Bater bin! Dann würde ich dir die Hosen stramm ziehen, so alt und lang du bist!"

Kelling begriff, daß es die Sorge war, die Marbitz schelten ließ. Er fühlte, daß Schweigen die einzige Antwort fein muhte. Schweigen und schleunigst gehorchen. Und er verdrückte sich.

Nein, das war keine leichte Stunde für den General von Marbitz. Er liebte Kelling, aber er mußte eine Leidenschaft verurteilen, die den Offizier in eine Lage brachte, in der die klare Linie der Pflicht gebrochen wurde. x

Da der bewußte Befehl vom Kronprinzen von Preußen, dem Führer der Dritten Armee, kam, hatte er gewiß eine besondere und wichtige Bedeutung, die zu einer viel härteren Betrachtung der Vorgänge zwang.

Der Kronprinz von Preußen war ein hochgewachsener stattlicher Mann, wie wir ihn aus den Bildern jener Zeit kennen. Die Zeichen jener furchtbaren Krankheit, die später die Zeit seiner kaiserlichen Regierung nur auf wenige Tage des Jahres achtzehnhundertachtundachtzig be­schränken sollte, hingen noch nicht als Schatten über ihm, er stand in der Blüte des Mannestums.

Der Kronprinz schätzte Marbitz und seine in vielen Lagen bewährte Umsicht, er bemerkte daher nicht ohne Verwunderung, daß der sonst so beherrschte Mitarbeiter erregt war.

Es handelt sich nicht um mich, Königliche Hoheit, sondern um den Sohn meines Freundes", sagte Marbitz und wiederholte den Bericht, den Kelling ihm gegeben hatte, in einer knapperen und verhalteneren Art.

Er verschwieg nicht völlig, daß Kelling in Liebe gefallen war, doch umschrieb er und ganz gegen sein Gewissen die Tatsache mit den Worten: Es scheine auch, daß das Herz des Premierleutnants Kelling infolge des offenbar verführerischen Zaubers der sicher reizvollen Person nicht unberührt geblieben sei.

Also hat er sich verliebt?" fragte der Kronprinz, der sogleich spürte, daß fein sonst so sicherer General gleich einem Kater einen Bogen um den Brei schlug, statt als aufrechter Mann den Deckel vom Topf zu heben.

Die Frage, so überraschend sie kam, war dem General im Grunde willkommen. Sie zwang ihn, einen anderen Kurs einzuschlagen. Es habe den Anschein, sagte er, daß sich der Premierleutnant gehörig verbrannt habe, und dies sei seine, des Generals, Sorge! Aber weil Kelling die Ann Moreland, dem Befehl gehorchend, in sicheren Verwahr genommen habe, bitte er um eine mildere Beurteilung.

Bei den letzten Worten horchte der Kronprinz auf.Sie ist also hier?" Der General bejahte.

Nun, eigentlich freut es mich, daß wir den Racker so schnell erwischt haben. Wo ist sie untergebracht?"

Im Gesängnis, Königliche Hoheit!"

Friedrich Wilhelm stutzte. An Sen Augen zeigten sich FäNchen, welch, sie heiter machten. Der Mund blieb in einem maßlosen Erstaunen ein wenig offen. Plötzlich neigte sich der Kronprinz zurück, die noch schwanken- den Mienen fielen in eine unbändige Heiterkeit hinein, sein Lachen dröhnt« in die auffteigenbe SBerrounberung des Generals.

In diesem Augenblick brachte ein Offizier vom Stabe dem Kronprinzen Depeschen und Berichte, deren Vorlage er befohlen hatte.

Unter den Papieren war auch der auf Grund des erlassenen Befehle unmittelbar eingereichte Rapport des Hauptmanns Baernburg.

Der Kronprinz fand sich langsam in den Ernst zurück und überlas den Rapport. Schließlich gab er den Bericht an den General weiter.

Ich freue mich immer über Offiziere, die fo aufpaffen wie dieser Baernburg!" jagte er.

Marbitz glaubte in solchem Lob auf den Hauptmann eine Verurteilung feines Schützlings zu erkennen.

Was befehlen Königliche Hoheit über den Premierleutnant Kelling? fragte er. .

Vorführen! Er soll mir die Moreland vorführen", meinte der Kron­prinz, und das Lachen kam wieder näher.Ueberhaupt", fuhr er fort, übernehmen Sie die Sache, untersuchen Sie den Fall! fomeit der Rapport dazu Anlaß bietet."

Welchen Eindruck haben Königliche Hoheit?" Marbitz spürte zu seinem Merger, daß fein Herz in Erwartung der Antwort schneller schlug.

Aber Marbitz, ich kann Ihnen doch nicht Ihre Entscheidung vorweg- nehmen! Einen Eindruck habe ich freilich, aber", doch Friedrich Wil­helm vollendete nicht.

Das ist nun nicht Fisch nicht Fleisch, dachte Marbitz grimmig, als er den Kronprinzen verlassen hatte.

Einige Zeit darnach erhielt Kelling durch den verwunderten Tottleben den Befehl, die Ann Moreland Seiner Königlichen Hoheit dem Kron­prinzen vorzuführen. Der Befehl käme vom General von Marbitz, er­läuterte der Oberst.

Er haderte:Sagen Sie, Kelling, was haben wir mit dem Weibs­bild zu tun? Muh ja ein ganz besonderer Fang sein, wenn Königliche Hoheit sie sehen will. Aber weshalb müssen w i r den Gendarmen spielen? Sie erzählen mir später, ja?"

Von Herzen gern, Herr Oberst", sagte Kelling. Aber dasvon Herzen gern" war eine Lüge. Er hatte überhaupt kein Herz mehr. Es hatte sich in einen Quaderstein verwandelt.

Für Ann Moreland verging, von außen betrachtet, die Nacht zwar unter härteren Zeichen als für den Premierleutnant Kelling. Aber ob­wohl sie nie in ihrem Leben auf einem hölzernen Lager geruht und in einem fo finsteren und vom Geiste der Diebe, Betrüger, ja, vielleicht eines Mörders erfüllten Raume verweilt hatte, kam der Schlaf und löschte alle Gedanken aus. Er verwandelte die Gedanken auch nicht in Träume. Der Schlaf war eine tiefe, erlösende Bewußtseinsferne.

Der Jnsanterieleutnant schickte sich an, die (Befangenen wie an jedem Morgen zu besichtigen, als Kelling mit Mannschaften anrückte und Herausgabe der Ann Moreland verlangte.

Der Leutnant verschluckte eine los« Bemerkung, die das rasche hin und her kennzeichnen sollte, doch sah Kelling ihm die mürrische Absicht an und sagte rechtzeitig und nicht minder düster, daß er durchaus keine Freude an dem Transport habe. Aber er rate, die Ann Moreland mit mehr Rücksicht zu behandeln als gestern, denn der Befehl, sie zu fangen, fei von Seiner Königlichen Hoheit dem Kronprinzen ausgegangen, und einen solchen Fang soll man nicht störrisch machen.

Dann werde ich die Dame ...", der Leutnant betonte das Wort Dame" ironisch,mit Handschuhen anfassen." In der Tat zog er Hand­schuhe über und verschwand mit einem stummen Lächeln im Türgang.

Er tarn aber noch einmal zurück und fragte, ob nicht der Herr Pre­mierleutnant die vermeintliche Engländerin selbst aus der Zelle holen wolle?

Kelling dachte, daß es eigentlich feig sei, sich einen Blick in Ann- Zelle zu versagen. Außerdem war es seines Amtes, ihr die bevorstehende Vernehmung durch den Kronprinzen anzukündigen. Der Leutnant zeigte ihm die Zelle und zog sich zurück.

Das dünne verzweifelte Licht, das sich durch das Fenster quälte, fiel aber auf eine entschloßene Frau.

Herr Premierleutnant", sagte Ann,Ihr Besuch ist unerwartet. Ich dachte. Sie hätten gestern für immer von mir Abschied genommen. Nach­dem ich Sie aber wieder bet mir sehe, bitte ich Sie, mir die Möglichkeit zu geben, den Schutz meines Landes anzurufen. Ich verlange es. Ich bitte nicht etwa darum. Ich verlange keine Gnade und keine Ausnahme, sondern das selbstverständliche Recht einer neutralen Ausländerin, die dem Uebereifer eines Offiziers zum Opfer gefallen ist!"

Und einer etwas zweideutigen Kühnheit", ergänzte Kelling,b*6 eben zu jenem Verdacht geführt hat." Sie tat ihm leid. Aber er mußte Baernburg verteidigen.

halten Sie mich für schuldig, Herr Premierleutnant?"

Sie schlug ihm die Frage sozusagen mitten ins Gesicht und stieß Kelling damit in Verlegenheit.Ich bin Offizier und muß gehorchen, sagte er ausweichend.

hältst du mich für schuldig?" fragte sie weich upd gar nicht mehr förmlich. .

Zum Teufel", erwiderte er laut,ich bin im Dienst! Ich soll dich zum Kronprinzen bringen. Wer bist du eigentlich, Satan? Weshaw spielst du vor mir Komödie?"

Komödie? Ich? Ihr habt mich doch in die Rolle gedrängt?"

hast du nicht verstanden? Ich soll dich zum Kronprinzen bringen.

Du bist doch kein kleiner Fang! Wer bist du eigentlich?" .

Sie klatschte in die Hände:Zum Kronprinzen? Welche Auszeichnung Es ist mir durchaus recht! Ich kann dann alle eure Dienststellen um ­springen und ihm gleich meine Meinung sagen, lieber Baernburg, uv dich! Führ mich nur ab. Du wirst ein Wunder erleben!"

(Schluß folgt.)