Hans', sagt« er ohne Umschweife, .Leine Augen haben gesehen, wie sinnlos und unritterlich sich der Vater heute gebärdeteI Versänke dieser Tag in ewige Finsternis! ... Eine reihende Bestie! ... Jammer und Schande! ... Zwei kindlich« Zornestränen rannen über seine Wangen. — ,®ut noch, daß die Aufrührer, der Heinz und der Gottfried, solches Ding nicht geschaut haben; sie würden den elenden Mann am französischen Hose und bei allen andern Thronen als einen Wahnwitzigen und Unfähigen auskünden, der fein Reich fo wenig als fein eigen Gemüt bezähmen und regieren kann. Bleibt es fo, oder wird es schlimmer mit ihm ei, wie leichtes Spiel haben die Brüderlein, dem Vater die Krone vom Haupte zu reißen und mir mein Erbteil zu entwindens Aber bei den Augen Gottes', beteuerte er, Has darf nicht dauern! ...'
Habet Geduld, Herr Richard', unterbrach ich ihn, .und weichet nicht von einem Kranken! Wenn Ihr mit Sicherheit in Euer Erbe treten wollt, bauet auf Gottes Verheißung, die denen, so Vater und Mutter ehren, langes Leben und den Besitz des Lebens verbirgt!
.Richt meinetwegen allein muß das Ding ein Ende nehmen', sagte Herr Richard. .Ich bin der Drittgeborne, und, meiner Treu, mich ergötzte besser, ein Reich mit dieser Faust zu ergreifen, als das des Eroberers zu erben! Aber ...' er sprang aus die Füße und reckte die Hand gen Himmel, .umkommen lass« ich es nicht, das Reich des Normannen, so wahr fein Blut in meinen Adern rollt! Diesseits und jenseits des Meeres soll es zusammenhalten und di« Welt beherrschen!'
Wie er so hoch und herrlich vor mir stand, konnte ich von feinem Glanz das Auge nicht verwenden. Er aber wandte sich zu mir mit den ungeduldigen Worten: ,5)ans, wo begann das? Und wurde so schlimm? In der Stunde, sag' ich dir, wo der Vater mit der Weisheit, das ist mit Herrn Thomas entzweit«. — Widersprich mir nicht! — Ich will verkappt über Meer und nach dem Kloster fahren, wo der Primas fastet und betet. Er hat mich liebgehabt und liebt mich zur heutigen Stunde, wenn noch eine Faser feines Wesens unvermöncht ist. — Red« wir nicht ein! — Ich gehe, feine Kni« zu umfassen! Ich will flehen und bitten — nicht wie ein Kömgskind und nicht wie zu einem Menschen ..., ich ruhe und raste nicht, bis ich die zweie zueinandergezogen und ver- söhnt Hube! ... Er mutz wiederum des Vaters Kanzler werden; denn allein feiner großen und einzigen Weisheit ist es möglich, das Wirr- n'S3d) wußte, wie gerne Herr Richard sich verkleidete und auf Abenteuer ausritt. Diesmal jedoch wurde er durch frommes, kindliches Leid mehr noch als durch fein Blut getrieben.
Ich hielt dem ehrlichen Wildsang noch vor, wie leicht mißlungene Versöhnung in verschärfte Feindschaft umschlägt; dann ging ich unverzüglich, ihm und mir geringes Gewand zu verfchaffen, willfährig ihn auf feinen Wegen zu begleiten, denn die fröhliche Zuversicht feiner Augen hatte mich Gewitzigten verblendet.
Urlaub von meinem König« nahm ich nicht, dieweil es ihm selbst genehm sein muhte, nachdem ich der Zeuge seiner Schmach gewesen, meinen Anblick etliche Tage zu missen.
Wir durchritten Frankreich, in zwei ärmliche deutsche Reiter verkleidet, die Kriegsdienst und Löhnung suchen. Herr Richards Jugend und Adel aber strahlten so siegreich aus dem geflickten Mantel hervor, daß ich, um jeden Verdacht abzuwenden, mich meiner Hofsitten gänzlich entäußerte, in Herbergen und auf Heerstraßen gröblich fluchend und schwörend in meinem väterlichen Alemannisch. Auch ritte» Wir nacht und rasteten des Tages.
Da stieß ich mit einem zusammen in einer Herberge, wo Herr Richard in der entlegensten Kammer schlief, mit einem, der von unten her Gewalt über die Geister empfangen hatte, der mit scharfem Schwerte und noch schärferer Zunge, wo er stand und ging, wie ein Engel der Zwietracht Bande der Natur zerschnitt und den Frieden mordete. Auch das Löwenherz sollte ihn später erfahren, aber jenes Tages blieb er noch vor ihm verschont.
Ich faß vor meinem Imbiß in der Trinkstube, oa horte ich Pferde- aestamps auf dem gepflasterten Flur und den Lärm eines anlangenden reisigen Truppes. Ein fünf ober sechs in Kostbarkeit gekleideter und turniermäßig gewaffneter Ritter traten ein und verlangten einen guten, schnellen Trunk. .
Es waren Südfranzosen von gelenken Gliedern, feurigen Augen und geflügelter Rede, di«, wie ich bald erfuhr, von einem Lanzenfpiele in der berühmten Stadt Paris tarnen, das sie infolge eines plötzlich «nt- loderten bösartigen Zwistes fluchtweis« verlassen hatten.
Sie ließen Scheiter ins Feuer werfen und setzten sich scherzend und silbenstechend um den lodernden Herd. Kreuz und quer sprangen die klingenden Worte. Die einen der Jünglinge fetzten die Frauen von Paris herunter neben den Schönheiten von Arles und Tarascon, die andern erhitzten sich wiederum an dem Zwist, der ihnen das Fest vergällt und gekürzt hatte. ,r , ....
Wer diesen gestiftet, darüber war ich nicht im Zweifel. Gerade jetzt sprang er wieder von seinem Sitze und in ihre Mitte, der mit den brennenden Augen und flatternden Haaren, und machte sich zum Herrn des Gespräches?
.Wahr ist es, überall wo ich hinttete, lodert dl« Flamm« aus der Erde', rief er ihnen zu, .hoch und aufrichtig, kein ersttcktes Feuer, wie das eurige! Hasset ihr sie doch auch im stillen, ihr Provenzalen und Aquitanien, Kinder der Sonne, diese Leute des Nordens mit den gepanzerten Gliedern und steifen Gebärden, mit der herrischen Sprache und den begehrlichen Augen! Fühlet ihr doch, wie sie euch beneiden, ihr Begünstigten, eure von Del und Wein triefenden Hügel, die alte Freiheit eurer römischen Städte, eure glücklichen Porte, wo die Waren und die Gedanken der Erde getauscht werden, Meer und Himmel, eure vollkommenen Weiber, eure süßeste Sprache! Fühlet ihr doch, daß sie euch aus der Sonne drängen und wie Ungeziefer zertreten werden!
So wird es kommen! Denn die Völker der Erde vertilgen sich, und der Haß ist der allmächtige König der Welt! Ihr aber wollet euch nicht stören lassen — fo bauet denn eure Nester, rastet und scherzet im Reiche
der Täuschung, ihr Sonettendichter! Liebet, bis ihr in der Liebe fa
Mich aber lasset auffahren über den Schein in die Wahrheit iir Dinge Hoch lebe der Haß, der glühende Atem der Erde! Sehet dich, Herz, das Gesäß seiner prächttgen Flamme! Wer da hassen will, ch pilgere zu dem lodernden Herzen Bertrams de Born! Vor diesem 2111? werden die Gesinnungen offenbar und fahren die Hände an fo
Schwerter!'
Und er deutet« aus ein flammendes Herz in seiner Stickerei von Ead und Purpur, das auf der linken Seite fein schwarzes, enganschließende
Wams ziert«. ,
.Das Herzchen auf Euerrn Wams hott ich mir anders gebeult, Herr Bertram', spöttelt« schüchtern ein junges Blut, das Vivleniü-ni - wohl die Farbe feiner Dame — auffällig zur Schau trug. .Ihr wandt Sure Augen doch auch wohl in Liebe Frauen zu, wenn auch nur flirt lichen! Unlängst noch führet Ihr über Meer zu Eurer alten gtamn, der Königin Ellenor. Wollet uns das Kriegslied singen, das Ihr bei tugenbfamen Gemahl König Heinrichs in den Dämmerstunden jw s '.Das läßt sich nicht fingen und sagen!' höhnte der Wilde. Zmi; Worte hab' ich ihr zugeraunt und zwei andere ihrem Sohne, dem könig Heinz: Gestreut ist die Saat, und Bluternten werden aufgehett
Bei den Flügeln Luzifers, ich verstricke König Heinrich und s Söhn« in die Ringe eines Drachen, giftiger als der, welcher den Pricha Laokoon und feine Kinder erdrückt«!'
Ich konnte den Blick nicht von dem Manne verwenden, der sich )*,! — zu meinem ©rauen — nach der Richtung kehrt«, in der wir jm Kloster reiten sollten, mit beiden Armen in die Weite grüßend.
Verwundert Euch nicht! Ich wußte, wen er vor sich sah.
.Dort betet einer, der noch besser haßt als ich!' rief er aus, ... u
grüße dich, Gefährte!'
Und er trank dem Fernen, den feine Augen erblickten, feierlich m voller Schale zu. ,
,Du stiller, langsam grabender Mann! Du duldest tme dein Mechi und lässet dich töten tbie er: Du glaubst der Liebe zu dienen, aber Haß ist mächtiger, und dein Tod, wie der deines Gottes, ist di« w damrnnis der Menschen!
Bischof! Die Wette gilt: wer von uns beiden König Heinrich er EngellanÜ am tiefsten in die Hölle stürze! Dort will ich ihn sinden itii mein Knie auf feiner Kehle, einen Triumphs«fang anstimmen, daß üi Höllen kreis« sich dehnen, die Verdammten zu Riefen werden und M darüber schwebt, in sein Nichts verschwindet!'
Das grausige Lästerwort, als ob der süße Pelikan nicht uns aUitt zu Lieb und Heil sich die Brust geöffnet, hatte mir das Haar zu Bn>i getrieben, während die an Ketzerscherze gewöhnten provenzaliW Herren sich wenig daraus machten, wohl aber daran he rum rieten, Mi Herrn Bertrams Mithaffer fei.
Dann sprang das Gespräch über auf ein seltsames Zeichen, das juiN di« Leute von Arles erschreckt hätte. Auf dem dortigen römischen Morrii sei ein marmornes Mädchenhaupt zutage gekommen mit gebrochen« Augen und der Bitterkeit des Todes auf dem Munde, und wenn »« fein« geflochtenen Locken näher betrachtete, fo feien es züngelnde Nattm Sie meinten, dieses traurige Haupt bedeut« ein kommendes gtw Sterben in ihren sonnigen Ländern.
All dieses künftige Elend und das gegenroärtige meines Königs * toegte mir das Herz so kläglich, daß ich mich nicht halten konnte u® einen schweren Seuszer auslieh. Die Herren, di« mich bisher nicht in «H genommen, blickten sich nun verwundert nach mir um. Da erhob t rnich von meinem Becher und ging mit schweren Reitertritten und em« ehrlichen schwäbischen „Griiez Gott" an ihnen vorbei. Sie antwort« als höfliche Leute ohne Zögern mit einem hübschen Kopfnicken. 21M aber aus dem obern Stockwerke, wohin ich gegangen war, Herrn Rich«« zu wecken, ihnen nachblickte, die sich rasch zu Pferd« schwangen, ettR stürmisch aufbrechend, wie sie gekommen waren, da warf der Unbämilf ihr Anführer, gerade noch ein loses Spottwort über meinen schwäbiM Seufzer unter sie, und di« Herren »mitten unter dem Gellen eine
fcharsen welschen Gelächters." „
Der züchtige Herr Burkhard hatte sich über den Lästerungen bis» Fremdlings zu wiederholten Malen still bekreuzt. Jetzt bemertte er tot deutlich: „Aus dem Schwefelgerüche dieser Reden, Hans, erfiehest » leichtlich, mit wem du in dieser französisischen Trinkstube zusammemi sessen hast. Mir ist es außer Zweifel, wer jenen fahrenden Mann und begeisterte. Kein Besserer als der Arge, der ein Rebell und Mo^ ist von Anfang.
Darum auch wußte er den Martertod des Herrn Thomas norm und gleichermaßen, so fürchte ich, wird sich erfüllen, was dieser Unhe. lief)« von der drohenden Verwüstung jener südlichen Lande wahr!««» woraus auch das ausgegrabene Schreckenswerb hindeuten mag
An jenen Küsten wimmelt es, wie verlautet, von Ketzern jedes, ö tums, besonders von hartnäckigen Manichäern. Ich liebe den bin den Menschen holt und freue mich, die läßlichen Sünden zu ® geben. Hier aber wird die Gnade verworfen, und ich könnte es ®J-,, fcheinlich geistigen und weltlichen Herren nicht verargen, wenn st« . , zufammentäten, um diese Verstockten aus dem Mittel der Christer«
zu heben, daß ihre Stätte sie nicht länger kenne. .
Doch besser ist, bei diesen traurigen Dingen nicht zu verweilen erzähle mir, ob ein Segen war bei der Fahrt des Herrn Richaw , ist der einzige deiner Engelländer, an welchem meine Seele ein fallen finden kann." , _
„Es war mir kaum möglich, mein Roh neben dem flüchtigen des Löwenherzens zu halten", fuhr der Armbruster willig fort; feine Sehnsucht nach Herrn Thomas wuchs von Stund«' zu Stuno« * war kaum mehr zu zügeln, als die Türme des Klosters, wo bteie barg, auf dem klaren, blauen Herbsthimmel sich vergrößerten, un Mauern feiner Umfaffung schimmerten wie die himmlische Stadt.
(Fortsetzung folgt.)


