Ausgabe 
3.2.1939
 
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GjchenerZamilienbliilter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Hrettag, den 3. Zebruar

Nummer 10

Jahrgang 1939

Der kerzelmacher von Sankt Stephan

lkln heiterer Liebesroman von Alfons o. LZibulka

dopyrlgfjt by I. G. ilotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart

20. Fortsetzung.

Auch am andern Tage, als ein Hoflakei erschien und meldete, daß Ihre Majestät die Baronin am nächsten Vormittag um elf erwarte, konnte sie nicht daran denken, aufzustehen. Sie wollte sich entschuldigen lassen. Die Affäre mit diesem Mädel erschien ihr setzt selbst als Baga- tetle. Aber die Grand'mere wollte davon nichts wissen. Sie erklärte, sie werde an Marte-Luisens Stelle zur Kaiserin gehen. Sie war Optimistin aus Ueberzeugung. Sie konnte nicht finden, dah das Leben ein Jammer- :al fei. Ihr hatte sich schließlich alles zum Guten gewendet. Das würde petzt auch nicht anders sein. Der Christi würde schon wieder gesund werden! Aber eben deshalb mußte die Geschichte mit der Lebzelterin in Ordnung gebracht werden. So oder sol Weiß Gott als welchen Satan Marie-Luise der Kaiserin das Mädel geschildert hatte. Es war wohl besser, wenn Grand'mere bei der Audienz assistierte. Wie hantig die Kaiserin werden konnte, wußte man sal

Als die Grand'mere vor zwei Jahren zum letzten Male in Audienz gewesen war, war ihr der Hofknicks noch gelungen. Diesmal aber wollten die Knie nicht mehr. Auf ihren Stock gestützt, stand sie an der hwhen, weißen Türe im Arbeitskabinett der Kaiserin, machte eine hils- lefe, bedauernde Handbewegung und entschuldigte ihr Unverinögen mit einem liebenswürdig-verlegenen Lächeln.

Maria Theresia erhob sich, sagte erfreut:Die Grand'mere", ging ruf sie zu, nahm die Greisin an der Hand und führte sie zu einem Iwhen, gepolsterten Stuhl neben ihrem Schreibtisch:Das ist aber schön, !>ah Sie kommt. Wir haben uns eine ganze Ewigkeit nicht gesehen." Sie warf einen Blick nach der Uhr:Aber wo bleibt Ihre Schwieger- ivchter? Für Viertel nach elf hab ich die Brand bestellt."

Die alte Baronin berichtete. Maria Theresia streichelte tröstend ihre Hand:Was, der Ravenau ist gefangen und wieder verwundet? Davon wußte ich ja gar nichts. Hoffentlich ist es nicht so schlimm, wie es russieht."

Die Baronin lächelte:Unkraut verdirbt nicht, Majestät."

Eine Optimistin war Sie schon immer, Grand'mere. Doch mit dem Unkraut hat Sie schon recht bei Ihrem Herrn Enkel. Ist sonst ein braver Offizier und wird's zu was bringen. Aber diese Dummheit mit der Orand geht mir schon recht contre coeur ... Schad, daß er bei der Heinen Hartenberg zu spät gekommen ist!"

Die alte Rabenau machte verwunderte Augen. Mit der Hartenberg oac es also nichts. Die Chancen der Wachszieherin stiegen entschieden. Sie fragte:Zu spät, Jhro Majestät?"

Ja, leider. Sie weiß doch, Grand'mdre, daß ich eine Mariage wischen der Komtesse und Ihrem Enkel gern gesehen hätte. Ich habe Jogar ein bißchen Vorsehung spielen und den Herrn Leutnant für ein paar Wochen ins Quartier nach Jaunitz legen wollen. Auch der Komtesse labe ich geschrieben und ihr geraten, gleich von allem Anfang an recht iieb mit ihm zu fein. Aber die Preußen machten mir einen Strich durch He Rechnung. Rabenau kam nicht nach Jaunitz, und fogar die Briefe I ngen sie ab. Und jetzt schreibt mir ihr Vater, daß sie plötzlich einen Uten polnischen Grasen geheiratet habe. Muß Hals über Kopf gegangen (ein. Denn als mir die Komtesse nach dem Fasching Adieu sagte, war ivn jo rascher Beendigung ihres jungfräulichen Standes nicht hie Siebe ..."

Kleine Frivolitäten liebte die Grand'mere. Sie zwinkerte mit den luftigen Aeuglein und sagte:Vielleicht war's umgekehrt, und der so Mtzlich verlorene Jungfernstand nicht die Folge, sondern die Ursache der Mariage."

Maria Theresia stutzte:Ra, sei Sie so gut! ... Aber jetzt sag Sie nir, Grand'mere, was macht Ihr Herr Enkel für Geschichten?"

Die Kleine ist halt bildhübsch und allerliebst, Majestät."

Ich weiß. Aber kennt Sie sie denn?"

Ich hab sie mir angeschaut."

Die Kaiserin drohte lächelnd mit dem Finger:Für alle Fälle. Wie? ... Na, und zu welchem Ergebnis ist Sie gekommen?"

Daß ich sie, wenn ich ein Mannsbild wäre, vom Fleck weg hei­raten tat."

Aber Grand'mere!"

Die Uhr auf dem 'Schreibtisch schlug. Der Kämmerer vom Dienst trat ein und meldete:Der Brand, Jhro Majestät!"

D i e Brand meint Er wohl, mein Lieber ..."

Ich bitte untertänlgst um Vergebung, Jhro Majestät: d e r Brand!"

Die Kaiserin runzelte die Stirn. Das Frauenzimmer hatte wohl Angst bekommen. Oder hatte es ein schlechtes Gewissen.Führ Er ihn herein!"

Die alte Rabenau erhob sich mühsam. Sie wollte gehen. Daß das Mädel nicht selber kam, gefiel ihr nicht. Maria Theresia drückte sie sanft in den Stuhl zurück:Es ist mir lieb, wenn Sie bleibt, Grand'­mere. Damit Sie selber sieht." Sie setzt sich wieder an den Schreibtisch: Wenn das Frauenzimmer kein schlechtes Gewissen hätt, täte es wohl nicht den Vater schicken."

Ein Geräusch war zu hören. In tiefer Verneigung stand Aloistus Brand an der Türe. Die Kaiserin dankte ihm nicht. Sie wandte nur den Kopf und sagte herrisch:Ich hab doch Seine Tochter befohlen und nicht Ihn!"

Der Wachsziehermeister sah auf, krümmte wieder den Buckel und sagte demütig, leise: ,Lhro Majestät, ich komme selbst, weil ..."

Red Er lauter! Also was ist? .. Tret Er näher!"

Brand stand jetzt neben dem Schreibtisch der Monarchin, vor dem Lehnsessel, in dem die alte Rabenau sah.Halten zu Gnaden, Jhro Majestät, meine Tochter ..." Er stockte.

Maria Theresia sah, daß feine Knie zitterten und ihm der Schweiß von der Stirne rann. Sie fragte fünfter:Was ist mit Seiner Tochter? Ist sie krank?"

Nein, Jhro Majestät ... verschwunden." Die Stimme versagte ihm.

Die Baronin in ihrem Lehnstuhl hob den Kopf. Die Kaiserin lehnte sich zurück und fragte erstaunt:Verschwunden? Na hör Er Seit wann?"

Seit heute früh ..." Er fuhr sich mit dem Tuch über die Augen.

Seit heute früh? Dann kann Er sich seine Sorgen sparen ... Dann kommt sie schon wieder. Sie hat nur Angst vor mir gehabt. Tut auch gut daran. Hab ihr schon lang den Kopf waschen wollen ... Aber ich seh, Er will was sagen ... Na, so red Er schon!"

Brand dienerte:Halten zu Gnaden, Eure Majestät, es ist nicht wegen der Audienz. Wie wir heute früh meine Tochter im ganzen Haus ge­sucht haben, hab ich's erst auch geglaubt. Aber dann hab ich den Brief gefunden, den sie zurückgelassen hat, und daraus gesehen, daß es wegen der Audienz nicht sein kann ..Tränen standen in seinen Augen.

Die Stimme der Kaiserin klang milder:Ja, weshalb denn? ... Schreibt sie wenigstens, wohin sie ist?"

Der Wachszieher zögerte. Dann sagte er leise:Ja, Jhro Majestät ... zur preußischen Armee." Er wußte ja nicht: vielleicht war das schon Hochverrat.

Die Kaiserin fuhr auf: ,Zst jetzt Er närrisch oder sie? Zur preu­ßischen Armee?"

Brand krümmte den Buckel und hob ratlos die Hände:Zum Herzog von Braunschweig, hat sie geschrieben."

Maria Theresia schüttelte den Kopf:Kann mir nicht vorstellen, was Seine Tochter von den Preußen will ..."

Ein kurzes, fröhliches Lachen war zu hören. Cs war gegen alle Etikette. Aber Grand'mdre durfte sich schon etwas erlauben. Die Kaiserin sah sie fragend an. Die alte Rabenau wiegte vergnügt den kleinen Greisinnenkopf:Ich schon. Majestät!"

Für einen Augenblick zuckte ein Schmunzeln über das Antlitz der Monarchin Sie hatte verstanden. Sie wandte sich wieder an den Wachs­ziehermeister:Eine unternehmende Tochter hat Er. Das muß man Ihm lassen ... Er kann sich also nicht denken, warum Seine Tochter zu den Preußen ist?" Brand verneinte betrübt.Auch nicht, wenn ich Seinem Gedächtnis nachhelf und Ihn an den Leutnant von Rabenau erinnere?"

Erst erschrak der Kerzelmacher. Hatte also auch schon die Kaiserin von der Geschichte gehört? Aber dann lächelte er trotz seines Kummers: Da können Majestät ohne Sorge sein. Wegen der Dummheit hab ich ihr schon längst den Kopf zurechtgesetzt."

Die Kaiserin warf einen Blick auf die Grand'möre, dann sah sie wieder Brand an:Fragt sich nur, obs auch was genutzt hat, mein Lieber!"

Dieser Zweifel an seiner väterlichen Gewalt schien ihn zu kränken. Er sagte mit Ueberzeugung:Doch, Jhro Majestät! Meine Tochter heiratet den Sohn vorn Nußdorfer Weinhändler Kirndorfer und damit punktum!"

Maria Theresia unterdrückte vergeblich ein Lächeln.Und damit punktum" pflegt in diesem Raume nur sie zu lagen. Sie lachte:Noch ein Heiratskandidat? Ihr scheint mir ja eine komplizierte Familie zu sein. Aber hält Er noch viel von Seinem .Punktum', wenn ich Ihm sag, daß der Leutnant von Rabenau blessiert und von den Preußen gefangen ist?"

Brand begriff nicht gleich. Doch dann starrte er entsetzt die Kallerin an. An diese'Möglichkeit hatte er bisher nicht gedacht. Er hob beschwö­rend die Hände:Das kann nicht sein, Jhro Majestät!"

Es ist nicht anders. Tut mir leib, daß ich Ihm das sagen muß!"