Künstlers! Fug und
Von Johann Wolfgang von Goethe. Ein frommer Maler mit vielem Fleiß Hatte manchmal gewonnen den Preis, Und manchmal ließ er's auch gescheh«. Daß er einem Bessern nach muht' stehn; Hatte seine Tafeln fortgemalt. Wie man sie lobt, wie man sie bezahlt. Da kamen einige gut hinaus;
Man baut ihn'n sogar ein Heiligenhaus.
Nun fand er Gelegenheit einnjgl, Zu malen eine Wand im Saal; Mit emsigen Zügen er staffiert, Wie öfters in der Welt passiert; Zog seinen Umriß leicht und klar. Man konnte sehn, was gemeint da wa>.
Mit wenig Farben er koloriert. Doch so, daß er das Äug' frappiert. Er glaubt es für den Platz gerecht Und nicht zu gut und nicht zu schlecht, Daß es versammelte Herrn und Frau'n Möchten einmal mit Lust beschaun; Zugleich er auch noch wünscht' und wollt'. Daß man dabei was denken sollt'.
x Als nun die Arbeit fertig war, Da trat herein manch Freundespaar, Das unsers Künstlers Werke liebt. Und darum desto mehr betrübt, Daß an der losen, leidigen Wand Nicht auch ein Götterbildnis stand. Die setzten ihn sogleich zur Red', Warum er so was malen töt'. Da doch der Saal und seine Wand' Gehörten nur für Narrenhänd; Er sollte sich nicht verführen Und nun auch Bänk' und Tische beschmieren; Er sollte bei feinen Tafeln bleiben Und hübsch mit seinem Pinsel schreiben; Und sssgten ihm von dieser Art Noch viel Verbindlich's in den Bart.
Er sprach darauf bescheidentlich: „Eure gute Meinung beschämet mich. Es freut mich mehr nichts auf der Welt, Als wenn euch je mein Werk gefällt. Da aber aus eigenem Beruf Gott der Herr allerlei Tier' erschuf, Daß auch sogar das wüste Schwein, Kröten und Schlangen vom Herren sein. Und er auch manches ebaud}iert*. Und gerade nicht alles ausgeführt (Wie man den Menschen denn selbst nicht scharf und nur en gros betrachten darf): So hab' ich als ein armer Knecht Vom sündlich menschlichen Geschlecht Von Jugend auf allerlei Lust gespürt Und mich in allerlei exerziert. Und so durch Uebung und durch Glück Gelang mir, sagt ihr, manches Stück.
Nun dächt' ich, nach vielem Rennen und Laufen Dürft' einer auch einmal verschnaufen. Ohne daß jeder gleich, der wohl ihm wollt', Ihn ’nen faulen Bengel heißen sollt'. Drum ist mein Wort zu dieser Frist Wie's allezeit gewesen ist:
. Mit keiner Arbeit hab' ich geprahlt, "nd was ich gemalt hab', hab' ich gemalt."
Hans Ldowa.
Zum hundertsten Geburtstag des Malers am 2. Oktober.
Von Ern st von Niebelschütz.
Unter den deutschen Malern in der zweiten Hälfte des vorigen Jahr- taiberts hat keiner einen solchen Grad von Volkstümlichkeit erlangt wie kt Schwarzwälder Bauernsohn Hans Thoma. Daß der Ruhm ihn •fit spät erreicht und den für Huldigungen nicht Unempfänglichen auch >iht selten aus der Bahn gedrängt hat, sollte keinen Anlaß dazu geben, k» Thoma der siebziger und achtziger Jahre in Gegensatz zu dem späten “Ptna zu bringen, den Maler gegen den Fabulieret: auszuspielen. Im »runde sind sie nicht zu trennen, so wenig das bei Schwind oder Ludwig Wer möglich ist. Mit ihnen teilt Thoma auch die eingeborene Heben hgung, daß^die „reine" Malerei, die sich mit der Wiedergabe der stcht- Men Welt und mit einer dem Auge wohlgefälligen Kombination von wrbcoerten begnügt, nicht das Letzte sein kann, daß es vielmehr Ausgabe ks Künstlers sein muß, das Weltganze zu umfassen und zu erfahren, hinter den Dingen ist. nn ,, , „„„„
Thoma hat sich zu jeder Zeit „vom Rätselraten der Welt umfangen JWt, fo daß es nicht schwer ist, auch in seinen frühen Bildern, die man
Recht als Wunderwerke einer naiven Malkunst preist, den „Poeten J »hm zu sehen. Ein Feldblumenstrauß, ein Mäbchenbilbnis aus dieser Eiode, in der er Courbet, dem geradesten, phrasenlosesten seiner sran-
* Entworfen, aus dem Rohen gearbeitet.
zosischen Kollegen, nachzueffern trachtete, fink eben doch deutscher, Re haben das „hinter den Dingen", das die Franzosen nicht haben Erft später, als Thoma um diese Mission wußte, als er das Deutsche im Gegenständlichen zu suchen begann, hat er zuweilen seine frühere Unbefangenheit verloren. Es ist vielleicht das Schicksal aller „Maler-Poeten", doppelt erklärlich in einer Zeit, in der man an der Existenzberechtigung von einer Volkstumskunst überhaupt zu zweifeln begann und das Gerede *on einer internationalen Malerei, die von Paris ihr Stichwort zu empfangen hatte,'gerade die gesündesten Kräfte zum Widerspruch aufrief.
Die Grundsätze, die ihn beim Schassen leiteten, hat er einmal so formuliert: „Tun und Wirken als Ausdruck eines ruhigen, in sich gegründeten Seins, ohne vorgefaßte Absicht, damit die Welt zu beglücken und belehren zu wallen — ein frohes Spiel der in ihm liegenden Kraft — ohne immer an das Bewußtsein einer Endabsicht, eines Zweckes dieses Schassens anzustoßen, das ist das Wesen eines Künstlers". Von feiner Sendung hatte er eine hohe Vorstellung: „Ein wirklicher Künstler kann gar kein Kunstmärtyrer fein, auch wenn die Sebensmifere, die er ja mit allen Sterblichen gemeinsam zu tragen hat, ihn verfolgt; gerade in feinem Schaffen ist ihm etwas gegeben, was ihn über den Zufall der Geschehnisse erhebt." Wenn wir das lesen, fallen uns seine schönsten Bilder ein: die Landschaften seiner Heimat mit den hellen Wiesenbächlein und den ziehenden Wolken am hohen Himmel — alle so deutsch, daß auch die in Italien gemalten — und wie hat er den Süden geliebt! — so aussehen, als sei etwas von der Traulichkeit der grünen Matten und Wälder des Schwarzwaldes auf sie übergegangen, die Bildnisse auch, die ihm am schönsten geraten, wenn Beziehungen von Mensch zu Mensch das Verhältnis zwischen Künstler und Modell bestimmen, und schließlich auch viele der religiösen und mythologischen Bilder, fromm in jenem besten und wahrsten Sinne, der alles irdische Tun unter Gottes Hand stellt oder die Natur mit Wesen bevölkert sieht, die von Geiste der Landschaft selbst ins Dasein gerufen zu fein scheinen.
Malte er nach einem Programm? Nach den oben zitierten Worten: nein. Das war die schönste Zeit, wo er — nach einem Witzwort feines Freundes Bayersdorfer — „unverkäufliche Bilder" zu malen den herrlichen Ehrgeiz hatte und wahlwollende Kunstfchulprofefforen ihm zuredeten, künftig fo zu malen, wie gebildete Menschen es verlangen könnten. Als nach einem Vierteljahrhundert mit der Münchner Kunstver- einsausstellung von 1890 der Ruhm kam und damit die kritiklose Bewunderung der Thomagemeinde dem deutschesten der Maler noch ein besonderes deutsches Programm aufzudrängen beflissen war, da verließ ihn zuweilen die schlafwandlerische Sicherheit, und die Gefahr eines inneren Bruches wurde akut. Heute aber geziemt es sich, daß wir uns an das Unvergängliche feines reichen Lebenswerkes halten. Das ist freilich nicht das, was den lauten und allgemeinen Ruhm genießt, aber es ist groß genug, um uns das Recht zu geben, unter den Namen, an die wir denken, wenn wir für das Ewige der deutschen Kunst nach Worten suchen, auch den Namen Hans Thoma ?"
Von Irmgard Thomas.
Als der tzrühsommer strahlend ins Land kam, hielt es den jungen Maler Hans Thoma nicht mehr in Karlsruhe. Es wollte ihm nicht aus dem Sinn gehen, um wie vieles schöner der Juni droben im Heimatdörfchen fei als in der großen Stadt zwischen den hohen, steinernen Mauern. Und wenn er eiwa den Stift zur Hand nahm, fo zeichnete er immer wieder das kleine Häuschen, darin die Mutter wohnte, die sammer- lustigen Reigen der Kinder auf der Dorfstraße und die Menschen, die hin zu den Feldern gehen. Mit jedem Tag wuchs die Sehnsucht, bis er endlich [ein Ränzlein packte und sich auf den Weg machte nach Bernau.
Als er die schönen Türme des Freiburger Münsters erst einmal wieder sah, wurde dem jungen Maler so recht froh zumute und er dachte, daß es auf der Welt doch nichts befferes gebe, als fo in den Tag hinein zu wandern. Und weil er zu früher Stunde keinem Menschen begegnete, so gehörte ihm halt allein die ganze Schönheit rings umher, und er war fröhlich darum, pfiff und fang, wie es ihm just einfiel. In das Glück der Sommerwanderung kam auch noch ein Quentlein Stolz, denn feit er von daheim weggegangen, hatte er als Maler schon manchen hübschen Erfolg gehabt, und er vermeinte, man müsse es ihm geradezu ansehen, daß er als ein „Besonderer" heimkehre nach Bernau.
Die Sonne meinte es gut an diesem Tag, uttd so dachte denn Hans Thoma gegen den Mittag hin, es könnte ein kühler Schluck vor dem letzten Aufstieg gut tun.
Er trat denn auch in ein kleines Wirtshaus am Weg, lud bas Ränzlein ab, rückte sich auf der hölzernen Bank zurecht und rief:
„Heda, Frau Wirtin!"
In der Tür erschien nach geraumer Weile eine behäbige Frau und fragte nach feinem Begehr.
, Ein Sdjöpplein vom Besten", bestellte der Hans Thoma, klimpert ein wenig mit den Groschen in der Tasche und kommt sich recht wie ein großer Herr vor.
Die Frau schenkt es ihm ohne sonderliche Eile ein und stellt s vor ihn -hin auf den blanken Tisch.
„Woher die Reis'" fragt sie gleichmütig.
„Von Karlsruh", gibt der Gast zurück.
„So, fo von Karlsruh, das ist halt arg weit!"
Hans Thoma nickt mit wichtiger Miene. Sie soll sehen, daß er ein gereifter Herr ist.
„Und wo geht's hin?" geht das landesübliche Fragenfpiel weiter.
„Nach Bernau droben!"
„Da find Sie wohl in Bernau zu Haus?" forscht die Wirtin.
„Ja", antwortet Hans Thoma, und es brennt ihm auf der Zunge, sich' als ein „Besonderer" auszuweisen. „Ja, ich bin schon von Bernau. Aber ich leb holt schon lang in der Stabt brinnen, wegen bem Berus, wissen's Frau W'rtin!" Unb er wird ihr auf bie nächste Frage bann anf=


