Abendphantafie.
Von Friedrich Hölderlin.
Vor seiner Hütte ruhigem Schatten sitzt
Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd.
Gastfreundlich tönt dem Wanderer im Friedlichen Dorfe die Abendglocke.
Wohl kehren jetzt die Schiffer zum Hafen auch, In fernen Städten fröhlich verrauscht des Markts Geschäft'ger Lärm; in stiller Laube
Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.
Wohin denn ich! Es leben die Sterblichen
' Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh' und Ruh' Ist alles freudig; warum schläft denn
Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?
Am Abendhimmel blühet ein Frühling aus;
Unzählig blühn die Rosen, und ruhig scheint Die goldne Welt; o dorthin nehmt mich, Purpurne Wolken! Und mögen droben
> In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb und Leid! —
Doch, wie verscheucht von törichter Bitte, slieht Der Zauber! Dunkel wird's und einsam Unter dem Himmel, wie immer, bin ich.
Komm du nun. sanfter Schlummer! Zu viel begehrt Das Herz, doch endlich, Jugend, verglühst du ja. Du ruhelose, träumerische!
Friedlich und heiter ist dann das Alter.
Die letzte Flasche.
Von Gudmundur Kamban.
In einer kleinen Fjordstadt des östlichen Islands lebte ein alter Schullehrer namens Vigfus Athanafiuffon. Er trug seinen isländisch- triegerischen Vornamen und seinen griechisch-frommen Nachnan»m mit gleich geringem Recht; er war von Gemüt äußerst friedlich und schenkt« der Ewigkeit nicht viele Gedanken. Er war „wie die Menschen meistens" sind — womit man niemals Personen meint, deren Gefühle plötzlich zu einer mächtigen Leidenschaft aufflammen können, sondern im Gegenteil solche, die keine unbändigen Passionen haben und höchstens eine oder zwei, die etwas stärker sind als ihre anderen.
Die einzige der Passionen Vigfus Athanasiussons, die etwas stärker als seine anderen war, war seine Liebe zu Pferden oder richtiger zu seinem eigenen Pferd. Er hielt viel von feinem Lehrerberuf, aber es ist zweifelhaft, ob er ihn hätte fortfetzen wollen, wenn ihm dieser Berus, sobald es vier schlug und die Schule sich leerte, daran gehindert hätte, sein« tägliche Reittour zu unternehmen. Er hatte sich gleichsam eingelebt mit seinem paßsicheren Pferd und scheute durchaus nicht davor zurück, mit ihm über ruhige Bäche zu schwimmen oder einen vorsichtigen Ritt durch di« heimtückischen Lavafelder zu wagen. ,
Aber fönst lag es ihm nicht, feine Mitmenschen in Verblüffung zu versetzen. Er mar ein ausgeprägter Gewohnheitsmensch, der lieber bedeutende Vorteile entbehren als sich zum Beifpeil in der Zwang finden wollte, in einem fremden Bett zu liegen. Er hatte viele Jahre hindurch jeden Abend, nachdem er feinen Schlafrock an gezogen und alle Vorbereitungen für den nächsten Tag getroffen hatte, sich eine lange Pfeife Tabak angesteckt, die ebensoviel faßte wie die klein« Tasse Kaffee, die er dazu trank und von deren ersten drei Schluck immer nur der erste noch roarm war. An Samstagen vertausche er den Kaffee mit einem Glafe dampfenden Grogs, wahrend er zwischen jedem Schluck fünf Seiten in einer Saga oder einem Walter Scottschen Roman las.
Dann kam das Alkoholverbot im Jahr« 1915.
Der alte Schullehrer versorgte sich mit dreißig Flaschen Rum — soviel gewährte ihm gerade fein Kassenbestand — und bestimmte, gehorsam dem Gesetze wie er war, daß er damit für den Rest feines Lebens reichen müsse.
Jetzt wollte er sich selbst auf eine kleinere und kleinere Ration fetzen, er wollte beispielsweise seinen Samstagsgrog jede vierte Woche im ersten Jahr entbehren, jede dritte im nächsten und fo weiter, bis der Grog ihm ein so seltener Luxus geworden wäre, daß er ihn überhaupt nicht mehr vermißt«, auch wenn er völlig ausginge.
Aber dann passierte es diesem großen Meister in der Kunst der Beherrschung beim allerersten Mal, da er mit feiner langen Pfeife ohne sein Samstagsgetränk faß, daß er, nachdem er die ersten fünf Seiten in einem Band der Sturlungafaga gelesen hatte, das Buch einen Augen- ilirf lang auf feinen Knien ruhen ließ, während er unwillkürlich durch bi« Nase den würzigen Dust eines abwesenden Grogs einzusaugen begann. Sobald er sich selbst über dieser Schwachheit ertappt hatte, ergriff er hastig das Buch und las zehn Seiten in einem Zug, ohne "aufzufehen. Aber er konstatierte, daß er überhaupt nicht hätte wieder- <rzählen können, was er gelesen hatte ■— fein Denken wurde unaufhörlich durch fein Verlangen gestört. Es war nicht auszuhalten. Darum jtanb er resolut aus dem Stuhl auf, fetzte einen Kessel Wasser auf den elektrischen Kochherd in der Küche und bereitete sich einen Grog zu. Da *r mehrere Wochen hindurch versucht hatte, diese gewohnheitsmäßige, pünktlich an jedem achten Tag sich einstellend« Leidenschaft zu über= Minden, faßte er den Entschluß: solange er Rum im Hause hätte, wollte
er sich nicht mehr selbst züm Märtyrer machen. Wenn ef ihn einmal entbehren müßte, würde es sich schon zeigen, daß er dies konnte.
Vigfus Athanasiusson war ja im Grunde kein trunksüchtiger Mann, und erst nach fünf Jahren ging fein Vorrat zu Ende. Dies geschah bald nach der Weihnachtszeit, und er trug es wie ein Mann. Es war kein Rum mehr da, und man mußte sich also der Natur „anpassen". Es fiel ihm gar nicht ein, fein purpurbraunes Fefttagsge tränk durch den Hellen „Präparatefpiritus", den man sich in der Apotheke erschwindeln muhte, zu ersetzen.
Drei Vierteljahre später, an einem stillen Samstagnachmittag irrt September, kam Vigfus Athanasiusson auf dem Nachhauseweg von seinem Ritt am Kai vorbei. Der Dampfer, der draußen im Fjord lag, war vor einer Stunde angekommen und mußte noch bis Abend abgefertigt werden. Er sollte nur den nächsten Fjord itji Süden anlaufen und von dort direkt nach Leith fahren.
Vigfus Athanasiusson ritt nach Haus und bracht« das Pferd in den Stall. Als er sich umgezogen und zu Mittag gegessen hatte, verwandte er die nächsten paar Stunden darauf, die Aufsätze der Schüler durchzusehen, worauf er wie gewöhnlich, nachdem er feinen langen Schlafrock umgetan und feine lange Pfeife an einem der Knöpfe daran befestigt hatte, sich in feine ßieblingslettüre versenkte, diesmal die Laxdoelasage. Er saß gerade in einer Art von ekstatischer Bewunderung über den Bericht von König Olaf Tryggvasons Schwimmkampf mit Kjartan und dessen tollkühnem Plan, den König eher im Feuer umkommen als sich den neuen Glauben auszwingen zu lassen, als ihn plötzlich, ganz ohne jede nachweisbare Gedankenverbindung, die Erinnerung an feinen einzigen großen Trinkkommers als junger Seminarist auf Mödruvellir überkam. Und sofort legte er das Buch hin und begann ruhelos auf und ab zu gehen, während er vor sich hinslüstert«: „Wer jetzt nur einen Grog hätte!"
Plötzlich hörte er eine Schiffssirene — der Dampfer! Er mußte also in einer Stunde gehen. Er sah auf die Uhr. Es war genau acht. Er ging zum Fenster und zog den Borhang hoch. Das Licht des Schiffes war das einzige, was er schwach sehen konnte. Er zog den Vorhang wieder hinab und ging mit einem tiefen Seufzer vom Fenster fort. Wer jetzt nur einen Grog hätte!
So vollkommen beherrschte ihn dieses eine Gefühl, daß er sich überhaupt nicht klar macht«, wie ungewöhnlich stark es in diesem Augenblick war. Im Gegenteil, er fand nichts Auffallendes an sich selbst, nichts Fremdes, Unvertrautes. Er legte seinen Schlafrock ab, ruhig und bestimmt, zog feine Jacke an, fetzte den Hut auf und ging zum Kai. Es waren fast keine Menschen da. Er erfuhr, daß die beiden letzten Boote schon abgefahren waren.
Wenn nur einer von den Jungens hier wäre, dachte Vigfus Atha- nafiuffon, der mirff zum Dampfer hinausrudern könnte! Aber nein, welch ein Einfall! Er der Pädagoge! Damit wollte er ja etwas unternehmen, was vielleicht fogar einen feiner alten Schüler ins Unglück stürzen konnte!
Das Schiff tutete zum zweiten Male, und eins der Prahmboote näherte sich dem Land. Vigfus Athanafiuffon eilte nach Haus und begann sich sofort umzuziehen. Obwohl die Luft mild und der Himmel völlig klar war, wappnete er sich wie gegen ein Regenunwetter: mit Hosen aus Oeljeug, die ihm bis ans Kinn reichten, einem Oelmantel, der bis an die Knie ging, und mit einem Paar Kalbsfellstrümpfen, die fo lang wie feine Beine waren. So ging er in den Stall und sattelte fein Pferd. Er ritt in gestrecktem Galopp auf eine Landspitze hinaus, die sich weit in den Fjord hineinzog, und ohne sich einen Augenblick zu bedenken, trieb er das Pferd in die Wellen und ließ es schwimmen- Es lag tief im Waffer, er wurde sehr schnell an den Füßen nah, aber wie es nur mit ihm arbeitete, das prächtige Tier! Das Licht vom Schiff und die Augen des Tieres über dem W affe nfpi« geh das waren die Dinge, auf die man jetzt aufpaffen muffte.
Als er das Schiff erreichte, sah er, daß das letzte Boot abgelegt hatte, aber daß die Treppe noch nicht eingezogen war. Er band das Pferd an die Treppe, fo daß nur fein Kopf aus dem Wasser ragte, und kletterte schleunigst hinauf.
An der Reling stand schon der Kapitän vor der Besatzung und fragte den sonderbaren Gast, was in aller Welt jetzt bloß los wäre.
„Nichts, ich gehe sofort wieder", antwortete Vigfus Athanafiuffon- Im gleichen Augenblick gewahrt« er die Mütze des Proviantmeisters mitten unter den Leuten, bahnte sich einen Weg bis zu ihm hin und flüsterte: „Lassen Sie mir eine Flasche Rum ab, aber um Gottes roiUen schnell!"
„Eine Flasche Rum!" schrie der Proviantmeister. „Das ist ver°: boten." ।
„Sie werden doch nicht das Tier meinetwegen ertrinken lassen", schrie' Vigfus Athanasiusson noch lauter in einem starken, fremdartigen Dänisch-
Der Kapitän stieß einen Laut aus, der halb einem Brüllen ähnelt«, halb einem Gelachter, blinzelte dem Proviantmeister zu und gab gleichzeitig den Befehl, ein Boot hinabzufieren. Zwei Matrosen sprangen ins Boot, lösten das Pferd von der Treppe und befeftigten eine lange Leine an feinem Zaum. Währenddessen kam ein Steward mit einer Flasche zu Vigfus Athanasiusson gestürzt, aber als er das Geld hervorziehen wollte, hielt der Kapitän feine Hand fest und sagte: „Diese Flasche gebe ich!"
Im Handumdrehen wurde er ins Boot hinabbegleitet, während er murmelte: „Es war nicht meine Absicht, Ihnen Umstände zu machen, mein alter Sott würde auch mit dem Rückweg schon allein fertig geworden fein."
Hierüber war er nämlich aufrichtig verdrießlich, und was ihn geradezu kränkte, war, daß der Kapitän, den er nur wenig kannte, zu den Matrosen gesagt hatte: „Nehmt ihm kein Geld ab!"
Plötzlich ertönte ein vielstimmiger Rus vom Deck: „Prost! rief die Besatzung auf isländisch.
„Prost!" rief Vigfus Athanasiuffon zurück und winkte mit der Flasche, Als er eine Viertelstunde später im Stall stand und das Pferd in dicke Decken einhüllte, nachdem er es erst am ganzen Leib mit einem


