Ausgabe 
2.10.1939
 
Einzelbild herunterladen

,Sas wird man wohl In Vlifferon wissen", meinte der Landwehr­mann und fügte hinzu, daß dort ein anderer Feldpostbezirk beginne.

Dann muß sie halt umsteigen", gähnte der Unteroffizier und sah, daß sich die Griselle entfernte, um ihr Bündel zu holen.

Endlich zieht sie", sagte der Landwehrmann und meinte die Pfeife. Als er sie in Brand gesteckt hatte, warf er einen Blick auf den Postillon, der auf dem Stuhl eingedröselt war.

Wo ist das Weib?" fragte er so laut, daß der Postmann erwachte.

Weidlich erschrak. Donner! Sie war ausgerissen... Aber ein Blick aus dem Fenster beruhigte ihn:Eine gehorsame Person, die Folgsamkeit habe ich ihr gar nicht zugetraut, dort steigt sie ein!"

Die drei Männer beobachteten, wie die Griselle in den leeren Passagier­raum der Kutsche stieg.

Der Landwehrmann rauchte seine Pfeife zu Ende mit einem Ernst, als sei dies die wichtigste Beschäftigung feines Lebens, und fürwahr, er war ein genußvoller Raucher. (Er hatte jüngst ein virginisches Kraut ent­deckt und es pfundweise eingekauft.)

Der Unteroffizier hätte ihn gern ob dieses Verweilens gerügt, denn er wollte noch eine Mütze Schlaf mitnehmen, bevor der Tag vollends erwachte. Aber schließlich hatten auch die Postleute, die schon seit mitt- nachts von Beauvillers aus auf Reifen waren, ihr Verlangen nach könig­lich preußischer Ruhe, und solchen Anspruch muß man achten.

Endlich erhoben sich die beiden.Wenn ihr die Person nicht weiter­fahren könnt, müßt ihr sie beim Ortskommandanten der letzten Station abgeben, verstanden?" sagte Weidlich.

Schon gut", erwiderte der Landwehrmann. Hell knallten die Nagel­schuhe über das Pflaster des Place d'armes. Der Postillon stieg auf den Bock, aber bevor der Landwehrmann folgte, warf er einen Blick in das Innere des Wagens. Da faß die Frauensperson, ganz in eine Decke gehüllt, und schlief, oder tat so, als ob sie schliefe.

In der nächsten größeren Ortschaft, in Savigne, gab es nur wenig Aufenthalt. Die, Mannschaften waren zum Appell angetreten und konnten sich nur mit den Augen um die Kutsche kümmern. In Savigne wurde der Postillon die meisten Postsäcke los, denn von hier aus ritten Ordonnanzen nach den Kommandos, die seitab der Heerstraße tagen. z

Bevor die Feldpost weiterfuhr, vergewisserte sich der Landwehrmann ob jein Passagier nicht etwa was konnte alles geschehen durch den Boden des Gefährtes gefallen und auf der Landstraße verloren­gegangen war.

Da faß das Weib noch immer in die Ecke gedrückt in der Stellung, die sie bei Beginn der Fahrt eingenommen hatte. Sie hatte die Decke über den Kops gezogen, Augen und Mund schauten aus der Vermum­mung, sehr ängstlich, wie es schien. Der Landwehrmann legte eine Scheibe Brot und ein Stück Wurst neben die Frau, denn er war ein gütiger Mensch. In diesem Augenblick schien es, als zwinkere ihm die scheinbar Schlafende zu. Schnell schloß er die Tür der Kutsche, denn dieses Zwinkern war vielleicht eine Versuchung.

Aber während der Fahrt versank der Landwehrmann in Grübeln, denn irgend etwas war ihm bei seinem weiblichen Passagier anders vor­gekommen als bei der Ausreise.

Er überlas den Ausweisungsbefehl: Germaine Griselle aus Vignelles jur mer, Wirtschafterin, wird auf Befehl des unterzeichneten Ortskom­mandanten aus Mereville ausgewiesen und in der Richtung ihres Heimat­ortes abgeschoben. Alle militärischen Stellen werden ersucht, diesem Transport ihren Beistand zu gewähren, damit die Griselle schleunigst aus dem Operations- und Etappengebiet entfernt wird. Die Germaine Griselle ist eines leichten Lebenswandels verdächtig. Begleitmannschaften sollen jedes Gespräch mit der Griselle vermeiden. Sie ist keinen Augenblick ohne Aussicht zu lassen!

Nein, in diesen Zeilen war nichts zu entdecken, was sein Unbehagen stützte. Aber die lebende Fracht war ihm auf einmal, er wußte nicht wie, unheimlich.

Die Post hielt vor der Posthalterei in Blisieron. Der Landwehrmann stieg ab, der Postillon folgte. Der Wachtposten wies die beiden ins Haus. Kräfte empfing den Postfack.

Wir haben ein Weid mitgebracht!" sagte der Landwehrmann und gab Kräfte den Befehl.

Krätke las ihn, wunderte sich und reichte ihn Setting, der jetzt ins Zimmer trat.

Was sollen wir denn mit einer Weibsperson?" fragte der Premier­leutnant. e

Der Landwehrmann erwiderte mit Haltung, daß er mit seiner Post wieder umkehre. Er fei der Meinung, daß von hier eine andere Postlinie weitergehe, mit der die Ausgewiesene dann sozusagen von Hand zu Hand in der befohlenen Richtung weitergegeben würde.

Vielleicht war die neue Feldpost geplant, aber eingerichtet war sie noch nicht, zurllckschicken konnte man die Person auch nicht, es würde wohl nichts anderes übrigbleiben, als sie bis zur Gelegenheit eines Abjchubs hier zu behalten. >

Ich will mir dieses unflätigen Benehmens schuldige Wesen einmal ansehen! Da hat man uns etwas Schönes aujgehalst", sagte Selling.

Die Ausgewiesene stieg langsam aus der Kutsche, es geschah sehr unbeholfen. Sie hatte sich während der ganzen Fahrt kaum gerührt, ihre Glieder waren steif, doch wagte sie nicht, sie zu dehnen.

Als sie den Blick hob, schwankte sie und wäre umgefallen, wenn nicht Krätke sie aufgefangen hätte.

Der Landwehrmann aber fühlte, wie die Unruhe, der er unterwegs anheimgefatten war, sich jäh zu einer Erkenntnis wandelte: das war nicht die Frau, die er in der Mairie in Mereville gesehen hatte!

Die Frau aber, nun wieder gefaßt, reichte Selling den Ausweisungs­befehl der Landwehrmann sah es und erkannte, daß doch alles in Ordnung war.

So jagte er feinen Verdacht rasch davon und wunderte sich nur im stillen, wie leicht man im Dämmerlicht einer Täuschung verfallen kann.

Es ist gut", sagte Setting und entließ den Mann. Dann juchte jein

Blick Kräfte, tmti er sakj, Sckß Miffkdse fSertoffhSerung Such kn des Wachtmeisters Gesicht stand.

Selling jetzte sich. Ja, er mußte sich setzen. Des Wachtmeisters uni) Settings Augen hingen an der Frau.

Da soll doch der Teufel", sagte Setting laut.

Er zeigte Kräfte den Befehl, den der Landwehrmann zurückgelasjen hatte: Germaine Griselle, wegen unflätigen Benehmens abgeschoben! Leichtsinnigen Lebenswandels verdächtig!

Sie find Germaine Griselle, Wirtschafterin aus Mereville?

, Ja!" erwiderte die Ausgewiesene schwach. Ihr Herz schlug in raschen Schlägen, am liebsten hätte sie sich in einer stumpfen tierischen Angst in die Arme eines der Männer geworfen und wäre ohnmächtig geworden.

Zum Teufel!" schrie Selling.Sie heißen Griselle? Ich denke, Sie sind eine reisende Engländerin? Der Bahnhofsvorsteher, mit dem wir Sie auf der Chaussee erwischten, beteuerte es! Der Maire von Mereville war aus dem gleichen Grunde Ihr Gastgeber! Ihre Art zu sprechen verrät es! Auf einmal sind Sie eine Französin und heißen Griselle?"

Sie schwieg. Es war ihr noch nie geschehen, daß sie jemand anschne. Hier geschah es. Sie brach in Tränen aus, obwohl sie sich verzweifelt wehrte, 311 diesem weiblichen Samps- und Hilssmittel Zuflucht zu nehmen.

Heulen Sie sich nur aus", sagte Selling,ich gehöre zu den Mannern, die Tränen sehen können."

Srätte schob ihr einen Stuhl hin. Sie setzte sich und weinte weiter sie wußte nicht, woher all die Tränen kamen. Sein Wunder. Ihr Gemüt lag unter schweren Wolken, es regnete in ihrer Seele.

Wenn mich Gilbert Jllington jetzt sähe, es wäre sein schönster Triumph, dachte sie.

Denn die weinende Frau war Ann Moreland.

Bei der Verwandlung der Germaine Griselle in Ann Moreland mstchtc das Glück die Spielkarten, das ist gewiß.

Der Aufbruch von Ätereville war gleichwohl em Sunststuck, dessen Ausführung einen Geheimagenten beschämen konnte.

Die beiden Frauen hatten mit Gerissenheit und Wagemut jeden Augenblick berechnet. Je Heller der Tag, desto schwieriger das Unter, nehmen. . ... .

Der Himmel war aber dem Gelingen gnädig, denn er zog sich ein Wolkenkleid an, grau wie der Diener eines Geheimnisses. Die Luft war schwer von Düsternis, es roch nach Tragödie, obwohl die Stunde weil davon entfernt war. ,

Während der Nacht hockten die verschworenen Weiber in Anns Zimmer. Es waren verschiedene'Naturen, aber sie verstanden einander. Ein fester Sitt fügte ihr Unternehmen, wie Mörtel den Stein bindet: die eine brauchte die andere, um das zu erreichen, was sie erreichen wollte.

Ann war überzeugt, daß sie von Vignelles für mer mindestens Bow loqne jur mer erreichen könnte.

Germaine wollte in Mereville bleiben, heimlich zwar, doch um der Heimlichkeit gefährlichen Preis in den Armen Theophils.

Ich hole mein Bündel", hatte die Griselle'zu Weidlich gejagt unD sich in dem morgenmüden Augenblick, in dem die Männer ihre Anwesen- heit vergaßen, auf den dunklen Hausflur begeben. .

Dort zwischen Treppengang und Hausflur nahm Ann Kopftuch uno Mantel der Grifelle und fchob dann, mit Decke und Bündel beloben, hm- äber zur Sutfdje. _ m

Sie hatte Germaine genMbeobachtet, sie versuchte sogar deren Gang nachzuasMen.e üer(ie^ trug sie den Sopf tief im Mantelkragen,

ein verständliches Gehaben, wenn man an den kühlen Morgen denkt.

Sie schielte ein wenig nach dem Wachtposten, ob er sie auch sah.

Ann ging wie mit Blei an den Füßen. So geht eine Ausgewiesene, Verbannte, schwer und bedrückt. Am liebsten wäre sie freilich nach der Sutsche gerannt. Aber sie bezwang sich und war eine gute Sonwöiantm, um so mehr, als sie sich ihre Rolle ja selbst geschrieben hatte.

Der Posten, der von der Ausweisung wußte, dachte: Ja, so geyr s, frech darf so eine nicht werden, da hat sie nun ihren Lohn!

Auch Weidlich und die beiden Pojtbegleiter sahen sie etnfteigen.

In der Sutsche duckte sie sich zusammen, versteckte Gesicht und J)°ar in der großen Decke und spielte die Verängstigte. ,

Dieses Spiel fiel ihr nicht allzu schwer. Denn als es in den am klarenden Tag hinausging und die Sonnenstrahlen durch das Kmiw fenfter sprangen, kroch eine Bedrückung in ihr Herz und schnürte um mit der Teufelsschnur einer bösen Vorahnung ihre Selfie zu. Ihr

h Es würde, wer weiß, vielleicht alles nicht so gut gehen, wie H)rl Gedanken die nächsten Tage an den Himmel der Zuversicht malten.

Für die Griselle wäre es nach Ann Morelands Abreise nicht schwer gewesen, aus der Mairie durch das Gartentürchen zu entweichen.

Gefährlicher war es, in das Haus Beauvifage zu tomnWn. Das

keine Hintertür. . ... ..

Zwar konnte Germaine über des Nachbarn Grundstück schleichen un ein Zaunstück ausbredjen, doch hatte auch der Nachbar, wie das 1) Beauvisage, (Einquartierung. ...

Die Griselle warf solchen Plan hin und her, offne eine Entschewun« zu treffen. Sie kauerte im verlassenen Zimmer der Engländerin, naajuc sie die Tür sorglich verschlossen hatte. .

Sie grübelte und wartete. Der Tag erwachte vollends. Die r)vu, gegenüber öffneten die Fensterläden: es sah aus, als schlüge der v d'armes di« Augen auf. ,

Auch die Mairie schüttelte das nächtliche Schweigen at).; ßabatut trat ängstlich an, Adamaux wartete bereits vor bem1 W 1 Die Befehle des Hauptmanns Baernburg belebten die Wochm ' ' Gruppen van Soldaten aus den einzelnen Quartieren tröpfelten ou! den Platz. Die Kompanie trat zum Appell an.

(Fortsetzung folgt.)