Ausgabe 
3.7.1939
 
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User der Aisn« einen erfosgreichen Angriff aus di« gegenüberliegenden französischen Gräben gewagt. Mehrere Stoßtrupps des Reserve-Jn- fantrie-Regimeuts 81, das zur anschließenden 21. Division gehörte, ferner das Reserv^-Pi onier-Bataillon 5 waren am Unternehmen beteiligt.

Was wollten triefe schwachen Kräfte? Hotten sie vielleicht di« Absicht, dar Gefüge der französischen Front in diesem wafsenstarrenden Winkel zu erschüttern, oder den Ausmarsch frischer Ängriffstruppen zu vereiteln? Nein, es handelte sich hier mir um einen breit angelegten Erkundungs- vorftoh. Es sollte außerdem ein flankierendes Grabenstück an der Brücke von Sapigneul genommen werden.

Di« deutschen Truppen stießen bis zum Fontainesbach durch und brachen auf der ganzen Breite in di« französischen Gräben ein. Fünfzehn Offizier« und 827 Mann wurden als Gefangen« abgeführt, 10 Minen- rverser, mehrere Maschinengewehre uni) große Mengen Munition konn­ten erbeutet werden. Die eigenen Verluste waren mit sechs Offiziere und 442 Mann an Toten und Verwundeten ziemlich hoch. Nach Zerstörung aller Befestigungsanlagen und Sprengung der vorhandenen Unterstände zogen sich die Feldgrauen wieder in di« Ausgangsstellungen zurück. Das Unternehmen war gelungen, alles befehlsgemäß erreicht.

Dieser kühne Vorstoß war reich an bemerkenswerten Einzeltaten, wi« immer bei solchen Unternehmen, standen die einzelnen Sturm­gruppen plötzlich vor überraschenden Ausgaben, deren Lösung vom Mut und der Kaltblütigkeit der jeweiligen Führer abhing. So hatte sich Offi­zierstellvertreter Bormann vom Infanterie-Regiment 155 bis an das Trümmerdorf durchgearbeitet. Nur ein schwacher Trupp von sechs Mann, mit Handgranaten bewaffnet, war noch bei ihm, als er unverhosst auf einen Bataillonsunterstand des 3. Zuaven-Regiments stieß.

Kürzer, harter Handgranatenkampf. Einige Franzosen fallen, andere entkommen, mehrer« müssen sich ergeben. Bormann steigt in den düsteren Unterstand, in dem noch dicht der bittere Qualm der Handgranaten- zündungen hängt, rasst all« Papier«, Karlen und umherliegenden Mel­dungen zusammen. Stolpert über einen Toten, der ein« Meldemappe am Koppel trägt. Schnell auch diese Mappe geleert und alles Geschrieben« in einen Brotbeutel gestopft. Und dann rasch weg, denn schon beginnt di« deutsche Artillerie ihr Abriegelungsfeuer

Zur gleichen Minute seltsame Verdoppelung der Ereignisse gelingt es dem Pionieruntervffizier Lamprecht, fast unter ähnlichen Umständen, in einem französischen Artillerie-Beobachtungsstand einige Gegner zu Überraschen und ihnen viele Papiere, Skizzen, Zeichnungen, Karten und Meldungen abzunehmen.

Beide Abteilungen, sowohl di« des Offizierstellvertreters wie auch die des Unteroffiziers, kehren mit ihrer papiernen Beut« und den Ge­fangenen in tri« eigenen Linien zurück.

Beim Sichten dieses Materials gab's wieder eine große Ueber- rafchung wie damals, am 15. Februar auf Höhe 185. Im Beobachtungs- stand bei Sapigneul hott« Unteroffizier Lamprecht einen wichtigen Korpsbefehl erbeutet, während Offizierftellvertreter Bormann mehrere Ergänzungen und Eingelausführungen zu diefem Befehl mitbringen konnte. Di« Meldung enthielt klipp und klar Aufgabe und Kampfziel für zwei Armeekorps. Er bestimmte als Kampfziel für diese Truppenteile di« noch weit in der deutschen Etappe liegend« Linie ProuoaisProvi- seuxAumenancourt. Ganz unumwunden war hier auch die Angriffs­taktik auf den Brimont klargelegt. Und Fort Brimont war das Stier- Horn dieser Fronteck«.

Erst im Lauf« des Abends gelangten französische Sturmtruppen wieder in den Besitz der von unferen Soldaten inzwischen verlasienen Walstatt. Fieberhaft durchsuchten di« Poilus jeden Winkel, jeden Sappenkopf, jedes Grabenstück. In jeden Stollen krochen sie, jeden Toten drehten sie um und leuchteten ihm mit der Taschenlampe spähend ins Gesicht. Und immer wieder hieß es:Nein, er ist es nicht." Gang verzweifelt hastete ein Generalstabsoffizier durch die Stellung und feuert« di« suchenden Poilus an. Kein Fetzen Papier blieb unbeachtet.

Wenn er in Gefangenschaft geraten ist, dann wird er doch hoffent­lich den Korpsbefehl vernichtet haben", sagte der Generalstabsoffizier zu einem Fronthauptmann.

Kein Zweifel, er wird daran gedacht haben", beruhigt« der Haupt­mann. Und da kamen sie gelaufen und meldeten aufgeregt, Verzweiflung in der Seel«:

Da hinten am Ausgang des Batvillonsunterstandes liegt er tot!"

Man begab sich dorthin, man untersuchte den Toten. Kein Zweifel, das war der Offizier, der kurz vor Beginn des deuffchen Angriffs den wichtigen Armeebefehl bei sich getragen hatte und zum nächsten Trup­penteil unterwegs war, um di« Papiere dort bei den höheren Dienst­stellen vorzrllegen. Jetzt, wenige Tage vor Beginn der Schlacht, war man vorsichtigt geworden. Es sollte nichts mehr in Feindeshand fallen. Kein wichtiger Befehl wurde mehr durchs Telephon weitergegeben, seitdem man die Gewißheit hatte, daß der Gegner durch Erdleitungen mithören konnte. Nein, ganz wichtige Besehtt vertraute man einem Offizier an und schickte diesen von einem Truppenteil zum andern. Und nun war dieser junge Leutnant mit dem Armeebefehl, der für die Regimenter von Mei Armeekorps alle Einzelheiten des kommenden Großangriffs regelte und vorschrieb, in den Feuerübersali bei Sapigneul geraten.

Kein Zweifel! Dieser Tot« hier war der Offizier mit dem wichtigen Armeebefehl. Seine gelbe Tasche hatte er noch umgeschnallt. Aber sie war geöffnet unfc zerrissen. Man sah es, sie war in Eile, aber doch gründlich untersucht worden. Und wer fie untersucht hatte, daran war auch nicht mehr zu zweffeln; denn neben dem Toten lag eine vergessene deutsche Handgranate und ein deutscher Infanteriespaten.

Sofort wurde Meldung erstattet. Der Draht arbeitete. Die ganz« Niveliefche Durchbruchsoffensive war ja in Gefahr. Ein schwacher Trost nur, daß vielleicht di« Deuffchen di« ganze Tragweite des erbeuteten Befehls nicht erfaßt haben könnten. Vielleicht ging ihnen das Papier unterwegs im Niemandsland verloren. Sofort wurden starke Patrouil­len ausgeschickt. Bis zum deuffchen Drahtverhau hinüber untersuchten sie jedes Granatloch, ffde Grasnarbe, jeden von Splittern und Explo­

sionen zerzausten Busch. Auf jeden Hellen Gegenstand, der irgendwie herumlag, stürzten sich di« Suchenden, in der Hoffnung, den vermißten Korpsbesehl als wertlos weggeworfenes Papier zu finden, kehrten aber noch Stunden unverrichteter Dinge wieder in die eigenen Linien zurück.

Inzwischen war die Nacht vergangen, und am 5. April in der Frühe wußte General Mcheler, daß Aufstellung und Angriffsplan feiner beiden rechten Flügelkorps verraten waren. Nicht sofort meldete er die Hiobspost feinem Vorgefetzten, dem Oberbefehlshaber Nivelle, denn für den folgenden Tag war ja die Zusammenkunft in Compiegne angesetzt. Micheler ahnte, daß diese Zusammenkunft sehr stürmisch verlausen würde.

Erst am Abend dieses ereignisreichen 6. April, nach Rückkehr ins Hauptquartier, noch erfüllt vom Zorn über di« versuchte Zurücksetzung, aber schon viel zu matt in der Seele, um sich noch über irgendwelche anderen Dinge aufregen zu können, erfährt Nivelle durch schrisffiche Mel­dung, daß sich bei Sapigneul etwas Furchtbares ereignet hot, etwas, das wohl hundertmal schlimmer ist als der Verlust von 15 Offizieren und 867 Mann. Diesmal steht vielleicht Sein oder Nichtsein von zwei Armee­korps, ja, einer ganzen Durchbruchsarmee auf dem Spiel. Die Deuffchen wissen nun mit hoher Wahrscheinlichkeit alle Einzelheiten des bevor­stehenden Großunternehmens. Nivelle überlegt. Soll er nun di« Offen­sive abblasen? Welch ein Triumph für seine Gegner, welch eine Möglich­keit für jene, die ihn kaltstellen wollen. Nein, das darf nicht sein. Man wird es ihm als Schwäche auslegen, wenn er jetzt den Angriff abbläst. Marschall Haig wird sich mit vollem Recht auf die Abmachungen in ChanuUy berufen, wird erklären, daß britisches Blut nicht allein zu fließen hat. Schon stehen di« britischen Sturmregimenter da oben bereit. Die Artillerieschlacht tobt und di« ganze ungeheure Maschinerie des Materialkampfes ist entfesselt.

Kann er, der Oberbefehlshaber, es nun wagen, dies alles aufzuhalten, nur weil den Deutschen vielleicht Kenntnis eines Armeebefehls wurde? Vielleicht? Nein, unmöglich! Die Schlacht wird und muß stattfinden, lieber den Verlust der "wichtigen Meldung darf nicht mehr gefprochen werden. Ueberhaupt, was wollen die Deutschen jetzt noch, wenige Tage vor Beginn des Unternehmens? Ihre noch möglichen Abwehrmaßnahmen können nur gering fein. Man wird sie überwalzen, unter dem Material ersticken. Die Schlacht wird stattfinden.

Und dann fft eine andere Nachricht da und hält ganz Frankreich und damit die ganze Welt in Atem: Amerika hat di« diplomatischen Beziehun­gen zu Deutschland abgebrochen und den Kriegszustand erklärt. Amerika ist Trumps. Alles andere wird null und gering für diesen Tag. Amerika wird marschieren. Aber wann?

Währenddessen rollen die deutschen Ersatzdivisionen heran. Es ist nicht iriel, was die Oberste Heeresleitung hinter die bedrohte Frontlinie werjen kann. Nur über 14 Divisionen verfügt sie im Augenblick. Man beordert die Truppe in Ortsunterkünfte möglichst dicht hinter der Kampflinie. Unablässig rollt die deutsche Artillerie heran, begibt sich in Feuerstellung, schanzt sich ein. Zug hinter Zug wird Munition herangesichren. Unsere Truppe ist in bester Stimmung. Eine Zeitlang geistert bei der Obersten Heeresleitung sogar der Gedanke, durch einen Großangriff dem franzö­sischen Durchbruchsversuch zuvorzukommen. Der Plan wird aber sosort wieder verworfen. Auch zu einer Geländeaufgabe, wie sie General der Artillerie von Höhn vorschlägt, kann man sich nicht entschließen. Er hat den Plan einer beweglichen Ab Vehrfront ausgestellt. Danach soll di« vor­derste L'ni« nur dünn besetzt bleiben, so daß die Masie des zu erwarten­den ftanzösischen Trommelfeuers ins Leere schlägt. Nach Eindringen in die deutschen Linien müßte der Gegner sofort wieder durch einen kräfti­gen Gegenstoß, aus der Tiefe geführt, zurückgeworsen werden. Die Oberste Heeresleitung scheut vorerst das Wagnis eines solchen Gegenangriffs und fordert, daß jede Trupp« das ihr anoertraute Gelände restlos in der Hand behält, allerdings mit der Möglichkeit der beweglichen Vertei­digung.

Langsam wächst die brüllende Schlacht.

Es ist kein plötzliches Losschlagen, kein überraschendes Niederprasseln unzähliger Granaten, wie der Blitz aus heiterem Himmel, nein, das seit Wochen schon lebhafte Feuer wird von Tag zu Tag, von Stund« zu Stund« stärker, brüllender, tobender. Und jeder Soldat hüben und drüben weih, daß di« ganz große Schlacht begonnen hat. Der letzt« feldgrau« Musketier, der fast irrsinnig vom zunehmenden Toben und Krachen im halberdrückten Stolleneingang sitzt, weiß genau, daß dies Feuer nun tagelang nicht mehr abdvechen soll, und daß es aus ihm nur eine Er­lösung geben tonn, nur ein Ende das Vorbrechen der ftanzösischen Sturmwellen.

Und der letzte Kanonier, der das Glück hat, sich betäuben zu können, da er nicht untätig liegen muß wie der Infanterist vorn«, well er schießen und sich wehren darf und Granate um Granat« hinüberjagen kann in die ftanzösischen Batterien, dieser Kanonier weiß, worum es jetzt geht.

Jeder Offizier, jeder Schanzarbeiter, jeder, der da lebt und atmet im Raume der Fronten, hüben und drüben, weiß worum es geht. Ein« Riefenschlacht wird es fein, getragen vom Opfermut und von der Vater­landsliebe feldgrauer und horizontblauer Männer. Eine Schiacht ohne Schonung, dies nach dem Willen Nivelles letzte, große Tressen im weit und breiten Feld (Fortsetzung folgt.)

Dämmerstunde.

Von Theodor Storm.

Im Nebenzimmer saßen ich und du;

Die Abendsonne fiel durch die Gardinen, Die fleißigen Hände fügten sich der Ruh, Von rotem Licht war deine Stirn beschienen.

Wir schwiegen beid'; ich wußte mir fein Wort, Dos in der Stunde Zauber mochte taugen;

Nur nebenan di« Alten schwatzten fort Du sahst mich an mit deinen Märchenaugen