die Sonne so hinter Charlottcnbnrg und dem Grünewald steht, und man so träumt und so müde wird, o, wie herrlich ist das! Nicht wahr! Und weißt Du wohl, was 5roii Solinger gestern zu mir sagte? ,Jch sei noch blonder geworden', sagte sie. Nun, Du wirst ja sehn. Wie immer Deine Käthe."
Rienäcker nickte mit dem Kopf und lächelte. „Reizende, kleine Frau. Von ihrer Kur schreibt sie nichts; ich wette, sic fährt spazieren und hat noch keine zehn Bäder genommen." Und nach diesem Selbstgespräche gab er dem eben eintretmrden Burschen einige Weisungen und ging durch Tiergarten und BrauMuburger Tor erst die Linden hinunter und dann auf die Kaserne zu, wo der Dienst ihn bis Mittag in Anspruch nahm.
Als er bald nach zwölf Uhr wieder zu Hause war und sich's nach ein- genommenem Imbiß eben ein wenig bequem machen wollte, meldete der Bursche, „daß ein Herr... ein Mann (er schwankte in der Titulatur) draußen sei, der den Herrn Baron zu sprechen wünsche."
„Wer?"
„Gideon Franke... Er sagte so."
„Franke? Sonderbar. Nie gehört. Laß ihn eintreten."
Der Bursche ging wieder, während Botho wiederholte: „Franke... Gideon Franke ... Nie gehört. Kenn ich nicht."
Einen Augenblick später trat der Angemeldete ein und verbeugte sich von der Tür her etwas steif. Er trug einen bis oben hin zugeknöpften schwarz- braunen Rock, übermäßig blanke Stiefel und blankes, schwarzes Haar, das an beiden Schläfen dicht anlag. Dazu fchwarze Handschuhe und hohe Vatermörder von untadeliger Weiße.
Botho ging ihm Mit der ihm eigenen chevaleresken Artigkeit entgegen und sagte: „Herr Franke?"
Dieser nickte.
„Womit kann ich dienen? Darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen... Hier... Oder vielleicht hier. Polsterftühle sind immer unbequem."
Franke lächelte zustimmend und setzte sich auf einen Rohrstuhl, auf den Rienäcker hingewiesen hatte.
„Womit kann ich dienen?" wiederholte Rienäcker.
„Ich komme mit einer Frage, Herr Baron."
„Die mir zu beantworten eine Freude sein wird, vorausgesetzt, daß ich sie beantworten kann."
„O, niemand besser als Sie, Herr von Rienäcker... Ich, komme nämlich wegen der Lene Rimptsch."
Botho fuhr zurück.
„... Und möchte", fuhr Franke fort, „gleich hinzusetzen dürfen, daß es nichts Genierliches ist, was mich herführt. Alles, was, ich zu sagen ober, wenn Sie's gestatten, Herr Baron, zu fragen habe, wird Ihnen und Ihrem Hause feine Verlegenheiten schaffen. Ich weiß auch von der Abreise der gnädigen Frau, der Frau Baronin, und habe mit allem Vorbedacht ans Ihr Alleinsein gewartet ober, wenn ich so sagen barf, auf Ihre Strohwitwertage."
Botho hörte mit feinem Ohr heraus, baß ber, ber ba sprach, trotz seines spießbürgerlichen Aufzuges ein Mann von Freimut nnb untabeliger Gesinnung sei. Das half ihm rasch aus seiner Verwirrung heraus, unb er hatte Haltung unb Ruhe ziemlich wiebergewonnen, als er über ben Tisch hin fragte: „Sic sinb ein Anverwanbter Lenens? Verzeihung, Herr Franke, baß ich meine alte Freundin bei diesem alten, mir so lieben Namen nennb."
Franke verbeugte sich und erwiderte: „Nein,. Herr Baron, kein Ver- luanbtcr; ich habe nicht diese Legitimation. Aber meine Legitimation ist vielleicht keine schlechtere: ich kenne die Lene seit Jahr und Tag und habe die Absicht, sie zu heiraten. Sie hat auch zugesagt, aber mir bei der Gelegenheit auch vou ihrem Vorleben erzählt und dabei mit so großer Liebe von Ihnen gesprochen, daß es mir auf ber Stelle feftftanb, Sie selbst, Herr Baron, offen und unumwunden fragen zu wollen, was es mit der Lene eigentlich sei. Worin Lene selbst, als ich ihr von meiner Absicht erzählte, mich mit sichtlicher Freude bestärkte, sreilich gleich hinzusetzeud: ich solle es lieber nicht tun, denn Sie würden zu gut von ihr sprechen."
Botho sah vor sich hin unb hatte Mühe, die Bewegung seines Herzens zu bezwingen. Endlich aber war er wieder Herr seiner selbst und sagte: „Tie sind ein ordentlicher Mann, Herr Franke, der das Glück der Lene will, soviel lstir und seh ich, und das gibt Ihnen ein gutes Recht auf Antwort. Was ich Ihnen zu sagen habe, darüber ist mir fein Zweifel, und ich schwante nur noch wie. Das beste wird [ein, ich erzähl Ihnen, wie's tarn und weiterging und bann abschloß."
Frante verbeugte sich abermals, zum Zeichen, baß er auch seinerseits bies für bas beste halte.
„Nun benn", hob Rienäcker an, „es geht jetzt ins britte Jahr ober ist auch schon ein paar Monate barüber, baß ich bei Gelegenheit einer Kahnfahrt um bie Treptower Liebesinsel herum in bie Lage tarn, zwei jungen Mübchen einen Dienst zu leisten unb sie vor bem Kentern ihres Bootes zu bewahren. Eins ber beiden Mädchen war bie Lene, und an ber Art, wie sic dankte, sah ich gleich, daß sie anders war als andere. Von Redensarten keine Spur, auch später nicht, was ich gleich hier hervorheben möchte. Denn so heiter unb mitunter beinahe ausgelassen sie jein kann, von Natur ist sie nachbenklich, ernst und einfach."
Botho schob mechanisch das noch aus dem Tische stehende Tablett beiseite, strich die Decke glatt und fuhr dann fort: „Ich bat sie, sie nach Hause begleiten zu dürfen, und sie nahm es ohne weiteres an, was mich damals einen Augenblick überraschte. Denn ich kannte sie noch nicht. Aber ich sah sehr bald, woran es lag; sie hatte sich von Jugend an daran gewöhnt, nach ihren eigenen Entschlüssen zu handeln, ohne viel Rücksicht aus die Menschen und jedenfalls ohne Furcht vor ihrem Urteil."
Franke nickte.
„So machten wir denn den Iveiten Weg, unb ich begleitete sie nach Haus unb war entzückt von allem, >vas ich ba sah, von ber alten Frau, von
dem Herd, an dem sie saß, von dem Garicn, darin das HauS lag, und der Abgeschicbenheit unb Stille. Nach einer Vicrtelstunbe ging ich wiciei unb als ich mich braußen am Gartengitter von ber Seite verabschied^ srug ich, ,ob ich wieberkomrnen bürse', welche Frage sie mit einem einfach« ,Ja' beantwortete. Nichts von falscher Scham, aber noch weniger von H» Weiblichkeit. Umgekehrt, es lag etwas Rührenbes in ihrem Wesen und ito Stimme."
Rienäcker, als das alles wieder vor seine Seele trat, stand in sichtlich, Erregung auf und öffnete beide Flügel der Balkontür, als ob c§- ihm« seinem Zimmer zu heiß werde. Dann, auf und ab schreitend, fuhr er in einem rascheren Tempo fort: „Ich habe kaum noch etwas hinzuzusetzen. 2oj war um Ostern, und wir hatten einen Sommer lang allerglücklichste Tqe, Soll ich davon erzählen? Nein. Und bann kam bas Leben mit seinem Ensj unb feinen Ansprüchen. Unb bas war es, was uns trennte."
Botho hatte mittlerweile seinen Platz tvieber eingenommen, und Set all bie Zeit über mit Glattstreichung seines Hutes beschäftigte Franke ia;te ruhig vor sich hin: „Ja, so hat sie mir's auch erzählt."
„Was nicht anbers fein kann, Herr Franke. Denn bie Lene — unt ich freue mich von ganzem Herzen, auch gcrabe bas noch tagen zu können - bie Lene lügt nicht und bisse sich eher bie Zunge ab, als baß sie flunfnte, Sie hat einen hoppelten Stolz, unb neben bem, von ihrer Hänbe AM leben zu wollen, hat sie noch ben anbern, alles gradheraus zu sagen und le « Flausen zu machen, und nichts zu vergrößern und nichts zu öerUcinem ,Jch brauch es nicht unb ich will cs nicht', bas hab ich sie viele Male saxei Horen. Ja, sie hat ihren eigenen Willen, vielleicht etwas mehr als recht id unb wer sie fabeln will, kann ihr votwerfeu, eigenwillig zu sein. Aber iitj j will nur, was sie glaubt verantworten zu können und wohl auch roidliijl i> verantworten kann, und solch Wille, mein ich, ist doch mehr Charakter dil - Selbstgerechtigkeit. Sic nicken, und ich sehe daraus, daß wir einerlei MeinuM ii sind, was mich aufrichtig freut. Und nun noch ein Schlußwort, Herr Frankl! Was zurückliegt, liegt zurück. Können Sie darüber nicht hin, so muß ich diil respektieren. Aber können Sie's, so sag ich Ihnen, Sie kriegen ba eine feli'il i gute Frau. Denn sie hat bas Herz auf bem rechten Fleck unb ein stark!I Gefühl für Pflicht unb Recht unb Ordnung."
„So hab ich Lenen auch immer gefunden, und ich verspreche mir Qn| ihr, ganz so wie der Herr Baron sagen, eine selten gute Frau. Ja, ifll Mensch soll die Gebote halten, alle soll er sie halten, aber es ist doch «111 Unterschied, je nachdem die Gebote sind, unb wer bas eine nicht hält,i«I kann immer noch was taugen, wer aber bas anbere nicht hält, unb roenn’i auch im Katechismus bicht baneben ftünbe, ber taugt nichts unb ist Dol worsen von Anfang an, unb steht außerhalb ber Gnabe."
Botho sah ihn verwundert an unb wußte sichtlich nicht, was er aus bi? tt feierlichen Ansprache machen sollte. Gibeon Franke aber, ber nun cm [einerseits im Gange war, hatte fein Auge mehr für ben Einbruch ben [eint ganz auf eigenem Boben gewachsenen Anschauungen hervorbrachten, rni fuhr beshalb in einem immer prebigerhafter werdenben Tone fort: „ti wer in seines Fleisches Schwäche gegen bas sechste verstößt, bem fann w ziehen werben, wenn er in gutem Wanbel unb in ber Reue steht, wer ob: gegen bas siebente verstößt, ber steckt nicht bloß in bes Fleisches Schwäch, der steckt in der Seele Riedrigteit, und wer lügt und trügt oder verleumd! und falsch Zeugnis redet, der ist von Grund aus verdorben, und aus btt Finsternis geboren, unb ist feine Rettung mehr unb gleicht einem Feld, darinnen die Nesseln so tief liegen, daß das Untraut immer wieder aufschik'st, [oowl gutes Korn auch gesät werden mag. Und darauf leb ich und sterb ich, unb hab es burch alle Tage hin erfahren. Ja, Herr Baron, auf bie Proppeitii kommt es an, und auf bie Honncttität kommt es an, unb auf bic Reellität. Uni auch im Ehestanbe. Denn ehrlich währt am längsten unb Wort unb Verl?! muß fein. Aber was gewesen ist, bas ist gewesen, bas gehört vor Gott. Uni denk ich anbers barüber, was ich auch respektiere, gerabeso wie ber He» Baron, so muß ich baoonbleibcn unb mit meiner Neigung unb Siebe z« nicht erst anfangen. Ich war lange drüben in den States, und wenn ami drüben, geradeso wie hier, nicht alles Gold ist was glänzt, das ist dc>4 wahr, man lernt drüben anders sehen unb nicht immer burchs selbe Glcs, Unb lernt auch, daß es viele Heilswege gibt unb viele Glückswege. 3«, Herr Baron, es gibt viele Wege, bic zu Gott sichren, unb es gibt viele Weg?, bie zu Glück führen, beffen bin ich in meinem Herzen gleicherweise getvij. Unb bet eine Weg ist gut unb ber anbre Weg ist gut. Aber jeber gute SM muß ein offner Weg unb ein gerader Weg fein und in ber Sonne liegt 1, unb ohne Morast unb ohne Sumps unb ohne Irrlicht. Auf bie Wahrheit kommt es an, unb aus bie Zuverlässigkeit kommt es an unb auf bie lichkeit."
Franke hatte [ich bei bie[en Worten erhoben, unb Botho, ber ihm tust! bis an bie Tür hin folgte, gab ihm hier bic Hanb.
„Unb nun, Herr Franke, bitt ich zum Abschieb noch um bas eine: grüße« I (Sie mir bic Frau Dörr, wenn Sie fic sehn unb ber alte Verkehr mit ® «och anbauert, unb vor allem grüßen Sie mir bic gute alte Frau NimpM \ Hat sie benn noch ihre Gicht und ihre ,Wehdagc', worüber sie sonst beftänbi| klagte?"
„Damit ist es vorbei."
„Wie das?" fragte Botho.
»Wir haben sie vor drei Wochen schon begraben, Herr Baron. Gera® heut vor drei Wochen."
„Begraben?" wiederholte Botho, „Unb wo?"
„Draußen hinterm Rollkrüg, auf bem neuen Jakobikirchhof... Eines flute, alte Fran. Unb wie sie an der Lene hing. Ja, Herr Baron, die Mnti«r । Nimpfsch ist tot. Aber Frau Dörr, die lebt noch (und er lachte), die le® noch lange. Unb wenn sie kommt, ein loeiter Weg ist es, bann werd ich i >« ( grüßen. Unb ich sehe schon, wie sie sich freut. Sie kennen sie ja, Herr Baror, Ja, ja, bie Fran Dörr ..."
Unb Gibeon Franke zog noch einmal seinen Hut und bie Tür fiel in* Schloß.
Fortsetzung folgt.)


