Ausgabe 
2.1.1939
 
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Schnee im Lanuar.

Von Anton Schnack.

Schnee vom scharfen Frost gebrannt, Weiße Decke überm Winterland Ohne Hund und Jäger, Ohne das Geräusch d/r Fichtensäger.

Eisig ist der Taganbruch, Kalt der klare Schneegeruch, Eisig kommt die Nacht vom Westen Mit dem Glanz von Sternenfesten.

Wo die rundgewölbten Hügel sind, Stäubt er auf im Wind, Pfeifend, fahnengleich und beißend, Glitzernd, sprühend, gleißend.

Stumm steht jede Baumgestalt, Tief im Schlafe ruht der Wald, Unberührt, verlassen, reglos, Schneebegraben, weithin weglos.

Durch die Luft mit schwerem Flug Rauscht ein böser Krähenzug, Schwarzer Schatten fällt aufs Weiße, Schwermut einer Hungerreise.

Wo ein Wagen dorfwärts knarrt. Klingt es knirschend, jäh und hart, Wo ein Strahl der Sonne schimmert, Schnee^ in blauen Feuern flimmert.

Herrisch, grausam, wie Metall Steigt der Mond und rollt ins All. Steif und frosterwürgt vom Eise Liegt am Fenster eine Meise.

Wilhelm Oncken.

Von Rechtsanwalt Robert Schneider, Karlsruhe.

Am 19. Dezember 1938 waren 100 Jahren vergangen, seit Wilhelm Oncken in Heidelberg geboren wurde. Ueber drei Jahrzehnte, von 1870 bis 1905, hat er als Forscher und Lehrer der Geschichte an der Universität Gießen gewirkt. Weit über die Grenzen Deutschlands hin­aus ist sein Name bekannt geworden.

Als junger Forscher ist Wilhelm Oncken zunächst tief in die alt-, griechische Geschichte und in die griechische Philosophie eingedrungen. Mit der SchriftJsokrates und Athen" begann er im Jahre 1862 seine Lehrtätigkeit an der Universität Heidelberg. Es ist kein Zufall, daß der bedeutende griechische Redner Jsokrates, der im alten Athen Leiter einer berühmten Rednerschule war, den jungen Forscher anzog. Auch Oncken war ein Meister der Redekunst. Während seines ganzen Lebens hat er mit großer Strenge gegen sich selbst an seiner Vervollkommnung in der Kunst des mündlichen Vortrags gearbeitet. Als Redner der im ganzen Deutschen Reich und in Oesterreich in zahlreichen öffentlichen Vorträgen in völkischem Sinne über Ereignisse der deutschen Geschichte sprach, waren ihm ungewöhnliche Erfolge beschieden. Die WerkeAthen und Hellas (1865/66) undDie Staatslehre des Aristoteles" (1870/71) fielen auf durch ihren modernen Stil, durch die Selbständigkeit chres Urteils und durch die Folgerichtigkeit, mit der neue Urteile begründet wurden. Es war die gewaltige Gestalt des Aristoteles als Politiker und als Philosoph, die Wilhelm Oncken ergründen wollte. Er hat die vor 1870 vorhandenen Bewegungen zur Einigung des deutschen Volkes mit der stärksten inneren Anteilnahme miterlebt. In dem Kampfe der einzelnen «riechischen Stämme und in deren Einigungsbestrebungen suchte er die Probleme seiner eigenen Zeit. In der Einleitung des WerkesAthen lind Hellas" schrieb der 27jährige Worte, die heute mehr denn je gelten. Daß die Geschichte eines Volkes einen unausgesetzten Kampf darstellt, ist eine triviale Wahrheit; daß das Endziel dieses Kampfes die A u s - prägung seiner nationalen Individualität bildet, ist eine Eroberung der neueren Geschichtswissenschaft, die noch lange nicht all ihre Früchte gepflückt hat ... Der Kampf uw nationale Freiheit und politische Einheit ist das Auge einer Volksgeschichte, von ihm aus überschauen wir rückwärts die Vergangenheit nicht als unbegriffenes Nach- und Nebeneinander von Tatsachen und Vorgängen, sondern als ein lebendiges Gefüge von notwendigen Ursachen und Wirkungen ... Ein Volk, das diesen Kampf erlebt, hat gelebt für alle Zeiten, auch wenn es unterliegt; ein Volk, das ihn glücklich überdauert, ist der größten Zukunft gewiß und hat den unsterblichen Teil seiner Geschichte noch ror sich."

Schon als Student hat Wilhelm Oncken die Stenographie von Stolze b beherrscht, daß er einen rasch gesprochenen Vortrag wörtlich auf- nehmen konnte. Als er sich in den verschiedenen Archiven Europas, be­sonders in London, Berlin und Wien die Aufzeichnungen für seine Werke stenographisch machte und sah, wie die übrigen Besucher der Archive ihre Aufzeichnungen in gewöhnlicher Schrift schrieben, kam er sich vor, so berichtete er in einem Vortrag, wie jemand, der in einer Eisenbahn dahinbraust, während die andern noch in der Thurn- und Taxisschen Postkutsche fahren. Wilhelm Oncken war der einzige Schüler des Heidel­berger Geschichtsforschers Ludwig H ä u ß e r, der Häußers Vorträge im Wortlaut in seinem Kollegheft ausgenommen hatte. Von Ludwig Häußer fegte Oncken, er sei von seinem akademischen Lehrberuf so begeistert ge- Mefen, daß dieser Berusdas Leben in seinem Leben" gewesen sei. In

vollem Maße trifft dies auch auf Wilhelm Oncken zu. Bis zu seinem Lebensende ist er ein begeisterter Lehrer und Freund der akademischen Jugend geblieben. In den Werken ,/Ludwig Häußers Geschichte der fraw, zösischen Revolution 1789 bis 1799" (1867) undLudwig Häußers Ge« schichte des Zeitalters der Reformation 1517 bis 1648 (1868) hat Oncken die Vorlesungen von Häußer in wörtlicher Wiedergabe veröffentlicht und damit für Häußers Schüler und für die Nachwelt das Bild dieses ausgezeichneten urdeutschen Forschers festgehalten.

1876 und 1879 veröffentlichte Wilhelm Oncken die beiden Bände Oesterreich und Preußen im Befreiungskrieg, urkundliche Ausschlüsse über die politische Geschichte des Jahres 1813". Das Werk beruhte auf bisher zur Forschung noch nicht benutzten Urkunden, die Oncken in acht verschiedenen Archiven durchgearbeitet hatte. Der Inhalt der Archive war damals hem Geschichtsforscher keineswegs ohne weiteres zugänglich. In dem Vorwort des ersten Bandes schildert er die tiefe Gemütsbe­wegung, die Um ergriff, als die ihm von dem Leiter des Oesterreichischen Staatsarchivs, Alfred v. Arneth, erteilte Erlaubnis die Urkunden aus den Jahren 1807 bis 1809 durchzuarbeiten, auch auf das Jahr 1813 erstreckt wurde. Wilhelm Oncken gab damals in Oesterreich feiner Ueber» zeugung Ausdruck:Oesterreich und Deutschland haben schon über man­chem Grab Frieden geschlossen, es ist Zeit, daß sie auch über dem Grabe des Befreiungskrieges Frieden schließen." Wie wären unsere Vorfahren, die noch die Bruderkämpfe mit Oesterreich erlebt haben, vor Freuds und Stolz überwältigt, wenn es ihnen vergönnt gewesen wäre, die ge­waltige Tat des Führers zu erleben, der die Deutschen Oesterreichs zum deutschen Volke heimführte.

Mit dreißig Mitarbeitern gab Oncken vom Jahre 1876 an die Allgemeine Geschichte in Einzeldarstellungen" heraus. (45 Bände.) Dieses Werk war wohl die erste umfassende Darstellung der gesamten Weltgeschichte, die reichlich mit Bildern ausgestattet map. Mit sechs statt­lichen Bänden hat er selbst zu diesem Werk beigetragen. ,/Oas Zeitalter Friedrichs des Großen" (1881 bis 1882),Das Zeitalter der Revolution des Kaiserreiches und der Befreiungskriege" (1884 bis 1886) undDas Zeitalter des Kaisers Wilhelm" (1890 bis 1891). Jedes dieser Werke umfaßt zwei Bände. Von dem letzten Werk wurde gesagt, es habe Onckens Namen besonders bekannt gemacht. Die Werke blieben nicht ohne Widerspruch. Man warf ihnen vor, sie seien mit nationalem Pathos erfüllt. Der damalige Vorwurf trifft heute nicht mehr zu Heute kann gefagt werden, daß Oncken in allen seinen Werken durch und durch völkisch empfand. Er erfüllte jene Aufgabe, die Heinrich v. Treitschke dem Geschichtsforscher gestellt hatte, daß er die Geschichte seines Volkes empfinde und empfinden lasse wie selbst erlebtes Leid und selbst erlebtes Glück. Immer wieder betont Oncken in seinen Schriften sein strenges Bestreben, die Wahrheit und nur die Wahrheit darzustellen. Mit Leiden­schaft verteidigte er die Ergebnisse, die er nach seinen Forschungen für wahr hielt. In einem großen wissenschaftlichen Kampf trat er dafür ein, daß das ganze Verfahren, das zur Hinrichtung der Königin Maria Stuart^führte, eine von ihren Gegnern wider besseres Wissen in Szene gesetzte Komödie war, und er pflegte zu sagen, das Genie Schillers habe die Unschuld der Maria Stuart richtig erkannt und sie deshalb in dem DramaMoria Stuart" als unschuldig verherrlicht, obwohl Schiller von dem Inhalt der erst viel später geöffneten Archive keine Kennt­nis hatte.

Wilhelm Oncken war ein scharfer Gegner des politischen Katholizis­mus. In feinem BuchStadt, Schloß und Hochschule Heidelberg, Bilder aus ihrer Vergangenheit" (1869) hat er ausführlich geschildert, wie es dem Vatikan während des Dreißigjährigen Krieges im Jahre 1623 ge­lungen ist, die Bibliothek der Universität Heidelberg, die damals der Stolz der gebildeten Welt war, und die eine einzig dastehende Samm­lung an kostbaren Büchern und an ältesten Handschriften befaß, nach Rom entführen zu lassen. Als Abgeordneter des Deutschen Reichstages (1874 bis 1877) trat er den Machtansprüchen des politischen Katholi­zismus energisch entgegen. In dem BucheDas Zeiltalter des Kaisers Wilhelm" ist dem politischen Katholizismus in Deutschland unter dieser Ueberschrift ein besonderer Abschnitt gewidmet. (Band I, Seite 203.) Die ganze Presse des Zentrums war deshalb sehr aufgebracht, als Wil­helm Oncken berufen wurde, den Heranwachsenden Söhnen des Kaisers! Wilhelm IT. geschichtliche Vorträge zu halten.

Wilhelm Oncken war ein begeisterter Verehrer der gewaltigen Taten des Fürsten Bismarck, lieber seine Beziehungen zu Bismarck sagte er in einem Vortrag, er habe sich Bismarck nie genähert, als der Fürst noch an der Macht wär. Bismarck habe mit Menschen, die ihn über­schwenglich verehrten als er im Amte war, und die ihn nach der Ent­lassung schmähten, traurige Erfahrungen gemacht. Erst nach Bismarcks Entlassung hat sich Oncken dem Fürsten genähert. Er genoß deshalb sein Vertrauen. Nach der Entlassung war er mehrmals längere Zeit bei Bis­marck zu Gast. Alle Mitteilungen Bismarcks hat Oncken teilweise noch während des Besuches wörtlich" mitftenograpbiert. Nach seiner Rückkehr hat er in Gießen in engeren Kreisen über seine Besuche berichtet. Bei einem solchen Besuche sagte Fürst Bismarck über die Entstehung des Krieges 1870/71: ,Zn der Nacht vom 13. auf 14. Juli 1870 war um 12 Uhr der. Friede gesichert. Um 1 Uhr war der Krieg beschlossen. Das hat die Kaiserin Eugenie unter dem Einfluß ihres Beichtvaters be­wirkt." Wir haben keinen Anlaß an der Richtigkeit dieser Mitteilung des Fürsten Bismarck zu zweifeln.

1884 war Oncken mehrere Wochen lang an einer lebensgefährlichen Lungenentzündung erkrankt. Nach seiner Genesung wurde er aus tiefer Ucberzeugung Anhänger der von Oberst Spohr in Gießen vertretenen naturgemäßen Lebensweise. Für die mit dieser Lebensweise verbun­denen Anschauungen kämpfte er mit der ihm eigenen Ueberzeugungs- treue.

Oncken lebte nicht allein in feiner Wissenschaft und in feinen Vor­trägen, er lebte auch in der Musik. Er war ein begeisterter Verehrer der Werke Richard Wagners. Wie ganz anders hätte sich fein Leben ge­staltet, wenn feine große Tenorstimme für die Bühne ausgebildet wor­den wäre.