Eichener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Zahrgang <939 Freitag, den Z. Oktober Nummer 85
Herz, wo liegst du im Quartier?
Ein heiterer Roman von Kurt Heynicke
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- 21. Fortsetzung.
,Hch überlege", sagte Kelling beiläufig, „daß wir ja diese Ann Moreland nicht ohne Absicht in einem besonderen Wagen transportiert laben!" Er dachte daran, daß die Griselle in ihrem wechselnden und ongriffslustigen Gemütszustand keine gute Zellengenossin sein würde.
„Tja", sagte dec Leutnant, „Vergünstigungen hören hier auch auf." „Seit wann ist eine Einzelzelle eine Vergünstigung?" meinte Kelling. „Ah, sie ist gefährlich? Das ist etwas anderes", sagte der Leutnant, „dann kommt sie in eine Einzelzelle. Wollen Sie die Zellen sehen?" schloß er nicht ohne Ironie, weil er die Sorge des Ulanen für einen überflüssigen und anmaßenden Eifer hielt.
Die Laternen schlugen mit schwachem Licht durch die Zellensenster. Dann sah Kelling, wie die Gittergevierte wieder schwarz wurden.
Einen Augenblick schwankt« er, ob einen Blick in das Arrestlokal verftn sollte.
„Ob ich die Zellen sehen will? Nein", sagte er dann, „nein!"
Er gab seinen Leuten den Befehl zum Aufsitzen. Die Ulanen ritten In die Quartiere. Der Regen blieb und rann und hüllte alles ein: Hof, Atterfenster, die Wachen, die Gefangenen und die — Gedanken.
Erft nach der — übrigens vor langen Jahren erfolgten — Begründung der Freundschaft der Familien Kelling und Marbitz entdeckte Kel- üngs Vater durch einen Zufall, daß man eigentlich und sogar miteinander verwandt war.
Es war aber eine Verwandtschaft sehr entfernten Grades, und man konnte ihrer nicht anders als mit einem fteundlichen Spott gedenken, denn die rückläufigen Verbindungen waren so knifflig, daß sie nicht einmal der Entdecker, der alte Kelling, ganz entfächern konnte.
Wenn eine heitere Meinungsverschiedenheit oder em freundschaftlicher Streit das Einvernehmen berührte, schob man von nun an alle Schuld auf die vorhandene Verwandtschaft: Verwandtschaft streitet gern, stellte man fest. Und dann wurde alles mit Lachen zugedeckt.
Das im allgemeinen nicht immer sinngerecht angewendete Wörtchen Hnkel", dessen sich Hans Kelling seit feiner Jugend gegenüber Marbitz bediente, hätte einen Anflug von Ironie gehabt, wäre nicht Ndarbih der Pate Kellings gewesen. Die Patenschaft aber war für Marbitz nicht nur eine Form, sondern eine mit dem Herzen erfüllte Freundschaft zum Sofjne des Freundes.
Kelling, im Gutshof in der Nähe Tottlebens einquartiert, verbrachte eine schlaflose Nacht. Sie quälte ihn, weil er sehnsüchtig den Morgen »wartete und weil er nicht verhindern konnte, daß seine Gedanken in die Zelle der Ann Moreland sprangen. .
Gegen Morgen überfiel ihn der Schlaf doch, aber sogleich begann er ju träumen. Er saß mit Ann in einem fürchterlich engen Verließ, sie «erhörte ihn und er vermochte nicht zu antworten. Schweißgebadet er» »achte er. .
Angesichts des grauen Morgens erfragte er das Quartier des Generals »on Marbitz. Eine Ordonnanz, die er vor dem Haufe traf, meinte, der General schliefe noch. . t , , . ,,
Dann muß der Krieg den alten Sowaten sehr verändert haben, dachte Alling, denn fein Pate war von jeher ein Frühaufsteher.
Die Ordonnanz, war aber schlecht unterrichtet oder hatte aus fi$em Gutdünken gelogen und verdiente dafür einen Anpfiff, denn der General war längst beim Morgenritt. . , .,
Er erkannte Kelling von weitem und rief ihm zu, daß er ihn er» bartet habe. , , . .. „
' Das erwachsene Patenkind bewunderte denn auch gebührend die Vor- «hnung. Onkel Marbitz belehrte ihn aber: „Du Schafskopf, ich wußte toä), daß du zum Regiment zurückbeordert bist." Empfindliche Freunde oe- ^upteten von Marbitz, daß er zwar oft die Worte der oberen auf die Goldwaage lege, die eigenen aber mitunter vorher auf der Mistwaage biege. Marbitz wußte das und war gern dort derb, wo er im voraus baßte, daß der Partner zufammenzuckte; das machte ihm Vergnügen. Selling zuckte aber nicht.
Marbitz stellte die üblichen Fragen der Freundschaft: Hast du etwas von zu Hause gehört, wie geht es Vater und Mutter, ist alles gesund, was sagt man daheim vom Kriege?
Kelling antwortete treulich auf alle Fragen, und was er nicht wußte, ergänzte er aus feiner Phantasie. Es lag chm daran, den Frager zu- friedenzustellen. Denn er wollte ja etwas von ihm.
Marbitz war ein unermüdlicher Arbeiter. Das Kommando zum Stabe des Kronprinzen war ehrenvoll und eine Auszeichnung, aber es be» hagte ihm nicht. Es war ihm zu wenig Selbständigkeit dabei. Es war ihm zu stillwindig, wie er sich ausdrückte.
Man sah ihm nach, daß er seiner Unzufriedenheit gelegentlich durch einen sarkastischen Witz oder eine blitzige Bemerkung eine Plattform gab, von der die Wirkung nicht immer nur Gelächter war. Es machte ihm Freude, daß andere nach seinem Kommando gierten, und er höhnte im vertrauten Kreise, daß er es den Lüsternen doch wahrhaft leicht mache, ihn zu verdrängen.
Er war eine vollblütige Natur und sah auch so aus. Gesund, breit, mit noch vollem weißem Haar und einem etwas gesträubten Katerbart, der zu seiner Angriffslust paßte. Das Gesicht, rund und mit kräftigen Linien gezeichnet, war mit zunehmendem Alter rötlich geworden, und die Zungen, die ihm nicht wohlwollten, kicherten hämisch, es sei vom Wein. Er erfuhr es und meinte, für ein gutes Glas Wein würde er auch zum Indianer. Und die alten Schachteln, die ihn bespotteten, hätten auch keine Milchgesichter mehr.
Bei aller gelegentlichen Bissigkeit hatte der General aber in seinem Herzen eine goldene Ecke, das wußten alle, die ihn genau kannten. In dieser goldenen Ecke nahm nun Kelling Platz.
Marbitz zog ihn ins Haus: „Du kannst mit mir frühstücken. Uebrigens siehst du schlecht aus." Er brauchte aber ein weit derberes Wort.
Der Mensch kann seinem Gesicht befehlen: fei fröhlich und täusche die Welt, aber ist das Gemüt wirklich von schweren Schatten bedrängt, lieft der Kundige in dem Gesicht wie in einer Wetterkarte.
„Du hast eine Fuhre Steine auf dem Herzen, Hans! Lade ab", sagte Marbitz.
Kelling erschrak. So schnell und ungesammelt sollte er beichten? Er wich aus: „Wie meinst du das?"
„Verstell dich nicht! Gieß aus des Herzens schwarze Sorgentunkel Du bist doch, ich sehe es dir an, mit einer Geschichte geladen! Und nicht, schätze ich, mit einer beliebigen, sondern mit einer, die dich gepackt hat! Fast möchte ich vermuten, du hast den guten Onkel Marbitz deshalb ausgesucht!"
,/So ist es, und so ist es wieder nicht", schwankte Kelling.
„Dt>nn drück dich. Mm Donner, endlich deutlich aus! Was ist's? Pferde? Dafür ist dein Regimentskommandeur zuständig, dem kannst du keinen größeren Gefallen tun, als ihn über Gäule fragen!"
„Es sind keine Pferde." Kelling atmete auf wie einer, der sehr weitschweifig beginnen will.
„Geld? Ich habe keins! Dein Vater ist der geeignete Mann, der hat mehr als ich!"
„Es ist auch kein Geld", sagte Kelling schwach.
„Also Weiber!"
„Ein Weid, ein einziges, Onkel Marbitz!"
„Geh! Ein Weid macht einem jungen Mann nicht soviel Kumme., wenn der Mann ein Kerl ist! In deinen Jahren, hab' ich — aber ich will dich nicht mit Phrasen abspeisen! In deinen Jahren habe ich mich genau so benommen wie du!"
„Nein, du nicht, Onkel Marbitz, du nicht!" warf Kelling lebhaft ein.
„Erlaube!" erwiderte der General, der Kelling mißverstand. „Liebe ist wunderschön, aber mit der Liebe setzt auch eine Art Verblödung ein!" Er seufzte: „Das ist ja grade das Zauberhafte daran, und ich weiß nicht, ob mich meine grauen Haare vor einer trächtigen Versuchung schützten! Heute noch!"
„Du verstehst mich nicht, Onkel Marbitz", versuchte Kelling das Gespräch vom Allgemeinen auf das Besondere abzulenken.
„Wenn mich nicht alles täuscht", fuhr Marbitz fort, „dauert der Krieg noch den Winter über. Sobald kommst du also gar nicht nach Hause! Laß das Weib kratzen, sie ist dort, du bist hier!"
„Sie ist hier, Onkel Marb'itz", sagte Kelling dumpf.
„Hier?"
„Im Ortsgefängnis von Meaux!"
„Du bist verrückt!"
„Darf ich erzählen, Onkel Marbitz?"
Und bann berichtete Kelling von seinem ersten Zufammentreffen mit Ann Moreland auf der Landstraße, er schilderte, wie ihn die Liebe auf den ersten Blick verwundet hatte, und daß bei der zweiten verhängnisvollen Begegnung die Flammen lichterloh emporgeschlagen waren.


