SiehenerZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 193- Montag, den z. Juli Nummer 50
Line Armee meutert
SCHIGKSALSTAGE FRANKREICHS 1917 Lin Serlcht von p. L. Lttighoffer
Copyright b y Bertelsmann Gütersloh
5. Fortsetzung.
Be
zwungen. Schließlich bekennt er sich ganz zu der Nivellefchen Taktik, die er wenige Tage zuvor noch, in Anwesenheit der sensationslüsternen Parlamentarier, mit Stumpf und Stil verleugnet hat. Die Verhandlung droht immer mehr einen unerquicklichen Verlauf zu nehmen.
, , Ganz offen macht Petain Front gegen den Nivelleschen Plan und hält eine Erstürmung oder gar ein Ueberschreiten der zweiten deutschen Linie für gänzlich ausgeschlossen. Sehr ausführlich, in langsamer spräche, mit gut gewählten Worten, legt General Petain seine Meinung »ar. Seine Ansicht tst für General Nivelle geradezu vernichtend.
Nachdem Petain gesprochen hat, herrschte eine Weile eisiges Schweißen. Was wird Nivelle nun sagen? Nivelle erhebt sich. Er blickt langsam rundum, blickt in lauter verschlossene Gesichter, in lauter Feindseligkeit und eisige Abwehr.
„Herr Präsident! Es hat keinen Zweck mehr, meine Ausführungen vu wiederholen. Ich sehe es ein. Man will mich nicht verstehen, man mich nicht anerkennen. So bleibt mir denn nichts übrig, als Ihnen, »em Präsidenten der Französischen Republik, mein Amt als Oberbefehlshaber zur Verfügung zu stellen."
_ Nivelle fetzt sich. Schweigen lastet bleischwer. Draußen über dem Salonwagen peitscht der Frühjahrssturm dünne Schneeflocken durch das «och tote Gehölz. Manchmal weht es von fern daher ganz laut und tobend. Di« Front brüllt. Im Artois, am linken Flügel, eröffnet Mar- chall staig mit feiner Artillerie in diesem Augenblick das Vorbereitungs- ^uer der gewaltigen Durchbruchsschlacht nach dem Plan des Generals tivells.
Hier, im engen Raum des Salonzuges, mitten int düstern Wald von -cnnpiegn«, hären es die Menschen und empfinden, daß es jetzt kein Luruck mehr geben darf. Nein, zuviel der Worte. Jetzt muh die Tat prechen. Warum noch zögern, warum nicht auch einmal alles, aber uch alles, den letzten Mann, das letzte Pferd und die letzte Patrone, 1 ole Schlacht werfen?!
Poincarö hat den Kriegsminister Painleve und die Minister der sprechung vom 3. April mitgebracht. Geladen sind ferner die Generäle Micheler, Franchet d'Esperey und Petain. Selbstverständlich ist Nivelle anwesend, denn auch für ihn geht's nun um Sein — oder Nichtsein. Es steht nicht zur Debatte, ob er den Posten eines Befehlshabers niederlegen soll oder nicht. Nein, di« Frage ist, ob Nivelle überhaupt seine Durchbruchsarmee marschieren lassen darf, oder ob er die kühnen Hoffnungen begraben soll. Es geht jetzt um das rasche Ende des Krieges, um einen großen, herrlichen Sieg, oder um einen langsamen, zähen Kampf, der Frankreichs Erde vielleicht erst nach Jahren befreien wird.
Nivelle fühlt sich bei dieser Unterredung wie vor ein Kriegsgericht gestellt. Er belauert seine Gegner. Jeder einzelne Mensch hier'ist sein Widersacher. Nein, er hat keinen Freund unter den Anwesenden. Die undankbare Aufgabe, diese peinliche Sitzung eines verschleierten Gerichts über Nivelle zu eröffnen, fällt auf den Kriegsminister Painlevö.
„Meine Herren! Wir stehen am Vorabend großer Ereignisse. Die ganzen Kräfte der Nation sollen eingesetzt werden. Können wir dies verantworten, frage ich Sie? Wir können es mir, wenn das erreichte Ziel den Einsatz, der ohne Zweifel sehr blutig sein wird, rechtfertigt. Wir müssen verhindern, daß unser Heer sich hieran verblutet--."
So spricht der Kriegs Minister Painleve und will sich in langen Darlegungen ergehen, doch Nivelle unterbricht ihn fast barsch und erklärt:
„Alles, was gesagt werden muß, ist bereits wiederholt gesagt worden und in der Konferenz zu Chantilly festgelegt. Außerdem bin ich allein verantwortlich für die gesamte Durchführung dieses Unternehmens, dessen Plan von mir stammt. Ich werde diese Verantwortung zu tragen wissen. Ich habe diesen Worten nichts mehr hinzuzüfügen."
Nivelle blickte kampfesmutig um sich. Jedem einzelnen Anwesenden schaut er scharf in die Augen. Und siehe, alle werden unruhig. Sie ver- Üeren die Nerven. Poincare bittet nunmehr Franchet d'Esperey um seine Meinung. Und dieser General berichtet von ungeheuren Schwierig- ^iten in seinem Frontabschnitt, hervorgerufen durch den planmäßigen Rückzug der deutschen Truppen anläßlich des „Unternehmens Alberich". Franchet d'Esperey hält es für ratsam, in seinem Befehlsbereich den Angriffs plan zu änd ern.
Nun soll Micheler seine Ansicht kundtun. Er verwickelt sich in scharf« Widersprüche und wird mehrfach von Nivelle zu Verbesserungen ge-
General de Caftelnau erhobt sich und weift mit der Hand gegen Nordwesten, wo Arras liegt und das Kampffeld um Bimy, auf dem um diese Minute der britische Feuerorkan entfesselt brüllt und tobt „Meine Herren", sagt er, „hören Sie das Lied der Schlacht da draußen! Während wir hi«r sitzen und unfruchtbar überlegen und reden und roden, nimmt das Schicksal seinen unerbittlichen Lauf. Ueber unsere Sorgen und Erwägungen hinweg geht der Krieg einfach zur Tagesordnung über. Es gibt in dieser ernsten Stunde nur zwei Erwägungen:
Hat die französische Regierung Vertrauen zu Nivelle? Wenn sie di«s Vertrauen hat, dann muh sie ihm jede Handlungsfreiheit gewähren. Niemand darf es gestattet fein, sich in di« Pläne des Generals zu mischen.
Oder:
Hat Frankreich das Vertrauen zu Nivelle nicht mehr? Dann allerdings wird der Präsident der Republik den angebotenen Rücktritt entgegennehmen müssen. Ein Zwischending gibt es nicht mchr angesichts der Kanonen, die bereits zu sprechen begonnen haben."
Die lähmende Hilflosigkeit weicht augenblicklich. Poincare und Palm leoe erheben sich lebhaft und bitten Nivelle, den Oberbefehl zu behalten. Nivelle aber gibt sich beleidigt und trotzig und lehnt energisch ab. Und da spricht Poincare mit erhobener Stimme:
„Herr General! Wir befinden uns im Krieg und müssen daher strengere Maßstäbe anwenden als sonst. Es geht nicht um uns, es geht um Frankreich. Als Präsident der Französischen Republik könnte ich Ihnen den Befehl geben, auf Ihrem Posten zu verbleiben, aber ich werde diesen Befehl nicht geben, denn ich weiß, daß dieser Appell an Ihre vaterländische Gesinnung nicht ungehört verhallt."
Der Kriegsminister und di« anderen Herren und anwesenden Zivilisten umringen Nivelle. Sie beschwüren ihn, auf seinem Posten zu verbleiben.
Er weist auf die Ouertreibereien hin, entlarvt schonungslos di« Eifersüchteleien seiner untergebenen Generäle. Er redet sich allen Zorn der letzten Wochen von der Seele, und das beruhigt ihn. Und Petain erklärt:
„General! Was soll Frankreich von Ihnen denken, wenn Sie jetzt, im entscheidenden Augenblick, zurllcktreten? Das Heer sicht bereit, der letzte Poilu erwartet von Ihnen, daß Sie ihn zum Siege führen, wie Sie es versprochen haben. Und nun wollen Sie nicht mehr?"
Da braust Nivelle noch ein letztes Mal auf:
„Wer will nicht? Ich will nicht? Jawohl, ich will! Aber man möchte mich im Stich lassen, man möchte mich dieser Aufgabe nicht gewachsen sehen. Aber ich bin dieser Aufgabe gewachsen, meine Herren, ich bin es! Gut, so werde ich denn bleiben. Frankreich soll mich nicht fahnenflüchtig sehen. Gut, meine Herren, ich bleibe!"
Stumm reicht der Präsident der Republik dem Oberbefehlshaber die Hand, drückte sie lange. Das Vertrauen tst wiederhergestellt.
„Endlich ein Mann, ein voller Mann, an der Spitze der französischer! Armee", sagt Poincare zu seinen anwesenden Ministern, als Nivelle trotzig und ohne seine Generäle eines Blickes zu würdigen, den Salonwagen verläßt. Petain, Micheler und Franchet d'Esperey haben in diesem Augenblick eine schwere moralische Niederlage erlitten.
Aus der Ferne brüllt stärker und stärker das Trommelfeuer vom Artois.
Deutscher Heeresbericht.
Großes Hauptquartier, 6. April 1917.
Westlicher Kriegsschauplatz.
Der Artilleriekampf an der Artois-Front hat sich in den letzten Tagen bedeutend gesteigert. Besonders von Angres bis zum Südufer der Scarpe lag gestern in Zeitwellen starkes Feuer aller Kaliber auf unseren Stellungen. Mehrfach vorstoßende englische Erkundungsabteilungen wurden von unsrer Grabenbesatzung zurllckge- schlagen.
Auch an der Aisne-Front kam es im Anschluß an unser gestern gemeldetes, in dem beabsichtigten Umfange voll geglücktes Unternehmen bei Sapigneul, nördlich von Reims, zu lebhaftem Feuerkampf. Wir haben dort 15 Offiziere, 827 Mann gefangen, 4 Maschinengewehre und 10 Minenwerfer mit viel Munition erbeutet ...
Oberleutnant Freiherr von Richthofen hat seinen 35. und 36. Gegner abgeschossen ...
Der Erst« Generalquartiermeister: Ludendorff.
Ein geglücktes Unternehmen bei Sapigneul? Dazu noch im Abschnitt der kommenden, großen Ereignisse! Was ist's um diesen deutschen Vorstoß ?
Nur ein kleines Teilunternehmen, weiter nichts, kaum erwähnenswert angesichts der Dinge und Ereignisse, die gleich das Gesicht des großen Schlachtfeldes verändern werden. Die 10. Reserve-Division unter Generalleutnant Dallmer hat südlich von Berry-au-Vac auf dem linken


