Ausgabe 
2.6.1939
 
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Sollte es heute abend nicht auch Bowle geben? Also Wein kalt stellen. Und war die neue Kiste Gansesutter schon angekommen? Sie lief nach den Schlüsseln, gab in der Küche Bescheid. Bei einem Gange durch den Garten brach sie Nelken für den Tisch, rückte aus der Terrasse die weiß- gestrichenen Stühle zurecht, legte neue Decken auf. Beim Hin- und Her- gehen wurde sie fröhlich. Sie sah ihre Gestalt in dem großen Hallenspiegel austauchen und verschwinden, dunkel und schmal. Wie finster so em schwarzes Kleid aussicht, dachte sie. Es paßt nicht in den Sommer. Warum legen wir im Leid nicht weihe Kleider an wie die Chinesen?

Eine Bemerkung Lieselottes fiel ihr ein:Hanne sieht un Trauerkleid aus wie ein fchwacßcs totiefniütterd)en, eins von Öen samtenen, stltten. Die junge Frau sand monajmal solche Worte, und man wunderte sich dann, wenn man sie gleich daraus jo männlich und bestimmt mil den Gutsleuten reden hörte oder sah, wie sie beim Heimkommen Hut und Handschuhe achtlos von sich war,.Du bringst es ja wieder in Ordnung, nanne', sagte sie dann zu der Vorwurfsvollen. Und es war em wenig Anerkennung, aber auch etwas Ueberlegenheit in dieser Antwort. Jetzt klang ihre (stimme vor dem Hause. Die Tür flog auf.Schnell, schnell, Hanne, der Kommissar kommt uns gleich nach. Hilf mir beim Urnzieyen.

Geiage begann. Heihes Wasser, ein Helles Kleid, kleine Schuhe.So, ich danke dir, Hanne, Zieh du sich nur nicht mehr um. Leine schwarzen Kleider sehen sich ja alle gleich. Und dies etwas verwehte Haar ftehl dir am(Schielt ihren dunkle» hochsrifierten Kopf einen Augenblick gegen den blahblonden krausen der Freundin.Warum willst du abreisen, Siebes? Bleiv doch hier, immer; du weiht, wie wir dich brauchen. Komme mir nicht mit deiner Schule. Möchtest du dein Leven lang Kinder unter- n$©ie? gingen die Treppe hinunter, Männerstimmen sprachen in der ftaUe Mein Leben lang? dachte das Mädchen. Nein! Aber auch nicht hier jein, wo mir so viele neue Wünsche kommen, wo ich wohl ferne Sremöe bin, aber doch weniger als ein Gast. Oft ein wenig beiseite geschoben. Durch mein eigenes Ungeschick. Und so voller Oebenssehnfucht.

Sie sah an ihrem Kleide hinao. Eine Schwester war ihr gestorben, wenig älter als sie, nach einem Leben, das noch ganz Knospe gewesen war, Erwartung für etwas, bas niemals kommen wollte. Hanne trauerte uet Verstorbenen leibenschasÜich nach, und wie nun die Monde des Verlustes sich zum Jahre schlossen, war ihr, als lebte die Seele der Schwester in ihr als schlüge ihre Sehnsucht mit der eigenen zu einer starken Flamme ineinander. Als dürfe nicht noch einmal ein Leden vom gleichen Zweige durstend und ungelabt in die grohe Tiefe sinken.

.Hanne, pah aus!" Die Freundin zupfte sie am Aermel Der Gast verbeugte sich vor ihnen, sehr tief und respektvoll. Bei Tische sah ste ihm gegenüber. Ein feines noch sehr jugendliches Gesicht, kluge Augen. Er lachte zuweilen beim Sprechen in einer leichten säst kindlichen Art. Wie ein sehr gütiger Mensch, dachte sie und hörte mit Staunen, wie d.e Herren von der Verwaltungsarbeit des Bezirks redeten. Sie hatte nie überlegt, wer alle diese Fäden in der Hand hielt. Recht sprach und Ordnung schasste. Heute merkte sie nicht, daß niemand das Wort an s.e richtete sie lauschte mit allen Sinnen. Auch spater am der Terrasse, als die Dämmerung aus dem Garten stieg, die Amseln still wurden und vom Dorfe her die langgezogenen Töne eines Liedes klangen.

Lieselotte warf allerlei Fragen ins Gespräch, und der junge Kommissar beantwortete sie so sorgsam und gebutoig, als spräche er zu einem Kinde. Es war von den Ausgedingen die Rede, den alten arbeitsunfähigen Leuten, die bei einem Holzverkauf wegen ihrer Gebrechlichkeit mit über­nommen und erhalten werden muhten. Hier hatte der Beamte manches zu schlichten und zu vermitteln, denn ihr Los war oft hart, sie lebten dann wie alte überflüssige Tiere. ,

Still saß das Mädchen in seinem Sessel. Wie wunderlich ste dieses Gespräch erregte! Arbeit war auf dem fleißigen Gute Tag für Tag um sie. Und auch Arbeitsfreudigkeit, in die sich für die Besitzer die Genugtuung über das Gelingen mischte. Aber daß jemand so heiter und lebendig von einem Wirken für andere sprach wie von ^einer großen Liebe, die ihn erfüllte, dabei ganz ohne Eitelkeit, das hatte sie noch nie erfahren. Etwas in ihr glutete auf und durchwogte sie. Somi Leben zu stehen, mußte Segen bringen. Ihr fiel ein, was ßie[elottes*Dlann von dem Gast erzählte. Er sei oft krank gewesen und hätte schwer mit den Examen zu kämpfen gehabt. Auf dem Lande sei er bann gesunb geworben.

Ja gesund. Das fühlte man in jedem Worte. Hannes Puls flog. Irgend jemand hatte ihr einmal gesagt, das Schönste am ®eruf einer Lehrerin fei das Wirken auf Menschen Ihre Bescheidenheit erhoffte^nicht viel von dieser Kraft, zu wirken. Hier abersah ste die geheimnisvolle Macht bei einem fremden Menschen und empfand sie an sich selbst.Siefuhlte sich stark durch seine Stärke, schaffensfroh durch seine Zuversicht. Ob alles große Geschehen der Welt auf solcher übertragenen Kraft beruhte? Er­folge, Selbstüberwindung und das Geheimnis der Geheimnisse, die Liebe. Sie jagte den Gedanken fort, glutubergoffen im Dunkel des Abends. Und 10^ dmin d^ t)(Qn^n 3U(atnmen. Sie fuhr auf, schloß ihre Hand fest um den schlanken Kristallstiel. Wie sie lachten, die anderen! Ja, fröhlich mußte man wohl sein, sonst gelang alles nur halb, was man tat. Land bebauen, Haus halten. Stundengeben oder die Angelegenheiten fremder ^E^Das^Sttindengeben war ihr Teil. Sie muhte versuchen, es zu dem zu machen, was diesem jungen Menschen seine Arbeit bedeutete. Und sie konnte es wohl, Kinderseelen sprangen ja auf wie Blumen wenn man sich wahrhaft um sie mühte. Bei ihnen fand sie ihr inneres Gleichgewicht, hier niemals. _. ,

ffs ist (ehr spät" der Gast erhob sichund ich höre den Wagen.

Schmal und geschmeidig stand er vor seinen Wirten, bedankte sich, grüßte die fremde Dame, die den ganzen Abend geschwiegen hatte und nuri rntt fn (<>tf(am atänienben Augen in bas Licht bei Laternen sah. Dann bestieg er den Bock nahm d"eVe um, ber Kutscher überreichte die Zügel. Man

Frühlingsmorgen.

Von Hedwig For st reute r. Hyazinth und Schlüsselblum Blau und gelbe Selbe Und dazu der Primelbusch im rostroten Kleide.

Aeugt der Star von seinem Sitz, Zwitschern laut die Finken, Und im schmalen Brunnentrog Will die Amsel trinken.

Pfirsich schlank und Pslaumenbaum Sind vom Blühen trunken, Ist ein rot und weißer Traum Ueber sie gesunken.

Steh ich an den Zaun gelehnt, O bu Sonntagmorgen Stille burch ben Garten geht. Hat mich ganz geborgen.

Oer Besuch.

Erzählung von H e b w i g F o r st r e u t e r.

Ein Büschel verwelkter ßinbenblüten fiel zerstäubend auf die Treppen- stufen. Hanne bückte sich und zerrieb die Stiele zwischen den Fingern. Das hätte der Gärtner nun glücklich auch verpaßt. Wie ost bat sie ihn um die lange Leiter. Sie wollte ja gern selbst zum Pslucken hinaufsteigen. Schwindlig wurde sie nicht, und Lieselotte liebte- Lindenblütentee so sehr. Run war es zu spät. . ... ,. -

Das Mädchen seufzte ein wenig. So früh hier der Tag begann, er war immer noch zu kurz. Wenn sie abends todmüde in ihr Zimmer kam, fielen ihr noch hundert Dinge ein, die liegengeblieben waren Und nun träumte sie hier vor dem Hause. Lieselotte und ihr Mann trabten gewiß schon den Kastanienweg zu ben Felbern hinunter.

Wie gut sie zu Pferbe faßen, unb wie sie sich anlachten beim Fort­reiten. Unb sie ritten boch zu heißer Arbeit. Denn ber Gutsherr dehnte seine Feldbesuche lange aus und schenkte weder sich selbst noch den Leuten eiroas. Das hatte Hanne oft auf ben Gangen gespurt. Mit a8 liolenben Schritten ging er dahin; man mußte ihm folgen auf schmalen Rainen zwischen reifenben Felbern, über Sturzacker unb Stoppel. Dann ftanb er viertelstundenlang in Beratungen mit dem Snjpettor ober l ef lieben ben Pflügern her, ftanb beim Hacken. Lieselotte erzählte, beim Reiten fei es genau so. Ihre Augen blitzten vor Stolz. Sie verstand ja jo wenig wie ihr Mann, baß man sich scheuen konnte, einen Graben zu nehmen ober dicht an die Dreschmaschine heranzureitem

Wer Furcht bat, muß bei der Kinderfrau bleiben. Die lange Frau lachte, auf sie paßte bas Wort nicht Sie begleitete ben Liebsten täglich, leit die Freundin im Hause war. In fröhlichem Egoismus ritt sie fort, nun wurde ja alles daheim aufs beste erledigt. Die Mamsell kam nicht «ergebens nach den Schlüsseln, die Vorräte wurden gewissenhaft heraus- gegeben, die Post empfangen, bas Telephon besorgt.

Unb wenn sie heimkam, wartete ein freundliches Gesicht auf-sie, bas war doch noch mehr als ber Begrüßungspfiff des Papageien unb bas Gebell ber Hunde. Sie sah nicht, baß diese Freundlichkeit SUweilen An­strengung kostete wie bas lächelnbe Nachwinken, wenn Pf^de und bester hinter ben Büschen ber Einfahrt verschwanden. Das Zuhausebttiben war gar zu trübselig. Aber Hanne hatte niemals Reiten gelernt Sie mußte ihren Bewegungsbrang in einsamen Spaziergängen besnedigen, wenn nach bem geschäftigen Hin unb Her ber Wirtschaft noch Z

Auch Aute°warteten mancherlei Pflichten auf sie. sollte sie doch zuerst tun? Richtig: telephonieren; einmal an bie Station um einen Waggon zum Weizenlaben, bann an ben Bezirkskommissar, der heute im Dorf zu tun hatte, um ihn zum Abendbrot zu bitten. Gleichgültig besorg e sie beides. Daß der Waggon versprochen wurde, freute sie mehr als' die -Zusage des Fremden, so sehr sie eine Anregung m die Einsamke t erfthnt^ Er würde sein wie bie anberen, bie tarnen. Sehr in ter e ss er li -Pt

und Hunde, für Jagd unb natürlich für bie Wirtschaft. L'elelotte wurde '«in wenig der Hof gemacht, sie war die Hausfrau. Aber so e S > nicht besonders hübsch, nicht besonders jung, ... der mutzte man blut wenig anzufangen. Die älteren Herren bildeten freilich Ausnahmen, un wenn Damen erschienen, war alles leichter. Dann kam ste sich ch

Abcr°sie half sich an solchen Abenden. Zogen sich die Gechrache allzu hoffnungslos hin, so ging sie nach dem Essen leise hinaus. 9 sie über irgendeiner Arbeit, doch sie lief ?mmal d rch P um bie Schwermut ber Stunde abzuschuteln. Am Ententeiche ober am Eiskeller traf sie bann bie Mamsell, bie wieder -mmal ihre Not nut den Puten hatte. Dann ging es an ein Suchen un Gebüsch, em Sch -z und Schelten, Jagen und Lachen, und wenn die Widerspenstige in den Stall gesperrt war, fand sich bei Hanne auch kein Spürchen Wettschmerz mehr. Sie mußte nun mit Mamsell bas Essen für morgen /lb- 1 ein wenig mit ihr seufzen über bie Handwerker, die in b beköstigt wurden unb immer unbefdjeibener austraten, u Wo

Liebelei zwischen bem Kutscherjungen unb bem Stubenmädchen. ,, bleibst bu denn nur, Hanne?" rief ihr bann bie Y/eundm entgegen, wenn sie ganz unfdjulbig wieder ins Zimmer trat, faft in bem 21 genblicf bem ber Wagen des Gastes vorfuhr. Dann lächelte ste unb erzohtte v der Putenjagb, beschrieb Mamsells Verzweiflung, und der Scheiden sand erstaunt, datz die kleine Fremde gar nicht so übel fei, wirklich mcht..^ Aber sein Wagen wartete und ber Hausherr gab bas letzte Glas Bowle aus.