Hummer 21
Montag, den Z. April
Aoman Son Theodor Montane
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11. Fortsetzung.
täten Frau getan hat." , ...... , •
„Ah, die Lene", sagte Frau Dörr vor srch hm und setzte dann hinzu: »Das wird der liebe Gott auch, Frau Nimptsch, den kenn rch, und habe roch keine verkommen sehen, die so war wie die Lene und solch Herz und silche Hand hatte." , ~ ,
Die Alte nickte, und ein freundlich Bild stand sichtlich vor ihrer Seele.
So vergingen Minuten, und als Lene zurückkam und vom Mur her ort die Korridortür klopfte, faß Frau Dörr noch immer auf der Fußbank i: >.b hielt die Hand ihrer alten Freundin. Und jetzt erst, wo sre das Klopfen draußen hörte, ließ sie die Hand los und stand aus und öffnete.
Lene war noch außer Atem. „Er ist gleich hier... er wird gleich kommen. Aber die Dörr sagte nur: „Jott, die Doktors", und wies au, dre Tote.
Zwanzigstes Kapitel.
Käthes erster Reisebrief war in Köln auf die Post gegeben und traf, ifie versprochen, am andern Morgen in Berlin ein. Die gleich mitgegebene Adresse rührte noch von Botho her, der jetzt, lächelnd und in guter Laune, den sich etwas fest anfühlenden Brief in Händen hielt. Wirklich, es waren drei mit blassem Bleistift und auf beiden Seiten beschriebene Karten in das tuvert gesteckt worden, alle schwer lesbar, so daß Rienäcker auf den Balkon ß flnaustrat, nm das undeutliche Gekritzel besser entziffern zu können.
„Nun laß sehn, Käthe."
Und er las: „ . „ ,, ,....
„Brandenburg a. H., 8 Uhr früh. Der Zug, mein lieber Botho, halt ter nur drei Minuten, aber sie sollen nicht ungenutzt vorübergehen, nötigenfalls schreib ich unterwegs im Fahren weiter, so gut oder so schlecht es geht, sch reise mit einer jungen, sehr reizenden Bankierfrau, Madame toalmger I Seb. Saling, aus Wien. Als ich mich über die Namensähnlichkeck tpunberU, I fegte sie: ,Joa, jchaun's, i hoab halt mei Komp'rativ g'helratt.'Sie spricht Dir einem sort dergleichen und geht trotz einer zehnjährigen rochier (blonö, Ilie Mutter brünett) ebenfalls nach Schlangenbad. Und auch über Köln, u>d auch ivie ich eines dort abzustatteiiden Besuches halber. Das Kind ist «ut geartet, aber nicht gut erzogen, und hat mir bei dem beständigen Umher- p fettem 'm Coupe bereits meinen Sonnenschirm zerbrochen, was dre JJtmter ! hr in Verlegenheit brachte. Auf dem Bahnhofe, wo wir eben halten, d. h. i, diesem Augenblicke setzt sich der Zug schon wieder in Bewegung, wimmelt 's von Militär, darunter auch Brandenburger Kürassiere mit einem guitt» (-'Iben Namenszug aus der Achselklappe; wahrscheinlich Nikolaus. Es mach!
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tieft sehr gut. Auch Füsiliere waren da, Fünfunddreißiger, kleine Leute, dis mir doch kleiner vorkamen als nötig, obschon Onkel Osten immer zu sagen pflegte: bet beste Füsilier sei der, der nur mit bewaffnetem Auge gesehen werden könne. Doch ich schließe. Die Kleine (leider) rennt nach tote vor von einem Coupefenster zum andern und erschwert mir das Schreiben. Und dabei nascht sie beständig Kuchen: kleine, mit Knschen und Pistazien belegte Tortenstücke. Schon zwischen Potsdam und Werder sing sie damit an. Die Mutter ist doch zu schwach. Ich würde strenger sein."
Botho legte die Karte beiseite und überflog, so gut es ging, die zweite.
Iciutctc •
Hannöver, 12 Uhr 30 Minuten. In Magdeburg war Goltz am Bahn- Hofe und sagte mit, Du hättest ihm geschrieben, ich käme. Wie gut und lieb wieder von Dir. Du bist doch immer der Beste, der Aufmerksamste. ®ol($ hat jetzt die Vermessungen am Harz, d. h. am 1. Juki fängt er an. — Der Aufenthalt hier in Hannover währt eine Viertelstunde, was ich benutzt habe, mir den unmittelbar am Bahnhofe gelegenen Platz anzusehen: lauter, erst unter unserer Herrschaft entstandene Hotels und B,et-Etablls>ements, von denen eins ganz im gotischen Stile gebaut ist. Die Hannoveraner, wie mir ein Mitreisender erzählte, nennen es die .Preußische Bierkirche, bloß aus wölfischem Antagonismus. Wie schmerzlich dergleichen! Die Zeck wirb aber and) hier vieles mildern. Das walte Gott. — Die Kleine knabbert in einem fort weiter, was mich zu beunruhigen anfangt. Wohin soll das führen? Die Mutter aber ist wirklich reizend und hat mir schon alles erzählt. Sie war auch in Würzburg bei Seanzoni, für den sie schwärmt. Ihr Vertrauen gegen mich ist beschämend und beinahe peinlich. Im übrigen ist sie, wie ich nur wiederholen kann, durchaus comme il taut. Um Dir bloß eines zu nennen: welch Reisenecessaire! Die Wiener sind uns in solchen Dingen doch sehr überlegen; mau merkt die ältere Kultur."
„Wundervoll", lachte Botho. „Wenn Käthe kulturhistorische Betrachtungen anstellt, übertrifft sie sich selbst. Aber aller guten Dmge sind bteu Laß sehn."
Und dabei nahm er die dritte Karte.
Köln 8 Uhr abends. Kommandantur. Ich will meine Karten doch lieber noch hier zur Post geben und nicht bis Schlangenbad warten, wo Frau Salinger und ich morgen mittag einzutreffen gedenken. Jeu gut Schrofsensteins sehr liebenswürdig; besonders er. Uebrrgens, um nichts SU vergessen, Frau ©alinger wurde durch Oppenheims Equipage vom Bahnhöfe abgeholt. Unsere Fahrt, anfangs so reizvoll, gestaltete sich von Hamm aus einigermaßen beschwerlich und unschön. Die Kleine litt schwer und leider durch Schuld der Mutter. ,Was möchtest du noch? fragte sie, nachdem unser Zug eben den Bahnhof Hamm passiert hatte, worauf das Kind antwortete: ,Drops.' Und erst von dem Augenblick an wurd es so schlimm ... Ach, lieber Botho, jung oder alt, unsere Wünsche bedürfen doch beständig einer strengen und gewissenhaften Kontrolle. Dieser Gedanke beschäftigt mich seitdem unausgesetzt, und die Begegnung mit dieser liebens- würdigen Frau war vielleicht kein Zufall in meinem Leben. Wie oft habe ich Kluckhuhn in diesem Sinne sprechen hören. Und er hat recht. Morgen mehr. Deine Käthe." . . . . c , m
Botho schob die drei Karten wieder ,ns Kuvert und sagte: „Ganz Käthe. Welch Talent für die Plauderei! Und ich könnte mich eigentlich freuen, daß sie so schreibt, wie sie schreibt. Aber es fehlt etwas. Es ist alles so angeflogen, so bloßes Gesellfchaftsecho. Aber sie wird sich ändern, wenn sie Pflichten hat. Oder doch vielleicht. Jedenfalls will ich die Hoffnung darauf mcht
Sage danach kam ein kurzer Brief aus Schlangenbad, in dem viel, fiel weniger stand als auf den drei Karten, und von diesem -t.age an schrieb jie nur alle halbe Woche noch und plauderte von Anna Grävenitz und bet wirklich auch noch erschienenen Elly Winterfeld, am meisten aber von Madame Solinger und der reizenden kleinen Sarah. Es waren immer dieselben Versicherungen, und nur am Schlüsse der dickten-Woche hieß es einigermaßen abweichend: „Ich smde jetzt die Kleine reizender al, die Mutter. Diese gefällt sich in einem Toilettenluxus, den ich kaum pastenb finden kann, um fo weniger, als eigentlich keine Herren hier sind. Auch !eh ich jetzt, daß sie Farbe auflegt und namentlich die Augenbrauen malt und vielleicht auch die Lippen, denn sie find kirschrot. Das Kind aber ist sehr natürlich. Immer, wenn sie mich sieht, stürzt sie mit Vehemenz auf mich SU und küßt mir die Hand und entschuldigt sich zum hundertsten Male wegen der Drops, ,aber die Mama fei schuld', worin ich dem Kinde nur zustimmen kann. Und doch muß andererseits ein geheimnisvoll «aschiger Zug in Sarahs Natur liegen; ich möchte beinahe sagen, etwas wie Erbsünde (glaubst Du daran? ich glaube daran, mein lieber Botho), denn sie kann von den Süßigkeiten nicht lassen und kaust sich in einem fort Oblaten, Nicht Berliner, die wie Schaumkringel schmecken, sondern Karlsbader nut emgeftreutem Zucker. Aber nichts mehr schriftlich davon. Wenn ich Dich wiederfehe, was sehr bald sein kann — denn ich möchte gern mit Anna Grävenitz zusammen reisen, man ist doch so mehr unter sich —, sprechen wir darüber unb über vieles andere noch. Ach, wie freu ich mich, Dich Wiedersehen und mit Dir aus dem Balkon sitzen zu können. Es ist doch am schönsten in Berlin, und wenn dann
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Unter diesen Worten hatte die robuste Frau der alten Nimptsch eine biPpelte Portion von ihrem Fingerhut eingezwungen.
Lene, die bei dieser energischen Hilfe von einer doppelten und nur zu hrechtigten Angst befallen wurde, nahm ihr Tuch und schickte sich an, tnen Arzt zu holen. Und die Dörr, die sonst immer gegen die Doktors war, fette diesmal nichts dagegen. „ .
Geh", sagte sie, „sie kann's mcht lang mehr machen. Guck bloß mal hier (und sie wies auf die Nasenflügel), da sitzt der Dob.
Lene ging; aber sie konnte ben Michaelkirchplatz noch kaum erreicht h-ben, als die bis dahin in einem Halbschlummer gelegene Alte sich aufrichtete und nach ihr rief: „Lene..."
„Lene is nich da."
„Wer is denn da?"
' „Ich, Mutter Nimptsch. Ich, Frau Dörr." „
„Ach, Frau Dörr, das is recht. So, hierher; hier auf die Hutsche.
Frau Dörr, gar nicht gewöhnt, sich kommandieren zu lagen, schüttelte sch ein wenig, war aber doch zu gutmütig, um dem Kommando mcht nach- z-kommen. Unb so setzte sie sich denn auf bie Fußbank.
Und sieh da, im selben Augenblick begann auch die alte Frau schon: „Hch will einen gelben Sarg haben un blauen Beschlag. Aber nich zu viel...
„Gut, Frau Nimptsch."
„Un ich will auf'n neuen Jakobikirchhof liegen, hmtern Rollkrug un Mz weit weg nach Britz zu."
„Gut, Frau Nimptsch." , r . .
„Un gespart hab ich alles dazu, schon vordem, als ich noch sparen konnte. In es liegt in der obersten Schublade. Un da liegt auch das Hemd un das iamisol, un ein Paar weiße Strümpse mit N. Unb bazwischen liegt es.
„Gut, Frau Nimptsch. Es soll alles geschehen, tote Sie gesagt haben, lind is sonst noch was?" , ,
Aber die Alte schien von Frau Dörrs Frage nichts mehr gehört zu haben, unb ohne Antwort zu geben faltete sie bloß die Hände, sah mit einem front« uen und freundlichen Ausdruck zur Decke hinauf und betete: „Lieber Gott in Himmel, nimm sie in deinen Schutz und vergilt ihr alles, was sie mir
icRciiet Samilicnbläner
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
ihrgang 1959


